Der König mit der Dornenkrone

oder:

Der Sieg der Sanftmut

Er sah unter sich die vielen Gesichter der Menge, die dem schrecklichen Schauspiel seiner Hinrichtung beiwohnte. Er blickte in Menschen, die von unterschiedlichsten Gefühlen beherrscht waren: Mitfühlende, Verachtende, Spötter, Enttäuschte, Hassende und Gleichgültige. Vor wenigen Stunden noch hatte die Masse lautstark seinen Tod gefordert, weil sie von den religiösen Führern aufgehetzt worden war. Er hatte noch die “Barrabas”-Schreie im Ohr und musste neuen Spott und Hohn ertragen. Er litt unsäglich. Er litt für diese  Menschen? Ja, für sie!

Fühlte er Rachegedanken, als er den Spott des dummen Pöbels hörte? Plante er Vergeltung für das Unrecht, das man ihm antat? Was beherrschte ihn jetzt? Eines wusste er: Es war der Wille seines Vaters den er hier geschehen lassen wollte, denn er hatte eine glasklare Vorstellung von dem, was ihm widerfuhr und von dem Ziel, das erreicht werden sollte. So ging er diesen Weg aus tiefster Überzeugung. Er war bereit für die Sündenlast einer ganzen Welt die Strafe auf sich zu nehmen. Er hätte es ablehnen können, aber die Liebe zu seinem Vater und den Menschen war stark! Und das tiefe Mitgefühl für ihre ausweglose Lage trieben ihn an, sich dem Tod auszuliefern. Sein Verhalten war Sanftmut, die Stärke und die Macht des wahrhaft Glaubenden. Der König mit der Dornenkrone verhielt sich tatsächlich wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wurde (Jes. 53:7).

Tage zuvor hatte er über Jerusalem geweint und ihren Bewohnern den Untergang ihrer Stadt und ihrer Nation angekündigt, weil sie ihn, Gottes Sohn und Retter, abgelehnt hatten. Und gerade für solche Menschen hatte er den grausamen Tod auf sich genommen? Waren sie es denn überhaupt wert?

“Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” MIt dieser Bitte legte er noch ein gutes Wort für sie ein. Er wusste, dass sie wankelmütig waren, irregeführt und eingeschüchtert, wenn auch nicht ohne Schuld und Verantwortung. 

Er war sich über die menschliche Natur durchaus im Klaren, und wenn er den Tod anstelle der Sünder auf sich genommen hat, dann in der Überzeugung, dass es viele Menschen geben würde, die durch seine Sanftmut und Liebe überzeugt werden und zu ihm kommen würden, um in seinem Reich als Sanftmütige zu leben.

Während seines Wirkens in Israel hat er immer wieder jene Menschen im Blick gehabt, die sanftmütig seine Einladung annehmen würden:

“Kommt alle zu mir, die ihr geplagt und mit Lasten beschwert seid! Bei mir erholt ihr euch. Unterstellt euch mir und lernt von mir! Denn ich bin von Herzen zum Dienen bereit. Dann kommt Ruhe in euer Leben. Denn mein Joch trägt sich gut und meine Last ist leicht.” (Mat. 11:28-30)

“Glückselig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen.”

Diese Segensverheißung aus der Bergpredigt Jesu gilt allen seinen Jüngern. Denn der König hat ein Reich gegründet, das nur für Sanftmütige da sein wird. Das sind seine wahren Geschwister; mit ihnen kann er umgehen, denn sie lassen sich von ihm leiten und ins ewige Leben führen.

Aus dem 45. Psalm möchte ich eine Passage zitieren, die als prophetische Vorschau keinen Zweifel an den Absichten des Königs lässt:

“Deiner Herrlichkeit wird es gelingen. Zieh aus für die Sache der Wahrheit, für Sanftmut und Gerechtigkeit! 

Furchterregende Taten vollbringe dein mächtiger Arm! Deine Pfeile sind scharf. Unterwirf dir die Völker, triff deine Feinde mitten ins Herz! 

Gott, dein Thron, hat für immer Bestand! Dein Zepter ist Gerechtigkeit. Du liebst das Recht und hasst Gottlosigkeit.” 

Was zeichnet Sanftmütige aus? Was macht sie für Jesus so anziehend? Es ist ihre charakterliche Grundhaltung, die keine Gewalt gegen andere zuläßt, die aktiv das Gute fördert und den ganzen Menschen in Zaum hält. Es ist ein moralischer Grundbestand des Menschen, das Menschliche schlechthin, das bei ihnen absolutes Gewicht besitzt. So bildet die Sanftmut den Gegensatz  zu Gewalttätigkeit, Rücksichtslosigkeit, Habgier, Zorn und Egoismus. 

Es sind Menschen, die Jesus gern als Schafe seiner Herde beschrieben hat. Der sanftmütige König will auch sanftmütige Untertanen haben. Damit stellt er eine Charaktereigenschaft ins Zentrum, die in dieser Welt  nur eine Nebenrolle spielt. Denn unsere Geschichte ist ein einziges Blutbad, das durch Gewalt, Raubgier und Hass angerichtet worden ist. Die Helden dieser Welt waren und sind fast allesamt Haudraufs, Räuber und Mörder. Aber Jesus erklärt die Sanftmütigen zu den wahren Siegern: Ihnen allein wird die Zukunft gehören!  

Der Glaube siegt durch Sanftmut!  Durch die Sanftmut des Königs wird das Böse in seinen Untertanen schließlich bezwungen, denn sie spricht das Herz an, erobert es und beherrscht es. Der König der Sanftmut überzeugt seine Untertanen nicht durch Gewalt, wie es manche Religionen getan haben und noch tun wollen. Er erobert Herzen und “besiegt” sie auf sanfte Art und Weise mit LIEBE und EINSICHT. Er will Untertanen, die aus der Finsternis und aus der Sinnlosigkeit des “normalen” Lebens aufgeschreckt sind und zu sich selbst und zu Gott gefunden haben. Er will über Menschen regieren, die durch ihre Sanftmut willig lenkbar sind, denn nur dann kann er “sie zu Wasserquellen des Lebens führen” (Off. 7:17). 

Die Sanftmütigen passen nicht in diese Welt! Sie sind  Fremde in dieser Weltzeit; sie haben sich innerlich zurückgezogen und wollen das falsche Denken und Handeln nicht pflegen, das so viele Menschen leitet. Allein schon das Befolgen einer einfachen Regel, die Jesus aufstellte, macht sie zu Außenseitern: 

“Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie!” (Mat. 7:12)

Gerade wer das ausleben will, darf sich nicht zu wichtig nehmen, er muss den Nächsten sogar höher achten, als sich selbst. Auch wenn die Allgemeinheit diesem Gesetz nicht folgt, bleibt es doch das Grundgesetz im Reich des Königs der Sanftmütigen. 

Wir sprechen so oft von der “Ellenbogengesellschaft”, beklagen den rüden Egoismus und fühlen uns bedroht durch diese Mentalität. Und wie wohltuend ist es, auf einen Menschen zu stoßen, der anders ist, der uns freundlich und respektvoll behandelt und uns als Mitmensch wahrnimmt. Und wie selten fällt uns das auf! Sehnsüchtig verlangend wünschen wir: ”Ach, wenn doch alle so wären! Wie schön könnte das Leben sein.”

Kann man sich vorstellen, dass die Untertanen dieses Königs in den Krieg gegen andere Völker ziehen? Ist es denkbar, dass sie andere gewissenlos ausbeuten, sich an ihnen bereichern, ausrauben und betrügen? Ist es vorstellbar, dass sie Macht über andere ausüben wollen, um sie für eigene Zwecke zu missbrauchen? Würde man sie unter all den Treulosen, den Ehebrechern, den Habgierigen, den Lügnern und Dieben finden, von denen jeden Tag berichtet wird und die nicht auf den Gedanken kommen sich zu fragen: Was habe ich da getan?

Die Sanftmütigen sind kein Teil dieser vom Bösen beherrschten Welt. Sie haben Besseres erfahren und wissen um die Macht der Liebe. Sie verachten alles, was dieser Liebe Gewalt antut, denn sie kennen Gott, ihren Vater im Himmel. Sie lassen zu, dass das typisch Menschliche in ihnen wachsen kann und wirksam wird. Deswegen können sie in dieser Welt nicht wirklich zu Hause sein. Sie habe ihre Verantwortung vor Gott erkannt und gehen darum nicht mit der Masse.

Warum sind die Menschen so roh? Könnte es ein, dass die meisten vergessen haben, dass sie Menschen sind, weil ihnen das wirkliche Leben fremd ist? Haben sie vergessen, dass sie Brüder und Schwestern sind, die füreinander verantwortlich sein müssen, damit das Fest des Lebens überhaupt gefeiert werden kann? Könnte es sein, dass sie ebenso unempfänglich für die Worte Jesu sind, wie seine Zeitgenossen, die seinem Sterben ungerührt zusahen?  Wenn das zutrifft, dann hat er auch über sie geweint! 

Aber er hat auch viele Menschen zu sich gezogen, die ganz anders empfinden und denken: Sie sind seine Untertanen, seine sanftmütigen Schafe, seine Brüder und Schwestern. Sie sehnen sich nach seiner Friedensherrschaft und versuchen so zu leben, als seien sie schon in seinem Reich. 

Sanftmut ist die Stärke der Klugen Sanftmütige müssen mutig sein; sie sind aufgefordert, dem König mit der Dornenkrone ähnlich zu werden, denn er hat für seine Feinde gebetet, ist auch für sie gestorben, um ihnen zu helfen, selbst seine Untertanen zu werden. Seine Sanftmut hat viele dazu gebracht, ihr Herz für andere Menschen zu öffnen, mitzufühlen und entsprechend zu handeln. Nur dadurch haben sie sich als Brüder und Schwestern Jesu zu erkennen gegeben, indem sie ihren Egoismus durch die Klugheit des Glaubens besiegt und das Wohl des Mitmenschen im Blick haben. Es geht nicht um ein Lippenbekenntnis für Jesus, sondern um eine Lebensweise, die dem Verhalten des Königs entspricht. Der Geist Gottes hat ihre Augen des Herzens geöffnet und sie einsehen lassen, dass ein Mensch nur mit Gott, aber nicht gegen ihn leben kann! 

Aus Wölfen müssen Lämmer werden – Die Siegesmacht des Glaubens Die Propheten haben es schon gesagt: Im Reich des Friedens werden nur Menschen sein, die “ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Rebmessern geschmiedet haben”. Von ihnen heißt es, dass “sie den Krieg nicht mehr lernen”. Hier im Reich des Königs mit der Dornenkrone werden raubgierige Wölfe zu sanften Lämmern. Das erleben Menschen, die sich auf den sanftmütigen König eingelassen, heute schon, wenn sie ihre alten Verhaltensweisen abgelegt haben und neue Menschen geworden sind. Sie erleben an sich selbst die Wirkung einer starken Macht, die imstande ist, das Böse zu besiegen: Das ist die Siegesmacht des Glaubens!

Diese Siegesmacht hat bisher alles überstanden, was ihr eine böse Welt an Widerstand entgegenzusetzen versuchte. Sanft und stark hat sie gesiegt. Viele Ordnungen und Reiche sind vergangen; Völker sind verschwunden und großartige Kulturen untergegangen, aber der Glaube an den Vater aller im Himmel hat in einzelnen Menschen überlebt. Zu Hause ist dieser Glaube in schwachen Menschen, denen Gott seine LIebe geschenkt und die er der Herrschaft seines Sohnes anvertraut hat. Ihnen gelten alle Glücklichpreisungen der Bergpredigt; an ihnen und durch sie erfüllen sie sich. 

Die Glücklichpreisungen erfüllen sich für  Sanftmütige Diese Glücklichpreisungen können sich nur an Sanftmütigen erfüllen, denn um “arm vor Gott” zu sein, friedfertig, barmherzig und reinen Herzens zu sein, muss man zuerst sanft sein. Man muss sanftmütig sein, um den Hunger nach Gerechtigkeit zu fühlen und die Trauer über die schlechte menschliche Wirklichkeit zu spüren. Man muss die Einpflanzung des Wortes Gottes, das zu retten vermag, mit Sanftmut annehmen (Jak. 1:21), denn nur Sanftmütige lassen sich von Gott etwas sagen und ändern ihr Leben. Darauf läuft am Ende alles hinaus, denn der König der Sanftmütigen will nur solche Untertanen haben:

“Denn dann entferne ich aus dir deine hochmütigen Prahler. Dann wird es auf meinem heiligen Berg keine Überheblichen mehr geben. Übrig lasse in dir ein demütiges und armes Volk, das seine Zuflucht sucht beim Namen Jehowahs; den Rest von Israel, Menschen, die kein Unrecht tun und nicht mehr lügen werden. Sie wollen nichts mehr wissen von Betrug, sondern wie eine Herde weiden und lagern, und niemand scheucht sie auf.” (Zeph. 3:11-13)

Was der Prophet hier beschrieben hat, war auch auf die Rückkehr der Juden aus der Gefangenschaft gemünzt, aber es wäre zu einfach, es nur darauf zu beziehen. Denn der Kontext spricht von Völkern, aus denen Gottes Anbeter gesammelt werden und er öffnet den Blick auf etwas Großes, das dann eintreten wird, wenn Gottes Zorn an den Völkern der Welt  das Urteil vollstreckt hat (Zeph. 3:8-10). 

Für den König mit der Dornenkrone muss es ein Fest sein, seine sanftmütigen Untertanen dahin zu lenken, dass eines Tages der allmächtige Schöpfer für sie das Ein und Alles wird. Erst dann ist die Geschichte am Ziel.

Nachtrag zu „Wachsen und Werden“

In “Wachsen und Werden” habe ich beschrieben, wie ein Mensch unter der Wirkung des Geistes Gottes ein neuer Mensch werden kann und dadurch aus dem allgemeinen Taumel der moralischen Verwahrlosung ausscheidet. Ich wollte damit auch zum Ausdruck bringen, dass ein Mensch nicht bleiben muss, was er schlechterdings ist: böse und uneinsichtig, erbarmungslos und hartherzig. 

Beim Lesen der Geschichte des Warschauer Ghettos stieß ich auf Bilder, die ich schon als 12-jähriger gezeigt bekommen habe. (Jeder kann sie sich im Internet ansehen z. B. “Bilder aus dem Warschauer Ghetto”.) Diese Bilder! Sie beeindruckten mich damals. Ich verurteilte das Gezeigte, aber ich konnte damals noch nicht darüber weinen. Ich verstand das Geschehene nicht.

Heute kann ich mich in einzelne Menschen auf den Bildern hineinversetzen. Da sehe ich  ein Kind in Lumpen auf dem winterkalten Straßenpflaster liegen, zusammen gekrümmt und die Augen halb geöffnet. Und ich denke: “Hier liege ich und kann nicht mehr schreien, ich kann nicht mehr weinen, denn ich habe keine Tränen mehr!”

Und ich sehe einen Mann mit abgemagerten Gesicht, der mit seinen großen Augen in die Kamera schaut und eine ergreifende Traurigkeit ausstrahlt. Wieviel menschliche Würde spricht er selbst im Angesicht des Todes aus! Und ich denke: “Ach, mein Menschenbruder! Wie gern würde ich dich in den Arm nehmen und dich trösten wollen!  Und ich wäre zu mehr bereit.”

Und dann ist unter den vielen Bildern ein alter Mann zu sehen, der auf dem Straßenpflaster liegt und vergeblich versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Völlig entkräftet wird er kurze Zeit später wohl aufgegeben haben. Und sollte ihm jemand geholfen haben, dann wird er in Treblinka sein Leben im Gas ausgehaucht haben. Ein mir völlig unbekannter alter Mann – und ich erahne nur, was er durchmachen musste, denn  ich kann seine Hoffnungslosigkeit fühlen, sein Verlassensein und sein Verzweifeln. Aber welche Würde, welche Menschenwürde, strahlt er noch für mich aus! Gerade durch seine Hilflosigkeit kommt mir sein Menschentum zum Bewusstsein. Solchen gequälten Menschen gehört mein Mitgefühl, denn ich weiß, dass auch ich an ihrer Stelle hätte sein können. Aber ich hätte nicht  als gewissenloser Täter auftreten können.

Ich frage mich: “Was waren das für Menschen, die euch alle kalt ermordeten, die so taten, als ginge es um Rübenziehen oder Kartenspielen?” Ich habe auch eine Fotografie des Generals, der das Ghetto räumen und niederlegen ließ und stolz verkündete: “Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk mehr in Warschau!” Jürgen Stroop. Sollte man diesen Namen überhaupt nennen? Die Namen seiner Opfer sind meist unbekannt. Aber ich finde, dass es gut ist, wenn das Böse einen Namen hat, wenn man weiß, wer das Morden befahl, auch wenn man nicht die Namen seiner vielen Helfer kennt, die danach unbehelligt weiter lebten, als wäre nichts geschehen. Diese vielen Täter sind ein Beispiel für die Zermenschlichung, die ihnen selbst widerfahren ist, weil sie sich gedanken- und gewissenlos einem satanischen Einfluss ausgeliefert hatten. Gehorsam, feige und kalt versuchten sie auch noch durch ihren täglichen Terror den Opfern jede Menschlichkeit zu rauben. Aber es gelang ihnen nicht. Die auf uns gekommenen Bilder beweisen es und stehen als ewige Anklage da.

Unter den vielen Bildern sind auch Menschen zu sehen, die den Mut und die menschliche Größe besaßen sich für viele Opfer einzusetzen um sie zu retten. Oft genug wurden sie selbst zu Opfern der Ungeheuer. Aber das schien für sie keine besondere Rolle gespielt zu haben. Ich verneige mich in Gedanken vor diesen großartigen Menschen, die der Barbarei die Stirn boten und bewiesen, dass ein Mensch anders und besser sein kann als die vielen Bestien!

Nun  denke ich, dass das Verbrechen an den Menschen im  Warschauer Ghetto sich vorher und auch nachher immer wieder in irgendeiner Form abgespielt hat. Man könnte sich daran gewöhnen, wie es ja schon viele tun. Für mich aber haben die neuen Bilder aus beinahe allen Teilen der Welt die gleiche gewaltige Sprachkraft wie die alten Fotos aus Warschau. Ich möchte mir dazu jeden Kommentar ersparen und stelle nur fest, “es gibt nichts Neues unter der Sonne.” Ich habe schon einmal beschrieben, dass ich Gottes Geduld mit dem Bösen  nicht verstehe. Und was sich dazu  sonst noch zwischen mir und meinem Vater im Himmel in Gedanken abspielt, will ich auch hier nicht ausbreiten. Nur soviel noch: Ich will niemals, niemals, in die Barbarei abgleiten! Ich will mein Menschliches, meinen elementaren Bestand, bewahren. Ich will Mensch und Mitmensch bleiben und mich nicht der schleichenden Zermenschlichung aussetzen, die in dieser Zeit der Verführung über die ganze Menschheit gekommen ist. Ich will immer danach streben, die göttliche Supervision zu behalten! Das bin ich nicht nur mir und meinem Vater im Himmel schuldig, sondern auch den misshandelten und zu Tode gequälten Mitmenschen!

Wachsen und Werden

“Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen,

dann werde ich alles erkennen,

wie auch ich völlig erkannt worden bin.”

(1. Kor. 13:12)

“Wie glücklich ist der, den du erziehst, Jehowah,

den du belehrst aus deinem Gesetz.”

(Ps. 94:12)

Ich träume vom ganzen Menschen, der ohne Diskrepanzen, ohne innere Widersprüche leben kann. Ich möchte ein Mensch sein, der seiner von Gott gewollten inneren Bestimmung ganz entspricht, und der mit allem, was lebt im Einklang ist. Es ist mein tiefer Wunsch nach Harmonie, nach Liebe und Frieden, nach Gottes Nähe. Es ist mein Verlangen nach Einheit von Denken, Fühlen und Leben. So stelle ich mir den wahren Menschen vor: Er ist das menschliche Ebenbild des allmächtigen Schöpfers, sein Gegenüber auf der Erde, sein geliebtes Kind. Das ist ein Mensch, der nicht immer wieder die Ursache für Unglücklichsein, Tränen und Schmerz ist, ein Mensch, der an seinem vergifteten Sein nicht  zugrunde geht.

Noch lebe ich in gewisser Weise ein Doppelleben; eines nach meiner geerbten “Natur”, ein anderes nach dem Glauben, in brüchiger Eintracht mit Gott. Ich sehe gute und schlechte Seiten an mir; es ist bei mir ebenso, wie bei allen Menschen. Noch bin ich trüb, noch nicht geklärt, wie ein junger Wein. Auf die Vergangenheit blicke ich mit Trauer; es ist die Trauer um den Verlust der Ganzheit, der mit dem Verlust Gottes auf die Menschheit fiel.

Wer bin ich eigentlich? Ich habe bis heute keine genaue Antwort darauf. Ich kenne mich selbst noch zu wenig, aber ich hoffe, dass mein Leben auch in der Zukunft vom Wunsch bestimmt sein wird, nicht böswillig vom Weg Gottes abzuweichen. Ich muss davon ausgehen, dass ich auch in der vor mir liegenden Zeit Veränderungen erleben werde. In welche Richtung werden sie gehen? Werde  ich Einfluss darauf haben? Wer und was lenkt mich?

Ein Weg zu einem bestimmten Ziel

Da ich von der Existenz Gottes tief überzeugt bin, muss ich an einen Lebensweg denken – an einen Weg zu einem Ziel, zu einem Ziel, das mir anfangs gar nicht deutlich war. Was ich in der Jugend darunter verstanden habe, war nur eine Ahnung. Irgendwie sollte es mir Sinn im Leben geben. Als junger Mann ahnte ich schon, dass der Sinn darin bestehen müsse, zuerst Gott zu finden. So machte ich mich auf die Suche – und fand Gott! Später stellte sich heraus, dass der Weg zu Gott auch der Weg zu mir selbst ist.

Wie werde ich am Ende des Weges sein? Der ganze Mensch? Ich erwarte es! Ich hoffe es! Ich fühle mich heute wie ein zerschlagener Spiegel: Viele einzelne Scherben, aber kein ganzes Bild. Das ganze Bild ist mir noch unbekannt, ich sehe mich nur in Teilen. Aber da ich “mit Gott gehe”, erwarte ich eines Tages ein ganzer Mensch zu sein. Ich darf das erwarten, weil Gott es so will: “Siehe! Ich mache alle Dinge neu!”. Darum erwarte ich das Vollständige, das Ganze, das Wahre, den ganzen Menschen, und damit die völlige, unauflösbare Harmonie und Verbindung  mit Gott, meinem Vater. Weil ich ihm vertraue, bin ich mir sicher, dass mein Vater im Himmel mich an mein Ziel bringen wird. Ich denke an Gottes Absicht, als er den Menschen erschuf: Er wollte ein Gegenüber, ein Kind, das viele Eigenschaften mit ihm teilt. Der erste Mensch wurde ja im Bild und im Gleichnis Gottes geschaffen. Und der war am Anfang ein ganzer Mensch!

Das Bild, das Gott schon von uns hat

Im Brief an die Philipper schrieb Paulus:

 “… und ihr seid neue Menschen geworden, die ständig erneuert werden und immer mehr dem Bild entsprechen, das der Schöpfer schon in euch sieht.” (Phil. 3:10)

Wenn ich das richtig verstehe, dann hat Gott ein Ziel mit seinen Kindern: Er will sie durch die ständige Erneuerung zu Menschen formen, deren endgültiges Bild er schon vor Augen hat. Das würde für mich schließlich bedeuten, ein ganzer Mensch zu werden. Gott weiß, wer ich jetzt bin und wer ich später sein werde, wenn ich mich auf eine Erneuerung durch die  Kraft seines Geistes einlasse. So gesehen bin ich ein Kind Gottes, das von ihm erzogen wird (Heb. 12:5-8). Ich habe eingesehen, dass mein Vater im Himmel mich seinem Sohn Jesus Christus übergeben hat, damit er mein Erzieher sei, der mich auf diesem eingeschlagenen Weg begleitet. Das ist das neue Leben, von dem in der Bibel so viel und nachdrücklich berichtet wird. Wer sich auf diesen Weg führen läßt, erteilt der üblichen moralischen  Verkommenheit eine deutliche Absage. Er will kein Teil der Welt sein! Er “verabscheut das Böse” aus tiefster Überzeugung:

“Weil Gott uns solches Erbarmen geschenkt hat, liebe Geschwister, ermahne ich euch, dass ihr euch mit Leib und Leben Gott als lebendiges und heiliges Opfer zur Verfügung stellt. An solchen Opfern hat er Freude, und das ist der wahre Gottesdienst.

Und richtet euch nicht nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob es Gott gefällt und ob es zum Ziel führt.”              (Rö. 12:1, 2)

Das erst ist für mich Christsein in seiner wahren Bedeutung! Alles andere, was noch unter diesem Begriff versammelt ist, ist Talmi, Theaterschmuck! Es ist im Allgemeinen zu Hause und ist, wenn es hoch kommt, Religion, Ritus einer Gemeinschaft, politische Korrektness, Unverbindlichkeit. Denn auch Mafiosi gehen in die Kirche.  Christsein ist die höchste Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen. Es ist das Ziel und die Vollendung des Menschen.

Es ist ein langer Weg zurück!

Seit der erste Mensch sich von Gott losgesagt hatte, leiden wir unter unserer Sündhaftigkeit. Wir haben Schuld auf uns geladen. Wir sind an Leib und Seele krank und brauchen Heilung; wir benötigen die Versöhnung mit Gott, denn unsere Sünden trennen uns von ihm. Darum hat Gott uns durch Jesus Christus mit sich versöhnt. Wer die Versöhnung angenommen hat, erfährt eine Menschwerdung im höchsten Sinn. Er bekommt ein “neues Herz” und einen “neuen Sinn” (Hes. 36:26-32), er erfährt allmählich eine Wiedergeburt, eine positive Veränderung. Das ist ein langer Prozess, es ist kein rasches “Wunder”, nicht die Sache eines Augenblicks. Die Bibel spricht ausdrücklich von einem Weg, und sie lässt erkennen, dass er erst im Reich Gottes zum Ziel kommt. Begonnen aber wird er schon heute. Und so sehe ich mich als ein Kind, das auf den Vater zuläuft, um schließlich von seinen ausgebreiteten Armen liebevoll empfangen zu werden.

Dieses Projekt der eigentlichen Menschwerdung durchzieht die ganze Bibel, und jeder Leser wird immer wieder damit konfrontiert. Und wer sich diesem Werden unterzieht, wird bald feststellen, dass er nur mit Gott leben kann – oder gar nicht. Wer in dieser engen Gottverbundenheit leben will, erfährt zuerst, dass er es nicht einfach mit einer Morallehre zu tun hat, wie man sie in vielen Büchern findet. Nein, es ist insofern viel mehr, als es für den Werdenden verbindlich wird und er die Kraft und den Einfluss Gottes immer wieder wahrnimmt. Durch die lenkende, formende und heilende Kraft des Geistes Gottes bekommt sein Werden die gewünschte Richtung und die nötige Kraft zum Wachsen.

Wenn Jesus im Gespräch mit Nikodemus sagte: “Ihr müsst wiedergeboren werden”, dann ist es ein Muss, denn Gott will eines Tages nur noch mit Menschen zu tun haben, die sich freiwillig darauf einlassen. In diesem Zusammenhang sehe ich auch Jesu Worte:  “Wenn es um eure Gerechtigkeit nicht viel besser bestellt ist als bei den Gesetzeslehrern und Pharisäern, werdet ihr nie in das Reich kommen, das der Himmel regiert” (Mat. 5:20), oder auch den Satz, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden.

Es ist ein enger Weg

Davon sprach Jesus, als er seinen Aposteln deutlich machte, dass der “Weg eingeengt und das Tor schmal” sei und dass relativ viele diesen Weg gehen würden, es aber nicht schaffen, weil sie keinen Glauben haben, Gott nicht kennen oder die Mühe scheuen. Im Buch “Sprüche” und in “Hiob” wird das Bild des Schatzgräbers verwendet, um zu zeigen, dass die Weisheit Gottes einem nicht in den Schoß fällt wie eine reife Frucht. Der Mensch bekommt sie nicht einfach geschenkt, er muss sie sich erwerben und  erkämpfen. Das soll nicht bedeuten, dass Weisheit nur die Frucht des eigenen Bemühens ist, etwas, was man sich erarbeiten kann. Die biblische Weisheit ist das Ergebnis des eigenen Wollens und der Wirkung des Geistes Gottes auf den Menschen. Ohne Gottes befruchtenden Geist geht es nicht. Auch um diesen Geist muss der Mensch ringen. Wir sehen also, dass ein Zusammenspiel da sein muss zwischen Mensch und Gott. Das ist die unbedingte Abhängigkeit des Menschen von Gott:

“… ja wenn du um Verstand betest und um Einsicht flehst, wenn du sie suchst wie Silber, und ihnen nachspürst wie einem wertvollen Schatz, dann wirst du die Ehrfurcht  begreifen, die man vor Jehowah haben muss, und wirst anfangen, Gott zu erkennen.”

“Denn Jehowah gibt Weisheit, von ihm kommt Erkenntnis und auch Verstand. Den Aufrichtigen hält er Hilfe bereit, und für die Redlichen ist er ein Schild. Um die Wege des Rechts zu bewahren, beschützt er die, die ihm treu sind. Dann wirst du verstehen, was Recht und Gerechtigkeit ist, Aufrichtigkeit und ein guter Weg.” (Spr. 2:3-11)

Dieses Zusammenwirken des Mensch mit Gott  ist unbedingt nötig damit der Mensch Einsichten bekommt. Es gibt dafür ein augenfälliges Beispiel im Apostel Petrus. Als er erkannt hatte, dass Jesu der Messias ist, sagte Jesus zu ihm: “Wie glücklich bist du, Simon, Bar-Jona, denn das hat dir mein Vater im Himmel offenbart. Von einem Menschen konntest du das nicht haben.” (Mat. 16:17) Das mag auch als Erklärung dafür dienen, warum die meisten Juden den Messias abgelehnt oder nicht erkannt hatten.

Jesus öffnet die Augen des Herzens

Irgendwie spüre ich, wie Jesus Christus auf mich wirkte und wirkt. Das mag sich überheblich anhören, aber es ist nicht anders zu erklären, was ich in den vergangenen Jahren an mir erlebt habe. Ich kann gewisse Tatsachen nicht ignorieren und muss bekennen, dass Jesus mir die Augen des Herzens geöffnet hat. Mein Leben hat an Tiefe und Weite gewonnen, mein Glaube ist stärker geworden und meine Hoffnung fester. Wie war das möglich? Ist es geschehen, weil ich so beherrscht und stark war, notwendige Änderungen vorzunehmen? Nein, mit mir und meiner Kraft hat das nur am Rande zu tun. Ich möchte das durch einen Gedanken aus dem Römerbrief erhärten.  Im Kapitel 7 erläuterte Paulus die Wirkung des heiligen Geistes im Kampf gegen die Sündhaftigkeit des Menschen und stellte an sich fest, dass er nur durch die Hilfe Jesu und mit der Kraft Gottes ein besserer Mensch werden kann. Paulus konnte nur den Wunsch beitragen, die Kraft zum Guten aber musste er von Jesus Christus erbitten. Nachdem er festgestellt hatte, dass er gegen seinen Willen ein “Sklave der Sünde” war, fragte er, wer ihn aus dieser Knechtschaft befreien kann. Seine Antwort: “Ich elender Mensch! Gibt es denn niemand, der mich aus dieser tödlichen Verstrickung befreit? Doch! Und dafür danke ich Gott durch Jesus Christus, unserem Herrn.” (Röm. 7:24, 25) Und er fährt fort: “Deshalb hat Gott seinen Sohn gegen die Sünde in die Welt geschickt, … und machte der menschlichen Natur [d. h. der Sündhaftigkeit] den Prozess.” (Röm. 8:3)

Ich habe begriffen, welche Bedeutung Jesus Christus für mich hat. Während seines letzten Passahs sprach er auch über die Notwendigkeit, als Christ mit ihm verbunden zu bleiben. Im Gleichnis vom Weinstock (Joh. 15:1-8)  sagte er:

“Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt und ich dann auch mit ihm, trägt viel Frucht. Denn getrennt von mir könnt ihr gar nichts ausrichten.”

Und ich denke daran, was Paulus unter der Inspiration durch Jesus dazu geschrieben hat. Im Brief an die Korinther erwähnte er die Tatsache, dass die meisten Israeliten das Gesetz Moses in seinem wesentlichen Kern nicht verstanden haben. Sie nahmen zwar die Worte wahr, aber der tiefe Sinn und der Geist des Gesetzes blieb ihnen verschlossen. Das lag nicht daran, dass es ihnen an Verstand gefehlt hätte, sondern daran, dass sie eigentlich keine messianische Erwartung hatten und sich, als Jesus gekommen war, nicht an ihn wandten, um zu verstehen, was er sagte. Sie erbaten von Jesus nicht die Hilfe durch den heiligen Geist. Paulus sprach von einem Schleier, der auf ihren Herzen lag. Und dann sagte er:

“Ja, bis heute liegt diese Decke auf ihrem Herzen, wenn aus den Schriften Moses vorgelesen wird. Sie wird erst weggenommen, wenn sich das Volk zum Herren [Jesus] wendet.” (2. Kor. 3:15, 16)

Jesus der Erzieher

Ich bin Gott dankbar dafür, dass er die Augen meines Herzens durch Jesus geöffnet hat. Er hat den Schleier entfernt. Die wesentlichen Veränderungen, die ich während meines Lebens an mir erlebt habe, wurden durch Einsichten ganz eigener und höherer Art verursacht. Ich meine mit Einsicht nicht das reine Wissen oder angelesene “Erkenntnis”, sondern das tiefe Verständnis, das dazu führt, dass man sich für das Wissen verantwortlich fühlt, es gerne anwendet und weiß, dass dies der einzige Weg zu einem guten Verhältnis mit Gott ist. Das ändert nichts am Wort Jesu aus Johannes 14:6, wo er betonte, dass er “der Weg, die Wahrheit und das Leben” sei. Gerade dieses Wort bestätigt seine wichtige Rolle beim wahren Werden des Menschen.

Jesus wird als der Vollender oder Vervollständiger unseres Glaubens bezeichnet (Heb. 12:2). Der Weg, auf dem dies möglich ist, ist die Erneuerung des Denkens. Denn nur wenn unser Denken besser wird, werden wir bessere Menschen.

Mein Spiegel

Eine wesentliche Hilfe auf diesem Weg war die Selbsterkenntnis. Und ich habe gelernt, die Bibel, das Wort Gottes, als meinen Spiegel zu sehen, in dem ich  mich erkennen kann. Im Buch der Sprüche steht schon dies:

“Im Spiegel des Wassers erkennst du dein Gesicht, im Spiegel deiner Gedanken dich selbst”. (Spr. 27:19) “Der Geist des Menschen ist ein Licht Jehowahs, er durchforscht des Menschen Innerstes. (Spr. 20:27)

Und im Brief an die Hebräer (4:12) lese ich:

“Denn das Wort Gottes ist lebendig und machtvoll. Es ist schärfer als das schärfste zweischneidige Schwert und dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist … und ist imstande, die Gedanken und Absichten des Herzens zu beurteilen.”

Als ich anfing, die Bibel als Spiegel  meines Herzens zu gebrauchen, sah ich rasch, wie sehr ich Gottes Barmherzigkeit brauchte. Teilweise war ich erschüttert, als ich den Widerspruch zwischen  meiner Wirklichkeit, meiner Einbildung und dem Bild sah, das Wort Gottes vom neuen Menschen zeichnet. Die deutlichen Worte, mit denen der allgemeine Mensch beschrieben wird, beeindruckten mich, weil ich feststellte, wozu auch ich fähig war. Da stellten sich Ekel und Scham ein, da wurde mein Gewissen aufgerührt. Was sollte ich bei dieser Enthüllung tun? Man kann sie ignorieren und versuchen, sich damit zu entschuldigen, dass man sagt: “Ich bin eben ein Mensch. Da kann man nichts machen!” Aber das wollte ich nicht. Ich ließ mich auf Gottes Angebot ein:

“Kommt her, wir wollen sehen, wer im Recht ist! … Wenn eure Sünden rot sind wie das Blut, werden sie doch weiß wie Schnee, und wenn sie rot wie Purpur sind, werden sie wie weiße Wolle sein. Wenn ihr willig auf mich hört, dürft ihr die Früchte des Landes genießen.

Doch wenn ihr euch weigert und widerspenstig seid, sollt ihr vom Schwert gefressen werden.” (Jes.1:18-20)

Das sagte Gott durch den Propheten Jesaja zum Volk Israel, das vom Weg der Gerechtigkeit völlig abgeirrt war. Und ich habe gesehen, dass sich an dieser grundsätzlichen Haltung Gottes nichts geändert hat! Auch darum habe ich meinen Frieden mit Gott gemacht, denn der wahre Gottesdienst beginnt mit der Ehrfurcht und dem Respekt vor Gott:

“Der Anfang aller Weisheit ist Ehrfurcht vor Jehowah. Den Heiligen zu erkennen, das ist Verstand.” (Spr. 9:10)  

Ja, damit beginnt das Werden des neuen Menschen. Alle anderen Versuche, den Menschen zu bessern, sind leider fehlgeschlagen. Die Geschichte wimmelt von Ideen und Theorien, von Gesellschaftsmodellen und Anleitungen für ein besseres Leben, aber der wirkliche Erfolg blieb aus. Bis heute sind die Menschen auf der Suche nach dem wahren Leben, denn sie tragen die ferne Erinnerung an das einstige Paradies in sich. Aber alles muss scheitern, weil keine Theorie die Macht hat, den Menschen von innen heraus zu ändern, so zu verändern, dass er glücklich leben kann. Denn diese Versuche ließen Gottes Kraft zum Guten außer Acht und sie ignorierten die wichtige Rolle Jesu. Auf sich allein gestellt ist der Mensch ein Spielball böser Mächte und des Zufalls. Der Mensch braucht Gott, um ein neuer Mensch zu werden und zu sein!

Und ich darf an mir erfahren, dass dieser Weg mit Gott tatsächlich Veränderungen bewirkt. Auch wenn sie klein sind, sind sie doch da! Ich habe die wichtigste  Einsicht gewonnen, die einem Menschen jetzt möglich ist. Und die möchte ich mit einem Wort Gottes beschreiben:

“So spricht Jehowah: ‘Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, der Starke sei nicht stolz auf seine Stärke, und der Reiche gebe nicht mit seinem Geld an. Grund zum Rühmen hat nur, wer mich erkennt und begreift, was ich will; wer einsieht, dass ich Jehowah bin, der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit schafft! Denn das gefällt mir’, spricht Jehowah.” 

(Jer. 9:22, 23)

In Dankbarkeit verneige ich mich vor dem Schöpfer. Nun wünsche ich nichts sehnlicher, als dass die Gedanken Gottes mein Sein bestimmen. Dann werden Gerechtigkeit, Wahrheit, Frieden und Liebe mich beherrschen.

“Gebe Gott, dass es gelinge,

und dass Weisheit Frieden bringe,

Hoffnung und Gelassenheit!”

Gottes Nähe und die Liebe zur Wahrheit

“Wie glücklich sind die, die ein reines Herz haben.

Sie werden Gott sehen.”

( Mat. 5:8)

Das Zitat ist bekannt, es sind die Worte des Sohnes Gottes. Und es ist uns klar, was ein reines Herz ist: Es ist der innere Mensch, der frei von  Falschheit ist. Und nur dieser Mensch wäre in der Lage Gott zu sehen. Im Kontext der Bibel heißt es, dass Gott sich diesem Menschen offenbaren wird und ihm Nähe gestattet.

Wenn ich über diese wichtigen Worte nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass sie der Schlüssel zum Glauben überhaupt sind, denn Gott macht deutlich, wer in seine Nähe kommen darf: Es ist der Mensch ohne Falschheit, ohne Lüge, ohne Heuchelei und Hintergedanken. Es ist der Mensch, der Gott fürchtet und achtet, der sein Moralgesetz im Innern trägt und es in seinem Leben halten will. Das ist der Mensch, der Gott über alles liebt! Diese Liebe hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun, nichts mit religiöser Schwärmerei und Fanatismus. Es ist die Liebe, die sich im Umgang mit Gott und den Mitmenschen erfüllt. Nur solchen Menschen gestattet Gott die Nähe zu sich:

“Wer darf Gast in deinem Zelt sein? Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berg?

Wer vorbildlich lebt und tut, was recht ist  vor dir; wer durch und durch wahrhaftig ist.”

(Ps. 15:1, 2)

Und was in diesen beiden Versen des Psalms ausgedrückt wird, ist schlicht gesagt der Inhalt des Glaubens an Gott! Mir fällt auf, dass es nicht um eine theologische Definition geht, nicht um einen Ritus oder einer Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft. Es geht um das, was Jesus als die wahre Anbetung Gottes formulierte: Es ist das Leben mit Gott, der mit Geist und Wahrheit angebetet werden will (Joh. 4:23).

Das Problem mit der inneren Wahrhaftigkeit

“Diese Welt ist eine einzige Lüge! Fast jeder lügt! Überall wird gelogen und betrogen! Das war nie anders!”, so kann ein betroffener Zeitgenosse über diese Welt sprechen. Und er wird durch die eigene Erfahrung bestätigt; er wird durch die Geschichte bestätigt und durch viele, viele andere Menschen auch. Und mit seiner Feststellung sagt er ja nichts Neues, denn die Welt begann mit einer Lüge. Und Jesus hat den Teufel als Ursprung der Lüge und als ihren Vater bezeichnet (Joh. 8:44). Interessant und entlarvend an der ganzen Sache ist die Tatsache, dass jeder Mensch weiß, wann er belogen worden ist und wann er selbst gelogen hat. Gleichzeitig aber wird er sich laut über Lügner empören.

“Zu dieser Haltung tendieren wir alle mehr oder weniger”, dachte ich bei mir und hatte eines Tages kein gutes Gefühl mehr dabei. Aber wie ehrlich ist die Empörung über die Verlogenheit der Welt, wenn man selbst dabei mitmacht? Und wie sieht es Gott? “Ja, wie sieht es Gott?” Darüber musste ich nachdenken, denn eines war mir bewusst geworden: Ich bin für Gott ein offenes Buch, denn gemäß den eindrucksvollen Worten aus Psalm 139 gibt es vor Gottes Blick kein Entkommen.

Wie gehe ich damit um?

Ich erinnere mich an ein Schlüsselerlebnis, das ich vor über zwanzig Jahren hatte. Ich muss vorweg schicken, dass ich damals noch in einer religiösen Gemeinschaft war, in der ein stilles, aber deutliches Wetteifern als eine Art Sport betrieben wurde. Man erweckte mit Fleiß immer den Eindruck, im Glauben vorbildlich zu sein. Ja, ich kann es  nicht anders sagen: Man stellte gewohnheitsmäßig die eigenen Vorzüge vor anderen Menschen heraus. Da wurde ich eines Tages gefragt, ob ich auch bei einer großen Veranstaltung gewesen sei und ob sie meinen Glauben gestärkt hätte. Ohne lange zu überlegen sagte ich laut “Ja!”. Im selben Moment wusste ich, dass ich nicht die Wahrheit gesagt hatte! Ich begann mich vor mir selbst zu schämen und stellte die Sache richtig. Es war nicht einfach, die langen und verständnisslosen Gesichter zu sehen. Aber diese Episode hatte ein Nachspiel: Ich ging mit mir ins Gericht; ich war Ankläger, Richter und Angeklagter in einer Person. Das Ergebnis dieses Gerichtsprozesses war der Entschluss, mit jeder Unaufrichtigkeit und Lüge aufzuhören. Ich wollte ein ehrlicher, authentischer Mensch werden. Denn ich meinte, es Gott schuldig zu sein. Im 51. Psalm lese ich: “Denn du hast Gefallen an Wahrhaftigkeit im geheimen Ich.” Dieses Wort begleitet mich bis heute.

Wie kommt man zur inneren Wahrhaftigkeit?

Ich ging also mit mir selbst ins Gericht. Daraus wurde ein langer Prozess, der bis heute im täglichen Leben stattfindet. Bei allen möglichen Gelegenheiten taucht immer wieder die Frage nach meiner Wahrhaftigkeit auf. Ich beobachte mich, ich prüfe mich, ich hinterfrage meine Motive und mein Verhalten. Am Grundsatz der göttlichen Forderung nach Wahrheitsliebe besteht kein Zweifel. Für mich kommt es besonders darauf an, zu bestimmten Einsichten zu kommen, zu Einsichten, die mich verändern.

Alles beginnt mit der Gottesfurcht

Gott sagt es uns in der Bibel und unser Gewissen sagt es auch: Alles beginnt mit der Gottesfurcht. Was verstehe ich darunter? Das ist für mich der tiefe Respekt vor meinem himmlischen Vater. Er hat ausdrücklich nichts mit Angst vor Strafe zu tun, sondern eher mit der Furcht, ihm durch mein Fehlverhalten weh zu tun und zu enttäuschen. Ich möchte mich daran gewöhnen zu mir zu sagen: “Das hat er nicht verdient!”, wenn mein Gewissen sich regt und mich warnt, wenn ich im Begriff bin, etwas Falsches zu tun. Aus Gottesfurcht richte ich an Gott immer wieder die Bitte, die auch der Psalmenschreiber äußerte:

“Schaffe mir, Gott, ein reines Herz, erneuere in mir einen festen Geist! Vertreib mich nicht aus deiner Nähe und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir!” (Ps. 51:12, 13)

Mit dieser Bitte möchte ich meine Abhängigkeit von meinem himmlischen Vater ausdrücken, denn ich bin mir sicher, dass ich nicht aus eigener Kraft ein besserer Mensch werde. Und um noch einmal auf das Lügen und Heucheln zurück zu kommen: Ein Christ braucht Mut! Er braucht Mut, um sich nicht zum Lügen und Täuschen durch andere Menschen verleiten zu lassen. Er muss den Mut haben, gegen die Gewohnheit der Massen der Wahrheit die Ehre zu geben. Er braucht Mut, um mit sich selbst aufrichtig und ehrlich umzugehen, denn ein Mensch ist leider geneigt, sich selbst und seinen Stolz zu schonen. Denselben Mut benötigt er auch, wenn es um das Bekenntnis zu Gott und seinem Sohn geht, um das Bekennen zur Gerechtigkeit und wenn es darum geht, die gottfeindliche Welt durch den eigenen Glauben zu besiegen. Feiglinge, so heißt es in der Offenbarung, werden im symbolischen Feuersee enden, das ist der zweite Tod,  (Off. 21:8).

So, wie die Dinge liegen, kommt die Gottesfurcht aus dem persönlichen Erkennen Gottes. Nur ein Mensch, der Gott “gesehen” hat, wird den Mut aufbringen, sich streng an die Wahrheit zu halten. Von Glaubenshelden heißt es im Brief an die Hebräer, dass sie “standhaft blieben, als sähen sie den Unsichtbaren”. Aus dieser engen, persönlichen Beziehung zu Gott kommt dann auch die Verantwortung, die allein tragfähig ist, weil es eine Verantwortung vor der höchsten Instanz ist. Auch das hat mit Gottesfurcht zu tun.

Man kommt nur dadurch zur inneren Wahrhaftigkeit, indem man sich mit allen Konsequenzen die es nach sich ziehen mag, gegen die Lüge und für die Wahrheit entscheidet. Man muss gegen die Lüge und den Selbstbetrug kämpfen. “Ich will wahrhaftig sein!”, muss die Forderung an sich selbst sein. Und dafür darf ich um Gottes Hilfe bitten!  Dann werde ich die Hilfe erleben. Dafür steht der Schöpfer mit seinem Wort ein.

Warum wird die Lüge von Gott so scharf verurteilt?

Ich hatte viel nachzudenken und war mir schnell im Klaren, dass Gott gute Gründe hat die Lüge und den notorischen Lügner strikt abzulehnen. Denn was bewirkt die Lüge alles? Sie ist die Verneinung der Moral und der Moralität ist. Die Lüge ist der Untergang der Anständigkeit, das Ende der Humanität und das Aus für die Liebe! Lüge ist Ungerechtigkeit. Lügen ist dasselbe und wie Betrügen. Heuchelei ist nur eine getarnte Form der Lüge. Die Lüge ist der Dolchstoß in das Herz des Vertrauens. Und Vertrauensverlust führt zum Zerfall der Gemeinschaft, auch zum Verlust Gottes! Darum kann ein Lügner nicht in die Nähe Gottes kommen. Und er wird auch nicht erwarten dürfen, Gottes Reich zu sehen. An keiner Stelle macht das Wort Gottes davon eine Ausnahme! Nicht einmal aus Angst zu lügen entschuldigt Gott! Er gewährt Vergebung nur dann, wenn der Lügner umkehrt und sich bemüht, die Wahrhaftigkeit zu leben. Für diese Behauptungen erübrigt es sich Bibelzitate anzuführen, denn jeder Mensch weiß darum. Für mich waren diese Einsichten wie Schlaglichter auf mein Problem.

Die allgemeine Lage: Die ganze Welt ist eine Lüge, durch und durch. Das Leben der Menschen ist in den meisten Fällen eine Lüge, und sie ahnen es und wollen es trotzdem nicht wahrhaben. Sie tun alles, um dieser furchtbaren Ahnung zu entkommen. Sie bilden sich ein, am Ende doch noch “erlöst” zu werden. Das scheint das Kerngeschäft der Religionen und Ideologien zu sein, die Menschen in diesem Aberglauben zu bestätigen. Mich hat diese Einsicht dazu bewegt, mich von verlogenen Menschen zu trennen, auch von meiner Religionsgemeinschaft, obwohl ich über Einzelne nicht urteilen kann. Aber der “Betrieb” war verlogen und heuchlerisch.

Ein eigenartiges Phänomen

In den Sprüchen Salomos (17:4) findet sich der Satz: “Ein Bösewicht hört auf böse Reden, ein Lügner schenkt dem Verleumder Gehör.” Wie verstehe ich das? Verursacht das Lügen einen Realitätsverlust? Wird man Opfer der eigenen, unrechten Wünsche, weil der Verleumder die geheimen Wünsche seines Opfers kennt und er sie durch Lügen befriedigen will? Oder hat man vergessen, was Lüge und Wahrheit ist? Ist es also wieder einmal der Mangel an innerer Wahrhaftigkeit? Ist es die eigene  innere Unaufrichtigkeit, die dem Verleumder Gehör schenkt? Mit solchen Fragen musste ich mich auseinandersetzen.

Jedenfalls lässt der Spruch darauf schließen, dass Opfer und Täter austauschbar sind, weil beide der Lüge zuneigen – oder dem Selbstbetrug. Der Selbstbetrug scheint besonders auf religiösem Gebiet mächtig zu sein, wenn falsche Hoffnungen und angebliche Gewissheiten ins Spiel kommen, wenn das Herz (der innere Mensch) den bequemen oder leichten Weg im Glauben sucht und man sich einbildet, dass der barmherzige Gott beide Augen zudrückt und alles durchgehen läßt, weil ja die Liebe angeblich alles verzeiht. Aber auch diese Ansicht ist eine Lüge, mit der man sich selbst betrügt. Die Israeliten haben es durch ihre schlimme Geschichte bewiesen: Im 73. Psalm werden Gottlose geschildert: Sie tragen ihren Stolz wie eine schöne Kette, Gewalt umhüllt sie wie ein Gewand, Einbildungen überfluten ihr Herz, sie reden boshaft und höhnisch und reißen ihren Mund weit auf und mit ihrem Geschrei verschonen sie nichts auf der Erde. Und weil sie so imposant auftreten, passiert dies:

“Darum läuft selbst Gottes Volk ihnen nach und lauscht begierig auf ihr Geschwätz. ‘Gott merkt ja doch nichts’, sagen sie. ‘Wie will der Höchste das wissen?’ Ja, das sind die die Gott verachten, ungestört mehren sie ihre Macht.” (Verse 6-12)

Ich will den geraden Weg gehen

“Jeder Mensch ist ein Lügner”, so nüchtern sagt es die Bibel. Ja, wir sind dazu geworden; am Anfang war es nicht so, aber durch die Entfremdung von Gott wurde die Welt so. Der Weg zurück ist offen. Jesus hat diesen Weg geöffnet und alle seine Jünger sind eingeladen, diesen Weg zu gehen. Ich will ihn gerne gehen und ich will den Kampf gegen die satanische Welt und gegen mich führen. Darum wird mein Gerichtsprozess noch andauern, denn ich bin noch nicht am Ziel. Das Leben ist kompliziert und überfordert mich. Trotzdem ist die Auseinandersetzung mit der Lüge meine Pflicht. So wird es also noch viel zu lernen geben, aber ich habe keine Angst davor. Das ist deshalb so, weil ich die Hilfe und die Begleitung durch Jesus Christus habe. Dazu habe ich das wunderbare Licht aus dem Wort Gottes, das meinen Weg beleuchtet, und ich habe mein Gewissen als Kompass. Darum kann ich mein Ziel erreichen!

Ich habe diese Gedanken für mich aufgeschrieben, und das mit dem Ziel, mir wichtige Dinge wirklich deutlich zu machen und nicht oberflächlich über das Problem hinweg zu huschen. Vor meinem Gericht stehe ich ganz allein, d. h. dass ich nicht über andere Menschen urteilen kann und soll, denn der Prozess gilt nur mir.

Zum Schluss fällt mir noch der Ausruf des Petrus ein: “Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!” Das sagte er zu Jesus Christus, nachdem er Zeuge eines Wunders geworden war. So ähnlich empfinde ich, wenn ich auf Gott schaue und daran denken muss, was ich auch bin. Seine großartige Barmherzigkeit lässt mich leben und hoffen! Seine Demut macht auch mich groß (Ps. 18:36)!

Psalmenleser

Es wird dunkel. Ich sitze am großen Fenster und sehe die Dunkelheit aus den Wolken ins Zimmer tropfen – und in mein Gemüt. Ein kühler Hauch umweht mich, macht mich innerlich frösteln: Einsamkeitsangst fasst mich an.

Dieses Gefühl kommt auch in meine Träume. Ein immer wiederkehrender Traum erschreckt mich, dessen Ende ich nur mit dem Hilferuf “Mein Vater, hilf!” beenden kann. Im Traum erlebe ich lebhaft, und das schon seit Längerem, dass ich im Gewühl einer Stadt meine Frau aus den Augen verliere. Ich irre durch die Straßen und finde meine Frau nicht mehr. Ja, ich finde nicht einmal zum Ausgangspunkt meines Umherirrens zurück. Angst macht mir das Atmen schwer. Die Angst wächst und wächst und wächst. Ich renne immer schneller durch die unbekannten Straßen der Stadt, bin verzweifelt, kann das Unfassbare nicht fassen. Erst mein Hilfeschrei macht der Qual ein Ende – und ich wache auf.

Ich bin mit diesem wertvollen Menschen, der vor Jahrzehnten meine Frau geworden ist, zusammengewachsen! Die gemeinsam durchlebte Zeit ist fest, unauslöschbar geworden. Ich bin mir meines Lebens in ihrem nur bewusst. Ich hatte die Gnade einer engen und beglückenden Gemeinsamkeit. Es war eine erfüllte Zeit, die ich doppelt gelebt habe. Begreiflich, dass der Gedanke an eine Trennung mich ängstigt.

Nun bin ich so alt geworden, dass ich die Warnung aus dem Buch “Prediger” gut verstehe: Altwerden ist eine Last, ein Unglück. Es sind Tage, die einem nicht gefallen können. Und da wird man einsilbig, weil man auf einmal weiß, wie bedeutungslos man selbst geworden ist. Ich habe Vieles als Tand erkannt, als fragwürdig und unwichtig. Doch eine wichtige Tatsache will ich nicht vergessen: Gott hat mir die Ewigkeit ins Herz gelegt (Pre. 3:11). Eine starke Sehnsucht nach Leben und Dauer ist in mir, nach Frieden und  Gottverbundenheit. Aber ich weiß auch, dass ich sterben werde.

Wenn ich an unsere Reisen durch Nordafrika denke, dann erinnere ich mich an alte Männer, sauber gekleidet, mit Turban geschützt, im Schatten einer Tür oder vor einer Wand sitzend. An dem, was um sie herum passierte, schienen sie nicht interessiert zu sein. Ihr Blick schien schon in die Ferne, in die Ewigkeit zu gehen. Wenn ich sie so ruhig und versunken sitzen sah, dann dachte ich daran, dass sie vielleicht der verinnenden Zeit nachhorchten. Wieviel Zeit fühlten sie noch? Hatten sie auch ihre eigene Vergänglichkeit im Blick? Sahen sie das Leben auch als Provisorium an, als etwas, was sich eigentlich nicht lohnt? Wussten auch sie, dass die ewige Zeit in ihrem Herzen war? Ich gehe einmal davon aus, dass sie es wussten.

So ähnlich sitze ich heute auch. Dabei bin ich antriebsarm und fühle die Sehnsucht nach Frieden. Ich hasse sinnlose Aktivität und stelle fest,  dass ich jetzt zu oft melancholisch bin. Was machen andere in meiner Situation? “Nehmen Sie an einem Tanzkurs teil! Reiten Sie ein Steckenpferd! Treiben Sie Sport! Lernen Sie eine Fremdsprache!” So lauten ja wohl die gutgemeinten Ratschläge von Leuten, die es nicht besser wissen. Aber hilft das gegen die “Predigerstimmung”? So nenne ich die Stimmung, die nach dem Verstehen des Buches “Prediger” von mir Besitz ergriffen hat. “Alles ist eitel!”, lese ich dort. “Alles ist ein Haschen nach Wind!”, antwortet der Text. “Und ich hasste das Leben!”, findet meine Zustimmung. Nein, man kann diesen Gedanken nicht entkommen, wenn man erfahren hat, was Leben eigentlich ist und wie der Glaubende es fühlt, wenn man weiß, dass man Staub ist und wird! Da zieht sich alles auf einen Punkt  zusammen, da wird man auf seine wahre Größe reduziert, da wird man klein und kleinlaut.

Meine Gedanken gehen ein paar Jahre zurück: Ich sitze am Strand des Schwarzen Meeres, bei Konstanta und betrachte das einst stolze Casino, den prächtigen Jugendstilbau, der Schauplatz eines Tanzes auf dem Vulkan war. Eine gedankenlose, reiche Gesellschaft spielte, soff und verspielte Millionen im Rausch. Nach dem 1. Weltkrieg war das Spiel aus. Die sich ändernden Verhältnisse machten dem “Monte Carlo am Schwarzen Meer” ein Ende, das sich lange hinzog.  Jetzt wird das stolze Gebäude von Meer, Sturm und Wellen umtost und zerfällt. Vorbei! Vergangen! Zu Ende!

Ich bitte den neben mir sitzenden Akkordeonspieler um einen traurigen Tango, höre gedankenschwer zu und gehe langsam in die Stadt zurück. Das eindrucksvolle Bild des Zerfalls begleitet mich lange und sagt mir: “Es ist alles eitel!” Wehmut und das Gefühl der Vergeblichkeit menschlichen Strebens begleiten mich.

Aber meine Traurigkeit spielt nicht nur um mich, um mein Altwerden. Sie betrifft eher meine kleine, liebe, aber kranke Frau. Ich kann sie nicht leiden sehen. Ich ahne und erwarte die Trennung, den Verlust. Ein verzweifelter Mann schrieb einmal: “Nun bin ich ohne sie! Nun bin ich ohne mich!” Was soll ich nun sagen? Ich bin kleinlaut, schweigsam und nachdenklich.

Das spiegelt sich auch in meinen Gebeten wider: Ich habe Angst vor vielen Worten, vor Wiederholungen und Ausschmückungen. Ich will Gott weder belästigen, noch langweilen. Ich will das Leben mit allem, was es mir bringt, ertragen wie ein Mann. Keine Klage, kein Vorwurf soll über meine Lippen kommen. Also werden meiner Worte wenige und in der Hauptsache ist es Dank, wenn ich Gott in meinem Herzen erhebe. “Mein Gott und mein Vater! Bitte sei mir und uns gnädig!” Das ist meine häufige Bitte. Und der Rest ist Danksagung. Ich habe mich ganz und gar in Gottes Hand begeben. Da habe ich keine Forderungen und keine besonderen Wünsche mehr, denn ich vertraue der Liebe meines Vaters im Himmel.

Ich blicke auf den Sessel neben mir und denke: “Eines nicht ganz so fernen Tages sitzt jemand anders darauf. Wird er ähnliche Gedanken haben, wenn es mit ihm auch so weit ist?

Der Platz mir gegenüber kann einmal leer sein. Für meine Frau gibt es keinen Ersatz. Und die Bücher auf dem Tischchen? Wer wird sie nach mir lesen? Wird sich der Mensch nach mir überhaupt Gedanken machen oder wird er ohne sie leben können? Ich kann es  nicht!

Und das alles begegnet mir immer wieder, wenn ich die Psalmen lese. Wie oft stoße ich auf das Gefühl der Trauer, der Einsamkeit, der Angst, der Vergänglichkeit, der Verzweiflung und der Ratlosigkeit? Das wurde doch alles unter dem Einfluss des heiligen Geistes geschrieben. Da kommen Menschen zu Wort, die glauben durften! So war also das Leben von Menschen, die Gott vertrauten? So hat es sich angefühlt? Ja, so hat es auch der Himmel wahrgenommen – und beachtet.

Wenn ich traurig bin, habe ich ein tiefes, starkes Verlangen nach Trost. Ich brauche Gottes Nähe, ich muss seine Hand spüren, ich muss ihn fühlen. Dann greife ich zur Bibel und lese öfter in den Psalmen. Es geht mir nicht darum, unbedingt etwas mit dem Kopf zu lernen; ich möchte etwas in meinem Bewusstsein erleben: Gottes Gegenwart!  Und dann bin ich auch in der Gesellschaft von Menschen, die es mit ihrem Glauben ernst nahmen und auch gegen ihre Traurigkeit und Angst kämpften und sich trösten ließen.

Im Psalm 39 erfahre ich von Davids tiefer Erschütterung, als er Gott darum bat, ihm zu zeigen, wie vergänglich er sei:

“Lass mich erkennen, Jehowah, mein Ende; zeige mir das Maß meiner Tage, dass ich weiß, wie vergänglich ich bin.“ (Ps.39:5)

Als er es tief in sich wusste, war er zuerst vor Angst und Trauer stumm. Dann fand er diese eindrucksvollen Worte:

“Mein Leben ist nur ein paar Handbreit lang, meine Lebenszeit vor dir wie ein Nichts.

Wie fest meint jeder Mensch zu stehen und ist doch nur ein Hauch.

Wie ein Schatten geht der Mensch daher, macht Lärm um Kleinigkeiten;

er sammelt und speichert und weiß nicht einmal, wer es bekommt.

Was habe ich da noch zu hoffen, Herr? Ich setze meine Hoffnung auf dich!

Befreie mich von all meiner Schuld und mach mich nicht zum Gespött dieser Narren.

Ich bin jetzt still, mache den Mund nicht mehr auf, denn du bist es, der alles getan hat.

Nimm nun diese Plage von mir, denn ich vergehe von der Wucht deiner Hand.

Mit Strafen für Schuld schlägst du den Mann, zerstörst seine Schönheit wie Motten das Kleid. Nur ein Hauch ist jeder Mensch.

Höre mein Gebet, Jehowah! Achte auf mein Schreien! Schweige nicht zu meinen Tränen!

Ich bin doch nur ein Gast bei dir, ein Fremder wie alle meine Väter.

Schau von mir weg, damit ich aufatmen kann, bevor ich gehen muss und nicht mehr bin.” (Ps. 39:6-14)

Auch ich kann vor dieser Einsicht in die eigene Vergänglichkeit die Augen nicht verschließen, und sie zwingt mich zu Gott zu fliehen. Sie treibt mich zu ihm! Er ist meine Hoffnung, meine Hoffnung auf ewiges Leben. Nur ihm kann ich mich in meiner Not anvertrauen und bitten, meine Angst und meine Trauer zu beachten, mich von meiner Schuld zu befreien und die ‘Plage von mir zu nehmen’. Ich habe die gleiche Hoffnung wie David und andere Psalmenschreiber:

“Kein Mensch kann für immer bleiben, am Sterben führt kein Weg vorbei.

Kein Mensch bleibt ewig in Prunk und Pracht, er geht zugrunde wie das Vieh.

Doch Gott kauft meine Seele los, er befreit mich aus den Krallen des Todes.” (Ps. 49:10, 13, 16)

“Du ließest uns viel Angst und Not erfahren.

Du wirst uns wieder beleben, uns wieder heraufbringen aus den Tiefen der Erde.

Du bringst mich wieder zu Ehren und wirst mich abermals trösten.”

(Ps.71:20, 21)

“Doch ich bleibe stets bei dir. Du hältst mich an der rechten Hand.

Mit deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende in Ehren auf.

Wen habe ich im Himmel außer dir?

Und neben dir wünsche ich mir nichts auf der Erde.

Auch wenn ich Leib und Leben verliere, bleibt Gott doch mein Anteil für immer.” (Ps. 73:23-26)

Wenn ich diesen Trost lese, fühle ich mich ausgesprochen wohl, und ich bin dankbar, dass ich glauben darf! Ich bin dankbar, dass diese Hoffnung durch den Glauben zur Gewissheit geworden ist. Und darum will ich über die Zeiten der Traurigkeit hinwegsehen auf das, was vor mir liegt: Mein Ende ist mein neuer Anfang! Und das bedeutet: Ich werde meine Frau wieder erleben; nachdem dieses Leben uns voneinander gerissen hat, werden wir uns wieder sehen! Und jeder vergangene Tag bringt mich dem Ziel näher.

So bin ich in der letzten Zeit zum Psalmenleser geworden. Hier kann ich das Leben mit den Augen anderer Menschen sehen; hier erkenne ich mich wieder, hier werde ich getröstet, hier liegt mein Leben und meine Hoffnung und hier erlebe ich die Gottesnähe!

Am Abgrund

       

Wie kann man in einer Welt wie dieser leben, wenn man empfindsam wach ist, wenn das Menschliche noch  nicht abgestorben ist? Wie kann ich als Mensch in einer Welt leben, die in meiner eigenen Wahrnehmung immer wüster wird und mich von allen Seiten unheilvoll bedrängt? Ich sehe doch die grässlichen Bilder aus der Offenbarung Gestalt annehmen; ich sehe, wie diese Welt von Jahr zu Jahr mehr und mehr zerfällt! Ist das nur Einbildung?

Allein die Nachrichten eines Tages sind in ihrer ganzen Tragweite unfassbar: Im vergangenen Jahr tobten 29 Kriege mit unvorstellbar vielen Toten. Es gab verheerende Hungersnöte mit jährlich 300.000 Toten, jetzt die Corona-Pandemie mit schlimmen möglichen Folgen, lebensbedrohende Umweltkatastrophen, weltweiter Terror, steigende Kriminalität, ausufernde Korruption  und … und … und !

Sehe ich die Sache zu schwarz? Ich kann sie nicht anders sehen, weil die Zahlen, die grässlichen Zahlen, unaufhaltsam steigen. Ich weiß: Gegen diese Flut des Unheils gibt es kein Mittel; der Mensch hat keine Lösung dieser Probleme, es sei denn, er würde sich ändern. Darauf aber kann ich nicht hoffen, weil die Voraussetzung dafür fehlt. Die ganze Geschichte beweist, dass der allgemeine Mensch das geblieben ist, was er immer war: Uneinsichtig und böse, verlogen und habgierig.

Ständig kreisen die Gedanken: Da schießt man einen Roboter auf den Mars, und hier auf der Erde fließt ein gewaltiger Strom von Tränen! Man macht wunderbare Erfindungen, und unter fast jedem Dach wohnt der Kummer, das Leid und die Sorge. Man hält Friedenskonferenzen ab, aber der Hass aufeinander wächst und Kriege hören nicht auf. Ein Blick in die Geschichte genügt schon, um festzustellen, dass sich nichts wirklich geändert hat: Jedes „Ruhmesblatt“ der Geschichte ist  mit Menschenblut geschrieben und ist das Krankenblatt eines Wahnsinnigen, der weit unter das Tier gesunken ist.

Die Gedanken kreisen: Die Medizin verzeichnet gute Erfolge. Man liest von „Durchbrüchen“, man überschlägt sich mit neuen „Erkenntnissen“. Man kann so manches Leiden lindern oder heilen, aber wofür, wenn der Patient von seinem eigenen Unglücklichsein aufgefressen wird, wenn Angst das allgemeine Lebensgefühl wird? Dagegen hat die Medizin nur Pillen, mit denen man das Bewusstsein schlafen legt, damit der Verzweifelte nicht in den Abgrund stürzt. Wie schön könnte es sein, wenn man auch Kraft und Scharfsinn für das Wohl der Seele einsetze, wenn man einsehen könnte, dass Moral unsere Lebensversicherung ist und dass es lohnender wäre, den Hass statt den Schnupfen zu bändigen?

Die Gedanken wandern: Ich beobachte  den allgemeinen Zerfall des Menschen. Was ist mit den Menschen los? Es wollen doch alle das Gute, die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit. Aber wo finde ich das? Sind die Menschen noch bei Verstand oder beginnt auch er zu zerfallen? Verschwörungstheorien erklären den Nachbarn zum bösen Feind und manchmal, aber immer häufiger, folgt aus dem Wort die Tat. Man kommt kaum noch miteinander aus; jeder schimpft auf den anderen. Film, Fernsehen und soziale Medien werden zu widerlichen Pfützen, die mit Verleumdungen, Dummheiten, menschlichen Tragödien, Sex und Kriminalität gefüllt sind. Das scheint man zu lieben! Das füllt die Gehirne? Ist das der Spiegel der Gesellschaft? Da muss man das Schlimmste annehmen! Da muss man das Fürchten lernen!

Ist das die Welt, die mir in den 60er noch Jahren so schillernd bunt und schön gemalt wurde, als man sich “Die Welt im Jahr 2000” aufgrund “wissenschaftlicher” Überlegungen  vorzustellen versuchte? Die ärgsten Krankheiten wollte man besiegt haben, ebenso den Hunger und den Krieg. Nein, diese Wunschträume gingen nicht in Erfüllung; es blieb nicht einmal so, wie es damals war. In meiner Jugend glaubte ich noch an die „großen Denker des Abendlandes“, aber beim kritischen Blick in ihre Brotbeutel fand ich nur trockene Krümel; den wirklichen sittlichen Nährwert fand ich nicht. Ich fand nur das, was die Menschen schon immer wussten: Die Einsicht, dass wir nichts wirklich wissen!

Und die Gedanken kreisen: Die „großen Denker“ des 19. Jahrhunderts (Hegel, Darwin, Nietzsche, Marx, Freud u. v. a.) fabrizierten die „wissenschaftliche“ oder philosophische  Begründungen für das Töten von Millionen. Denn fortan fand der Krieg z. B. aus biologischer Sicht statt, als „Kampf ums Dasein“. Also war es eine ganz „natürliche“ Angelegenheit, wenn der Tüchtigere sich durchsetzte, der Bessere siegte. Das Unterbewusstsein wurde “analysiert” und Träume gedeutet. So fand man viele Ausreden für den Pöbel im Kopf und für jeden Verbrecher auch eine fadenscheinige Entschuldigung. In der Regel waren die Ahnen schuld, wenn sich überhaupt die Schuldfrage stellte. Und sie stellt sich bis heute nicht wirklich. Es bleibt dabei: Auch Gedanken können morden!

Was soll ich zum Fortschritt sagen, den ich auch miterlebt habe? Wo ist er? Was ist aus unseren Hoffnungen auf ihn geworden? Was hat sich eigentlich durch ihn erfüllt? Ist es das Anwachsen des “realen” Wissens, das uns mehr belastet als beglückt? Sind es die immer perverser werdenden Waffensysteme, die große Teile des Volksvermögens verschlingen und täglich blutige Opfer fordern? Sind es die Millionen Hungertoten, die nicht zu sterben bräuchten, wenn diese Welt nicht so herzlos und habgierig wäre? Was nützt es, Fortschritt in Technik und Wissenschaft zu haben, wenn weiter geschossen, gebombt, gemordet und gehungert wird, wenn der Terrorismus die Welt überzieht? Wie könnte eine Welt aussehen, die weniger über Technik wüsste, aber dafür der Liebe ein Heimatrecht geben würde?

Seit wann ist man so fortschrittsgläubig? Seit der europäischen Aufklärung? Ich glaube, damals fing der Aberglaube an, dass durch Fortschritte in der Wissenschaft die Welt besser würde. Natürlich sind zur Verbesserung der Verhältnisse Verstand und Wissen  nötig, aber das allein reicht nicht hin, den Pöbel im Kopf zu bändigen!

Die europäische Aufklärung: Ein gut gemeinter Versuch, den Menschen aus seiner  selbstverschuldeten geistigen Abhängigkeit zu befreien. Was ist daraus geworden? Sind wir glücklicher, menschlicher, freier und weiser geworden? Angesichts der weltweit verbreiteten Barbarei kann die Antwort nicht positiv ausfallen. Sie muss negativ ausfallen, solange der allgemeine Pöbel weitermacht und sich in sinnlose Kriege stürzt. Immer wird für die angeblichen Ideale gekämpft, wie Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden, aber die wahren Motive sind Raubgier, Mordlust und Gottlosigkeit, auch wenn man oft auch für den “wahren Glauben” Krieg führt.

Ach ja, die Aufklärung befreite den Menschen? Wovon befreite sie ihn tatsächlich? Sie befreite ihn von seiner metaphysischen Mitte, von Gott! Damit befreite sie ihn  von sich selbst!  Sie befreite ihn von der Moral! Gewiss, das wollte man am Anfang nicht, aber als die Tür zum voraussetzungslosen Denken und zur bedingungslosen Freiheit aufgestoßen war, wurde alles weitere nur zwangsläufige Folge. So unterwarf man den Menschen dem durch den Verstand geforderten kalten Nützlichkeitsprinzip; er selbst wurde zur Sache.

Die alten Seefahrer brauchten zur Orientierung noch die Gestirne und die Menschen hatten im Allgemeinen ein Leitbild.  Das Gewissen und Gott hatten ihre Bedeutung noch nicht ganz verloren. Die „aufgeklärten“ Menschen hatten beides nicht mehr nötig. Der eigene Verstand sollte ausreichen? Er wurde übrigens als Gottheit verehrt, als man in Paris nach der Französischen Revolution der Vernunft einen Altar widmete! Die Vernunft des Menschen sollte fortan als Leitstern gelten. „Denn das, was IST, ist die Vernunft!“ Ich weiß nicht mehr, wer das formuliert hat, aber es drückt aus, was man sich dachte, was man hochhielt – und was mich verstört. Und die Gedanken kreisen!

Also noch einmal die Frage, wie man damit leben kann. Ich könnte zahllose Beispiele dafür anführen, dass leben für viele Menschen gar nicht möglich ist. Soweit ich in die Geschichte zurückblicken kann, ist es immer wieder zu sehen, wie verzweifelt hilflos viele Menschen sich dem Unheil ausgeliefert sahen – und sich verabschiedeten. Da sind viele geschundene Ichs und es ist noch nicht zu Ende. Ich greife ein Beispiel heraus:

„Ich habe keine Hoffnung mehr, ich spüre auch keine Rachegefühle. Alles Menschliche in mir habe ich längst verloren, vielmehr: Ich habe zugelassen, dass es verloren geht. Man muss im Leben entweder ein Engel sein oder ein Mensch oder auch ein Tier. Ich bin keines davon. Ich war als Egoist, ahnungslos und vom Unglück gezeichnet, auf die Welt gekommen. Eine Rückkehr ist jetzt nicht mehr möglich, ich kann keinen anderen Weg einschlagen. Ich kann nicht mehr mit dem Leben ringen. Ihr, die ihr glaubt, wirklich zu leben, welche Beweise habt ihr dafür in der Hand? Ich möchte weder, dass man mir verzeiht, noch möchte ich selbst verzeihen; ich will weder nach links gehen noch nach rechts, ich möchte meine Augen vor der Zukunft verschließen, möchte die  Vergangenheit vergessen. … Nun lebe ich nicht mehr, ich schlafe auch nicht mehr. Es gibt nichts auf der Welt, was mir gefallen oder missfallen könnte. Ich habe den Tod kennengelernt und stehe mit ihm auf vertrautem Fuß. Er ist mein einziger Freund, der einzige, der mich tröstet.“ (Aus: „Lebendig begraben“, Sadeq Hedayat. Er starb durch eigene Hand 1951 in Paris)

Und ich könnte noch viele Namen anfügen, Namen von Menschen, die alle nicht mehr mit dem Leben ringen konnten. Aber ich will nur zeigen, dass es die existenzielle Verzweiflung gibt, die Menschen aus reinem Unglücklichsein am Leben scheitern lässt. Was für eine hündische Welt! Sie haben alle ihre Wunden und Narben bekommen, wie auch ich. Aber warum lebe ich noch? Ich, der auch in den Abgrund geschaut hat – und bereit war?

Womit hätte ich mich trösten können, auf welches Versprechen hätte ich bauen können, um nicht abzustürzen? Es war ja schon alles zerfressen, kaputt und zur Täuschung geworden. Welcher der vielen unglücklichen Philosophen hätte mir helfen können, wenn sie nicht einmal sich selbst helfen konnten?

In einer Zeit der Krise lernte ich die Bibel kennen; ein Lehrer machte mich auf dieses außergewöhnliche Buch aufmerksam. Und ich werde nie vergessen, was dieses Buch in mir auslöste! Bis heute wirkt das Wort Gottes, das mich auf den Weg zu Gott führte. Ich bin durch Jesus Christus mit Gott versöhnt worden. Dadurch habe ich meinen Blick vom Abgrund abgezogen und erfahren, was Hoffnung und eine geistige Heimat bedeuten können. Ich bin nun zu Hause, und wenn mich wieder einmal schlimme Nachrichten beunruhigen wollen, dann fällt mein Blick auf die Bibel. Dann richte ich mein Bewusstsein auf Gott und werde getröstet.

Ja, wir alle verurteilen den Krieg, wir hassen Gewalt und Lüge. Und doch findet das alles jeden Tag und an fast jedem Ort vor unseren Augen statt. Geschieht das gegen unseren Willen? Will man sich damit herausreden? Man kann es nicht, denn wir sind verantwortlich vor Gott! Und ich weiß zuverlässig, dass Gott “einen Tag des Gerichts angesetzt hat, an dem er die ganze Welt richten wird”. So sehe ich die Sache der Gerechtigkeit und der Wahrheit in guten Händen. Ich muss mir keine Sorgen um diese Welt machen; sie wird durch Jesus gerichtet werden:

“Wer Böses tut, mag es weiterhin tun, wer an schmutzigen Dingen Gefallen hat, mag sich weiter beschmutzen. Wer aber gerecht ist, soll weiter gerecht handeln und wer heilig ist, soll weiter ein geheiligtes Leben führen. Ja, ich komme bald. Und ich bringe jedem den Lohn mit, der seinen Taten entspricht. Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Ursprung und das Ziel.” (Off. 22:11, 12)

Aus dem 37. Psalm drangen Worte in mein Bewusstsein, die ich mit ehrlichem Herzen annehme, auf die ich vertraue, weil Gott mein Vertrauen geworden ist:

„Reg dich nicht über die Bösen auf, beneide die Verbrecher nicht! Sie verdorren schnell wie das Gras, welken wie das grüne Kraut. Vertraue auf Jehova und tue das Gute, wohne im Lande und sei ehrlich und treu. Erfreue dich an Jehowah! Er gibt dir, was dein Herz begehrt. Lass Jehowah dich führen! l. Er wird dein Recht aufgehen lassen wie das Licht, und deine Gerechtigkeit wie die Sonne am Mittag. Sei still vor Jehowah und warte auf ihn! Reg dich nicht über den auf, dem alles gelingt, über den, der böse Pläne  ausführt. Steh ab vom Zorn und lass den Grimm! Reg dich nicht auf! Das führt nur zum Bösen. … Jehowah kennt das Leben der Seinen, ihr Erbe hat ewig Bestand. In böser Zeit enttäuscht er sie nicht,…“  (Verse 1-8)

Ich möchte diesen Text nicht kommentieren, denn er spricht für sich selbst. Er ist für mich erfahrbare Wirklichkeit geworden, und ich weiß, dass ich in Gottes Liebe und Fürsorge zu Hause bin. Ich möchte danach leben, denn ich sehe keine andere Möglichkeit, denn: “Ist  die Grundordnung zerbrochen, was richtet der Gerechte noch aus?” (Ps. 11:3) Und die Zweifler möchte ich fragen, worin eigentlich der Glaube an Gott bestehen soll, wenn nicht in dem, was die Worte des Psalms sagen?

Ich will die Aussage mit einem weiteren Psalm verstärken:

„Doch ich bleibe stets bei dir. Du hältst mich an der rechten Hand. Mit deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende in Ehren auf. Wen habe ich im Himmel außer dir? Und neben dir wünsche ich mir nichts auf der Erde. Auch wenn ich Leib und Leben verliere, bleibt Gott doch mein Fels und mein Anteil für immer. … Doch ich bekenne: Die Gottesnähe tut mir gut! Ich fand meine Zuflucht bei Jehowah, dem Herrn.“ (Ps. 73:23-28)

Ich kann und will nicht mehr zurück an den Rand des Abgrunds. Meine Hoffnung, mein Ziel und meine Zuversicht ist das Reich Gottes. Es ist das Reich, in dem Frieden, Wahrheit  und Gerechtigkeit sich begegnen, wie es in alten Prophezeiungen heißt:

„Deine Verwaltung wird Frieden sein und deine Regierung Gerechtigkeit. Man hört nichts von Verwüstung und Zerstörung in deinem Land. Du wirst deine Mauern „Rettung“ nennen und deine Tore „Lob“. Das Licht der Sonne wirst du künftig nicht mehr brauchen, auch nicht mehr den Mondschein in der Nacht, denn dein ewiges Licht wird Jehowah sein, dein Gott leuchtet dir in herrlichem Glanz. … Dein Volk wird nur aus Gerechten bestehen, und das Land wird für immer ihr Eigentum sein; ein blühender Garten, von Jehowah angelegt, ein Werk seiner Hände zu seinem Ruhm.“ (Jes. 60:17-21)

Ich habe am Abgrund gestanden! Ich habe in den Abgrund der absoluten Hoffnungslosigkeit geblickt, und ich hätte damals hineinstürzen können. An meiner Meinung über die Menschheit im Allgemeinen hat sich nichts geändert; ich sehe darin die Erfüllung der Worte Gottes. In dieses moralische Tief muss man stürzen wenn man Gott nicht kennt, wenn man ihn nicht sucht und sich vor ihm nicht verantwortlich fühlt. Ich habe Gott gefunden, und er hat sich finden lassen. Aus der Bibel weiß ich, wie ich in dieser Zeit leben kann: Ich kann nur mit Gottes Hilfe durch Jesus Christus überleben. Ich kann nur in der Gottverbundenheit leben! Das steht mit kristallener Klarheit vor meinen Augen. Ich habe meine “Mitte” gefunden, ich habe die Erfahrung der Hilfe Gottes gemacht, ich habe Gott “gesehen”! Nun kann ich ruhig und froh sein, denn sein Angesicht leuchtet über mir!

Jona – eine unerhörte Geschichte?

  

Und sie kommt mir bekannt vor, denn ich erkenne mich in ihr wieder! Um genauer zu sein: Ich bemerke auch an mir das Verhalten des Propheten, wenn auch in abgeschwächter Form. Auch ich habe es nötig, über Barmherzigkeit nachzudenken, weil ich ein Mensch bin und dazu neige, unbarmherzig zu sein, wenn negative Gefühle mich überschwemmen, wenn Vorurteile mich blind machen.  

Jona auf der Flucht

Was hat Jona mit sich selbst erlebt? Was hat er über sich erfahren? Was musste er lernen? Diese Fragen will ich mir selbst stellen. Doch zunächst zu Jona: Der Prophet hatte von Gott den Auftrag erhalten, den Bewohnern von Ninive den Untergang ihrer Stadt anzukündigen, weil ihre Sündenlast zu groß geworden war. Aber der Prophet wich aus und reiste nach Tarschisch (Spanien). Aber er kam nicht dort an, denn Gott hatte beschlossen, ihn unbedingt nach Ninive zu bringen. Darum wurde er von einem großen Fisch verschlungen und an Land gespuckt. Als Jona im Bauch des Fisches war, betete er: 

“Aus dem Bauch des Todes schrie ich um Hilfe, und du hörtest mein Rufen. … Ich dachte: ‘Jetzt bin ich aus deiner Nähe verstoßen, deinen heiligen Tempel werde ich nie wieder sehen. … Bis zu den Wurzeln der Berge sinke ich hinab. Hinter mir schließen sich für immer die Riegel der Erde. … Aber du hast mich lebendig aus der Grube gezogen, Jehowah, mein Gott. Als mir die Sinne schwanden, dachte ich an dich. … Ich aber will dir opfern und dich mit lauter Stimme loben. Was ich gelobe, will ich erfüllen. Bei Jehowah ist Rettung!” (Jona 1:5-13)

Jonas Zorn

Als der Prophet in Ninive angekommen war, rief er aus: “Noch vierzig Tage, dann ist Ninive völlig zerstört!”. Jona bildete sich ein, dass man nicht auf ihn hören würde, doch er täuschte sich! Die Bewohner der Stadt kehrten um, sie bereuten ihre bösen Taten und Gott ließ sich erbarmen. Währenddessen wartet Jona auf den Untergang der Stadt. Als der Untergang ausblieb wurde Jona zornig und sprach zu Gott: 

“Ach, Jehowah! Genau das habe ich mir gedacht, als ich noch zu Hause war! Deshalb wollte ich ja nach Tarschisch fliehen. Ich wusste doch, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, … und dass du einer bist, dem das angedrohte Unheil leid tut. Nimm jetzt mein Leben von mir, Jehowah! Denn es wäre besser für mich zu sterben, als weiter zu leben. Aber Jehowah fragte: ‘Ist es recht von dir, so zornig zu sein?’”. (Jona 4:1-4)

Gottes Lehre für Jona

Dann erteilte Gott seinem Propheten eine wichtige Lehre: Jona hatte sich eine östlich von Ninive eine Laubhütte gebaut und Gott ließ eine große Staude wachsen, die dem Propheten Schutz vor der sengenden Sonne bot. Aber über Nacht ließ Gott die Staude absterben, so dass die Sonne auf den missmutigen Propheten niederbrannte. Er wurde fast ohnmächtig und wünschte wieder zu sterben. Und als Gott ihn fragte, ob es recht sei, wegen einer Pflanze, dem Geschöpf einer Nacht, so zornig zu sein, sagte Jona: “Ja, mit vollem Recht bin ich zornig und wünsche mir den Tod!”. 

Gott machte ihn auf sein unsinniges, unbarmherziges Verhalten aufmerksam: 

“Dir tut es Leid um die Rizinusstaude, um die du keine Mühe gehabt hast und die du nicht großgezogen hast. Sie ist in einer Nacht entstanden und in einer Nacht zugrunde gegangen. Und mir sollte nicht diese Stadt Ninive leidtun, in der mehr als 120 000 Menschen leben, die rechts und links nicht unterscheiden können, und dazu noch das viele Vieh?” (Jona 4:10, 11). 

Jona ist nicht allein

Ich stelle fest, dass der Prophet, der so viel Barmherzigkeit von Gott erfahren hatte, sie den Bewohnern von Ninive nicht gönnte! Er wünschte zu sterben, weil seine Botschaft Reue ausgelöst hatte! Das nehme ich kopfschüttelnd wahr, aber ich möchte nicht über Jona urteilen, weil ich mich erinnere, in kleineren Dingen ebenfalls unbarmherzig gewesen zu sein. Ich beschreibe diese Dinge nicht, um mich selbst anzuklagen, sondern um mich besser zu verstehen, um das zu erfahren, worum der Psalmschreiber gebeten hatte: “Öffne mir die Augen, damit ich erkenne die Wunder in deinem Gesetz” (Ps. 119:18). Das macht es nötig, sich selbst zu hinterfragen und  kritisch mit sich selbst umzugehen. 

Das Wesen der Barmherzigkeit

Zuerst interessiert mich die Frage: Was ist Barmherzigkeit? Ich las, dass es eine von Herzen kommende aktive Hinwendung zum Nächsten ist, die ihm Erleichterung in einer schwierigen Lage verschafft. Es ist im Deutschen mit dem Ausdruck gleichzusetzen: Ein Herz für die Armen zu haben. Sie hat also mit Liebe, Mitleid und Rücksichtnahme zu tun, was sich in tatkräftiger Hilfe äussert. Wenn es um Vergebung von Schuld geht, dann ist Barmherzigkeit nicht nur routinemäßiger Schuldenerlass, sondern ein beherrschender Ausdruck der Liebe Gottes. Manche Leute beschreiben die Liebe (agape) als “grundsatztreue Liebe”. Was ist das schon! Es ist die kalte Liebe ohne Wärme. Hier geht es wohl nicht so sehr darum, die wirklichen Bedürfnisse eines anderen Menschen zu sehen und zu  stillen, sondern um den “Grundsatz”. Passt das in die Beschreibung, die Paulus in 1. Kor. 13:1-13 vom Wesen der Liebe gab? Nein, hier wird die Liebe gezeichnet, die den ganzen Menschen umfasst, sein Mitfühlen, sein Verständnis, seine Verantwortung für den Nächsten und seine Hingabe an ihn. Denn lieben kann man nur ganz und nicht nach irgendeinem ‘Gesetz’ oder einer Vorschrift. Es scheint mir wichtig, das zu beachten, denn sonst hätte Barmherzigkeit nur den kalten Glanz von “gnädiger”, herablassender Großzügigkeit. Das kann man gut an Jesu Verhalten und seiner Parabel vom barmherzigen Samaritaner erkennen: Denn dieser barmherzige Mann war nicht damit zufrieden, den Überfallenen nur der Obhut eines anderen zu übergeben; er wollte  alle Kosten für die Pflege bis zur vollständigen Gesundung selbst übernehmen. Der Überfallene war für den Samaritaner  eigentlich ein Fremder, ein Jude, aber Barmherzigkeit machte diesen Fremden für ihn zum NÄCHSTEN. Durch Barmherzigkeit wurden diese beiden Menschen erst Menschenbrüder! Durch Barmherzigkeit wurden Herzen verbunden.

Der Stellenwert der Barmherzigkeit

Während ich über diese Sache nachdenke, wird mir immer deutlicher bewusst, über welche großartige Gabe der Mensch verfügt, der Barmherzigkeit lebt. In der Bergpredigt werden ausdrücklich die Barmherzigen von Jesus erwähnt, wenn er ihnen Gottes Zuwendung verheißt. Ja, Jesus machte das Geschenk des ewigen Lebens direkt von der Barmherzigkeit abhängig. Und ich weiß nicht, wie oft Jesus in seinen Reden auf die Notwendigkeit hinwies, barmherzig zu sein; man begegnet dieser Forderung beim Lesen der Bibel immer wieder. Was macht den Menschen in Gottes Augen wertvoll?  Ist es nicht die Liebe? Aber was wäre die Liebe ohne Barmherzigkeit? Kann man ohne Barmherzigkeit lieben, ich meine wirklich, aufrichtig und zielgenau? Liebe ohne Barmherzigkeit kommt mir vor wie ein Feuer, das nicht wärmt.

Jesus stellte bei den geistlichen Führern der Juden mehrmals einen auffälligen Mangel an Barmherzigkeit fest. Dabei zitierte er aus dem Propheten Hosea:

“Denn Barmherzigkeit will ich von euch und nicht geschlachtete Opfer. Erkenntnis Gottes bedeutet mir mehr, als brennende Opfer auf dem Altar.” (Hos. 6:6)

Bei mehreren Gelegenheiten wurde er zornig über die Herzlosigkeit seiner Zuhörer; es war ihm unbegreiflich, warum die Pharisäer und Schriftgelehrten so unbarmherzig waren. Es war ihnen viel wichtiger, dass die Menschen ihre kleinlich-unwichtigen Regeln oder Grundsätze beachteten, als Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue zu üben. (Mat. 23:23) Aber soweit kann ich kommen, wenn ich allzu gerecht und allzu weise sein will (Pred. 7:16). 

Barmherzigkeit ist aktiv, nicht passiv

Ich möchte noch eine wichtige Eigenschaft der Barmherzigkeit erwähnen. Sie ist aktiv, initiativ. Die Barmherzigkeit, diese Schwester der Liebe, hat Augen für den MItmenschen. Die Liebe sieht den Nächsten; sie hat Augen für ihn und erkennt sofort, wenn er Hilfe und Mitgefühl braucht. Und wenn sie das sieht, dann wartet sie nicht ab, bis vielleicht ein anderer einspringt. Sie ergreift sofort die Möglichkeit, einem bedrängten Menschen beizustehen. Und wer aus diesem Motiv heraus gibt, tut es wohl nicht aus reinem Pflichtgefühl, er tut es mit Fröhlichkeit (Rö. 12:8).

“Der Wert des Mitmenschen wird in meinem Herzen bestimmt!”

So möchte ich die vielen Aussagen der Bibel zusammenfassen. Unter den verschiedenen Texten möchte ich diesen herausheben:

“Schließlich sage ich euch allen: Seid euch in der gleichen Gesinnung einig, habt Mitgefühl füreinander und begegnet euch mit geschwisterlicher Liebe! Seid barmherzig und demütig. Vergeltet Böses nicht mit Bösem und Schimpfwort nicht mit Schimpfwort, sondern tut das Gegenteil: wünscht ihnen Gutes und segnet sie so! Das erwartet Gott von euch, damit er euch an seinem Segen teilhaben lässt.” (1. Pe. 3:8, 9)

 Es kommt entscheidend darauf, wie man Menschen sieht. Man ist als Mensch zu oft geneigt, andere Menschen abzuwerten. Man findet immer eine Sache, die den Nächsten herabsetzen könnte. Das kann soweit gehen, dass man in seinem Sinn ein Feindbild erschafft. Und wenn der eingebildete Feind Hilfe braucht, verweigert man sich leicht. In Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner finden wir auch dies: Levit und Priester gingen weiter, und sahen den Überfallenen angeblich nicht. Ihr Denken über diesen Mann war vergiftet. Es war vielleicht vergiftet, weil sie zu hoch von sich dachten. Sie sahen auf andere herab. Das war ihr großer Fehler, den Jesus offen ansprach. Und ich denke, dass für es einen Nachfolger Jesu selbstverständlich sein soll, den Nächsten willkommen zu heißen und ihm ohne Vorurteile zu begegnen. Der Nächste sollte erkennen können, dass er für mich als Mitmensch und Menschenbruder wichtig ist, dass er in meinen Augen Würde und Wert besitzt. Ich denke, dass Paulus das ausdrücken wollte:

“Wenn es doch so etwas gibt wie Ermutigung in Verbindung mit Christus; Tröstung, die aus der Liebe kommt; Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt; Barmherzigkeit und Mitgefühl, dann macht meine Freude vollkommen, indem ihr in derselben Einstellung und Liebe von ganzem Herzen zusammensteht.” (Phil. 2:1, 2)

Sünder brauchen Hilfe und Barmherzigkeit, nicht schroffe Abweisung

Und wie gehe ich mit Menschen um, die gegen mich gesündigt haben? Habe ich das Recht, solche Menschen zu Feinden zu erklären? Diese Frage stellt sich für einen Christen nicht, denn er hat dazu kein Recht.! Ein Christ soll sogar seine Feinde lieben. So hat es Jesus gewollt. Nur wer dazu in der Lage ist, ist “vollkommen”, und ein Kind Gottes. (Mat. 5:44-48; Rö. 12:14). Aber wie kann ein Christ einem Sünder helfen? Zuerst einmal muss er sich selbst sehen und erkennen, dass er selbst auch ein Sünder ist, der Barmherzigkeit braucht. Und dann wird er beten; zuerst für sich und dann für den Sünder, damit der Geist Gottes Einsichten verleiht, die helfen, in sich selbst anzukommen. Wir haben als Menschen in dieser Hinsicht keine Macht über andere. Es gibt nur die Macht der Liebe, aber wer ohne diese Macht einem Sünder helfen will, handelt gegen die Barmherzigkeit und vergisst, dass die Liebe und die Barmherzigkeit  Gottes uns als Jünger Jesu zur Pflicht geführt hat. Durch seine Liebe hat Gott auch mein böses Herz besiegt. Und das kann er auch bei einem Menschen tun, der Schuld auf sich geladen hat. Was wollte Jesus denn damit sagen, wenn er meinte, dass man siebenundsiebzig mal vergeben soll? Warum musste Hiob für seine falschen “Ratgeber” beten? Warum heißt es, dass “Barmherzigkeit über das Gericht triumphiert”? Warum schrieb Paulus, dass Gottes gütige Wesensart uns zur Reue führen will? Warum sagte Gott, dass er “kein Gefallen am Tod des Sünders hat”? Warum hat er sich Jahrtausende um Sünder bemüht? Und dieses Bemühen Gottes dient mir als Warnung, wenn Jesus sagte: “Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch gemessen werden!”. Und als deutliche Warnung lese  ich dann auch das Gleichnis Jesu in Matthäus 18:22-35 , das mir  eindringlich vor Augen führt, was Barmherzigkeit ist und wie sie sich auf mich auswirkt. Was Jesus hier erzählte, ähnelt auffallend dem Verhalten des Propheten Jona. Und wie ich schon sagte, will ich nicht über Jona urteilen, sondern die Gefahr erkennen, die mir droht, wenn ich selbst Barmherzigkeit tausendfach bekommen habe und sie meinem Bruder in einem Fall verweigere. 

Ich will nie vergessen, was Jesus über Gottes Barmherzigkeit sagte, als die Apostel meinten, dass bei Gottes hohem Maßstab niemand gerettet werden könnte. Jesus deutete an, dass es sehr schwer für einen Reichen sei, in das Reich Gottes zu kommen. “Eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr, als ein Reicher in Gottes Reich.” (Mar. 10:25) Und dann folgt der Satz: “Für Menschen ist das unmöglich, nicht aber für Gott. Für Gott ist alles möglich“. Und das hat sich sehr oft  bewahrheitet, weil Gott großzügig und barmherzig ist! 

Und wie denke ich nun über Jona? Ich will nicht hart über ihn urteilen und darauf vertrauen, dass er durch die Zurechtweisung Gottes weiser und besser geworden ist. Und hoffen will ich, dass es auch mir gelingt. Und nun brauche ich ein großes “Maß” und ein weites Herz, damit die Liebe und die Barmherzigkeit darin Platz haben, damit ich ein wahrer Mensch werde!

Kann man an Gott irre werden?

„Lasst uns wissen: Was sollen wir ihm sagen?

Wir tappen doch im Dunkeln und wissen nichts.“

(Hiob 39:19)

Weil ein glaubender Mensch in einer Welt des Unglaubens leben muss, ist er ständig gezwungen, seinen Glauben zu verteidigen und zu bestätigen. Es ist leider eine Tatsache, dass die ganze Menschheit den Mächten der Verführung ausgesetzt ist, so hat es jedenfalls Jesus Christus prophezeit. (Off. 3:10) Im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse muss sich der Glaubende bewähren. Ständig regnet eine teuflische Propaganda auf ihn herunter, die ihn für alles vereinnahmen will, nur nicht für das, was Gott will. Sein Glaube ist seine Insel, die vom Meer des Unglaubens überspült werden kann. Immer wieder muss er sich klar machen, woran er glaubt und wem er sein Vertrauen und sein Herz geschenkt hat. Jeden Tag muss er zeigen, dass er seine christliche Freiheit nicht verkaufen will, um sich unter das Joch einer religiösen oder politischen Ideologie zwingen zu lassen. In Gedanken, Wort und Tat will er sich in diesem Kampf auf die Seite seines Erlösers stellen: Das ist sein fester Wille.

Ich habe nach einem Beispiel gesucht, um zu verstehen, wie heftig der Kampf werden kann, wenn man seinen beunruhigenden Gedanken ausgeliefert ist, wenn Unglück und innere Not das Denken vergiften und einen an Gott irre machen können. Und ich habe an Hiob verstanden, wie leicht es ist, an Gott irre zu werden. Wie kam es dazu? Aus dem ersten Kapitel des Buches „Hiob“ geht hervor, dass Satan Gott mit der Behauptung herausforderte, Hiob würde ihm nur aus Berechnung treu bleiben; die Treue Hiobs wäre nur durch den Segen und den Schutz Gottes gekauft. Darum sagte er zu Gott: „Versuch es doch einmal, und lass ihn alles verlieren, was er hat! Ob er dir dann nicht ins Angesicht flucht?“ Und so kam es, dass Gott dem Satan erlaubte, den treuen Hiob anzugreifen. Und dann verlor Hiob alles – bis auf sein Leben. Vom Gespräch zwischen Gott und Satan wusste Hiob nichts. Darum suchte er nach einer Erklärung für seine Lage und forderte von Gott Rechenschaft. Er forderte Gott auf, ihm zu sagen, warum er so schrecklich leiden musste. Und weil Gott ihm nicht antwortete, unterstellte er ihm Willkür. Seine Bekannten versuchten, ihm eine Sündenschuld einzureden; immer wieder sagten sie ihm, dass er wegen versteckter Sünden zu leiden habe. Aber Hiob fand in seinem Gewissen keine große Schuld. So verfestigte sich die Meinung, dass Gott ihn hasse und deshalb verfolge. Er glaubte also, unter dem Einfluss seiner eigenen Gedanken und dem Gerede seiner Bekannten, von Gott verlassen worden zu sein. Mehr noch: Er zweifelte an Gottes Moralität, an Gottes Liebe und Gerechtigkeit, soweit sie ihn betraf. So bringt er in seiner Klage zum Ausdruck, dass er  keine Hoffnung mehr habe. Und schließlich scheint er Gott für das Böse verantwortlich zu machen, wenn er sagt:

„Es ist alles einerlei. Darum sage ich: ,Er bringt den Schuldlosen wie den Schuldigen um! Wenn die Geißel plötzlich tötet, lacht er über die Verzweiflung der Unschuldigen. Er hat die Erde einem Schurken gegeben und alle Richter blind gemacht. Wenn nicht er, wer dann? (Hiob 9:22-24)

Wie kam Hiob dazu, zu sagen, dass Gott über die Verzweiflung der Unschuldigen lache? Wie kann er sagen, dass Gott alle Richter blind gemacht habe? Ist er tatsächlich der Meinung, dass Gott alles in die Hände eines Schurken gegeben habe? „Wenn nicht er, wer dann?“, fragte er zweifelnd. Seine Worte sind bitter und erwecken den Eindruck tiefer Verzweiflung. Ja, mehr noch: Er macht Gott für das Böse verantwortlich! Es ist ihm alles egal: „Und wenn ich Kopf und Kragen riskiere“:

„Seid still, ich will jetzt reden, mag über mich kommen was will. Und wenn ich Kopf und Kragen riskiere. Ich setze mein Leben aufs Spiel! Und wenn er mich tötet, ich warte auf ihn und verantworte mich vor ihm. Schon darin sehe ich mein Heil, denn kein Schurke hat Zutritt bei ihm.“ (Hiob 13:13-16)

Aus diesen Worten klingt auch eine vage Hoffnung auf, wenn er meint, einmal vor Gott zu stehen, um sich vor ihm verantworten zu können. Seine Vorwürfe erscheinen ungerecht, aber ich will nicht vergessen, dass Hiob ein Mensch war, der ein festgefügtes Weltbild besaß, das mit einem Schlag zertrümmert wurde: Ein Abgrund hatte sich geöffnet, vor dem ihm grauste. Er hatte den festen Halt verloren und glaubte, dass Gott sein Feind geworden war. Voller Verbitterung sagt er zu Gott:

„So will auch ich meinen Mund nicht halten, will reden in meiner inneren Angst, will klagen voller Bitterkeit. … Wenn ich sage: ‚Mein Bett soll mich trösten, so erschreckst du mich mit Träumen, bringst mich durch Visionen in Angst, so dass ich lieber ersticken wollte, lieber den Tod, als meine Knochen hier sehe. Ich bin es satt! Ich mag nicht ewig leben. Lass mich! Habe ich gesündigt? Was tat ich dir an, du Wächter der Menschen? Warum hast du mich zu deiner Zielscheibe gemacht? Warum werde ich mir selbst zur Last? Warum vergibst du mein Vergehen nicht und erlässt mir meine Schuld? So lege ich mich in den Erdenstaub und wenn du mich suchst, so bin ich nicht mehr.‘ (Hiob 7:11-16, 20, 21)

Seine drei Bekannten reden weiter ihren Unsinn und können Hiob nicht helfen. Und sie können nicht helfen, weil sie ein verfälschtes Gottesbild pflegen, das ja zu falschen Schlüssen führt, mit denen sie Hiob noch tiefer in seine Zweifel hineinführen. Da muss erst ein junger Mann kommen, der das Gerede der Alten entlarvt und Hiob auf seine eigentliche Unterlassung hinwies. Es ist Elihu, der rasch die Schwachstellen dieses tradierten, falschen Gottesbildes erkennt. Zuerst stellte er fest, dass Gott in seiner Erhabenheit und Größe dem Menschen keine Rechenschaft schuldet; er muss sich vor keinem Menschen rechtfertigen, wie es Hiob gefordert hat. Dann betonte er das, was auch Hiob gewusst hat: Gott regiert vollkommen gerecht und herrscht mit vollkommenem Wissen über die Welt. Das sind die Fundamente, auf denen die Beziehung zu Gott ruhen sollte. Und noch etwas gehört dazu: Es ist die Tatsache, dass Gott nicht von uns abhängig ist, dass er nicht unser Diener ist und trotzdem auf den Menschen achtet, ihn erzieht und ihm nicht sich selbst überlässt. In seiner Rede im Kapitel 33 schilderte Elihu, wie Gott z. B. auf den Menschen einwirkt und ihn in seinem Gewissen anspricht, damit „das Licht des Lebens ihm leuchte”.

Hiobs Denkfehler

Hiob hat so erhabene Worte über Gott gesagt, dass ich mich wundere und frage, warum er seinen Vater im Himmel als grausamen Feind beschrieb? Es war der überaus große Leidensdruck, der ihn irre machte. Dazu kamen noch die falschen „Tröstungen“ seiner Bekannten, die ständig wiederholten, dass er für seine geheimen Sünden zu büßen habe. Und der arme Hiob beteuerte ihnen immer wieder, dass sein Gewissen rein sei. Aber darauf gingen sie gar nicht ein. In seiner Verbitterung sagte Hiob:

„Käme doch, was ich begehre, dass Gott mein Verlangen erfüllt, dass Gott sich entschließt, mich zu töten, seine Hand enthemmt und mich ums Leben bringt. So könnte ich mich noch trösten und jubeln in der grausamen Qual, denn die Worte des Heiligen habe ich nie überhört. Welche Kraft hätte ich, noch zu hoffen, was ist das Ziel, für das ich durchhalten soll?“ (Hiob 6:8-11)

Wenn ich diese Worte lese, dann ahne ich, in welcher schlimmen Lage sich Hiob befand. Und dann bekomme ich selbst Angst davor, in so eine Situation zu geraten. Das wäre die schwärzeste Hoffnungslosigkeit! Da kann man sich nur noch den  Tod wünschen! Auf einen Schlag ist das ganze gelebte Leben eine einzige, sinnlose Nichtigkeit geworden. Innerhalb kürzester Zeit fühlte sich Hiob geistig heimatlos geworden, vertrieben aus der Nähe Gottes, denn er meinte, von Gott nicht mehr geliebt zu werden. Traurig erinnerte er sich an die Zeit, als Gott ihn beschützte:

„Ach wäre ich doch wie in den früheren Jahren, wie in den Tagen, als Gott mich beschützte, als seine Leuchte über mir schien, als ich in seinem Licht durchs Dunkel ging; wie ich war, in der Zeit meiner Reife, als Gottes Freundschaft über meinem Zelt stand, als der Allmächtige noch mit mir war.“ (Hiob 29:2-5)

Wie schlimm muss es sein, seine frühere Überzeugung aufgeben zu müssen, weil der Verstand mit dem Widerspruch zwischen Gottes Liebe und dem eigenen Erleben nicht zurechtkommt. Für den menschlichen Verstand scheint dieser Widerspruch unauflösbar. Darum kam Hiob dazu, so über Gott zu denken. Aber ist damit schon alles erklärt? Ich möchte fragen, ob ein Mensch tatsächlich sich selbst und seinen Gedanken so ausgeliefert ist, dass er an seinem Gott irre werden muss? Aber was kann man tun?

Die Antwort wird von Elihu gegeben: „Hat Hiob denn zu Gott gesagt: ‚Ich trage es, ich will nichts Böses tun? Zeig du mir, was ich nicht sehe! Habe ich Unrecht getan, ich tue es nicht wieder‘.“ (Hiob 34:31, 32) Ich muss feststellen, dass Hiob diese Bitte um Hilfe nicht geäußert hat. In seinem Sinn war dieser Wunsch wohl vorhanden, aber er konnte keine Gestalt annehmen, weil einerseits die Belastung ungeheuer stark war und der Einfluss seiner drei Bekannten ihn davon ablenkten. Das ist menschlich und verständlich! Und es erinnert an eine Spruchweisheit aus dem Buch Prediger: „Denn Bedrückung macht selbst den Weisen toll, und Bestechung vernebelt den Verstand.“.

Elihu vertieft seine Kritik an Hiob und sagte:

„Man schreit, dass viel Gewalt geschieht, man ruft um Hilfe vor der Willkür der Großen. Aber keiner sagt: ‚Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht, der uns Besseres lehrt, als die wilden Tiere und klüger macht als die Vögel?'“ (Hiob 35:9-11) Und hier möchte ich Jesus Christus zitieren, der sagte, dass Gott denen den heiligen Geist gibt, die ihn darum bitten (Luk. 11:13).

Und bei seinem Jünger Jakobus lesen wir: „Wenn es aber jemand von euch Weisheit fehlt, dann bitte er Gott, der allen willig gibt, ohne Vorwürfe zu machen, und sie wird ihn gegeben werden.“ (Jak. 1:5) So würde ich auch von meinem Standpunkt aus raten, aber wie ich unter starker Belastung handeln würde, weiß ich nicht mit Sicherheit. Ich kann es mir vornehmen, aber wenn ich bescheiden sein will und nicht zu sehr auf mich selbst vertraue, dann würde ich dasselbe sagen, wie der Schreiber des 119. Psalms: „Ich bin wie ein verlorenes Schaf. Suche deinen Diener, denn deine Gebote vergaß ich nicht!“ Ich bin mir sicher, dass ein Glaubender diese göttliche Aufsicht und Aufmerksamkeit unbedingt braucht. Wenn wir nur auf unseren Verstand angewiesen wären, könnten wir im Glauben nicht bestehen; dann wäre das Versagen unausweichlich.

„Zeige mir, was ich nicht sehe!“ Mit dieser Bitte gesteht ein Mensch seine Abhängigkeit von Gott ein. Damit erkennt er an, dass sein eigener Verstand, dieses wunderbare Werkzeug des Menschen, allein nicht ausreicht, um in allen Lebenssituationen zurecht zu kommen. Nach Elihus Worten „Ich trage es, ich will nichts Böses tun“ hätte Hiob sich darauf besinnen sollen, alles ruhig zu ertragen. Sollte das Fatalismus bedeuten? Nein, er sollte zum Ausdruck bringen, was er anfangs gesagt hatte: Alles im Glauben, d. h. im Vertrauen auf Gott ertragen und auf Gott zu warten. Aber da Hiob seinen Gott fast aus den Augen verloren hatte, war dieser Gedanke in der zugespitzten Lage kaum möglich.

Wir benötigen immer bestimmte Einsichten, die nur Gott geben kann; sie erhält man durch Gottes Geist und in der engen Verbundenheit zu ihm. Gott kann seinen Dienern auch Einsichten durch Leiden vermitteln. Das spricht Elihu auch an:

„Und sind sie mit Fesseln gebunden, in Stricken des Elends gefangen, dann zeigt er ihnen ihr Tun, ihre Vergehen und ihren Stolz; dann öffnet er ihr Ohr für Zucht und befiehlt ihnen, vom Bösen zu lassen. Wenn sie hören und sich unterwerfen, vollenden sie ihre Tage im Glück und ihre Jahre in Freude. … Den Elenden rettet er durch sein Elend und öffnet sein Ohr durch die Not.“ (Hiob 36:8-15)

Und an Hiob gewandt fährt Elihu fort:

„Er lockt auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum ohne Enge, zur Ruhe an einem reich gedeckten Tisch. Urteilst du wie Gottlose es tun, werden Urteil und Gericht dich ergreifen.“

Elihu macht also auf die Notwendigkeit aufmerksam, sich als Glaubender Gott zu unterwerfen. Er sieht darin – und mit gutem Recht – den Weg zum Glück. Denn Gott ist nach seinen Worten unbegreiflich, aber nicht willkürlich und launisch; er IST Gerechtigkeit und beugt das Recht nicht! Auch Hiob darf darauf vertrauen. Damit ist Elihu am Ende seiner Rede.

Und nun tritt der Schöpfer auf den Plan. Aus dem Sturm spricht er zu Hiob und stellt mit Hinweis auf die Schöpfung Fragen, die Hiob natürlich nicht beantworten kann. Aber sie zeigen Hiob, wo er als Mensch steht. Im Prinzip war ihm das bekannt, und doch gewinnt er daraus eine wertvolle Einsicht: Er sieht sich in einem Gesamtzusammenhang, der durch Gottes Geist hergestellt wird, der ihn mit allem verbindet und in dem jedes und jeder seinen Platz hat. Er weiß, dass auch er einen Platz in Gottes Liebe und Fürsorge hat. Er sieht ein, dass auch er von Gott wahrgenommen wird. Und nun bereut Hiob seine unbedachten Worte und macht sich ganz klein vor Gott. Er will nur noch von Gott belehrt werden und sieht ein, dass Nichtverstehen kein Recht gibt, über Gott schlecht zu denken und zu reden.

Mich hat die Haltung Gottes tief beeindruckt. Anstatt zornig auf Hiob zu reagieren und seine mächtige Überlegenheit zu demonstrieren oder gleichgültig zu sein, liegt ihm doch soviel an Hiob, dass er ruhig mit ihm spricht. Da herrscht nicht die Rechthaberei des Stärkeren, sondern das wahre Interesse am Menschen als einem Kind Gottes. Ich sehe die Barmherzigkeit, die Liebe und das Verständnis für einen armen Menschen, der sich in seinem Denken und Fühlen verrannt hat. Und Gott reißt ihn aus dem Rachen der Angst, gewährt ihm einen weiten Raum an einem reich gedeckten Tisch! Er öffnete ihm die Augen des Herzens und nun konnte Hiob erkennen, was er falsch gemacht hatte und einsehen, dass Gott sich nicht für sein Handeln rechtfertigen und alles haarklein erklären und verdeutlichen muss, dass Glaube wirklich Vertrauen ist und Gott Vertrauen verdient! Auch wenn wir im Handeln Gottes nicht alles verstehen, dürfen wir doch vertrauen, weil wir wissen, dass Gott uns sieht und für uns da ist. Wir dürfen davon überzeugt sein, dass unser Vater im Himmel immer für uns da ist und für uns sorgt. Er führt uns durch das Leben, durch alle Höhen und Tiefen Er steht als Vater neben uns mit helfender Hand und einem Herzen voller Liebe. Und weil wir Kinder sind, erzieht er uns, wenn es sein muss auch mit Not  und Leiden. Wir sind als seine Kinder bei ihm zu Hause! Das ist das Vertrauen, das Kinder zu ihrem Vater haben; so sollen wir werden, so wünscht es auch Jesus Christus: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die kleinen Kinder werdet, könnt ihr das Reich Gottes nicht erben.“ (Mat. 18:3)  Das ist der Glaube, der nicht erschüttert werden kann, weil Gott der Mittelpunkt unseres Lebens ist.

Glaube und Trost

Peterle Pornbacher

Der Friedhof im Dorf Tirol liegt neben der Kirche. Geht man durch die schmiedeeiserne Pforte, dann findet sich gleich links an der Mauer neben dem Tor eine kleine Tafel. Unscheinbar und bescheiden sieht sie aus. Sie kennzeichnet ein schlichtes Kindergrab. Hier wurde Peterle Pornbacher beerdigt. Das Geburtsdatum unterscheidet sich von Sterbedatum um genau einen Tag. Nur einen Tag lang hat Peterle geatmet, dann war das kurze Glück für die Eltern vorbei.

Womit haben sich die Eltern getröstet, die voller Zuversicht auf die Geburt ihres Kindes gewartet hatten? Wie kamen sie über das Unfassbare hinweg?  Eine kleine Inschrift nennt eine Stelle aus der Bibel. Man liest: „Jer. 31:15-17“, nichts weiter. In der Bibel liest man dies:

„In Rama hört man Totenklage, bitteres Weinen. Rahel beweint ihre Kinder. Sie will sich nicht trösten über ihre Kinder, weil sie nicht mehr sind. So spricht Jehowah: Halte deine Stimme vom Weinen zurück und deine Augen von Tränen! Denn es gibt einen Lohn für deine Mühe, spricht Jehowah: Sie werden aus dem Land des Feindes zurückkehren; und Hoffnung ist da für deine Zukunft, spricht Jehowah, und deine Kinder werden in ihr Gebiet zurückkehren.“

Der frühe Verlust ihres Liebsten hat sie erschüttert, und für uns ist es wichtig, zu sehen, wie und womit sie sich trösten ließen. Sie haben ihren tiefen Schmerz Gott anvertraut. Darum zitierten sie aus der Bibel. Die Eltern glaubten also an die Auferstehung! Sie vertrauten darauf, dass sie ihr Söhnchen aus „dem Land des Feindes“ zurück erhalten würden. Sie trösteten sich nicht mit dem billigen, gedankenlosen Worten vom „Wiedersehen im Himmel“,  die man auf vielen anderen Grabsteinen lesen kann. Auch in dieser Hinsicht scheint mir das kleine Grab des Peterle Pornbacher auf diesem Friedhof eine Ausnahme zu sein.

Die Totenklage aus Rama stammte aus einem Traum Jeremias. Der Prophet schildert diesen Traum in den Kapiteln 30 und 31. Als er erwacht war, stellte er fest: „Darüber wachte ich auf und sah mich um. Ich hatte wunderbar geschlafen.“ Im Traum wurde er durch eine Vorschau auf das Reich Gottes getröstet. Er sah die Befreiung der Menschen aus der Gefangenschaft der Sünde nach dem „Tag Gottes“ durch den „Diener David“ und die Wohltaten eines neuen Bundes, der die völlige Versöhnung des Menschen mit Gott möglich macht. Auch wenn diese Prophezeiung sich zuerst auf die Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft bezog, spannt sie doch den Bogen viel weiter, denn der König David war schon lange tot und die Auferstehung und der neue Bund waren auch nach der Rückkehr der Juden noch in weiter Ferne. Erst durch Jesus Christus, die „Wurzel und den Spross Davids“ kann das alles Wirklichkeit werden. Der neue Bund macht erst die wirkliche Nähe zu Gott möglich, eine Nähe, die allein schon tröstet:

„Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, ich lege es tief in sie hinein. So werde ich ihr Gott sein und sie mein Volk.“ (Jer. 31:33)

Das entspricht genau dem, was der Prophet Jesaja über das Reich Gottes und seine Bewohner geschrieben hat:

„Schon ehe sie rufen, gebe ich ihnen Antwort, während sie noch reden, erhöre ich sie.“ (Jes. 65:24)

Trost durch Gottverbundenheit

Der Trost, der aus der Gottverbundenheit kommt, ist kein billiger Trost, wie er gewöhnlich gespendet wird, wenn man sagt: „Es wird schon gut werden!“. Nein, der Trost Gottes hat eine feste Grundlage, denn er kommt vom Allmächtigen, der auch willens ist, uns zu helfen. Wer sich von Gott trösten lässt, mag nicht sofort sein Problem gelöst finden, aber er weiß, dass Gott auf jeden Fall hält, was er versprochen hat. Das hat immer Menschen bewegt, die bei Gott Trost suchten. So gab ein bedrängter Mensch seine Erfahrung mit dem Gott des Trostes wieder:

War mir das Herz von Sorgen schwer, dann liebkoste dein Trost meine Seele.“ (Ps. 94:19)

Wieder ein anderer hat diese Feststellung getroffen:

„Mit deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende in Ehren auf. Wen habe ich im Himmel außer dir? Und neben dir wünsche ich mir nichts auf der Erde. Auch wenn ich Leib und Leben verliere, bleibt Gott doch mein Fels und mein Anteil für immer. … Doch ich bekenne: Die Gottesnähe tut mir gut! Ich fand meine Zuflucht bei Jehowah, dem Herrn. Nun will ich all deine Taten erzählen.“ (Ps. 73:24-28)

Der Trost Gottes kann wie die Sonne sein, die durch den Nebel der Traurigkeit bricht und ihn auflöst. Dann erblickt man ein weites Land, das Frieden trägt und Gerechtigkeit. Es ist das Land der Verheißung, als einzige Hoffnung, auch wenn man Leib und Leben verlieren sollte! Auch wenn das Schlimmste im Leben uns überfällt, sind wir nie allein; Gott bleibt unser Anteil, unser Vater für alle Zeit! Und das umfasst eine ganze Ewigkeit! Immer sind wir als seine Kinder unter seinem Blick und dürfen darauf hoffen, dass wir nicht nur durch seine spürbare Nähe getröstet werden, sondern auch seine Hilfe erfahren. So habe ich es immer wieder erlebt, und so lange ich lebe, wünsche ich mir diese tröstende und stärkende Nähe. In Gottes großer Liebe darf ich mich geborgen wissen!

Geduld

Bei allen Wechselfällen des Lebens sind wir oft genug ratlos, fühlen uns verlassen und hilflos, depressiv oder verzweifelt. Wir flehen um die Kraft des heiligen Geistes und sind manchmal nahe daran, aufzugeben. Warum geben wir nicht auf? Wir geben nicht auf, weil wir vertrauen, weil wir uns an Gott klammern und immer wieder um seine Hilfe bitten. Und dann stellen wir fest, dass kein Kampf endlos ist, dass Geduld und das Warten auf Gott sich zuletzt auszahlen. Wir werden auch feststellen, dass der Kampf uns im Glauben fester und sicherer gemacht hat, dass er uns als Schulung und Erziehung diente, dass wir damit in guter Gesellschaft waren:

„Nehmt euch die Propheten, die im Namen des Herrn gesprochen haben, als Beispiel. Wie standhaft haben sie ihre Leiden getragen. Ihr wisst ja, dass wir die glücklich preisen, die durchhalten. Von der Standhaftigkeit Hiobs habt ihr gehört und gesehen, wie der Herr ihn am Ende belohnt hat. Der Herr ist voller Mitgefühl und Erbarmen.“ (Jak. 5:10, 11)

Trost durch die innere Wahrnehmung Gottes

Im Buch der Psalmen finden wir die Gedanken und Gefühle von Menschen, die ihren Lebenssinn nur in der Gottesnähe finden konnten. Es gibt viele Äußerungen von verzweifelten Menschen, die sich mitunter im Leben allein gelassen und bedroht fühlten. Wir lesen Ausdrücke des größten Schmerzes, der Verzweiflung und der Ratlosigkeit. Das kommt einem vertraut vor und man erinnert sich an sein eigenes Leben, das nicht immer glatt und rund verlief, sondern auch seine schlimmen Tage hatte. Und da erkennt man sich in den Menschen der Psalmen wieder.  Man ist mit ihren Schmerzen vertraut, aber auch mit dem Trost, der sie getröstet hat. Man fühlt sich in ihrer Gemeinschaft wohl, weil man durch ihre Augen auf Gottes Liebe schaut. Im Wesentlichen ist es die unbedingte Nähe zu Gott, auf die alles hinausläuft. Und Gott gestattet uns diese Nähe, wenn wir durch Jesus Christus Frieden mit ihm geschlossen haben. Dadurch werden wir „Hausgenossen Gottes“, die durch Jesus den freien Zugang zu Gott haben (Eph. 2:18, 19). Durch diese Familienzugehörigkeit sind wir geborgen, auch über den Tod hinaus! Wir müssen in einer bösen, gottfeindlichen Welt leben, wir werden „auf jede Weise bedrängt“ und erfahren doch immer wieder, dass wir gestärkt und getröstet werden:

„Von allen Seiten werden wir bedrängt, sind aber nicht erdrückt; wir sind oft ratlos, aber nicht mutlos, wir werden verfolgt, sind aber nicht verlassen, wir werden zu Boden geschlagen, und kommen doch nicht um.“ (2. Kor. 4:8, 9)

Das ist die Erfahrung von Menschen, die glauben und durch den Glauben mit Gott verbunden sind! Und wir sehen an ihnen, dass man Gott im eigenen Herzen erkennt, weil man die Liebe Gottes erfahren hat. Der Trost Gottes ist dann wie ein wärmender Mantel, ein bergender Arm,  eine helfende Hand, ein stärkender Zuspruch, ein Streicheln und Liebkosen. Der Trost Gottes ist wie ein Sommermorgen, der uns mit tiefer Freude und Frieden erfüllt und man schließlich sagen kann: 

„Nein, ich habe mich beruhigt, habe mich besänftigt. Wie ein Kind bei seiner Mutter, wie ein zufriedenes Kind bin ich geworden.“ (Ps. 131:2)

Alle Menschen wissen, dass sie sterben werden, aber nur wenige machen es sich bewusst. Zu denen, die es wissen wollten, gehörte der König David, der Gott bat: „Lass mich mein Ende erkennen und zeige mir das Maß meiner Tage, damit ich erkenne, wie vergänglich ich bin.“ (Ps. 39) Wer das wünscht, möchte wesentlich leben, möchte seine Zeit bewusst wahrnehmen. Als er seine Antwort bekommen hatte, war er erschüttert, sprachlos und traurig. Wie ging er mit der Tatsache seiner eigenen Vergänglichkeit um?

Der eigene Tod

Er stellte sich ganz bewusst auf die Seite eines Sünders, wie der Mann in einem Gleichnis Jesu, der sagte: „O Gott! Sei mir, einem Sünder gnädig!“ (Luk. 18:13) Kann ein glaubender Mensch etwas Wichtigeres in diesem Kontext sagen? Wer so spricht, will betonen, dass er schuldig ist, dass er sich seiner Schuld bewusst geworden ist und Gottes Barmherzigkeit braucht! Diese Schuld trieb David in die Arme Gottes, von dem er Barmherzigkeit und Trost erwartete.  Und so wie David geht uns allen. Erwarten wir zuviel? Nein! Wie David kennen wir unseren Gott so gut, dass wir keine Bedenken haben, um Gnade zu bitten. Denn wir wissen mit dem Herzen, dass Gott es so will!

Und ich möchte auch zum Ausdruck bringen, dass ich im Gegensatz zu Gott nur Staub bin. Ich möchte betonen, dass ich den Tod als gerechten „Lohn der Sünde“ (Rö. 5:18, 21) sehe, als einen Lohn, den ich hinnehmen will. Und ich will ganz bewusst wissen, dass es aus dem Tod eine Befreiung gibt! Denn als ein Nachfolger Jesu habe ich die Worte meines himmlischen Bruders im Herzen verinnerlicht:

„Ja, ich versichere euch: Wer auf meine Botschaft hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben. Auf ihn kommt keine Verurteilung mehr zu; er hat den Schritt vom Tod ins Leben schon hinter sich.“ (Joh. 5:24)

Diese sichere Zusage Gottes wird immer wieder bekräftigt, wenn es u. a. heißt:

„Denn keiner von uns lebt für sich selbst und keiner von uns stirbt für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, gehören wir dem Herrn. Im Leben und im Tod gehören wir dem Herrn.“ (Rö. 14:7, 8)

„’Der Tod ist verschlungen vom Sieg.’ ‚Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo bleibt dein Stachel?’ Der Giftstachel des Todes ist die Sünde, … Doch Gott sei Dank! Durch Jesus Christus, unserem Herrn, gibt er uns den Sieg!“ (1. Kor. 15:55)

Und nun bin ich wieder am Grab vom Peterle. Seine Eltern sind bestimmt auch schon verstorben. Sie starben – so will ich annehmen – mit der Hoffnung auf eine Auferstehung von den Toten. Dann werden sie erleben, wie sich Gottes Barmherzigkeit anfühlt, wenn sie in der Ewigkeit leben und Gott auch ihre Tränen der Trauer getrocknet hat, wenn Gott alle Dinge neu macht!

Ich darf mich also freuen, so recht im Herzen freuen, dass Peterle Pornbacher, seine Eltern und alle, die ihre Hoffnung auf Gott gesetzt haben, den Tod überwinden, weil Jesus ihn besiegt hat! Das ist der wesentliche Trost während unserer jetzigen Lebenszeit!

„Und vom Thron Gottes her hörte ich eine laute Stimme rufen: ‚Jetzt ist Gottes Wohnung bei den Menschen. Unter ihnen wird er wohnen und sie werden alle seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein. Jede Träne wird er von ihren Augen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und auch keine Traurigkeit, keine Klage, keinen Schmerz. Was früher war, ist für immer vorbei!’“ (Off. 21:3, 4)

„Deutungen sind Gottes Sache“

Im ersten Psalm wird uns ein Mensch vorgestellt, der mit Lust „bei Tag und bei Nacht“ im Wort Gottes liest. Er ist glücklich dabei und weiß, dass dieses Wort ihn im Leben leitet – zu einem glücklichen Leben!

„Er ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt und dessen Laub niemals welkt. Ja, was er auch tut, es gelingt! Doch so sind die Gottlosen nicht.“

Für Menschen, die sich gern als aufgeklärt sehen, ist aber das kein Weg zum privaten Glück. Zu sehr sind sie von negativen und verunglimpfenden Kommentaren zur Bibel beeinflusst. Für viele ist es jüdische Geschichte und für wieder andere Märchen mit nützlicher Moral. Ich will auf die vielen Meinungen zur Bibel nicht näher eingehen, denn in den überwiegenden Fällen geht man am eigentlichen Kern der Bibel vorbei und vergisst, unter welchen Bedingungen sie ihre Kraft entfaltet und was unbedingt nötig ist, um sie im Kern zu verstehen.

Mir ist kein Buch bekannt, das die Menschen so stark polarisiert hat, das immer wieder bekämpft wurde und doch von Einzelnen leidenschaftlich geliebt und verteidigt worden ist. An der Bibel scheinen sich die Geister zu scheiden. Aber wer bekommt den Zugang zu diesem außergewöhnlichen Buch? Ist es der Philologe, der Theologe, der Wissenschaftler oder Historiker? Oder kann jeder einfache Mensch den Zugang finden? Wer oder was entscheidet das?

Man hat die Bibelkritik oft an Widersprüchen, scheinbaren Ungenauigkeiten und fehlender historischer „Wahrheit“ gemessen. Man hat sie sprachwissenschaftlich untersucht und ihre „Ideengeschichte“ beleuchten wollen; man hat sie der Literaturkritik unterworfen und versucht, sie „am gesunden Menschenverstand“ zu messen. Was kam dabei heraus? Ist man diesem Buch damit gerecht geworden? Bis heute jedenfalls nicht. Und doch ist dieses Buch für viele Menschen ein heiliges Buch in dem Sinne, dass es von ihnen als Sammlung der Gedanken Gottes gesehen wird.

Dass die Bibel für viele Menschen ein Buch mit sieben Siegeln ist und bleiben wird, ist nicht neu. Jesus Christus hat in seinen Reden auffallend viele Gleichnisse und Geschichten verwendet. Er wurde einmal gefragt, warum er in Gleichnissen spreche. Seine Antwort entnahm er dem Propheten Jesaja:

„Deshalb verwende ich Gleichnisse, wenn ich zu ihnen rede. Sie sehen und sehen doch nichts, sie hören und verstehen trotzdem  nichts. An ihnen erfüllt sich die Prophezeiung Jesajas:

‚Hört nur zu und versteht doch nichts; seht nur hin, und ihr werdet trotzdem nichts erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt, ihre Ohren hören schwer, und ihre Augen sind zu. Sie wollen mit ihren Augen nichts sehen, mit ihren Ohren  nichts hören und mit ihrem Herzen nichts verstehen. Sie wollen nicht umkehren, dass ich sie heile.’“ (Mat. 13:13-15)

Jesus hatte im Tempel in Jerusalem so manche Diskussion über seine Autorisierung und seine Lehren. Seine Zuhörer konnten so vieles nicht verstehen und hielten ihn daher für besessen, von Dämonen beherrscht. Er sagte seinen Kritikern deutlich, dass sie ihm deshalb nicht glauben konnten, weil sie Gott nicht kannten:

„Wenn Gott euer Vater wäre, … dann würdet ihr mich lieben. Denn ich bin von Gott zu euch gekommen, in seinem Auftrag und nicht von mir aus. Warum ist mein Reden nur so unverständlich für euch? Weil ihr gar nicht fähig seid, mein Wort zu hören. … Wer Gott zum Vater hat, hört auf das, was Gott sagt. Aber ihr hört es nicht, weil ihr nicht von Gott stammt.“ (Joh.8:42-47)

Damit hat Jesus Christus auf etwas Wichtiges aufmerksam gemacht, was daran hindert, der Bibel gerecht zu werden: Der Unglaube verhindert, dass ihre Worte auf fruchtbaren Boden fallen und wie kostbare Samen aufgehen und wirken können. Das mag jene erstaunen, die fordern, dass allein der gesunde Menschenverstand ausreiche, um die Bibel zu verstehen! Und ich muss feststellen, dass Verstand tatsächlich nötig ist, aber da ist noch viel mehr: Der glaubende Mensch braucht die Hilfe Gottes dabei. Wer nicht an Gott glaubt, weil Gott nicht sein Vater ist, wird ins Leere laufen und wird Kritik an der Bibel und an Gott üben, wenn es um die Frage der Autorität der Bibel geht. Er wird Kritik besonders dann üben, wenn er ahnt, was die Bibel von ihm fordert, wenn sie sein Gewissen aufstört und ihm seine Verantwortung vor Augen hält.

Am Beginn dieser Diskussion im Tempel fragten sich die Zuhörer, woher Jesus die Schriften so gut kannte, da er doch keinen menschlichen Lehrer gehabt hatte. Jesus antwortet darauf und sagte:

„Meine Lehre stammt nicht von mir. Ich habe sie von dem, der mich gesandt hat. Wer bereit ist, das zu tun, was Gott will, wird erkennen, ob meine Lehre von Gott ist oder ob ich sie mir selbst ausgedacht habe.“ (Joh. 7:17)

Also erst wenn ein Mensch tun möchte, was Gott will, kann er verstehen, was die Bibel ihm sagen will! Damit unterscheidet sich die Bibel ganz deutlich von allen anderen Büchern, die man zum Lernen gebrauchen kann. Ihre Botschaft an den Menschen wird erst erfahrbar, erst dann lebendig, wenn man tun will, was Gott von uns erwartet! Denn das ist ein Grundprinzip der Bibel: Die Erziehung des Menschen zur Gerechtigkeit! Der Disput aus Johannes 6:22-59 bringt zum Ausdruck, dass der Glaube ein Geschenk Gottes ist und dass Gott das Bewusstsein für das Verstehen seines Wortes öffnet!

Der Logos, das Wort und die Propheten

Jesus wird als das „Wort Gottes“, als der „logos“ bezeichnet (Joh.1:1; Off. 19:13) Als das „Wort Gottes“ ist er derjenige, der das Wort Gottes übermittelte und es nach seiner Auferstehung zur vollen Erfüllung bringen wird. Und als „Wort Gottes“ war er auch der Übermittler des göttlichen Wortes an die Propheten der Bibel. Er hat auch dafür gesorgt, dass dieses Wort der Menschheit erhalten blieb:

„Nach dieser Rettung forschten schon die Propheten, die angekündigt haben, welches Gnadengeschenk für euch bestimmt ist. Sie forschten danach, auf welche Zeit und welche Umstände der Geist von Christus, der in ihnen wirkte, hinwies.“ (1. Pe. 1:10, 11)

Das bedeutet doch, dass Jesus durch seinen Geist die Propheten beeinflusste und dafür sorgte, dass die Gedanken Gottes im Bewusstsein der Propheten Form annahmen, so dass sie aufgeschrieben werden konnten. So entstanden große Teile der Bibel. Dabei ist es unerheblich, ob es eine wörtliche Eingebung war oder eine sinngemäße, bildliche. Es ist auch bei den Propheten auffällig, wie oft Visionen, Träume und Bilder oder Gleichnisse verwendet werden. Der Grund dafür mag in den vorher zitierten Worten Jesu zu finden sein.

„Deutungen sind Sache Gottes“

Wie soll man – mit dem gerühmten „gesunden Menschenverstand“ – Visionen, Gleichnisse, Träume und Bilder deuten oder erklären? Das sind alles Vieldeutigkeiten und der „gesunde Menschenverstand“ ist da überfordert. Denn die wahre Bedeutung einer Vision oder eines Traumes kann nur der geben, der diese Bilder in den Geist der Propheten malte. Es muss also die Absicht bekannt sein, die dahinter steckte. Dann erst ist eine eindeutige Deutung möglich. Und die Absicht weiß allein Gott! Deshalb musste Joseph sagen: „Deutungen sind Sache Gottes“!

Der menschliche Verstand kann bekanntlich alles „erklären“. Aber wer kann entscheiden, welche Erklärung stimmig ist? Was kann man alles in die Gleichnisse Jesu hineinlesen? Wenn die Zuhörer Jesu ihn nicht nach der Bedeutung seiner Gleichnisse fragten, blieben sie im Ungewissen. In die Träume Josephs kann man auch viel hineindeuten. Aber nur Joseph war in der Lage, die richtige Deutung zu geben, weil Gott es ihm ermöglichte. Genauso ging es Daniel. Auch er brauchte den Geist Gottes für die Deutungen von Träumen, die Gott gesandt hatte.

Auf die ganze Bibel übertragen gilt ein Satz des Apostels Paulus:

„Der Geist (Gottes) ergründet nämlich alles, auch das, was in den Tiefen Gottes verborgen ist. … So können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat.“ (1. Kor. 2:10-12)

Und viele Bibelleser wissen mit dem Herzen, dass sich das immer wieder bei ihrem Lesen in der Bibel erfüllt hat. Sie machen auch die Erfahrung, dass so mancher Text erst dann verständlich wird, wenn man in der Bibel forscht und verwandte Gedanken zusammenführt. Es ist Tatsache, dass sich die Bibel in wesentlichen Teilen selbst erklärt. Das Gebet um Hilfe und das ständige Fragen und Ringen um das richtige Verständnis machen es möglich, soviel von der Bibel zu verstehen, wie man für sein Glaubensleben braucht. So wirkt Jesus dafür, dass aufrichtige Menschen, die Gottes Willen tun wollen, ihn auch verstehen! Darauf läuft letzten Endes die Botschaft der Bibel hinaus. Es mag nicht so sehr um Details gehen, sondern zuerst um die Art und Weise, wie der Mensch nach  Gottes Willen leben soll.

Die Bibel ist in vielen Teilen auch Dichtung. Dichtung ist nicht die Sprache der Rationalisten. Es ist die Sprache des Herzens, der Träumer, Dichter und Visionäre. In der Dichtung steckt die Wahrheit oft unter der Oberfläche der Wörter. Dort kann man sie nur mit dem Herzen wahrnehmen. Und wenn man sich bemüht, ist auch Tiefe zu erreichen. Was wollen hier Menschen ausrichten, die nur auf einzelne Wörter schauen? Wie wollen sie Bilder des göttlichen „Malers“ interpretieren, zum Beispiel „Die Offenbarung des Johannes“? Das ist schon bei menschlichen Dichtern, Malern und Musikern schwierig. Was richtet der Verstand beim Hören der Musik eines Johann Sebastian Bach aus? Mit dem reinen Verstand allein ist diese Musik nicht zu erfassen; sie wird nur intuitiv, fühlend und ahnend wahrgenommen und bleibt ein unbeschreibliches Wunder, das sich der rationalen Analyse entzieht. Kunst spricht Gefühle an und führt uns in ein großes Reich, in dem es mehr Gefühle als Worte gibt. Und der Mensch kann dann unendlich viel verstehen und begreifen. So wird es beim Lesen der Bibel sein: Der Geist Gottes muss den Leser befruchten und lenken, muss seine Gefühle ansprechen und ihn selbst erleuchten.

Und was ist zur Prophetie der Bibel zu sagen? Denn auch hier ist die Hilfe Gottes zum Verstehen notwendig. Allein schon die Tatsache, dass es sie gibt, ist für rationale Tatmenschen, die nicht glauben können, anstößig. Deshalb wird fleißig „wegerklärt“, was nicht passt. Es werden fast lächerliche Versuche unternommen, diese Tatsache in der Bibel auszublenden – und wenn es mit unlauteren Mitteln geschieht. Gerade in diesem Punkt haben sich viele Kritiker als Betrüger betätigt, um ihre private Meinung zu bestätigen.

Was ein beim Lesen der Bibel geschehen muss

Es ist immer wieder gesagt worden, dass man über der Bibel beten sollte. Ich möchte das genauer sagen: Der Betende muss sich dem Wort Gottes ausliefern wollen. Er muss alles beiseite lassen, was mit eigenen Wunschvorstellungen, Absichten und selbstsüchtigen Motiven zu tun haben könnte. Sein Wunsch muss es sein, ‚den Weg der Gesetze Gottes zu verstehen’ (Ps. 119:18, 27, 34, 66, 73, 169). Damit unterwirft sich der Leser auch seinem Schöpfer. Diese Unterwerfung geschieht im Wissen, dass er Gott uneingeschränkt vertrauen darf und will! Es ist die Unterwerfung unter die Liebe, denn Gott ist Liebe! Nur auf dieser Basis ist ein „Zusammensein“ mit Gott möglich! Denn der Leser der Bibel spricht über das Wort Gottes mit seinem Vater und bittet um Weisheit. Mit aller Klarheit ist in der  Bibel immer wieder von dieser Demut die Rede; und nur mit dieser Demut ist es möglich, unter den Einfluss des Geistes Gottes zu kommen. Und nur dann werden Einsichten möglich, was nie bedeutet, dass man alles bis ins Kleinste versteht. Aber wo das Verstehen seine Grenzen hat – und der Mensch hat sie – tritt das Vertrauen auf den Plan. So ungefähr sieht für mich die Unterwerfung aus.

Was der glaubende Leser der Bibel sicher weiß

In diesem Punkt orientiert er sich an Jesus Christus und nicht an der Meinung von angeblichen Fachleuten, die versuchen, den Inhalt des Wortes Gottes zu relativieren oder die Bibel als eine unverbindliche Sache hinzustellen. In der Bergpredigt sagte Jesus:

„Denkt nicht, dass ich gekommen bin, um das Gesetz [Moses] oder die Propheten außer Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen, ihre Forderungen abzuschaffen, sondern um sie zu erfüllen. Denn ich versichere euch: Solange Himmel und Erde bestehen, wird auch nicht ein Punkt oder Strich vom Gesetz vergehen; alles muss sich erfüllen. (Mat.5:17, 18)

„Mache sie durch die Wahrheit zu Menschen, die ganz für dich da sind! Dein Wort ist Wahrheit.“ (Joh. 17:17)

Wer hat den Mut, diesen klaren Worten zu widersprechen? Den Mut haben viele Theologen aufgebracht, ohne zu wissen, um was es in der Bibel eigentlich geht. Sie konnten es vielleicht nicht wissen, weil sie Gott nicht kannten, weil es am Glauben mangelte. Und weil sie so Vieles nicht verstanden, sprachen manche der Bibel die göttliche Inspiration einfach ab. Nach ihrer Auffassung haben kluge Menschen die Bibel geschrieben. Und damit wird dieses Buch ein Menschenwerk und ist daher unverbindlich. Sie sehen die Bibel als Sammlung von Weisheiten, die Menschen überall finden. Damit widersprechen sie Jesus, dem sie doch angeblich dienen wollten. Die religiöse Welt ist heillos zerstritten und in Glaubenskämpfe verwickelt. Allein dieses Verhalten spricht nicht dafür, dass sie das Wort Gottes respektieren oder verstanden haben.

Am Ende bleibt mit Sicherheit dieses Wort, das der Prophet Jesaja durch Jesus empfangen hat:

„So ist es auch mit meinem Wort: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und führt aus, was ich ihm aufgetragen habe. (Jes. 55:11)

Und das möchte ich am Schluss sagen: Für mich ist die Bibel die Weisheit Gottes, sein Brief an die Menschen, den er auf ihre Herzen schreiben möchte. Und dabei hofft er darauf, dass seine irdischen Kinder diesen Liebesbrief lesen und wertschätzen, dass dieser Brief ihnen hilft, ihn als dem Vater zu vertrauen und ein sinnvolles Leben zu führen.