Hervorgehoben

„Geh deinen Weg bis zum Ende!“

Am letzten Tag dieses Sommers ist mein alter Freund Dieter R. gestorben! Wir kannten uns über 50 Jahre, und er war mir vertraut geworden, wie es unter Freunden möglich ist. Nun wird es langsam einsam um mich – und allmählich sehe ich auch mein Ende und weiß: Das Lied ist gesungen, der letzte Ton verklungen, der Vorhang fällt. Und ich muss mich entschließen, den ersten Schritt von der Bühne zu machen? Ja, daran muss ich denken! Der überraschende Tod meines Freundes hat es mir wieder ins Bewusstsein gerückt.  Was mein Freund glaubte, glaube auch ich: Der Tod hat den Sieg nicht errungen! Er ist vom Leben, von Jesus Christus, besiegt worden.  

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“Aber du, geh deinen Weg bis zum Ende! Du wirst dich zur Ruhe legen und am Ende der Zeit auferstehen, um dein Erbe in Empfang zu nehmen.” 

(Da. 12:13)

Das sagte der Logos*, das Wort Gottes, zu Daniel! Ein langes Leben lang wurde der Prophet durch den Logos begleitet. In  vielen Situationen seines Lebens gab der ihm Einsicht, löste Geheimnisse auf und gab ihm Mut und Beistand in gefährlichen Lagen. Nach dem abschließenden Ausblick auf die Zukunft, auf die Zeit des Endes dieser Welt (Da. 11:40-12:12), fordert er den Propheten auf, seinen Weg bis zum Ende zu gehen. Und er denkt daran, was er auch zum Propheten gesagt hat: 

“Viele Menschen werden geprüft, gereinigt und geläutert werden. Die Gottlosen werden weiter gottlos handeln, aber von ihnen wird es niemand verstehen.” (12:10)

Der alte Daniel, er war schon über die achtzig hinaus, wurde durch diese Worte daran erinnert, dass nur Treue bis zum Tod bedeutet, seinen Weg zu Ende zu gehen. Es wurde ihm gesagt, dass der Tod unausweichlich ist, aber im gleichen Satz ist auch die Tatsache der Auferstehung enthalten. Das ist das Erbe, auf das auch Daniel wartete. Für ihn ging es fortan nur noch um die Frage: Wie geht man seinen Weg zu Ende? Und ich frage mich: Wie geht man ihn, wenn im Alter die Kraft nachlässt, man eine niederdrückende Müdigkeit spürt und sich nur noch nach Ruhe sehnt? 

Doch gleichgültig, wie alt man ist: Gott die Treue zu halten, ist die eigentliche Aufgabe. Hat der Prophet das nicht schon immer getan? Doch! Denn es gibt in der Gottverbundenheit keine Pause, darum lautet der Befehl: “Geh deinen Weg bis zum Ende!” In diesen Worten liegt auch ein starker Trost, denn sie beinhalten eine Verheißung auf das Erbe, das auf treue Menschen wartet. 

David wollte es wissen

Im Psalm 39 beschreibt David, wie es auf ihn wirkte, als er sich klar machen wollte, wie vergänglich er war. Als er wusste, dass er  nur ein Hauch war, sagte er:

“Wie ein Schatten geht der Mensch dahin, macht viel Lärm um Kleinigkeiten. Was habe ich da noch zu hoffen, Herr? Ich setze meine Hoffnung auf dich! Befreie mich von all meiner Schuld … 

Ich bin jetzt still, mache den Mund nicht mehr auf, denn du bist es, der alles getan hat.

Nimm diese Plage von mir, denn ich vergehe von der Wucht deiner Hand.

Mit Strafen für Schuld schlägst du den Mann, 

zerstörst seine Schönheit wie Motten das Kleid. 

Nur ein Hauch ist jeder Mensch.

Höre mein Gebet, Jehowah! Achte auf mein Schreien! Schweige nicht zu meinen Tränen!

Ich bin doch nur ein Gast bei dir, ein Fremder wie alle meine Väter. Schau von mir weg, damit ich aufatmen kann, bevor ich gehen muss und nicht mehr bin.” 

Der König war betroffen und drückte seine Bestürzung mit der Bitte aus: “Schau von mir weg, damit ich aufatmen kann”. Er wollte nicht zu oft daran denken, wie unbedeutend und wie vergänglich er eigentlich war. 

Hiskia hat es erfahren

Der König Hiskia stand noch mitten im Leben (er war ca. 40 Jahre alt), als er vom Propheten Jesaja gesagt bekam, dass er seine Krankheit nicht überleben würde. Seine Verzweiflung brachte er in einem Psalm zum Ausdruck:

“Mein Leben ist wie ein Nomadenzelt, das abgebrochen und weggetragen wird.

Wie ein Weber sein Tuch, habe ich mein Leben zu Ende gewebt.

Nun schneidet er mich vom Kettgarn los.

Noch ehe der Tag zur Nacht wird, machst du ein Ende mit mir.

Ich schrie um Hilfe bis zum Morgen,

doch wie ein Löwe zerbrach er all mein Gebein.

Noch ehe der Tag zur Nacht wird, machst du ein Ende mit mir.

Meine Stimme piepst wie eine Schwalbe, sie krächzt wie ein Kranich.

Wie Taubengurren klingt meine Klage.

Mit müden Augen starre ich nach oben. O Herr, ich bin am Ende!

Tritt du als Bürge für mich ein!

Was soll ich nun reden? Er hat getan, was er mir angekündigt hat.

Ich verbringe meine Jahre in bitterem Leid.” 

(Jes. 38:12-15)

Durch seine Krankheit und den drohenden Tod empfand Hiskia nicht nur sein eigenes Verhängnis, sondern auch die große Tragik des menschlichen Lebens im Allgemeinen. Denn der Mensch trägt ‘die ewige Zeit im Herzen’. Das ist die Sehnsucht nach Dauer, nach Ewigkeit. Und doch weiß er, dass er sterben muss, dass er Gottes Urteil nicht aufheben kann. Da dröhnt es wie ein Donnerschlag: “Am Tode führt kein Weg vorbei!” Er ist die konsequente Folge seines gefallenen Zustands. 

An Hiskias Reaktion bemerke ich die Verzweiflung. Und bin ich nicht auch in derselben Lage? Was unterscheidet mich von Daniel, David und HIskia? Im Hinblick auf den eigenen Tod gar nichts! Da wird man ganz still und schaut nach oben, auf Gott, und hat nur noch den einen Wunsch: “Tritt du als Bürge für mich ein!” Denn ich bin am Ende – und das schon von Anfang an. 

Es ist ja nicht nur das Wissen um die eigene Vergänglichkeit, was dem Leben einen ersten, oft traurigen Hintergrund gibt: Mein Gott und mein Vater hat mich in das Trauerhaus geschickt, um ‘das Herz zu bessern’ (Pre. 7:1, 2). Denn unter dem Wissen vom Tod wird alles fragwürdig, was man im Leben tun kann. Es ist und bleibt so, wie es der Prediger Salomo schrieb: Weil wir sterben müssen, ist alles nichtig und ein Haschen nach Wind, weil am Ende der Tod steht und alles, auch alles, sinnlos und leer macht! Diese Einsicht bildet die leise Hintergrundmelodie des Lebens, die, wenn ein lieber Mensch uns wegstirbt, zum dröhnenden Orgelton wird. Es ist die große Trauer, die über allem liegt, und die ich selbst in den schönsten Freuden des Lebens nur selten vergessen konnte. Der Tod erinnert mich ständig an das, was der Mensch verloren hat und wohin ich zurück will! Da werde ich demütig vor Gott, weil ich die Tragik verstehe, die unser Leben noch beherrscht. Ja, der Gedanke an den eigenen Tod treibt mich in die Arme Gottes und macht mich bereit, seine Rettung anzunehmen. 

Ich habe eine tiefe Sehnsucht nach Gott, nach seiner Gerechtigkeit und seinem gewaltigen Frieden. Ich wünsche mir für jeden das wirkliche Leben, das ihn aus einer Welt befreit, die durch ihr Tun und Denken nur den Tod verherrlicht und das Töten und Morden zum Tagesgeschäft gemacht hat, die mit Hass und Gewalt das Leben zur Hölle macht. Ich wünsche mir für alle, die die Gerechtigkeit Gottes suchen, den Frieden mit Gott und das, was daraus folgt: Das wahre Leben, diese heilige Flamme, das Wunder Gottes, das für die Ewigkeit gemacht ist! 

Im Evangelium des Lieblingsjüngers Johannes lese ich im Kapitel 5 diese Worte aus dem Mund des Logos: 

“Ja, ich versichere euch: Wer auf meine Botschaft hört und dem glaubt, 

der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben.

Auf ihn kommt keine Verurteilung mehr zu;

er hat den Schritt vom Tod zum Leben schon hinter sich.”

Das ist die Symphonie der Hoffnung! Das ist Gottes Versprechen, mit dem die Bitternis des Todes verschwindet. Auch das versuche ich mir ins Herz zu brennen, um die Melodie des Todes zu übertönen. Durch diese Zusicherung öffnet sich das gewaltige Tor zum Leben und helles Licht überstrahlt die Dunkelheit des Todes und ich sehe das messianische Morgenrot! Jesus tritt als Bürge für mich ein! Er hat den Tod besiegt – und ich bin getröstet! 

Was bedeutet es, seinen Weg bis zum Ende zu gehen? Das kann nur bedeuten, sich bis zum letzten Tag mit einem guten Gewissen ganz in Gottes Hand zu geben und alles, was geschehen mag, mit den Augen des Glaubens zu sehen und niemals im Vertrauen auf Gott und seinen Sohn wankend zu werden. Dieses Vertrauen ist mein Leben! Das ist alles, was mir dazu einfällt. Aber das Ziel erreiche ich nur mit der Kraft und der Barmherzigkeit Gottes. Darum lautet mein Gebet: 

“Bei dir, Jehowah, bin ich geborgen, da werde ich niemals enttäuscht!

Sei mir ein schützender Fels, die rettende Burg, zu der ich immer kommen kann.

Denn du bist meine Hoffnung, Jehowah, mein Herr, 

meine Zuversicht von meiner Jugend an.

Verwirf mich nicht in der Zeit des Alters, verlass mich nicht beim Schwinden meiner Kraft.” (aus Psalm 71)

  • Anmerkung zum Logos: Als der Prophet Daniel seine Botschaft erhielt, sprach ein “Mann” zu ihm in einer Vision: Da. 10:5. Dieser “Mann” gleicht in der Beschreibung auffallend dem Bild, mit dem der verherrlichte Jesus in der Offenbarung beschrieben wird: Off. 1:12-15. Im Verlauf der Prophezeiung Daniels wird noch zweimal der Hinweis auf das Aussehen des Sprechers mit dem Ausdruck “Mensch”, “vom Aussehen wie ein Mensch” bzw. “Menschensohn” (Da. 10:16, 18) beschrieben. Interessant ist auch die Aussage, dass der Sprecher Beistand vom Engel Michael erhalten hatte, während der Sprecher selbst nicht als Engel bezeichnet wird. Weil der Geist Jesu in den Propheten wirksam war (1. Pe. 1:11), neige ich dazu in Daniel 10 und die folgenden Kapitel den Logos (Jesus Christus gemäß Joh. 1:1) zu sehen. Ich gehe davon aus, dass Jesus vom Himmel aus mit Daniel in  einer Vision sprach.
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Gottvertrauen ist das Leben

Jesus sagte: “Ihr müsst Vertrauen zu Gott haben!” (Mar. 11:22)

Ein römischer Offizier und Jesus

In dem kleinen Ort  Kafarnaum am Galiläischen Meer hat Jesus sein erstes Wunder gewirkt. Es folgten rasch viele weitere. Seine Reden und die Heilungen in der Synagoge lösten Bewunderung und Erstaunen aus. Die Leute merkten, dass er mit Autorität und Macht sprach, wenn er seine Worte durch die Wunder bekräftigte.  Das sprach sich unter der Bevölkerung schnell herum und davon erfuhr auch ein römischer Offizier, der in diesem Ort stationiert war. Der Offizier hatte sich schon vorher mit der jüdischen Religion beschäftigt und tiefe Sympathie dafür entwickelt: Er stiftet eine Synagoge. Als Nichtjude erwarb er sich so das Wohlwollen der Ältesten der Juden.  

Als Jesus wieder einmal in Kafarnaum war, lag ein Diener des Offiziers im Sterben. Der Offizier schickte nun eine Abordnung der älteren Männer zu Jesus mit der Bitte um Heilung des kranken Dieners. Er selbst wollte nicht zu Jesus gehen, weil er sich unwürdig fühlte. Er wollte Jesus auch nicht persönlich in sein Haus bemühen, sondern meinte, dass ein einziges Wort von Jesus ausreichen würde, um die Heilung zu bewirken. Als Jesus das hörte, war er erstaunt und sagte: 

“Ich versichere euch: Solch einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden!” Und ich sage euch:

“Aus allen Himmelsrichtungen werden Menschen kommen und  zusammen mit Abraham, Isaak und Jakob ihre Plätze im Reich der Himmel einnehmen.“

Aber die Bürger des Reiches werden hinausgeworfen in die tiefste Finsternis.

 Dort wird dann das große Weinen und Zähneknirschen anfangen.” 

(Mat. 8:10-12)

Und an den Hauptmann gerichtet sagte er:

“Was du mir zugetraut hast, soll geschehen!”

Sofort war der Diener geheilt. 

Dieser heidnische Offizier gab für alle Zeiten ein wunderbares Beispiel für die wahre Bedeutung des Vertrauens und seine Folge: Nicht die Abstammung von Abraham entscheidet über die Rettung, sondern das Vertrauen zu Gott. Und das gilt für jeden Menschen. Der Offizier war kein “Bürger des Reiches”, er stammte nicht von Abraham ab, doch er soll zu denen gehören, die schließlich in diesem Reich ihren Platz finden werden.

Die hartnäckige Witwe

In einem seiner Gleichnisse stellt uns Jesus eine Witwe vor, die in einem Rechtsstreit keinen anderen Ausweg weiß, als den ungerechten Richter durch ständige Bitten zu bezwingen, damit sie ihr Recht bekommt. Der Richter gibt nach langer Zeit nach, um seine Ruhe zu haben und verhilft der Witwe zu ihrem Recht. Und was Jesus mit diesem Gleichnis ausdrücken wollte, war nicht die Idee, dass man Gott mit vielen Worten überreden könnte, sondern dass ein Mensch durch Beharrlichkeit im Gebet sein Vertrauen zu Gott beweist. Die Witwe wusste, dass ihr nur der ungerechte Richter in ihrem Rechtsstreit helfen konnte. Diese Gewissheit veranlasste sie, ihm immer wieder in den Ohren zu liegen. Und so bin ich auch davon überzeugt, dass mein Vater im Himmel der einzige ist, der mir in den wichtigen Fragen meines Lebens wirklich helfen kann. Und das kann ich durch Beharrlichkeit im Gebet zeigen. Jesus hat das Gleichnis mit einer Frage abgeschlossen, die mich nachdenklich gemacht hat: 

“Aber wird der Menschensohn wohl solch einen Glauben auf der Erde finden, wenn er kommt?”

Es wird also schwierig mit dem Vertrauen! 

Warum? Allein schon deshalb, weil Christen wie Schafe unter Wölfen leben müssen, weil sie der Weizen zwischen Unkraut sind und sich Verhältnisse einstellen werden, die unser Denken und unsere Vorstellungskraft gewaltig übersteigen können. Es werden Verhältnisse sein, “mit denen man schwer fertig wird”! (2. Tim. 3:1-5) Die Zeit wird schwer auf alle lasten, die sich ihr Vertrauen auf Gott bewahren wollen. Und das kann bedeuten, dass ihr Vertrauen auf die Probe gestellt wird, denn sie müssen mit Verhältnissen rechnen, die es “seit Anfang der Welt noch nie gegeben hat” (Mat. 24:21). 

Vertrauen auf Gott kann ich leicht haben, wenn das Leben ohne Sorgen und Probleme abläuft. Dann kann ich leicht behaupten, Vertrauen zu haben. Aber was wird sein, wenn es nicht so sonntäglich und harmonisch läuft? Dann kann es schon sein, dass ich die Geduld verliere oder durch Sorgen zermürbt werde und unter Druck nachgebe. Dann erhebt sich die Frage, ob ich nur dann auf Gott vertraue, wenn es mir gut geht und mein Glaube nur für den Sonntag und den Sonnenschein da ist? Wie werde ich mich unter Druck verhalten? Das will nicht nur ich wissen, sondern auch Gott. Ich stehe dann vor vielen Fragen:

Warum muss ich u. U.  Schlimmes durchmachen? Warum lässt Gott es zu? Was will er damit erreichen? Wenn man diese Frage für sich beantworten will, eröffnet sich ein weites Feld. Man wird über die Tatsache nachdenken müssen, dass ich als einzelner Christ einen Kampf gegen das Böse führen soll, dass ich in diesem Kampf klar als ein Kind Gottes zu erkennen sein soll. Und man wird daran denken müssen, dass der Kampf uns stark machen soll, dass wir neue Einsichten gewinnen, die uns im Glauben voranbringen werden. Das musste sogar der Messias hinnehmen, denn er wurde durch sein Leiden dazu erzogen, zu verstehen, was Gehorsam bedeutet  (Heb. 5:8). Wenn schon der Menschensohn auf die Probe gestellt wurde, dann muss ich doch dasselbe für mich erwarten. Und blicke ich zurück, dann kann ich sagen, dass durch Schwierigkeiten, die ich im Vertrauen auf Gott überstanden habe, mein Vertrauen auch gewachsen ist. Über den Weg dahin sollte ich nicht traurig sein! 

Vertrauen ist das Lebensblut einer guten Beziehung

In allen menschlichen Verhältnissen ist Vertrauen die Grundlage und das Lebensblut einer guten Beziehung. Ohne Vertrauen herrscht Misstrauen. Und Misstrauen ist keine Basis für ein harmonisches Miteinander. Vertrauen beruht auf der Überzeugung, dass der Empfänger des Vertrauens in moralischer Hinsicht tadellos ist, dass man sich auf seine Worte und Handlungen immer verlassen kann und dass man kein Unrecht zu befürchten hat. Dieses Vertrauen muss erworben werden. Es wird durch Erfahrung erworben, es wächst im Laufe der Zeit. Je mehr positive Erfahrung das Vertrauen nährt, desto stärker wird es. Das gilt erst recht für unser Verhältnis zu Gott! 

Er fordert seine Kinder dazu auf, ihn auf die Probe zu stellen. Ja, er lädt sie ein, Vertrauen zu erwerben, und bittet sie, ihm ihr Herz zu geben. indem sie mit ihm “gehen”, d. h. ihn in ihr Leben mit hineinnehmen. Das kann bedeuten, in allen Dingen des Lebens Gott mit einzubeziehen. Es bedeutet, ständig zu ihm zu sprechen, seinen Rat zu suchen und sein Wort zu respektieren. Es bedeutet, mit einer ganz hohen Verantwortung vor ihm zu leben. Das nennt die Bibel Gottesfurcht. Ich werde dann Erfahrungen mit meinem himmlischen Vater machen, die durch kein Theologiestudium ersetzt werden, denn das ist dann kein leeres, unverbindliches Wissen, sondern eine gewachsene, lebendige Erfahrung mit meinem Vater. Dann kann ich meinen Vater im Himmel an seinen eigenen Worten messen und immer wieder durch Erfahrung feststellen, dass er ein Gott ist, der “tatkräftig hilft” (Ps. 68.21). Auf diese Weise gewinnen auch Kleingläubige Vertrauen.

Wer so mit Gott lebt, wird bald davon überzeugt sein, dass Gott über jeden Zweifel erhaben ist, wenn es um das kindliche Vertrauen geht, das ihm ein kleiner Mensch entgegenbringt. Es wird das in ihn gesetzte Vertrauen niemals enttäuschen! Darum hat unser Vater im Himmel auch nicht weniger verdient als dieses volle Vertrauen. Nur auf diese Weise kann ich – so war mein Gedanke – mein Glaubensleben mit Sinn und Inhalt füllen. Alles andere wäre Selbstbetrug. 

Kleingläubige Jünger lernen Vertrauen

Es war spät geworden und Jesus musste noch auf die andere Seite des Galiläischen Meeres. So bestiegen er und seine Jünger ein Boot und fuhren über den großen See. Weil Jesus müde war, legte er sich im Heck des Bootes auf ein Kissen und schlief ein. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los. Die Wellen schlugen ins Boot, füllten es fast mit Wasser und das Boot drohte zu sinken. Die aufgeregten und verängstigten Jünger weckten ihren Lehrer. Der erwachte, sah die Gefahr und wirkte ein Wunder: Sturm und Meer beruhigten sich und die Gefahr war vorüber. 

“Warum habt ihr solche Angst?”, fragte Jesus. “Habt ihr immer noch kein Vertrauen (Glauben)?” Da wurden sie erst recht von Furcht gepackt und flüsterten einander zu: “Wer ist das nur, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?” 

(Mar. 4.40, 41)

Nach dieser Lektion, denke ich, waren sie überzeugt, dass man Jesus vertrauen durfte! Und hier erinnere ich mich an Petrus, der auch wie Jesus auf dem Wasser laufen wollte, aber einsank, weil er Angst bekam, als er auf den Sturm und die Gewitterwolken schaute. Und was sagte der Meister? “Warum hast du dem Zweifel Raum gegeben, Kleingläubiger?“ 

Vertrauen verträgt sich nicht mit Zweifeln 

Jakobus schrieb:

“Doch wenn er seine Bitte vorbringt, soll er das mit Gottvertrauen tun und sich nicht Zweifeln hingeben. Ein Zweifler ist nämlich wie eine vom Wind gepeitschte, hin und her wogende Meereswelle. Ein solcher Mensch kann nicht erwarten, etwas vom Herrn zu empfangen. Er ist in sich gespalten und unbeständig in allem, was er tut.” (Jak.1:6-8)

Wer zweifelt, traut dem Herrn nicht das zu, was z. B. der Hauptmann aus Kafarnaum von Jesus ohne jeden Zweifel erwartet hat. Und weil er so fest überzeugt war, wurde seine Bitte erfüllt. Die Zweifel, auf die Jakobus Bezug nimmt, betreffen das Grundsätzliche: Man traut Gott nicht zu, der zu sein, der er ist! In diesem Glaubensbild stimmt so einiges nicht. Hier gibt es zu viele “Vielleicht”, zu viele Zweifel an der Macht und der Liebe Gottes. Hier ist die Liebe Gottes noch nicht an ihr Ziel gekommen. 

Das kann daran liegen, dass man selbst zu ungeduldig ist, nicht auf Gott warten kann, oder um das Falsche bittet. Vertrauen ist ja nur da möglich, wo man ein klares, unerschütterliches Bild vom Empfänger des Vertrauen hat. Also gilt es zuerst immer, Gott zu erkennen, zu lernen und ihn in seinem Handeln mit sichdann zu erfahren. Ich muss also Geduld haben und mit dem Herzen lernen, wie groß Gottes Liebe zu mir ist. 

Vertrauen schafft Gewissheiten

Vertrauen auf Gott schafft eine wunderbare Gewissheit, die keine weitere Bestätigung braucht. Es erhebt den Glauben auf eine Stufe, die kein “vielleicht” mehr zulässt. Das Vertrauen auf Gott, den Vater im Himmel,  führt zur festen Überzeugung, dass Gott mein Bestes will. Und was er will, das geschieht auch. Der Prophet Jesaja hat dafür ein passendes Bild: Er vergleicht Gottes Wort mit dem Regen, der die Erde feucht macht und die Pflanzen wachsen lässt. Ebenso ist das Wort Gottes: Es geschieht, was Gott will und nur unser schwaches Vertrauen oder auch der Unglaube, das Misstrauen, kann dabei stören. 

Das Vertrauen auf Gott macht alle Sorgen klein, winzig klein! Denn Gott hat versprochen, alle Dinge neu zu machen (Off. 21:5). Dieses Versprechen zieht sich durch die ganze Bibel, vom Anfang bis zum Schluss. Und ich denke, dass ich an Gott nicht zweifeln kann, ohne ihn aus meinem Herzen zu reißen. Als nicht zu erschütternde Realität steht er da, mit Majestät und Macht, die nicht zu leugnen sind. In meiner Erinnerung lebt der Gedanke oder die tiefe Einsicht, dass Gott mir immer wieder Vertrauen eingeflößt hat und mich durch seine Liebe überzeugte. Er hat mein böses Herz besiegt! Warum sollte ich da zweifeln und ihm nicht voll und ganz vertrauen? Er wird mich ans Ziel bringen! Er hat nur das im Sinn, was für mich gut ist. Und was für mich gut ist, weiß er am besten. Er ist schließlich auch mein Vater im Himmel, der für seine Kinder sorgt. Ich möchte diese Einsicht als mein Urvertrauen bezeichnen, denn es begleitet mich schon sehr lange wie eine schöne Melodie. Es ist der Schutzschild meines Lebens.

Ich denke daran, dass Vertrauen auch noch eine andere Gewissheit  gibt: Es schenkt den tiefen Frieden Gottes! Es gibt Schutz! Zu den Juden wurde einmal durch Jesaja gesagt, dass ihre Rettung nicht von ihren Bemühungen abhinge, sondern davon: 

“Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr befreit,

Im Ruhigsein und Vertrauen liegt eure ganze Kraft.

(Jes. 30:15). 

Der Prophet musste leider feststellen, dass sie das nicht wollten. Sie suchten eine politische Lösung, um die Bedrohung durch die Assyrer abzuwenden. Und das gelang schließlich nicht. Sie hatten kein Vertrauen in die Macht und die Liebe Gottes. Auch als in der Regierungszeit Hiskias das assyrische Heer durch Gottes Handeln vernichtet worden war, ließen sie sich nicht von der Wahrheit der Worte Gottes aus Jesaja 30:15 überzeugen. Sie kannten in der Mehrheit keine Gottverbundenheit – daher auch kein Vertrauen. So fanden sie weder den Frieden noch den Schutz Gottes. 

Wer Gott vertrauen darf, hat eine gewaltige Kraftquelle, weil einmal der Friede Gottes ihn behütet und zum anderen das Warten auf die Erfüllung der Hoffnung im Vertrauen auf Gott schließlich zum Ziel führt. 

Mein Vertrauen auf meinen Vater im Himmel ist noch nie enttäuscht worden. Wenn ich Gottes Handeln auch nicht immer verstehe, bin ich doch davon überzeugt, dass ich später sagen kann: “Und es war gut so!” Das Vertrauen auf meinen Vater lässt mich einfach ruhig sein und Geborgenheit fühlen.  Es erfüllt mich mit Frieden, Freude und Gelassenheit. Ich weiß mit allen Fasern meines Seins, dass ich in wirklich guten Händen bin. Wenn ich daran denke, empfinde ich tiefe Dankbarkeit und würde dann am liebsten sagen: “Schau weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch! Deine Demut macht mich groß! Mein Gott und mein Vater im Himmel: Ich danke dir im Namen deines Sohnes, Jesus Christus! Amen.” 

So ist mein Vertrauen auf meinen himmlischen Vater zum Lebensblut meines wirklichen Lebens geworden, denn ER ist mein Leben! ER ist das Ein und das Alles für mich. Und ich wünsche sehnlichst, das Vertrauen Gottes nie zu enttäuschen. So sei uns allen der Vater im Himmel weiterhin gnädig! 

Das liest sich nun so, als sei ich schon am Ziel. Ich  bin es noch nicht, aber ich bin mir sicher, dass ich es erreichen werde. Hat Jesus, mein Bruder im Himmel, nicht gesagt, dass man darauf vertrauen soll, das Erbetene schon empfangen zu haben?  (Mar. 11:23, 24) Ja, darauf vertraue ich! Mein Gott und Vater im Himmel ist treu!

Geduld und Vertrauen

Wenn ich lese oder höre, dass andere Menschen auch gegen ihre Zweifel ankämpfen müssen, dann fühle ich mich in guter Gesellschaft. Denn sie beweisen mir, dass sie um ihren Glauben und um ihr Vertrauen zu Gott ringen. Ein Beispiel dafür ist mir Asaf, der Schreiber des 77. Psalms. Im Vers 4 lese ich: 

“Denke ich an Gott, so stöhne ich, sinne ich über ihn nach, verliere ich den Mut.”

Was hat ihn stöhnen lassen? Das kann man aus seinen anderen Psalmen erfahren: Er verstand es nicht, warum Gott zugelassen hatte, dass Jerusalem von den Babyloniern zerstört wurde. Diese Zerstörung der Stadt und des Tempels waren so niederschmetternd, dass er Gott nicht mehr verstand. Darüber musste er nun nachdenken, er musste sich neu orientieren und nach einer Antwort suchen. 

So erging es auch mir in diesem Sommer. Ich versuchte mir vorzustellen, mit wem ich es zu tun habe, wenn ich meinen himmlischen Vater anrufe. Die Größe und Erhabenheit Gottes will ich nicht zu beschreiben versuchen; das ist sinnlos, weil Gott in seiner Majestät unbegreiflich und unfassbar ist. Aber gerade seine gewaltige, alles übersteigende Majestät ist es ja, die mich verstummen lässt. Denn was bin ich? Ich bin ein Schatten, der seine Tage zählen kann, denn es sind ja nur wenige. Dagegen ist Gott Herr über Zeit und Raum, während ich nicht einmal weiß, was das eigentlich ist. Dieser unbeschreibliche Unterschied zwischen mir und Gott ist furchteinflößend! Das ist auch dem König David aufgefallen und im Psalm 8 stellt er darum die Frage: “Was ist der Mensch, dass du an ihn denken solltest?”

Und doch hat Gott an mich gedacht! Er ist in mein Leben getreten! Durch Jesus Christus, der auch mich mit Gott versöhnt hat, bin ich ein Kind Gottes geworden. Durch diese neue Geburt bin ich mit im Neuen Bund, der für alle gilt, die Jesus als Herrn anerkennen. Und die Bestimmungen dieses Bundes bedeuten die Vergebung aller Sündenschulden, die Beschneidung des Herzens, das Werden eines neuen Menschen und das ewige Leben in völliger Gottverbundenheit!  Damit ist meine Zukunft bei Gott festgeschrieben! 

Auch dass ich ihn in meinem Bewusstsein wahrnehme, ist ein Wunder, eine Gnade. Seitdem weiß ich, dass Gott ist; er ist eine Realität wie jede andere. Diese Realität ist an mein Bewusstsein gebunden. Hier kann ich Gott wahrnehmen, wobei wahrnehmen auch nur wieder ein rein subjektives ist. Und doch bleibt es eine Tatsache: Ich fühle Gottes Nähe, ich kann zu ihm reden, ich kann bitten und danken – und habe im Leben Antworten bekommen. Auch das ist wunderbar, zu wunderbar für mich. 

Ich bin vor Gott furchtsam geworden und muss das an dieser Stelle verdeutlichen. Diese Furcht hat nichts mit Angst zu tun, die aus einem belasteten Gewissen kommt. Es ist der tiefe  Respekt vor meinem Vater, es ist die Gottesfurcht, die in der Bibel als der “Anfang des Erkennens Gottes” beschrieben wird. In jungen Jahren kannte ich Gott auch schon, aber ich ging mit ihm so um, als wäre er mein Großvater, von dem ich alles mögliche erbitten konnte. Erst im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass er nicht mein “Dienstbote” ist. Ich verstand, dass er nur das für mich tun würde, was mir unmöglich wäre. Und ich begriff auch, dass ich mit seiner Gnade zufrieden sein musste, denn an ihn habe ich einfach keine Forderungen zu stellen. Ich habe vor ihm kein Recht, auf das ich mich berufen könnte. Es ist Gottes Demut, die mich groß macht (Ps. 63:4)! 

Diese wahrgenommene Erhabenheit des Schöpfers hat mich auf das mir gemäße Maß ‘geschrumpft’! Darum bin ich kleinlaut geworden und mein Gebet ist mehr ein Stammeln geworden, ohne große Töne. Es ist eher Dank und Anerkennung seiner Gnade und Liebe. Damit habe ich auch zu warten gelernt. Denn Jesus hat in seiner Geschichte von der hartnäckigen Frau, die sich bei einem ungerechten Richter Gehör verschaffen wollte, gesagt, dass Gott gegenüber seinen Kindern auch langmütig sein kann. Aber gleichzeitig versichert Jesus Christus, dass dem himmlischen Vater alle seine Kinder wichtig sind, denn nicht einmal ein  Spatz fällt ohne sein Wissen vom Himmel. (Es geht hier nicht um Spatzen, sondern um die Tatsache, dass Gott seine Kinder im Blick hat.) Dafür gibt es in der Heiligen Schrift viele Beispiele. Ich darf an die Patriarchen erinnern, an die Witwe von Sarepta,  die Jesus in Lukas 4 erwähnt hat, und an viele andere, die nicht von Gott übersehen worden sind! Was die Geduld anbetrifft, haben alle das Warten lernen müssen: Abraham hat es ebenso lernen müssen  wie der Prophet Habakuk. Und sie sind in ihrer Glaubensfestigkeit nicht wankend geworden, auch wenn sie Gott nicht immer verstanden haben. Und soll ich noch Hiob erwähnen? Verheißungen werden durch Geduld ererbt (Jak. 5:7-11). 

Nun warte ich schon lange darauf, dass diese verdorbene Welt vergeht. Und ich erinnere mich, dass alle Glaubenden darauf gewartet haben. Das war ja das Ziel ihrer Hoffnung. Dahin waren sie unterwegs, das war ihr Leben. Und immer noch warten wir. Verstehen wir das? Ich kann es nicht. Aber das liegt wohl eher daran, dass meine Gedanken die Gedanken Gottes nicht erreichen können (Jes. 55:8).  Was bleibt mir also übrig, als auf Gott zu warten? Und so will ich mit Freude darauf warten, dass sein Reich errichtet wird. Und ich will nicht ungeduldig werden, weil ich weiß, dass Gott sein Wort hält. Dieses Vertrauen hat er mir eingeflößt, was ich auch als Gnade empfinden muss. Es ist durch die Erfahrung gewachsen. Und ich blicke gern auf sie zurück! 

In der Welt geschieht tagtäglich ungeheuerliches Leid. Machtlos stehe ich da und kann nicht mehr hinsehen. Aber hat Jesus das nicht in seiner Offenbarung geschildert? Er hat seine Jünger ausdrücklich mitten in diesem Geschehen gesehen und forderte sie auf, auch um den Verlust ihres Lebens, den Glauben nicht aufzukündigen. Er macht uns klar, dass diese Welt alle Schalen des göttlichen Zorns bis zum letzten Rest austrinken muss! Und wir sind mitbetroffen. Darum versichert er uns seines Bestands und seiner Hilfe. Und ich denke nun wieder an die Worte Asafs aus seinem 73. Psalm:

“Mit deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende in Ehren auf.

Wen habe ich im Himmel außer dir?

Und neben dir wünsche ich mir nichts auf der Erde.

Auch wenn ich Leib und Leben verliere,

bleibt Gott doch mein Anteil für immer.

Ja, wer sich fern von dir hält, geht zugrunde. 

Du bringst jeden zum Schweigen, der dir die Treue bricht.

Doch ich bekenne: 

Die Gottesnähe tut mir gut!

Ich fand meine Zuflucht bei Jehowah, dem Herrn.

Nun will ich deine Taten erzählen.”

Das war Asafs Schlussfolgerung, als er sich über das scheinbare Glück der Gottlosen wunderte und sie fast beneidet hat. Durch Gottes Geist bekam er eine gute Antwort.

Ich bin bereit, mit diesen Worten zu leben und habe mein kleines Leben in Gottes Hand gelegt. Er mag alles zulassen, was er will. Ich werde versuchen, es im Vertrauen auf ihn hinzunehmen. Ich werde auf ihn warten, weil ich weiß, dass ich nicht vergessen bin! 

Jammer

Es ist Sommer! Die Welt leuchtet im Sonnenschein und alles in der Schöpfung atmet tiefen Frieden. Aber mich hatte der Jammer gepackt! Was war geschehen? Ich war enttäuscht von mir, und vom allgemeinen Menschen und seinem Leben. Es kam mir alles so schäbig und unwürdig vor. Wo sind nur die Illusionen geblieben? Wo sind die Träume vom richtigen und gerechten Leben? Und als mir wieder einmal bewusst wurde, dass es so ist, wie es ist, verdorrte die Freude und ich begann innerlich zu jammern. Ich ekele mich vor mir selbst, denn bei all den guten Wünschen und Sehnsüchten bleibt doch die Tatsache , dass das Leben eigentlich hassenswert ist, wie es der Prediger formuliert hat (Pre. 2:17).

Habe ich zuviel erwartet? Bestimmt. Denn trotz allen Wissens um das Böse und um das, was nach Gottes Willen gerecht und allein wahr sein soll,  bleibt der Mensch doch an der Sünde kleben und die Herrschaft des Bösen dauert noch an. Und dem entkommt man nicht. O ja, der gute Wille ist vorhanden, aber die Macht und der Einfluss des Bösen auch. 

Ich weiß, dass ich “bescheiden mit Gott wandeln“ soll (Micha 6:8). Und was bedeutet das für mich? Es bedeutet auch, auf IHN warten zu können! Vorerst habe ich nur die Hoffnung auf das “Vollständige”. Jetzt bin ich immer noch ein zerschlagener Spiegel, der sich selbst nicht einmal klar erkennen kann. Jetzt ist die ganze Welt immer noch – und wer weiß wie lange? – in der brutalen Macht des Bösen. Und der Böse kennt seine Macht über die Menschen. Wie ein Diktator wendet er sie unbarmherzig an, um sein Ziel zu erreichen. Da ist ihm jedes Mittel recht. Das Erreichen seines Ziels wird ihm von den meisten Menschen leicht gemacht, denn sie sind feige, falsch, habgierig, heillos und fürchten die Gewalt. Mit Angst und Erpressung arbeiten der Teufel und seine Helfer. 

Ein Diktator z. B. ist nur so mächtig, wie es seine Gefolgsleute zulassen. Sie gehören zu seinem Machtapparat und ohne diese Gefolgschaft hätte er gar keine Macht. Natürlich belügt jeder Diktator seine Gefolgsleute und betrügt sie. Aber sie lassen es scheinbar gerne zu, weil sie in moralischer Hinsicht auch nicht besser sind. Ein Diktator ist ja nur der Ausdruck und die Verkörperung des eigenen bösen Denkens der Masse. So hat es Jesus Christus in Johannes 8:44 ausgedrückt: “Denn euer Vater ist der Teufel, und nach den Begierden eures Vaters wünscht ihr zu tun!” Darum ist also die Grundordnung zerbrochen, wie es im 11. Psalm steht. Und sie ist zerbrochen, weil die Menschen Gott vergessen haben. Es ist die Trennung von Gott und damit die fehlende Gottesfurcht, welche die Amoralität der Masse zur Folge hat. Der Teufel hat sie zu Komplizen gemacht.

Darum sind die Nachrichten voll von ihren Gräueln. Eine anschwellende Flut schlimmer Nachrichten erzeugte in mir das Gefühl der Ausweglosigkeit.  Jeden Tag wurden die Nachrichten düsterer, und die vielen ungelösten Probleme dieser Welt demoralisieren und  entmutigen. Überdeutlich erkannte ich den korrupten Politiker und die Tatsache, dass aus jedem Problem auch Kapital geschlagen wird. Weil ich mich zu stark damit beschäftigte, konnte die  Freude nur sterben.

Ach, was wünsche ich dieser Welt? Ich kann ihr keinen Frieden wünschen, denn der Frieden ist nur für die Friedsamen der Bergpredigt möglich. Ich kann ihr keine Gerechtigkeit wünschen, denn sie ist eine Frucht der Gottverbundenheit, die aber abgelehnt wird. Vielleicht sollte ich dies wünschen: 

Dass jeder einen Augenblick findet, in dem er einen tiefen, nüchternen und mitleidlosen Blick in sein Inneres werfen kann. Dann kann es sein, dass er tief erschreckt und sich vor sich selbst fürchtet. Das Entsetzen über sich selbst kann  zum radikalen Umdenken führen, das ich  jedem wünsche, der meint, er könne sich alles erlauben, ohne dafür Rechenschaft geben zu müssen. 

Und was bleibt mir? Was kann ich tun? Ich muss mich selbst zurecht weisen und den Rat aus dem 37. Psalm radikal auf mich anwenden. Einen anderen Ausweg sehe ich nicht. Ich muss mich auf das feste Fundament meines Glaubens retten, damit Angst mich nicht wahnsinnig macht. Ich muss auf meinen Gott und Vater im Himmel vertrauen! Das ist so leicht dahin gesagt, aber es erfordert bewusstes Handeln, Mut und Ausdauer:

“Reg dich nicht über die Bösen auf, beneide die Verbrecher nicht!

Sie verdorren schnell wie das Gras, welken wie das grüne Kraut.

Vertraue auf Jehowah und tue das Gute, 

wohne im Land, sei ehrlich und treu.

Erfreue dich an Jehowah!

Er gibt dir, was dein Herz begehrt.

Lass Jehowah dich führen!

Vertraue ihm, dann handelt er.

Er wird dein Recht aufgehen lassen wie das Licht,

deine Gerechtigkeit wie Sonne am Mittag.

Sei still vor Jehowah und warte auf ihn!

Achte auf geradlinige Menschen, 

sieh dir die Ehrlichen an,

denn ein Mann des Friedens hat Zukunft.

Doch die, die Gott verachten, werden ausgelöscht. 

Die Zukunft der Gottlosen ist schon vorbei.”

(Ps. 37:1-7, 37, 38)

Ich habe zu oft gedacht, dass mich so leicht nichts erschüttern könnte. Ich war hoffnungsfroh und freudig, hatte ‘Freude an Jehowah’ und fühlte mich wohl. Doch dann kamen die Tage, an denen ich mich selbst nicht leiden konnte. Ich war depressiv und sah alles in düsteren Farben und meine Freude vertrocknete, weil die täglichen Nachrichten zur schlimmen Last für mich wurden. Und dann ich habe das Gefühl von Gott getrennt zu sein. Er ist dann so weit weg. Nur mein Verstand weiß dann noch von ihm. Meine Gefühle sind versiegt. Aber ich weiß auch, dass ich in guter Gesellschaft mit all denen bin, die auch am Leben und an sich selbst gelitten haben. Die Bibel kennt viele Beispiele. 

Dieser Zustand ist allein mein Problem. Ich kann und will niemanden eine Vorwurf machen. 

In mein Notizheft habe ich dies geschrieben: 

“Ich will keine Nachrichten mehr hören, denn es gibt ja doch nichts Neues unter der Sonne. Was ich gesehen habe und noch sehen könnte ermüdet mich, ekelt mich an und drückt meine Stimmung. Es raubt mir die Kraft und macht mich mutlos. Das will ich nicht zulassen, denn ändern kann ich den Lauf der Dinge nicht! Aufgrund meiner Erfahrung habe ich den Glauben an eine kollektive Besinnung auf das, was vor Gott gerecht ist, völlig verloren.” 

So will ich Freude wollen und bemüht sein, sie zu behalten. Ich will mich an meinem Gott und Vater freuen und immer wissen, dass ich nur dort zu Hause bin, wo seine Liebe herrscht! Es wird ein Leben auf einer Insel sein auf die ich nichts lassen will, was meine Freude vergiftet. Und ich bete darum, dass Weisheit und Frieden mein Herz beschützt und Gott mir durch Jesus beisteht.

Ja, ich will mich freuen! Ich will die Augen meines Herzens weit öffnen und alles das sehen, was mein himmlischer Vater mir täglich schenkt. Ich will die Hoffnung grünen lassen und wissen, dass mein Vater alle Verheißungen durch Jesus zum starken “Ja!” werden lassen wird! Amen!

Nachtgedanken

Nachtrag zum vorherigen Nachtgedanken

Liebe Andrea, du hast mir etwas geschrieben, was mich nachdenklich gemacht hat. Ich fühle deine Angst und deine Verzweiflung. Darum ist es mir ein Bedürfnis auf deine Nachricht zu antworten. Du hast bemerkt, dass ich in dieser Welt nicht zu Hause sein kann, weil ich schon lange festgestellt habe, dass ich da nicht hingehöre. Denn ich hasse dieses falsche, böse Denken, aus dem alle bösen Taten entspringen. Nun ist die innere Emigration, der gedankliche Rückzug, nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Tatsache, dass ich in dieser Welt irgendwie leben muss. Aber wie?  Du schreibst, dass du eigentlich aus dieser Welt fliehen möchtest. Das kann ich nachfühlen, aber Flucht ist nicht möglich. Wir müssen auf das Reich Gottes warten und für unseren Glauben kämpfen.

Unser gemeinsamer Gott und Vater im Himmel hat mir ein Schwert in die Hand gegeben und gesagt: “Kämpfe!”  “Aber ich habe doch gar keine Lust und auch keinen Mut dazu!” Doch es heißt: “Kämpfe!” Als Christ und Glaubender bin ich in einen Kampf gestellt worden. Und ich kann mich dem nicht entziehen! Ich muss einsehen, dass ich nicht mit eigener Kraft kämpfe, sondern mit der mächtigen Kraft Gottes, dem heiligen Geist. Also bin ich gut ausgerüstet!

Auch ich bin dazu aufgerufen, diese Welt zu besiegen. Ich muss sie mit meinem Glauben besiegen. Und da geht es mir ebenso wie allen anderen Kindern Gottes. Und ich weiß von manchen, dass es ihnen nicht leicht gemacht wurde zu kämpfen. Als Jeremia sich bei Gott beklagte, wurde ihm gesagt, dass es nicht gut sei, wenn er schon im Lauf gegen “Fußgänger” ermüden und aufgeben wollte, denn er sollte den Kampf gegen “wilde Tiere” des “Jordandickichts” bestehen (Jer. 12). Immer wieder wurden die Kinder Gottes durch ihren Vater im Himmel zum Kampf ermuntert und für diesen Kampf ausgerüstet. Und dieser Kampf geht zuerst gegen sich selbst, gegen eigene Zweifel, Schwächen, Irrtümer und Entmutigung. Und dann gegen eine Welt, die Gott nicht wahrnimmt, die ihn ablehnt und bekämpft, eine Welt, die mit tausend Armen nach uns greift und und umbiegen will. 

Es gibt keine Entlassung in diesem Krieg! Also müssen wir kämpfen! Ich wünsche dir, meine Mitkämpferin, die Kraft Gottes und seinen Frieden, der alles Denken übersteigt und unsere geistige Kraft, unser Bewusstsein, beschützt! 

Und nun geht der “alte Mann” wieder ins Bett und wünscht dir in deinem Kampf den Sieg durch Gottes Kraft!

Nachtgedanken

Meine Heimatlosigkeit war der Beginn einer Reise

Ich bin in dieser Welt nur (zufällig) anwesend, aber nicht zu Hause. Diese Heimatlosigkeit war mir schon früh bewusst. Zuerst war es die Ahnung, dass irgendetwas mit dem Leben nicht stimmen konnte. Später, als ich das Leben deutlicher wahrnahm und es lesend auch durch die Augen anderer Menschen sehen konnte, nahm die Ahnung Gestalt an und ich wusste: “Hier bin ich nicht zu Hause! Da will ich nicht hin! Ich will mit dem, was hier tagtäglich an Unrecht geschieht, nichts zu tun haben! Ich hasse diese Welt, die uns im Grunde nicht einen Tag wirklich leben lässt!” Und eine innere Stimme schien zu rufen, ein unbestimmtes Gefühl mich zu locken. So habe ich mich auf die Suche nach Gott gemacht

Heute weiß ich mit aller Deutlichkeit, wo ich zu Hause bin! Ich bin dort, wo meine Sehnsucht hin will: In die Nähe Gottes. Ich bin den Weg gegangen. Ich habe gefunden, wonach ich suchte. Und ich kann meinen Bewusstseinszustand gut mit dem Psalm 84 beschreiben. Ich finde und erkenne mich in dieser Dichtung  wieder – und bin glücklich darüber. 

Ein Psalm spiegelt meine Empfindungen wider

Es ist der 84. Psalm. Diese Dichtung der “Söhne Korachs” beginnt mit der Feststellung, dass die ‘Wohnungen Jehowahs lieblich sind’. Wer das so empfindet, hat nicht nur die tiefe Sehnsucht nach Gottes Nähe, sondern auch erfahren, dass es gut tut, in dieser Nähe zu sein. Es muss die Nähe sein, die ein Kind beim Vater sucht, eine enge Bindung, die  nur zu fühlen ist und die durch tiefe, treue wechselseitige Liebe zustande kommt. Darum versteht man sofort, warum die Sehnsucht so mächtig ist: Man will nicht ohne diese Liebesbeziehung sein, denn sie ist die wahre Geborgenheit, der man ‘mit Leib und Seele entgegen jubelt’. Dann macht man sich auf die Reise, weil man ein Ziel hat, für das man leben will. Und wird dieser Wunsch nach Nähe durch die Gnade Gottes gewährt, dann steht man voller Respekt vor dem Vater und drückt es so aus:

“… deine Altäre, Jehowah, Allmächtiger, mein König und mein Gott! … Denn ein Tag in den Höfen des Tempels ist besser als tausend andere sonst. Lieber will ich Torwächter im Hause meines Gottes sein, als in den Zelten des Unrechts zu wohnen.” 

Wer das mit dem Herzen sagen kann, hat keine anderen Wünsche mehr, denn er weiß, dass er sich auf der Reise nicht fürchten muss, weil der Allmächtige für ihn sorgt. Darum: 

“Wie glücklich sind die, die in deinem Haus wohnen. Immerzu loben sie dich!” 

Das Herz ist dann von heißer Dankbarkeit erfüllt, die sich in starken Gefühlen äußert. 

Mein Leben kann ich als eine Pilgerreise betrachten, denn ich habe ein Ziel. Es ist das Neue Jerusalem, die Stadt Gottes, die “von Gott aus dem Himmel herabkommt” und “bei den Menschen sein wird”. Es ist die Erfüllung meiner Hoffnungen. Das ist mein wahres Zuhause! Denn nur dort werden sich Treue und Wahrhaftigkeit begegnen, nur dort werden Frieden und Gerechtigkeit sich küssen. Die Söhne Korahs fühlten sich auch auf einer Pilgerreise und ihre Sehnsucht ist auch meine:

“Mein Inneres verzehrt sich in Sehnsucht nach den Höfen im Tempel Jehowahs. Mit Leib und Leben juble ich dem lebendigen Gott zu!

Wie glücklich sind die, die in deinem Haus wohnen. Immerzu loben sie dich!

Wie glücklich sind die, deren Stärke du bist, die sich zur Pilgerreise rüsten. Wenn sie durchs “Tal des Weinens” ziehen,   machen sie einen Quellplatz daraus, den auch der Herbstregen mit Segnung umhüllt. 

Mit jedem Schritt wächst ihre Kraft, bis sie vor Gott in Zion erscheinen.”

Diese Pilgerfahrt führt auch durch schwere Zeiten, durch das “Tal des Weinens”, aber unter dem Schutz Gottes verwandelt es sich in einen Ort den erfrischenden Quellen, in einen Ort, das der Herbstregen mit Segen füllt. Man erlebt an sich selbst, was auch Paulus erfahren hatte: “Deshalb verlieren wir nicht den Mut. Denn wenn wir auch äusserlich aufgerieben werden, so werden wir doch innerlich jeden Tag erneuert.” (2. Kor. 4:16) Und diese “Reiseerfahrungen” machen den Pilger stark und verfestigen sein Vertrauen: Mit jedem Schritt wächst seine Kraft im Glauben, bis er am Ziel ist. Am Ende weiß er, dass die Stärke, die Kraft Gottes, in ihm war. Er ist auf wunderbare Weise begleitet und geführt worden.

Der Psalm endet mit Worten, denen ich von Herzen zustimme: 

“Denn Jehowah, Gott, ist Sonne und Schild. Jehowah schenkt Gnade und Ehre. Denen, die aufrichtig leben, wird Gott nichts Gutes versagen.

Jehowah, Allmächtiger!

Glücklich der Mensch, der auf dich vertraut!” 

Heute geht es mir gut! Es geht mir gut, weil ich mich geborgen fühle und mit dem Herzen weiß, dass ich in Gottes Liebe zu Hause bin! Ich habe an mir selbst erfahren, erlebt und gespürt, wie Gottes Liebe “schmeckt”. Nun bin ich zufrieden und will immer nur dafür danken, danken für das Vertrauen, das ich haben darf und das Gott durch Christus mir eingeflößt hat. Dankend juble ich dem lebendigen Gott zu!

Als Kind Gottes endlich zu Hause

“Wer ist eigentlich der Größte im Reich, das der Himmel regiert?”


Der allgemeine Mensch hat es gerne “groß”. Er wünscht sich Ruhm, Ehre, Macht, Bewunderung und Verehrung. Er sieht sich gerne über  andere erhöht und möchte ein Star sein, der umjubelt wird und um den man sich reißt. Und was hat man nicht alles getan, um dieses Ziel zu erreichen! Ein flüchtiger Blick in die Geschichte zeigt uns unzählige “Große”, ein genaueres Hinsehen aber auch vieles, wofür sich ein Mensch schämen muss. Da fragt man sich, warum hinter den “Großen” so viele Tote aus Kriegen, Überfällen, Eroberungen, Versklavungen stehen, und warum sie  so viel Leid und Ungerechtigkeit über die Völker  gebracht haben. Ist das Größe? 

Die Jünger Jesu stritten sich zu oft um den ersten und besten Platz, bis es dem Christus einmal zu viel wurde. Da stellte er ein kleines Kind in ihre Mitte und sagte: 

“Ich versichere euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Reich kommen, das der Himmel regiert. Darum ist einer, der es auf sich nimmt, vor den Menschen so gering dazustehen wie dieses Kind, der Größte in diesem Reich.”         (Mat. 18:3, 4)

Was der Meister hier sagte, war für die Jünger nicht neu, denn die Glücklichpreisungen der Bergpredigt lehren auch nichts anderes. Denn um nach Gottes Willen glücklich zu sein, muss man einsehen, wie “arm” man vor Gott ist, dass man seine Sünden schmerzlich empfindet, sich nicht um fast jeden Preis selbst auf Kosten anderer durchsetzt, sanftmütig und zur Verständigung bereit und barmherzig ist und zuerst Gottes Gerechtigkeit und nicht seine eigene sucht. Alle diese Verhaltensweisen beweisen schließlich, dass man ein KIND GOTTES ist. Und nur solche Menschen erben das Reich! 

Warum ein Kind?

Wenn Jesus von seinen Nachfolgern verlangt, dass sie wie Kinder sein sollen, dann meint er nicht die natürliche Unreife eines Kindes, sondern seine anhängliche Fügsamkeit und sein unbedingtes Vertrauen zum Vater. Er wünscht kindliche Demut und Liebe. Ein Kind kennt noch nicht den Wunsch nach einer prominenten Stellung in der Welt der Erwachsenen. Und ebenso soll ein Anbeter Gottes sein. Unter seinen Geschwistern sollte er nur der Gleiche unter Gleichen sein, und vor Gott einfach nur wie ein kleines Kind, das von seinem Vater fürsorglich geliebt wird. Der König David mag so empfunden haben, als er das schrieb:

“Jehowah, ich will nicht hoch hinaus, ich schaue auch auf niemand herab. Ich gehe nicht mit Dingen um, die mir zu groß und wunderbar sind. Nein, ich habe mich beruhigt, habe meine Seele besänftigt. Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter bin ich geworden.” (Psalm 131)

Die Liebe macht den Menschen in Gottes Augen groß

Und wenn es schon um Größe geht, dann ist es nur eine Eigenschaft, die uns in Gottes Augen groß macht: Es ist die Liebe! Ohne sie, so erfahre ich aus dem 1. Brief an die Korinther im Kapitel 13, ist alles andere, auch der  Berge versetzende Glaube, sinnlos und leer! Die Liebe ist das Ziel, die Krönung unseres Daseins und sein Sinn, weil sie uns mit Gott  verbindet und zu seinen Kindern macht. 

Nicht der kühne, gefühllose Eroberer und nicht der gewissenlose Held sind in Gottes Augen groß, sondern jene Menschen, die sich als Segen für andere erweisen wollen, die aus der Finsternis des Egoismus aufgewacht sind und gelernt haben, was Liebe eigentlich ist. Die Liebe ist das königliche Gesetz, das alle in der Familie Gottes vereint und die Ursache dafür ist, dass sich alle Mitglieder dieser Familie als Segen für alle anderen erweisen. Liebende in diesem Sinn sind Diener der Liebe und nicht ihre Herren, die ihre Zuwendung nach Lust, Laune und Berechnung verteilen. Genau das will der Apostel sagen, wenn er das alltägliche Leben von Christen in Römer 12 beschreibt: 

“Und richtet euch nicht mehr nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob es Gott gefällt und ob es zum Ziel führt.” (Rö. 12:2)

Und dann führt der Apostel Beispiele für ein Leben an, dass den Mitmenschen immer im Blick hat, ein Leben, das ein heiliger Dienst für Gott sein soll und das sich in der warmen und barmherzigen Liebe erfüllt. Sie ist nicht das Streben nach Vorrang und Prominenz; sie ist kein Konkurrenzkampf und keine Heuchelei. “Liebe muss echt sein, ohne Heuchelei!” (Rö. 12:9) 

Wer so lebt wird glücklich, denn die Liebe, ist Ziel,  Erfüllung und der Sinn seines Lebens. Sie ist Aufgabe und Belohnung zusammen. Und in der Familie Gottes strömt die Liebe von einem zum anderen. Das ist ja das Geheimnis der Liebe, dass sie sich vermehrt und zurückkommt, dass sie Frucht trägt unter jenen, in denen die Liebe Gottes an ihr Ziel kommt. Diese Liebe macht reich! Sie bereichert den, der sie übt und den, der sie empfängt. Der Liebe spendende Mensch wird selbst reichlich gesättigt. (Spr. 11:25) Er hat es nicht nötig prominent, berühmt und materiell reich zu werden. Er verzichtet auf den billigen Glanz des vergänglichen Ruhms und der fragwürdigen Größe. Seine Demut und sein Mut zur uneigennützigen Liebe, macht ihn und andere groß! Sein Heldentum besteht einfach darin, dass er liebt, dass er liebt in Tat und Wahrheit, dass er etwas tut, was die nach Reichtum und Erfolg jagende Welt verachtet, was in ihr oft als schwach und armselig gilt.  

So ein Mensch macht nichts Besonderes, auch wenn es so aussehen mag. Er gehorcht einfach seiner inneren Bestimmung, weil er weiß, dass der Mensch dazu geschaffen worden ist: zum Heldentum der Liebe! Nur dadurch zeigt er, dass er ein Kind Gottes ist, denn Gott selbst ist Liebe! Und damit zeigt er, dass er ein wirklicher, edler Mensch ist! Solche Menschen sind die wahren Großen, aber in dieser Welt wird das zu selten geschätzt und beachtet. Dieses stille Heldentum besteht in der Bescheidenheit und der Anerkennung der eigenen Bedeutungslosigkeit vor Gott. Das sind dann die Kinder, von denen Jesus sprach und nur sie werden Erben des Reiches Gottes werden. 

Die Welt sieht es anders

Wie anders geht es im Allgemeinen zu: Die Welt erstarrt in Lieblosigkeit zu Eis. Und fast jeder leidet darunter, leidet bis zur Verzweiflung und Selbstvernichtung.  Und dabei tragen doch alle die Sehnsucht nach Liebe im Herzen. Warum aber haben sie nicht den Heldenmut der Liebe? Warum betreiben sie stattdessen eine Selbstzerstörung an sich und an der ganzen Welt? Weil sie keine Kinder Gottes sind, weil sie nicht wie Kinder sein wollen, denen das Glück im Reich Gottes gehört? Nun, dann müssen sie sich anderswo selbst bestätigen und Sinn suchen. Dann müssen sie die “Größe” auf die übliche Weise erreichen, aber in Kauf nehmen, dabei nicht glücklich zu werden, denn unser Leben folgt seinem unausweichlichen Gesetz und jede Verletzung dieses Gesetzes wird sich fürchterlich rächen – jetzt , heute und in der Zukunft.

Wie wird man wie ein Kind, das Gottes Reich erben wird? 

Von unserer sündhaften Neigung her gesehen scheint das schwierig zu sein. Eher sind wir stolz als demütig. Eher denken wir zu hoch von uns, als dass wir einsehen, wie verkommen wir eigentlich sind. Eher vertrauen wir doch auf uns selbst, als auf Gott und bilden uns zu viel ein. Dieses Denken passt einfach nicht zu wirklichen Kindern. 

Aber ich möchte die Kraft und die Liebe Gottes dabei nicht unterschätzen! Als Jesus einmal erwähnte, wie schwierig es sein kann, als Reicher in das Reich Gottes zu kommen, fragten die Apostel, für wen das überhaupt möglich wäre. “Bei Gott sind alle Dinge möglich”, war seine Antwort. Und tatsächlich, kurz darauf erlebten sie, wie “ein Kamel durch das Nadelöhr kommen” kann: Ein korrupter und betrügerischer Ober-Steuereinnehmer kehrte um und wurde ein Christ! Sein Name kam in die Bibel: Zachäus. Er war sehr reich und hatte einen ganz schlechten Ruf. Er war  durch Korruption, Erpressung und Betrug reich geworden. Und doch wurde hier ein böser Mensch zum Sieger über sich selbst, weil er Jesus anerkannte und sich Gott unterwarf. In fast einem Augenblick fühlte er sich als Mensch, als Jesus sich bei ihm, dem stadtbekannten Sünder, zum Abendessen einlud. Damit begann er über sich selbst nachzudenken, und er kam zur Einsicht, dass er die Barmherzigkeit Gottes brauchte. Und dann machte sich dieser Mann ganz klein vor Gott und wollte auf der Stelle den Schaden gut machen, den er angerichtet hatte. Mit seinem öffentlichen Eingeständnis seiner Betrügereien offenbarte er sich vor allen als Betrüger. Nun wollte er nur noch ein Kind Gottes sein. Er wurde ein anderer Mensch, der sich änderte. Das hätte vorher niemand für möglich gehalten. 

Bei Hiob handelte es sich um einen Menschen, der an Gott glaubte und ihn fürchtete. Aber auch er musste sich klein machen, musste wie ein Kind werden. Von Hiob wissen wir, dass er “gottesfürchtig und rechtschaffen” war wie kein zweiter in seiner Generation. Als er noch reich und angesehen war, galt er als respektable Autorität. Als das alles verschwand und er vom Satan auch noch mit einer schlimmen Krankheit geschlagen wurde, begann er an Gott irre zu werden. Er wusste ja nichts vom Gespräch im Himmel, das Gott mit Satan geführt hatte (Hi. 1:8-12; 2:3-6). Und darum war er der Meinung, dass Gott sein Feind geworden sei. Hiob verlangte Rechenschaft von Gott. Er wollte wissen, warum er so schrecklich leiden musste, denn er war der Meinung, dass Gott die Ursache dessen war, was ihn erschütterte. Am Schluss wird ihm von Elihu und von Gott vorgehalten, dass Gott nicht von üblen Dingen beherrscht sei und dass keines seiner Geschöpfe ihn vor ein Tribunal ziehen könne, denn er ist über jedes Unrecht erhaben. Man kann ihm niemals etwas Unrechtes zuschreiben. 

Als das klar wurde, besann sich Hiob, denn noch etwas hatte er durch Gottes Lektion gelernt: Ein Mensch ist sternenweit davon entfernt, Gott zu verstehen. Aber er darf, weil Gott völlig sich selbst und seiner Gerechtigkeit treu ist, immer und überall auf seinen Vater vertrauen! Darum sagte Hiob, dass er erst jetzt Gott erkannt habe. Und noch etwas: Er hat auch eingesehen, dass er mit der Haltung eines vertrauenden Kindes vor Gott stehen sollte und nicht wie ein ebenbürtiger Gegner in einem Rechtsstreit. Er bestätigt dies so: 

“Ich weiß, dass du alles vermagst, kein Plan ist unmöglich für dich. .. Ja, ich habe geredet, was ich nicht verstand. Es war zu hoch für mich, ich begriff das alles nicht. Höre doch, ich will nun reden, will dich befragen, dass du mich belehrst. Bloß mit dem Ohr hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum unterwerfe ich mich und bereue in Staub und Asche.” (Hi. 42:2-6)

Mit diesen Einsichten hat Hiob seine ihm gemäße Stellung eingenommen: Er wurde ein vertrauensvolles Kind Gottes. Vorher war er ein Mann mit Autorität, der gegenüber seinem Schöpfer auf sein angebliches Recht pochte und meinte, dass Gott ihm Rechenschaft schulde. 

Ich möchte noch eine Geschichte erwähnen, die Jesus erzählt hat und die jedem zu Herzen gehen muss, der ein Bewusstsein seiner eigenen Sünden hat. Es ist die Geschichte vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn (Luk.15:11-32). Man lernt zuerst, dass Gott auf eindrucksvolle Weise barmherzig ist. Jeder Vater kann sich vorstellen (und manche erleben es auch), wie es sich anfühlt, wenn ein geliebter Sohn den Vater verlässt und auf die schiefe Bahn gerät, auf der er schnell abwärts saust. Als der Sohn in Jesu Geschichte ganz unten angekommen ist, beginnt er nachzudenken. Und nachdem er “in sich selbst angekommen ist”, sieht er sein Unrecht ein und er geht zu seinem Vater zurück, der ihn im Stillen erwartet hat. Und dann nimmt er sich vor, etwas zu sagen, was so leicht kein Sohn sagt: “Vater, ich habe mich versündigt – gegen den Himmel und auch gegen dich. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Mache mich doch zu einem deiner Tagelöhner.” Der Sohn macht sich auf den Heimweg. Der Vater sieht ihn von fern und läuft ihm entgegen. Er umarmt seinen Sohn und küsst ihn. Der Sohn kommt nach den ersten beiden Sätzen gar nicht dazu, weiter zu sprechen und um die Stelle als Tagelöhner zu bitten – sein Vater gibt seiner übergroßen Freude über den wieder gewonnenen Sohn Ausdruck und lässt ein Fest anrichten. Nicht als Tagelöhner nimmt er ihn zurück, sondern als Sohn, als geliebtes Kind. Und das tut er ohne Vorwürfe!

Mit dieser Geschichte wollte Jesus verdeutlichen, wie Gott heimkehrende Kinder empfängt, wenn er bemerkt, dass sie in sich selbst angekommen sind und nun endlich nach der Irrfahrt des Lebens wissen, wo sie wahrhaft zu Hause sind. Hier hat sich ein Mensch vor Gott gedemütigt, klein gemacht und wollte nur noch mit seinem Vater in Frieden sein, bei ihm zu Hause sein und nichts weiter fordern. Und diese Geschichte zeigt, wie man ein Kind Gottes wird. Und ist man es geworden, dann hat man nichts anderes mehr nötig, denn beim Vater wird wirklich alles gut! Denn für ein Kind Gottes ist für alles gesorgt!

Ehe der Hahn kräht

Die Macht der Menschenfurcht über Petrus

Ich weiß, dass ich feige sein kann. Ich weiß, dass ich mutig sein muss, wenn es um Jesus Christus und mein Bekenntnis zu ihm geht. Ich weiß, dass ich um Mut ringen und beten muss. Ich weiß, dass ich viel Mut brauche, um dieser gottfeindlichen Welt die Stirn zu bieten. Ich weiß, dass sich mein eigener Glaube im Mutigsein und nicht durch Feigheit beweist. Ich weiß. dass ich dafür eine starke Hilfe brauche: Jesus Christus!

“Und  wenn alle anderen irre an dir werden, ich werde dich nie verlassen. Und wenn ich mit dir sterben müsste! … Ich werde dich niemals verleugnen!” Das sagte der Apostel Petrus, als Jesus seinen Tod und die Tatsache erwähnte, dass alle ihn verlassen würden. Die anderen Apostel sagten dasselbe. Und dann kam die Stunde, in der sich der Mut der Apostel beweisen sollte. Aber die Jünger verließen ihn. War es Feigheit oder Angst? An Petrus erfüllte sich, was Jesus prophezeit hatte: “Noch heute Nacht, bevor der Hahn kräht, wirst du dreimal geleugnet haben, mich zu kennen.” (Mat. 26:31-35; Luk. 22:31-34)

Und so kam es auch. Petrus leugnete dreimal Jesus zu kennen! Als der Hahn gekräht hatte, fing Petrus den tiefen Blick seines Meisters auf – und der traf wie ein Blitz in sein Innerstes, so dass Petrus dem Blick auswich und bitterlich zu weinen begann. Da stand auf einmal wieder alles vor seinen Augen: Die innige Freundschaft zum Sohn Gottes, die durch viele gemeinsame Erlebnisse gewachsen war, seine Begeisterung für die Lehren Jesu, seine vielen Wunder, deren Zeuge er sein durfte und die lebhafte Liebe Jesu zu den Menschen und zum Leben. Und in einer ganz kurzen Zeit stellte er das alles infrage, indem er Jesu verleugnete? Das hat er wohl selbst nicht richtig begriffen. Und in einem Augenblick war er sich seiner Selbstüberschätzung bewusst geworden und konnte dann nur noch weinen. Wie würde sein Bruder Jesus nun über ihn denken? Hatte er sich nicht unmöglich gemacht?

Aber Jesus blickte weiter, er blickte bis ins Herz und konnte deshalb schon vorher sagen: “Simon, Simon, der Satan hat euch haben wollen, um euch durchsieben zu können wie den Weizen. Doch ich habe für dich gebetet, dass du deinen Glauben nicht verlierst. Wenn du also später umgekehrt und zurechtgekommen bist, stärke den Glauben deiner Brüder!” (Luk. 22:31, 32)

Petrus ist umgekehrt und wieder zurechtgekommen! Und ich weiß, dass Jesu Gebet für ihn vom Himmel erhört worden ist. Jesus muss gewusst haben, dass Petrus, nachdem er zu Fall gekommen war, in sich gehen und umkehren würde. Er kannte das gute Potenzial seines Apostels und hatte ein tiefes Verständnis für ihn. Darum fiel die Kraft des heiligen Geistes nicht auf unfruchtbaren Boden. Und so konnte Petrus dann eine Stütze und Hilfe für den Glauben anderer werden.  

Mir sind an diesem Erlebnis des Petrus einige Dinge aufgefallen, die mir nicht fremd sind und die mich deshalb nicht dazu bringen, Petrus meinerseits zu verurteilen, denn auch ich hätte mich so wie Petrus verhalten können! Der Mensch neigt sehr leicht zur Selbstüberschätzung. Der gute Wille mag da sein, aber nicht immer die Besonnenheit und die Kraft, richtig zu handeln. Menschenfurcht oder Gruppenzwang kann eine Schlinge legen, in der man gefangen wird um dann gegen seine ursprüngliche Absicht handelt. Dann versteht man sich selbst nicht und schämt sich. Das alles ist dem Menschen eigen – und Jesus weiß es. Und doch erwartet er Bekennermut von seinen Jüngern.

Jesus hat oft über die Kosten der Nachfolge gesprochen und deutlich gemacht, was er von seinen Nachfolgern erwartet: “Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren. Wer sein Leben aber meinetwegen verliert, wird es finden.” (Mat. 10:39) Damit macht Jesus deutlich, dass man bereit sein muss, für ihn, wenn es sein muss, sein Leben zu geben! Dasselbe wiederholte er in seinen Ermahnungen an seine Versammlung in der Offenbarung: Siebenmal verhieß er den Lohn des ewigen Lebens nur denen, die den Kampf bestehen. Von den Feiglingen heißt es in Offenbarung 20:8, dass sie im zweiten Tod enden werden! (Mit dem Adjektiv “feige” (gr. deilos) ist hier ein Mensch beschrieben, der seine moralische Pflicht, die sich aus der Nachfolge Jesu aufgibt und durch Wort und Tat verleugnet.) Wer also Jesus nachfolgen will, muss mutig sein! Er darf nicht feige zurückweichen! Er muss durch sein Leben zeigen, dass er die Grundsätze seines Glaubens aus der Bergpredigt ausleben will! Das mag der Verstand einsehen, aber sieht es das Herz auch so? 

Wie verleugnet man Jesus?

Was heißt es zurückzuweichen und seine moralische Verantwortung als Christ aufzugeben? Man kann als Christ still und friedlich vor sich hin leben, niemanden etwas Böses antun und fleißig Predigten hören und sich “erbauen” lassen. Aber wie die Wirklichkeit aussieht, ist es zu oft ein Christentum ohne Gewicht. Leider muss ich das so sehen, denn obwohl ein Drittel der Weltbevölkerung sich zum Christentum bekennt, ist der Einfluss auf den unheilvollen Lauf der Dinge verschwindend gering. Das Salz hat seine Kraft verloren und das Licht wurde dunkel (Mat.5:13, 14). Auch auf diese Weise kann man Jesus verleugnen. Man muss kein lautes Lippenbekenntnis vor einer Kirchengemeinde ablegen, um zu sagen, dass man zu Jesus gehört. Über die Zugehörigkeit zu Jesus entscheidet allein das christliche Leben in Glauben, Anständigkeit, Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit. Der wahre Bekennermut besteht ganz einfach darin, einer korrupten Welt die Stirn zu bieten und sich niemals durch Gruppenzwang, Drohungen, Spott, Verfolgung und Todesfurcht erpressen zu lassen. 

Es gibt die unterschiedlichsten Erklärungen zu Bibeltexten, es gibt viel Streit um den “richtigen Glauben”; es gibt unter denen, die sich Christen nennen, Kriege, Hass und Ungerechtigkeit. Es wird offenes Unrecht geduldet, verheimlicht oder abgestritten. Alle Verbrechen, die nach Gottes Urteil den Tod zur Folge haben, werden innerhalb der Christenheit auch verübt! Ich schreibe hier nichts Neues, es ist altbekannt und zeigt mir nur, wie “ernst” das Christentum Jesu genommen wird. Das Christentum ist ein Teil dieser Welt geworden. Man hat sich im Verkehr mit den Mächtigen dieser Welt beschmutzt. Man hat den geraden Weg verlassen und verhöhnt dadurch Jesus Christus. Der Apostel Paulus bringt den Gedanken zum Ausdruck, dass die Christusleugner Jesus Christus erneut umbringen.

Man kann als Christ nur mit dem größten Respekt vor der Gerechtigkeit Gottes leben! Ich lasse noch einmal Jesus zu Wort kommen: “Wenn es um eure Gerechtigkeit nicht viel besser bestellt ist als bei den Gesetzeslehrern und Pharisäern, werdet ihr nie in das Reich kommen, das der Himmel regiert.” (Mat. 5:20) Die Pharisäer und Gesetzeslehrer lehrten angeblich das Wort Gottes, aber sie handelten nicht danach! Durch ihr Handeln haben sie wie viele andere “christliche” Religionsführer Jesus verleugnet. Wer zu feige ist, um solchen “blinden” Führern zu widerstehen und ihnen nicht den Gehorsam verweigert, ist dann auch nicht besser als sie! Und wer weiter denkt, wird feststellen, dass diese Feiglinge deshalb so hart von Gott bestraft werden, weil ihre feige Haltung mit dazu beiträgt, dass das Unrecht ständig blüht und gedeiht, und weil ihnen einfach der Mut fehlt, gegen sich selbst ehrlich zu sein. Eigentlich haben sie gar keinen tragfähigen Glauben, der in der Lage wäre im völligen Vertrauen zu Gott mutig zu sein. Aus Feigheit machen sie mit, denn sie fürchten den Verlust liebgewordener Gewohnheiten, fürchten Menschen mehr als Gott und neigen zu faulen, unehrlichen Kompromissen.

Jesus macht mich mutig, indem er mich Gott “sehen” lässt

Es ist unserem Herrn und König bewusst, wie unser Leben als Christen aussehen kann, wenn wir es in Ernsthaftigkeit leben wollen: “Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe.” Und das hat Folgen! Der Apostel Paulus zählt einiges auf, was das Leben eines Christen beschweren kann. Er selbst konnte auf einem großen Erfahrungsschatz zurückblicken und stellte fest, dass er immer wieder die nötige Kraft und den Mut bekommen hatte in Glaubensprüfungen treu zu bleiben: “Weil wir zu Jesus gehören, werden wir als Lebende ständig dem Tod ausgeliefert, damit sein [Jesu] Leben auch an unserem sterblichen Körper offenbar wird. … Deshalb verlieren wir nicht den Mut. Denn wenn wir auch äußerlich aufgerieben werden, so werden wir doch innerlich jeden Tag erneuert.” (2. Kor. 4:11, 16) Und damit erfüllt Jesus ein Versprechen, das er kurz vor seinem Tod gegeben hatte, als er seine Jünger dem göttlichen Schutz unterstellte und darum bat, dass sie durch Gottes Geist zu Menschen gemacht würden, die durch die Wahrheit ganz zu Gott gehören und so vor dem Bösen bewahrt werden. Er wollte, dass seine Jünger mutig sind und hat durch sein Vorbild gezeigt, wie es geht: “Aber ich bin nicht allein; der Vater ist ja bei mir. Ich habe euch das gesagt, damit ihr in meinem Frieden geborgen seid. In der Welt wird man Druck auf euch ausüben. Aber verliert nicht den Mut! Ich habe die Welt besiegt!” (Joh. 16:32, 33) 

“Aber ich bin nicht allein; der Vater ist ja bei mir.” Das ist es, was ihn mutig machte! Er hatte den Unsichtbaren vor Augen! Und nicht nur das! Aus dieser Wahrnehmung des Allmächtigen erwuchs ihm die Kraft, die Welt durch den Glauben zu besiegen. So ging es vor ihm schon anderen Menschen. Ich darf an Moses, Daniel und David erinnern. Alle  bekamen den Mut und die Kraft zum Glauben von Gott! Und weil sie glaubten, baten sie Gott im Gebet immer wieder um seine Hilfe. Durch ihre Gebete blieben sie mit Gott in Verbindung und bekamen durch die Kraft Gottes den Mut und die moralische Stärke, um standhaft zu bleiben. 

Warum sollte es mit mir anders sein? Denn dafür ist ja Jesus gestorben und auferstanden. Nun bin ich sein Untertan, sein Schaf, sein Bruder. Nun ist Jesus für mich verantwortlich und ich bin geborgen und in der Lage, die Welt durch meinen Glauben zu besiegen!  Aber dieser Schutz, diese Fürsorge sind nicht automatisch für mich da. Ich muss darum bitten, ständig darum kämpfen. Und das meinte Jesus mit seinen Ermahnungen zur geistigen Wachsamkeit: Nur wer bittet empfängt. Darum ist das Erlebnis der Apostel im Garten Gethsemane, als sie immer wieder eingeschlafen waren und nicht beteten, eine Warnung an mich.

Ich war nie ein mutiger Mensch, aber ich bin es in Dingen meines Glaubens geworden. Es war mir möglich, weil ich durch Jesu Wirken Gott “gesehen” habe! Er hat auch an mir wahr gemacht, was er versprochen hatte: “Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden. Niemand außer dem Vater kennt den Sohn wirklich, und niemand kennt den Vater, außer dem Sohn, und denen, welchen der Sohn es offenbaren will.” (Luk. 10:22) So habe ich im Laufe der Jahre mit Jesu Hilfe meinen Vater im Himmel “gesehen” und bin mit ihm vertraut geworden. 

Was mich zu Fall bringen kann

Ich will nicht die Ermahnung vergessen, dass der, der meint zu stehen, aufpassen soll, dass er nicht falle. Selbstüberschätzung kann leicht zu einer großen Schwäche werden und dazu führen, dass man sich eher auf sich selbst verlässt, als auf die Kraft Gottes. So will ich immer wissen, dass auch auf mich zutrifft, was im Psalm 127:1 steht: “Wenn Jehowah das Haus nicht baut, arbeiten die Bauleute vergeblich. Wenn Jehowah die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter umsonst.” Darum will ich verinnerlichen, was Jesus über das Treubleiben und Ausharren sagte: “Wer hören will, achte auf das, was der Geist … sagt. Wer den Kampf besteht, dem wird der zweite Tod nichts anhaben können.” (Off. 2:11)

Bin ich eigentlich davor gefeit, keiner Lüge mehr zum Opfer zu fallen? Bin ich sicher, dass ich nicht mehr durch Propaganda verführt werden kann? Bin ich mir meiner selbst sicher, wenn es um meinen inneren Menschen, um mein Herz geht? Wenn ich ganz ehrlich bin – und soweit kenne ich mich gut genug – dann bin ich gefährdet, dann kann man mich betrügen und verführen. Denn mein Verstand und meine Wahrnehmung sind nicht absolut und vollkommen. Ich kann mich auch selbst verführen, ich kann durch andere verführt werden. Wer bewahrt mich vor einem schlimmen Selbstbetrug? Wer warnt mich rechtzeitig? Wer gibt mir Einsichten in die vielen Gefahren, die auf mich lauern? Wer nimmt mir die Angst vor Menschen? Wer kann verhindern, dass ich mich durch Angst erpressen lasse? Wer sorgt dafür, dass ich in der Sache meines Glaubens und Lebens kein Feigling bin? Wer gibt mir den nötigen Mut, der meine Furcht besiegt?

Ich habe es schon angedeutet: Wenn Gott das Haus nicht baut, dann arbeiten die Bauleute umsonst. Also muss ich um meines Lebens willen den Schutz des Himmels erbitten und annehmen. Dazu würde zuerst einmal gehören, dass ich mich selbst durchschauen kann. Wer mit Gott lebt, erhält seinen Geist. Dieser göttliche Geist gibt mir alles an die Hand, was ich in dieser Hinsicht wissen muss. Und ich kann auch meinen Verstand einsetzen und mein Gewissen sprechen lassen – wenn ich es zulasse: “Der Geist des Menschen ist ein Licht Jehowahs, er durchforscht des Menschen Inneres.” (Spr. 20:27) Ja, ich werde dazu gebracht, mich selbst in bestimmten Situationen zu erkennen. Und dann kommt es darauf an, den Mut zum richtigen Handeln zu haben und diesen Einsichten zu gehorchen. Die in Offenbarung 20:8 erwähnten Feiglinge weichen in der Regel diesen Einsichten aus. 

Allein schon beim ehrlichen Bibellesen finde ich immer wieder Aussagen, die mein Inneres beleuchten und mich befähigen, mich zu beurteilen. Und da kann ich zB. feststellen, dass ich mich selbst zu wichtig nehme. Hiob ist das passiert, und nicht nur ihm. Am Ende sagte er, nachdem er in sich gegangen war: “Siehe! Ich bin von geringer Bedeutung geworden. Was soll ich dir noch sagen?” Dieses Wichtignehmen ist ein menschlicher, allzu menschlicher Zug, aber er kann missbraucht werden, wenn Betrüger merken (und das merken sie rasch), dass Ehre von Menschen mir wichtig sein könnte. Dann bin ich anfällig für Schmeicheleien und Komplimente. Dann fühle ich mich durch falsche Ehre geschmeichelt und erhöht. Und sollte man mir Macht über Menschen verleihen, dann könnte ich in der Lage sein, sie zu missbrauchen und immer wieder meine  eigene Ehre und meinen Vorteil zu suchen. 

So gibt es viele Gefahren, in denen der schwache, anfällige Mensch zu Fall kommen kann und dann Jesus verleugnet oder feige von ihm zurückweicht. Ich möchter noch einmal auf Petrus zurückkommen. Er hat den Herrn Jesus zwar verleugnet, aber er wird dafür nicht mit dem Tod im Feuersee bestraft! Warum nicht? Weil er seinen Glauben nicht verloren hat. Er ist als Mensch gestrauchelt.. Er war nicht berechnend und falsch. Er war kein Betrüger und feiger Lügner! Er war kein Heuchler, der seine moralische Haltung nur vordergründig zur Schau stellte, um die Umgebung zu täuschen. Nein, Petrus war von diesen Dingen frei. Seine Schwäche war die Menschenfurcht und die Angst davor, was andere über ihn denken könnten, Aber durch seine Erfahrungen mit sich selbst und unter dem Einfluss des heiligen Geistes hat er diese Furcht besiegt. So erkenne ich an Petrus, dass auch er nicht verlassen worden ist, sondern einen gütigen Helfer hatte, der ihn immer wieder auf den rechten Weg gebracht hat.

Oblomowa

Oder: Die Macht der Feigheit

Irgendwo am Ende der Welt, wo Gestern und Morgen  zusammenstoßen und die Zeit, die böse Zeit, die alles verändern will, stehen geblieben ist, liegt ein Ort, der für viele Menschen ein Sehnsuchtsort ist, eine geistige Heimat: Oblomowa. 

In Oblomowa stehen scheinbar alle Uhren still. Das Leben geht unmerklich seinen Gang, langsam, unaufgeregt, ohne böse Überraschungen und ohne krasse Übergänge. Dieses Leben wird weder von Zweifeln noch von inneren Unruhen gestört. Es ist ein berechenbares, klar zu überblickendes Leben. Alles hat hier seinen unveränderlichen Platz, alles hat seine Ordnung und für alles, was unvorhergesehen geschieht, gibt es zufriedenstellende Erklärungen. Man muss in Oblomowa nicht selbst nachdenken. Für alle Probleme gibt es eine vorfabrizierte Lösung, die nur die Führung weiß, auf die man sich blind verlässt. Die Führung garantiert Stabilität. Sie ist über jeden Zweifel erhaben. Sie strahlt Stärke und Entschlossenheit aus. Sie flößt Vertrauen ein. Die Leute von Oblomowa wünschen sich in der Tiefe ihres Herzens eine Führung, die ihnen in einer unsicheren Welt Sicherheit und  Halt garantiert. Wer sollte es sonst tun? 

Denn die Bürger von Oblomowa sind süchtig nach innerer Harmonie, nach Wohlbefinden, Ruhe und nochmals Ruhe, und sei es auch nur eine scheinbare. Darum haben sie sich angewöhnt, alle beunruhigenden Fragen nicht zu stellen. In ihre friedliche kleine Innenwelt  lassen sie keinen kalten Luftzug hinein. Sie haben eine panische Furcht sich zu erkälten. Alles, was ihren inneren Frieden stören könnte, wird ausgeblendet oder abgewehrt. Die außerhalb von Oblomowa liegende Welt ist für sie zu kompliziert und darum feindliches Ausland. Und sollte doch einmal ein kühler Luftzug ihre schwarz-weiße Weltsicht verändern und stören wollen, dann erklären sie ihn schnell zur Täuschung oder zum Irrtum. So haben sie sich eine Rüstung angezogen, die alles abwehrt, was ihr Weltbild beschädigen und  ihrer Sucht nach innerer Harmonie und Sicherheit im Wege stehen könnte.

Sie wollen die “Welt da draußen” nicht. Sie ist ihnen unheimlich und bedrohlich. Darum leiden sie an Heimweh und sind Nostalgiker. Sie suchen immer das idealisierte Reine, Edle und Gerechte, das ihren Vorstellungen entspricht. Ihr Weltbild ist so stark vereinfacht, dass es schon einen Märchenglanz hat. Und sind bereit, einen hohen Preis dafür zu bezahlen. Sie bezahlen mit Gedankenlosigkeit und Realitätsverlust, mit Leichtgläubigkeit und Denkschlamperei. Die “Welt da draußen” betrachten sie als feindlich und sie sind empfänglich für Feindbilder, die man ihnen einredet. Sie glauben das und geben die Schuld am eigenen Versagen gerne anderen. Wer nicht so denkt wie sie, ist ein Mensch, der unter allen Umständen zu meiden ist. 

Haben die Leute von Oblomowa eine Religion, etwas Spirituelles? Das muss man sich schon fragen, denn genau zu erkennen ist es nicht, wenn man das Formelle einer Glaubensgemeinschaft, der die meisten ja angehören, außer acht lässt und sich fragt, wie es mit den guten Früchten aussieht. Es scheint damit nicht weit her zu sein, wenn man sich die Welt ansieht, die ja auch von den Leuten aus Oblomowa mitgestaltet wird. So wie die Welt sich darstellt, kann man nicht davon ausgehen, dass sie von unveränderlichen moralischen Gesetzen geleitet wird. Aber daran sind ja – so sagt man in Oblomowa – die anderen schuld. 

Zum Traum von Oblomowa gehört auch die Sucht nach eigener Größe und Bedeutung. Und weil die meisten Träumer selbst nicht groß und bedeutend sind, soll es der Fußballklub, der Kegelverein, die eigene Familie, die eigene Stadt oder das eigene Land sein. Diese Sehnsucht wird gerne von Populisten bedient: Sie versprechen lautstark und großmäulig die eigene Gemeinschaft, die eigene Kirche und das eigene Land groß und größer zu machen, wenn man sie nur an die Macht ließe. Sie versprechen es mit einfachen, klaren und tausendfach wiederholten Sätzen, die so einfach sind, dass sie jedes schwache Gehirn verstehen und jedes verirrte Herz glauben kann. Und man vergisst gerne, dass man solche Parolen scho zu oft gehört hat und dass sie nicht in Erfüllung gingen. Und auch dies gehört zum Leben in Oblomowa dazu: Der unerschütterliche Glaube, dass es diesmal wirklich besser werde: “Einmal muss es doch sein!”

Wo ist Oblomowa? Dieser schöne, ruhige und friedliche Ort, dieses geistige Paradies, kann überall sein. Überall? Wie kann das sein? Doch, es kann überall sein, weil jeder Mensch sich dieses Paradies selbst schaffen kann, wenn ihm die Friedhofsruhe lieber ist, als der lärmende Marktplatz, wenn er dem Leben nicht gewachsen ist und er zu diesem Ort der seligen Ruhe flüchten will. Er muss dazu nur sein Gewissen abschalten, seine Augen schließen, seine Ohren verstopfen und nur das in seinen Kopf hineinlassen, was die Führung sagt. Er muss sich in einen Kokon einspinnen und nur fest daran glauben, dass die Führung eine höhere “Natur” hat als der Durchschnittsmensch, über besondere Fähigkeiten verfügt  und genau weiß, wo die Reise hingehen soll. Der Leitspruch der Leute von Oblomowa lautet: “Vertraue nur der Führung und nicht deinem eigenen Verstand!”

Oblomowa ist leider eine Realität. Die Leute von Oblomowa sind überall zu finden. In allen religiösen, esoterischen, wirtschaftlichen und politischen Gemeinschaften finden sie sich. Doch diese scheinbar so unerschütterbaren Menschen, die so versessen sind auf ein angenehmes Leben der  Ruhe und der Häkeldeckchen, sind für sich allein vielleicht harmlos. Aber! Sie machen Diktaturen, Terror, Kriege, Ausbeutung, Kriminalität und Völkermorden möglich, weil die Harmoniesucht sie erpressbar macht, weil ihre Feigheit sie lähmt, weil Angst  vor der Macht der Führung sie beherrscht. So sind sie relativ leicht und in großer Zahl als Mittäter an Verbrechen zu gewinnen. Gewaltherrscher, Diktatoren und Populisten sehen hier ihre Chance ganz nach oben zu schwimmen.  Und noch eine tief verwurzelte Angst beherrscht sie: Es ist die Angst, plötzlich das eigene Weltbild zu verlieren. Darum verteidigen sie es mit dem Wort: “Das ist die Wahrheit! Es gibt keine andere!”

Auch wenn sie zur Nacht beten “Ich bin klein, mein Herz ist rein,…” oder sich selbst sagen, dass sie nichts falsch gemacht haben und mit dieser “Schlafpille” zur Ruhe gehen, werden sie doch ganz böse erwachen.

Nachtgedanken

…. warum habe ich mein Menschentum bewahren können?

Seit ein paar Tagen hat das alte Grauen einen neuen, zusätzlichen Namen: Butscha in der Ukraine. Zu den vielen Namen aus der Vergangenheit, die alle für das entsetzliche und grauenvolle Verbrechen des Menschen am Mitmenschen stehen, kam ein neuer hinzu. Und es wird nicht der letzte sein. Über die ganze Welt ziehen sich die Namen der Entsetzensorte, und die Menschheit wird des sinnlosen Abschlachtens von Menschen nicht müde, bekommt nicht genug von Morden, Folter, Vergewaltigung Raub und Krieg. 

Ich sehe an diesen Orten junge Männer, kaum lebenserfahren und eigentlich noch halbe Kinder. Und doch sind sie schwerster Verbrechen fähig? Das ist beinahe unglaublich und lässt darauf schließen, dass alles Menschliche in ihnen verschüttet ist. Wie kommt es dazu? Und was mich noch mehr interessiert: Wie steht es mit mir? Warum bin ich nicht so verroht?

Ich meine ein Christ zu sein. Aber wie stark ist der Firnis auf der Oberfläche? Lauert nicht auch in mir ein Abgrund unter der Oberfläche? Wäre ich unter Druck und Menschenfurcht, unter böser Propaganda und gewissenlosen Leuten nicht in der gleichen Lage wie die jungen Mörder?  Das könnte sein. Aber was hat mich daran gehindert, so zu werden, dass ich für die bösen Pläne der Herrschenden brauchbar wäre? Was hat bisher verhindert, dass ich meine Menschlichkeit, meine Liebe und meine Ehrlichkeit nicht verloren hätte? Warum war ich bisher mutig genug, “Nein!” zu sagen? Was hat mich bisher davor bewahrt, durch mich selbst und andere verführt zu werden? 

Im Hinblick auf den Krieg wurde in meiner frühen Kindheit eine Weiche gestellt: Im dritten Lebensjahr hatte ich als Zuschauer ein Kriegserlebnis, dass sich meinem Bewusstsein eingebrannt hat. Dieses Bild, dessen Bedeutung ich etwas später verstand, beeindruckte mich so tief, dass ich schon als Kind beschloss, nie an einem Krieg teilzunehmen. Aber es war nicht nur das schreckliche Bild, das mich daran hinderte zu verrohen, aber damit scheint es begonnen zu haben. 

Wenn ich über mich nachdenke, dann muss es an meinem Glauben liegen. Aber was ist Glaube? Ich stellte mir diese Frage, um festzustellen, worauf es für mich  ankommt, wenn ich sage: “Ich glaube an Gott!” Bibelkundige Menschen zitieren dabei gerne aus dem Hebräerbrief, Kapitel 11:1, wo gesagt wird, dass Glaube ein Überzeugtsein von Wirklichkeiten ist, die man nicht sieht. 

Es geht also um Wirklichkeiten, die man nicht sieht. Aber was sind Wirklichkeiten für uns Menschen? Ist der Mensch nicht in der Lage, sich alles einzubilden und dies für Wirklichkeiten zu halten? Ist der Glaube allein über die “unsichtbaren Wirklichkeiten”  schon definiert? Es kommt ja wohl darauf an, was man als Wirklichkeit anerkennt.

Ich bin auf die seltsamsten und auch furchtbarsten Glaubensvorstellungen gestoßen die von denen, die sie praktizierten als Wirklichkeiten gesehen worden sind. Und aus der Geschichte ist mir bekannt, wie in südamerikanischen Hochkulturen mit ihrer Sonnenanbetung die “Wirklichkeit” ausgesehen hat. Man glaubte, dass die Götter nur dann eine gute Ernte gewähren würden, wenn man ihnen blutige Menschenopfer brachte. Opfer waren zumeist Kriegsgefangene. Man zog also gegen die Nachbarn in den Krieg, um seinen Göttern opfern zu können, damit sie im Tausch eine gute Ernte gaben. Hier ist durch die Religion das grausame, menschenverachtende Opfern “geheiligt” worden! Etwas ähnliches findet man bei den Juden des Alten Testaments. Der Prophet Hesekiel berichtet:

“Ja, dadurch, dass ihr ihnen eure Gaben bringt und eure Kinder als Opfer verbrennt, besudelt ihr euch an euren Scheusalen. Und da soll ich mich von euch befragen lassen, ihr Israeliten? So wahr ich lebe, spricht Jehowah, der Herr: ‘Von mir bekommt ihr keine Auskunft!’” (Hes. 20:37)

Sie hatten also eine Form der Gottergebenheit, aber sie war ohne gute Frucht. Bei Jesaja und Jeremia wird uns berichtet, wie sie im Tempel zu Jerusalem die täglichen Opfer brachten, die Reinheitsgebote einhielten, kurz, der Form genügten. Aber was hatte dies mit Glauben zu tun? Gewiss, von dem was sie sich einbildeten, waren sie überzeugt und meinten, es mit der Wirklichkeit zu tun zu haben. Ob das aber vor ihrem Gewissen und vor der Vernunft bestehen konnte, ist eine ganz andere Frage. Gott jedenfalls handelte und – lieferte sie ihren eigenen Gedanken aus: 

“Da lieferte ich sie Ordnungen aus, die es ihnen unmöglich machten, am Leben zu bleiben!” (Hes. 20:37)

“Und weil sie es nicht für gut hielten, Gott anzuerkennen, lieferte sie Gott einem verworfenen Denken aus, so dass sie tun, was man nicht tun darf.” (Rö.1:28)

Unsere Taten entsprechen unserem Denken; böse Gedanken  können böse Taten zur Folge haben. Im Zitat aus dem Brief an die Römer steckt der Gedanke, dass Gott die Menschen, die sich nicht an seine Gebote halten wollen, einem verworfenen Denken ausliefert, das dann zu schlechten Taten führt. Wenn es so ist, dass Gott sie “ausliefert”, dann kann das auch bedeuten, dass er jene, die seine Gebote halten wollen, dabei unterstützt! Denn um ein gutes und gerechtes Gebot halten zu können, bedarf es mehr als es nur zu wissen. 

Der Grund dafür, dass Gott sie ihrem verworfenen Denken auslieferte, wird auch genannt:

“Trotz allem, was sie von Gott wussten, ehrten sie ihn nicht als Gott und brachten ihm keinerlei Dank. Stattdessen verloren sich ihre Gedanken im Nichts und in ihren uneinsichtigen Herzen wurde es finster.” (Rö. 1:21)

Sie hatten also kein gutes Verhältnis zu Gott! Sie kannten ihren eigentlichen Vater im Himmel nicht. Sie kannten ihn nicht, weil sie ihn nicht kennen wollten, weil sie seine Stimme, die jeder Mensch in sich “hören” kann, ignorierten. Mindestens ihr Gewissen hätte sie warnen und leiten können, denn dazu hat der Mensch es von Gott bekommen. 

Beschützt Gott also mein Denken? Und bewahrt er dadurch mich? Ich sinne schon lange darüber nach und komme zu keinem anderen Schluss: Seit ich angefangen habe Gott zu vertrauen, weiß ich sicher, dass mein Denken und Fühlen von ihm überwacht wird. Zu oft habe ich bemerkt, dass ich im Wirrsal meiner Empfindungen, Irrtümer und Gedanken einen Wegweiser hatte. Und wie viele falsche und gefährliche Ideen sind auf mich eingedrungen? Ich will ja nicht vergessen, dass diese Welt Gott nicht kennt und sich mit wichtigtuerischer Propaganda rechtfertigen will. Alles schreit: “Es gibt keinen Gott! Du bist frei! Du musst dich nicht vor Gott verantworten!”  Warum bin ich nicht ein Opfer dieser teuflischen Propaganda geworden?

Und nicht nur die innere Stimme warnte mich! Ich habe auch die Kraft und den Mut bekommen, dieser inneren Stimme zu folgen und der gottfeindlichen Propaganda zu widerstehen, indem ich mich durch Gottes Geist leiten ließ.

Ich muss dieses liebevolle Handeln Gottes mit mir als Gnade ansehen. Es ist nicht mein Verdienst; es ist nicht, weil ich ein guter Mensch bin, sondern weil Gott Liebe und Barmherzigkeit ist! Und in  seiner Liebe ist er auf der Suche nach Menschen, die ihn suchen. Und hat er sie gefunden, dann schenkt er  ihnen seine Gnade, weil er das Gute in ihnen wachsen lassen will. Er hilft ihnen, sein heiliges Gesetz zu verstehen (Ps. 119:34: “Gib mir Verstand für dein Gesetz, ich will es entschieden befolgen.”) Und damit fördert er alles, was gut, gerecht und liebenswert ist, alles, was wahr ist und dem wahren Leben dient. Dazu gibt Gott seinen Kindern die Kraft zum Guten, seinen Schutz und eine ganz enge, persönliche Beziehung, sodass sie aufrichtig “Vater” zu ihm sagen können. Weil sie seine Kinder sind, gibt er ihnen Glauben, Hoffnung, Liebe und Barmherzigkeit. Er rüstet sie aus für ein Leben als Schafe unter Wölfen. 

Der ganze 119. Psalm handelt vom Ringen eines Menschen um ein gutes, friedliches Verhältnis zum Schöpfer. Der Betende betont immer wieder, dass er das göttliche Gesetz über alles liebt, dass er seinen Wert kennt und weiß, dass es ewiges Leben für den bedeutet, der sich ihm verpflichtet fühlt. Diese Gesetzestreue verlangt von ihm, Gott zu kennen, ihn zu lieben und zu respektieren. Sein Gottesdienst ist keine leere Zeremonie, kein Ritus, keine Pflichtübung. Es ist das verantwortungsvolle Leben in enger Verbindung mit Gott. Aus vielen Versen erfährt der Leser, mit welchen Problemen und Gefahren der Betende es zu tun hatte. Und immer wieder betont er, dass ohne die aktive Hilfe Gottes gar nichts möglich ist. Aufschlussreich sind die abschließenden Worte des Psalms, die diese Abhängigkeit von Gott deutlich machen:

“Meine Seele soll leben und dich loben! Deine Bestimmungen sollen mir helfen! Ich bin umhergeirrt wie ein verlorenes Schaf. Suche deinen Knecht! Denn deine Gebote habe ich nicht vergessen.”

In seiner Weisheit hat Gott seinen Sohn Jesus Christus ausdrücklich als Hirten seiner Schafe eingesetzt. Und Jesus betonte, dass niemand in der Lage sei, sie aus seiner Hand zu reißen! Keines seiner Schafe soll verloren gehen, denn sie sind in seinen Augen kostbar. Er tritt für sie ein, er beschützt ihr Leben und sorgt dafür, dass ihre Liebe nicht erkaltet und der Glaube nicht stirbt, obwohl all dies in dieser Welt eigentlich keine Heimat hat. Und damit habe ich für mich die Frage beantwortet, warum ich glauben darf und so kein Teil dieser verfluchten Welt bin.

Ich will mich gewiss nicht über andere Menschen stellen, wenn ich anerkenne, dass ich von Gott durch seinen Sohn auf einem sehr guten Weg geführt werde. Ich gehe ihn mit Freude! Ich bin dankbar und erhebe meinen himmlischen Vater im Herzen. Ich will ihn ehren, indem ich seine Hilfe immer wieder in Anspruch nehme, indem ich versuche, Recht zu üben, Güte zu lieben und bescheiden mit ihm zu leben (Micha 6:8)!