Ehe der Hahn kräht

Die Macht der Menschenfurcht über Petrus

Ich weiß, dass ich feige sein kann. Ich weiß, dass ich mutig sein muss, wenn es um Jesus Christus und mein Bekenntnis zu ihm geht. Ich weiß, dass ich um Mut ringen und beten muss. Ich weiß, dass ich viel Mut brauche, um dieser gottfeindlichen Welt die Stirn zu bieten. Ich weiß, dass sich mein eigener Glaube im Mutigsein und nicht durch Feigheit beweist. Ich weiß. dass ich dafür eine starke Hilfe brauche: Jesus Christus!

“Und  wenn alle anderen irre an dir werden, ich werde dich nie verlassen. Und wenn ich mit dir sterben müsste! … Ich werde dich niemals verleugnen!” Das sagte der Apostel Petrus, als Jesus seinen Tod und die Tatsache erwähnte, dass alle ihn verlassen würden. Die anderen Apostel sagten dasselbe. Und dann kam die Stunde, in der sich der Mut der Apostel beweisen sollte. Aber die Jünger verließen ihn. War es Feigheit oder Angst? An Petrus erfüllte sich, was Jesus prophezeit hatte: “Noch heute Nacht, bevor der Hahn kräht, wirst du dreimal geleugnet haben, mich zu kennen.” (Mat. 26:31-35; Luk. 22:31-34)

Und so kam es auch. Petrus leugnete dreimal Jesus zu kennen! Als der Hahn gekräht hatte, fing Petrus den tiefen Blick seines Meisters auf – und der traf wie ein Blitz in sein Innerstes, so dass Petrus dem Blick auswich und bitterlich zu weinen begann. Da stand auf einmal wieder alles vor seinen Augen: Die innige Freundschaft zum Sohn Gottes, die durch viele gemeinsame Erlebnisse gewachsen war, seine Begeisterung für die Lehren Jesu, seine vielen Wunder, deren Zeuge er sein durfte und die lebhafte Liebe Jesu zu den Menschen und zum Leben. Und in einer ganz kurzen Zeit stellte er das alles infrage, indem er Jesu verleugnete? Das hat er wohl selbst nicht richtig begriffen. Und in einem Augenblick war er sich seiner Selbstüberschätzung bewusst geworden und konnte dann nur noch weinen. Wie würde sein Bruder Jesus nun über ihn denken? Hatte er sich nicht unmöglich gemacht?

Aber Jesus blickte weiter, er blickte bis ins Herz und konnte deshalb schon vorher sagen: “Simon, Simon, der Satan hat euch haben wollen, um euch durchsieben zu können wie den Weizen. Doch ich habe für dich gebetet, dass du deinen Glauben nicht verlierst. Wenn du also später umgekehrt und zurechtgekommen bist, stärke den Glauben deiner Brüder!” (Luk. 22:31, 32)

Petrus ist umgekehrt und wieder zurechtgekommen! Und ich weiß, dass Jesu Gebet für ihn vom Himmel erhört worden ist. Jesus muss gewusst haben, dass Petrus, nachdem er zu Fall gekommen war, in sich gehen und umkehren würde. Er kannte das gute Potenzial seines Apostels und hatte ein tiefes Verständnis für ihn. Darum fiel die Kraft des heiligen Geistes nicht auf unfruchtbaren Boden. Und so konnte Petrus dann eine Stütze und Hilfe für den Glauben anderer werden.  

Mir sind an diesem Erlebnis des Petrus einige Dinge aufgefallen, die mir nicht fremd sind und die mich deshalb nicht dazu bringen, Petrus meinerseits zu verurteilen, denn auch ich hätte mich so wie Petrus verhalten können! Der Mensch neigt sehr leicht zur Selbstüberschätzung. Der gute Wille mag da sein, aber nicht immer die Besonnenheit und die Kraft, richtig zu handeln. Menschenfurcht oder Gruppenzwang kann eine Schlinge legen, in der man gefangen wird um dann gegen seine ursprüngliche Absicht handelt. Dann versteht man sich selbst nicht und schämt sich. Das alles ist dem Menschen eigen – und Jesus weiß es. Und doch erwartet er Bekennermut von seinen Jüngern.

Jesus hat oft über die Kosten der Nachfolge gesprochen und deutlich gemacht, was er von seinen Nachfolgern erwartet: “Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren. Wer sein Leben aber meinetwegen verliert, wird es finden.” (Mat. 10:39) Damit macht Jesus deutlich, dass man bereit sein muss, für ihn, wenn es sein muss, sein Leben zu geben! Dasselbe wiederholte er in seinen Ermahnungen an seine Versammlung in der Offenbarung: Siebenmal verhieß er den Lohn des ewigen Lebens nur denen, die den Kampf bestehen. Von den Feiglingen heißt es in Offenbarung 20:8, dass sie im zweiten Tod enden werden! (Mit dem Adjektiv “feige” (gr. deilos) ist hier ein Mensch beschrieben, der seine moralische Pflicht, die sich aus der Nachfolge Jesu aufgibt und durch Wort und Tat verleugnet.) Wer also Jesus nachfolgen will, muss mutig sein! Er darf nicht feige zurückweichen! Er muss durch sein Leben zeigen, dass er die Grundsätze seines Glaubens aus der Bergpredigt ausleben will! Das mag der Verstand einsehen, aber sieht es das Herz auch so? 

Wie verleugnet man Jesus?

Was heißt es zurückzuweichen und seine moralische Verantwortung als Christ aufzugeben? Man kann als Christ still und friedlich vor sich hin leben, niemanden etwas Böses antun und fleißig Predigten hören und sich “erbauen” lassen. Aber wie die Wirklichkeit aussieht, ist es zu oft ein Christentum ohne Gewicht. Leider muss ich das so sehen, denn obwohl ein Drittel der Weltbevölkerung sich zum Christentum bekennt, ist der Einfluss auf den unheilvollen Lauf der Dinge verschwindend gering. Das Salz hat seine Kraft verloren und das Licht wurde dunkel (Mat.5:13, 14). Auch auf diese Weise kann man Jesus verleugnen. Man muss kein lautes Lippenbekenntnis vor einer Kirchengemeinde ablegen, um zu sagen, dass man zu Jesus gehört. Über die Zugehörigkeit zu Jesus entscheidet allein das christliche Leben in Glauben, Anständigkeit, Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit. Der wahre Bekennermut besteht ganz einfach darin, einer korrupten Welt die Stirn zu bieten und sich niemals durch Gruppenzwang, Drohungen, Spott, Verfolgung und Todesfurcht erpressen zu lassen. 

Es gibt die unterschiedlichsten Erklärungen zu Bibeltexten, es gibt viel Streit um den “richtigen Glauben”; es gibt unter denen, die sich Christen nennen, Kriege, Hass und Ungerechtigkeit. Es wird offenes Unrecht geduldet, verheimlicht oder abgestritten. Alle Verbrechen, die nach Gottes Urteil den Tod zur Folge haben, werden innerhalb der Christenheit auch verübt! Ich schreibe hier nichts Neues, es ist altbekannt und zeigt mir nur, wie “ernst” das Christentum Jesu genommen wird. Das Christentum ist ein Teil dieser Welt geworden. Man hat sich im Verkehr mit den Mächtigen dieser Welt beschmutzt. Man hat den geraden Weg verlassen und verhöhnt dadurch Jesus Christus. Der Apostel Paulus bringt den Gedanken zum Ausdruck, dass die Christusleugner Jesus Christus erneut umbringen.

Man kann als Christ nur mit dem größten Respekt vor der Gerechtigkeit Gottes leben! Ich lasse noch einmal Jesus zu Wort kommen: “Wenn es um eure Gerechtigkeit nicht viel besser bestellt ist als bei den Gesetzeslehrern und Pharisäern, werdet ihr nie in das Reich kommen, das der Himmel regiert.” (Mat. 5:20) Die Pharisäer und Gesetzeslehrer lehrten angeblich das Wort Gottes, aber sie handelten nicht danach! Durch ihr Handeln haben sie wie viele andere “christliche” Religionsführer Jesus verleugnet. Wer zu feige ist, um solchen “blinden” Führern zu widerstehen und ihnen nicht den Gehorsam verweigert, ist dann auch nicht besser als sie! Und wer weiter denkt, wird feststellen, dass diese Feiglinge deshalb so hart von Gott bestraft werden, weil ihre feige Haltung mit dazu beiträgt, dass das Unrecht ständig blüht und gedeiht, und weil ihnen einfach der Mut fehlt, gegen sich selbst ehrlich zu sein. Eigentlich haben sie gar keinen tragfähigen Glauben, der in der Lage wäre im völligen Vertrauen zu Gott mutig zu sein. Aus Feigheit machen sie mit, denn sie fürchten den Verlust liebgewordener Gewohnheiten, fürchten Menschen mehr als Gott und neigen zu faulen, unehrlichen Kompromissen.

Jesus macht mich mutig, indem er mich Gott “sehen” lässt

Es ist unserem Herrn und König bewusst, wie unser Leben als Christen aussehen kann, wenn wir es in Ernsthaftigkeit leben wollen: “Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe.” Und das hat Folgen! Der Apostel Paulus zählt einiges auf, was das Leben eines Christen beschweren kann. Er selbst konnte auf einem großen Erfahrungsschatz zurückblicken und stellte fest, dass er immer wieder die nötige Kraft und den Mut bekommen hatte in Glaubensprüfungen treu zu bleiben: “Weil wir zu Jesus gehören, werden wir als Lebende ständig dem Tod ausgeliefert, damit sein [Jesu] Leben auch an unserem sterblichen Körper offenbar wird. … Deshalb verlieren wir nicht den Mut. Denn wenn wir auch äußerlich aufgerieben werden, so werden wir doch innerlich jeden Tag erneuert.” (2. Kor. 4:11, 16) Und damit erfüllt Jesus ein Versprechen, das er kurz vor seinem Tod gegeben hatte, als er seine Jünger dem göttlichen Schutz unterstellte und darum bat, dass sie durch Gottes Geist zu Menschen gemacht würden, die durch die Wahrheit ganz zu Gott gehören und so vor dem Bösen bewahrt werden. Er wollte, dass seine Jünger mutig sind und hat durch sein Vorbild gezeigt, wie es geht: “Aber ich bin nicht allein; der Vater ist ja bei mir. Ich habe euch das gesagt, damit ihr in meinem Frieden geborgen seid. In der Welt wird man Druck auf euch ausüben. Aber verliert nicht den Mut! Ich habe die Welt besiegt!” (Joh. 16:32, 33) 

“Aber ich bin nicht allein; der Vater ist ja bei mir.” Das ist es, was ihn mutig machte! Er hatte den Unsichtbaren vor Augen! Und nicht nur das! Aus dieser Wahrnehmung des Allmächtigen erwuchs ihm die Kraft, die Welt durch den Glauben zu besiegen. So ging es vor ihm schon anderen Menschen. Ich darf an Moses, Daniel und David erinnern. Alle  bekamen den Mut und die Kraft zum Glauben von Gott! Und weil sie glaubten, baten sie Gott im Gebet immer wieder um seine Hilfe. Durch ihre Gebete blieben sie mit Gott in Verbindung und bekamen durch die Kraft Gottes den Mut und die moralische Stärke, um standhaft zu bleiben. 

Warum sollte es mit mir anders sein? Denn dafür ist ja Jesus gestorben und auferstanden. Nun bin ich sein Untertan, sein Schaf, sein Bruder. Nun ist Jesus für mich verantwortlich und ich bin geborgen und in der Lage, die Welt durch meinen Glauben zu besiegen!  Aber dieser Schutz, diese Fürsorge sind nicht automatisch für mich da. Ich muss darum bitten, ständig darum kämpfen. Und das meinte Jesus mit seinen Ermahnungen zur geistigen Wachsamkeit: Nur wer bittet empfängt. Darum ist das Erlebnis der Apostel im Garten Gethsemane, als sie immer wieder eingeschlafen waren und nicht beteten, eine Warnung an mich.

Ich war nie ein mutiger Mensch, aber ich bin es in Dingen meines Glaubens geworden. Es war mir möglich, weil ich durch Jesu Wirken Gott “gesehen” habe! Er hat auch an mir wahr gemacht, was er versprochen hatte: “Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden. Niemand außer dem Vater kennt den Sohn wirklich, und niemand kennt den Vater, außer dem Sohn, und denen, welchen der Sohn es offenbaren will.” (Luk. 10:22) So habe ich im Laufe der Jahre mit Jesu Hilfe meinen Vater im Himmel “gesehen” und bin mit ihm vertraut geworden. 

Was mich zu Fall bringen kann

Ich will nicht die Ermahnung vergessen, dass der, der meint zu stehen, aufpassen soll, dass er nicht falle. Selbstüberschätzung kann leicht zu einer großen Schwäche werden und dazu führen, dass man sich eher auf sich selbst verlässt, als auf die Kraft Gottes. So will ich immer wissen, dass auch auf mich zutrifft, was im Psalm 127:1 steht: “Wenn Jehowah das Haus nicht baut, arbeiten die Bauleute vergeblich. Wenn Jehowah die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter umsonst.” Darum will ich verinnerlichen, was Jesus über das Treubleiben und Ausharren sagte: “Wer hören will, achte auf das, was der Geist … sagt. Wer den Kampf besteht, dem wird der zweite Tod nichts anhaben können.” (Off. 2:11)

Bin ich eigentlich davor gefeit, keiner Lüge mehr zum Opfer zu fallen? Bin ich sicher, dass ich nicht mehr durch Propaganda verführt werden kann? Bin ich mir meiner selbst sicher, wenn es um meinen inneren Menschen, um mein Herz geht? Wenn ich ganz ehrlich bin – und soweit kenne ich mich gut genug – dann bin ich gefährdet, dann kann man mich betrügen und verführen. Denn mein Verstand und meine Wahrnehmung sind nicht absolut und vollkommen. Ich kann mich auch selbst verführen, ich kann durch andere verführt werden. Wer bewahrt mich vor einem schlimmen Selbstbetrug? Wer warnt mich rechtzeitig? Wer gibt mir Einsichten in die vielen Gefahren, die auf mich lauern? Wer nimmt mir die Angst vor Menschen? Wer kann verhindern, dass ich mich durch Angst erpressen lasse? Wer sorgt dafür, dass ich in der Sache meines Glaubens und Lebens kein Feigling bin? Wer gibt mir den nötigen Mut, der meine Furcht besiegt?

Ich habe es schon angedeutet: Wenn Gott das Haus nicht baut, dann arbeiten die Bauleute umsonst. Also muss ich um meines Lebens willen den Schutz des Himmels erbitten und annehmen. Dazu würde zuerst einmal gehören, dass ich mich selbst durchschauen kann. Wer mit Gott lebt, erhält seinen Geist. Dieser göttliche Geist gibt mir alles an die Hand, was ich in dieser Hinsicht wissen muss. Und ich kann auch meinen Verstand einsetzen und mein Gewissen sprechen lassen – wenn ich es zulasse: “Der Geist des Menschen ist ein Licht Jehowahs, er durchforscht des Menschen Inneres.” (Spr. 20:27) Ja, ich werde dazu gebracht, mich selbst in bestimmten Situationen zu erkennen. Und dann kommt es darauf an, den Mut zum richtigen Handeln zu haben und diesen Einsichten zu gehorchen. Die in Offenbarung 20:8 erwähnten Feiglinge weichen in der Regel diesen Einsichten aus. 

Allein schon beim ehrlichen Bibellesen finde ich immer wieder Aussagen, die mein Inneres beleuchten und mich befähigen, mich zu beurteilen. Und da kann ich zB. feststellen, dass ich mich selbst zu wichtig nehme. Hiob ist das passiert, und nicht nur ihm. Am Ende sagte er, nachdem er in sich gegangen war: “Siehe! Ich bin von geringer Bedeutung geworden. Was soll ich dir noch sagen?” Dieses Wichtignehmen ist ein menschlicher, allzu menschlicher Zug, aber er kann missbraucht werden, wenn Betrüger merken (und das merken sie rasch), dass Ehre von Menschen mir wichtig sein könnte. Dann bin ich anfällig für Schmeicheleien und Komplimente. Dann fühle ich mich durch falsche Ehre geschmeichelt und erhöht. Und sollte man mir Macht über Menschen verleihen, dann könnte ich in der Lage sein, sie zu missbrauchen und immer wieder meine  eigene Ehre und meinen Vorteil zu suchen. 

So gibt es viele Gefahren, in denen der schwache, anfällige Mensch zu Fall kommen kann und dann Jesus verleugnet oder feige von ihm zurückweicht. Ich möchter noch einmal auf Petrus zurückkommen. Er hat den Herrn Jesus zwar verleugnet, aber er wird dafür nicht mit dem Tod im Feuersee bestraft! Warum nicht? Weil er seinen Glauben nicht verloren hat. Er ist als Mensch gestrauchelt.. Er war nicht berechnend und falsch. Er war kein Betrüger und feiger Lügner! Er war kein Heuchler, der seine moralische Haltung nur vordergründig zur Schau stellte, um die Umgebung zu täuschen. Nein, Petrus war von diesen Dingen frei. Seine Schwäche war die Menschenfurcht und die Angst davor, was andere über ihn denken könnten, Aber durch seine Erfahrungen mit sich selbst und unter dem Einfluss des heiligen Geistes hat er diese Furcht besiegt. So erkenne ich an Petrus, dass auch er nicht verlassen worden ist, sondern einen gütigen Helfer hatte, der ihn immer wieder auf den rechten Weg gebracht hat.

Oblomowa

Oder: Die Macht der Feigheit

Irgendwo am Ende der Welt, wo Gestern und Morgen  zusammenstoßen und die Zeit, die böse Zeit, die alles verändern will, stehen geblieben ist, liegt ein Ort, der für viele Menschen ein Sehnsuchtsort ist, eine geistige Heimat: Oblomowa. 

In Oblomowa stehen scheinbar alle Uhren still. Das Leben geht unmerklich seinen Gang, langsam, unaufgeregt, ohne böse Überraschungen und ohne krasse Übergänge. Dieses Leben wird weder von Zweifeln noch von inneren Unruhen gestört. Es ist ein berechenbares, klar zu überblickendes Leben. Alles hat hier seinen unveränderlichen Platz, alles hat seine Ordnung und für alles, was unvorhergesehen geschieht, gibt es zufriedenstellende Erklärungen. Man muss in Oblomowa nicht selbst nachdenken. Für alle Probleme gibt es eine vorfabrizierte Lösung, die nur die Führung weiß, auf die man sich blind verlässt. Die Führung garantiert Stabilität. Sie ist über jeden Zweifel erhaben. Sie strahlt Stärke und Entschlossenheit aus. Sie flößt Vertrauen ein. Die Leute von Oblomowa wünschen sich in der Tiefe ihres Herzens eine Führung, die ihnen in einer unsicheren Welt Sicherheit und  Halt garantiert. Wer sollte es sonst tun? 

Denn die Bürger von Oblomowa sind süchtig nach innerer Harmonie, nach Wohlbefinden, Ruhe und nochmals Ruhe, und sei es auch nur eine scheinbare. Darum haben sie sich angewöhnt, alle beunruhigenden Fragen nicht zu stellen. In ihre friedliche kleine Innenwelt  lassen sie keinen kalten Luftzug hinein. Sie haben eine panische Furcht sich zu erkälten. Alles, was ihren inneren Frieden stören könnte, wird ausgeblendet oder abgewehrt. Die außerhalb von Oblomowa liegende Welt ist für sie zu kompliziert und darum feindliches Ausland. Und sollte doch einmal ein kühler Luftzug ihre schwarz-weiße Weltsicht verändern und stören wollen, dann erklären sie ihn schnell zur Täuschung oder zum Irrtum. So haben sie sich eine Rüstung angezogen, die alles abwehrt, was ihr Weltbild beschädigen und  ihrer Sucht nach innerer Harmonie und Sicherheit im Wege stehen könnte.

Sie wollen die “Welt da draußen” nicht. Sie ist ihnen unheimlich und bedrohlich. Darum leiden sie an Heimweh und sind Nostalgiker. Sie suchen immer das idealisierte Reine, Edle und Gerechte, das ihren Vorstellungen entspricht. Ihr Weltbild ist so stark vereinfacht, dass es schon einen Märchenglanz hat. Und sind bereit, einen hohen Preis dafür zu bezahlen. Sie bezahlen mit Gedankenlosigkeit und Realitätsverlust, mit Leichtgläubigkeit und Denkschlamperei. Die “Welt da draußen” betrachten sie als feindlich und sie sind empfänglich für Feindbilder, die man ihnen einredet. Sie glauben das und geben die Schuld am eigenen Versagen gerne anderen. Wer nicht so denkt wie sie, ist ein Mensch, der unter allen Umständen zu meiden ist. 

Haben die Leute von Oblomowa eine Religion, etwas Spirituelles? Das muss man sich schon fragen, denn genau zu erkennen ist es nicht, wenn man das Formelle einer Glaubensgemeinschaft, der die meisten ja angehören, außer acht lässt und sich fragt, wie es mit den guten Früchten aussieht. Es scheint damit nicht weit her zu sein, wenn man sich die Welt ansieht, die ja auch von den Leuten aus Oblomowa mitgestaltet wird. So wie die Welt sich darstellt, kann man nicht davon ausgehen, dass sie von unveränderlichen moralischen Gesetzen geleitet wird. Aber daran sind ja – so sagt man in Oblomowa – die anderen schuld. 

Zum Traum von Oblomowa gehört auch die Sucht nach eigener Größe und Bedeutung. Und weil die meisten Träumer selbst nicht groß und bedeutend sind, soll es der Fußballklub, der Kegelverein, die eigene Familie, die eigene Stadt oder das eigene Land sein. Diese Sehnsucht wird gerne von Populisten bedient: Sie versprechen lautstark und großmäulig die eigene Gemeinschaft, die eigene Kirche und das eigene Land groß und größer zu machen, wenn man sie nur an die Macht ließe. Sie versprechen es mit einfachen, klaren und tausendfach wiederholten Sätzen, die so einfach sind, dass sie jedes schwache Gehirn verstehen und jedes verirrte Herz glauben kann. Und man vergisst gerne, dass man solche Parolen scho zu oft gehört hat und dass sie nicht in Erfüllung gingen. Und auch dies gehört zum Leben in Oblomowa dazu: Der unerschütterliche Glaube, dass es diesmal wirklich besser werde: “Einmal muss es doch sein!”

Wo ist Oblomowa? Dieser schöne, ruhige und friedliche Ort, dieses geistige Paradies, kann überall sein. Überall? Wie kann das sein? Doch, es kann überall sein, weil jeder Mensch sich dieses Paradies selbst schaffen kann, wenn ihm die Friedhofsruhe lieber ist, als der lärmende Marktplatz, wenn er dem Leben nicht gewachsen ist und er zu diesem Ort der seligen Ruhe flüchten will. Er muss dazu nur sein Gewissen abschalten, seine Augen schließen, seine Ohren verstopfen und nur das in seinen Kopf hineinlassen, was die Führung sagt. Er muss sich in einen Kokon einspinnen und nur fest daran glauben, dass die Führung eine höhere “Natur” hat als der Durchschnittsmensch, über besondere Fähigkeiten verfügt  und genau weiß, wo die Reise hingehen soll. Der Leitspruch der Leute von Oblomowa lautet: “Vertraue nur der Führung und nicht deinem eigenen Verstand!”

Oblomowa ist leider eine Realität. Die Leute von Oblomowa sind überall zu finden. In allen religiösen, esoterischen, wirtschaftlichen und politischen Gemeinschaften finden sie sich. Doch diese scheinbar so unerschütterbaren Menschen, die so versessen sind auf ein angenehmes Leben der  Ruhe und der Häkeldeckchen, sind für sich allein vielleicht harmlos. Aber! Sie machen Diktaturen, Terror, Kriege, Ausbeutung, Kriminalität und Völkermorden möglich, weil die Harmoniesucht sie erpressbar macht, weil ihre Feigheit sie lähmt, weil Angst  vor der Macht der Führung sie beherrscht. So sind sie relativ leicht und in großer Zahl als Mittäter an Verbrechen zu gewinnen. Gewaltherrscher, Diktatoren und Populisten sehen hier ihre Chance ganz nach oben zu schwimmen.  Und noch eine tief verwurzelte Angst beherrscht sie: Es ist die Angst, plötzlich das eigene Weltbild zu verlieren. Darum verteidigen sie es mit dem Wort: “Das ist die Wahrheit! Es gibt keine andere!”

Auch wenn sie zur Nacht beten “Ich bin klein, mein Herz ist rein,…” oder sich selbst sagen, dass sie nichts falsch gemacht haben und mit dieser “Schlafpille” zur Ruhe gehen, werden sie doch ganz böse erwachen.

Nachtgedanken 4

…. warum habe ich mein Menschentum bewahren können?

Seit ein paar Tagen hat das alte Grauen einen neuen, zusätzlichen Namen: Butscha in der Ukraine. Zu den vielen Namen aus der Vergangenheit, die alle für das entsetzliche und grauenvolle Verbrechen des Menschen am Mitmenschen stehen, kam ein neuer hinzu. Und es wird nicht der letzte sein. Über die ganze Welt ziehen sich die Namen der Entsetzensorte, und die Menschheit wird des sinnlosen Abschlachtens von Menschen nicht müde, bekommt nicht genug von Morden, Folter, Vergewaltigung Raub und Krieg. 

Ich sehe an diesen Orten junge Männer, kaum lebenserfahren und eigentlich noch halbe Kinder. Und doch sind sie schwerster Verbrechen fähig? Das ist beinahe unglaublich und lässt darauf schließen, dass alles Menschliche in ihnen verschüttet ist. Wie kommt es dazu? Und was mich noch mehr interessiert: Wie steht es mit mir? Warum bin ich nicht so verroht?

Ich meine ein Christ zu sein. Aber wie stark ist der Firnis auf der Oberfläche? Lauert nicht auch in mir ein Abgrund unter der Oberfläche? Wäre ich unter Druck und Menschenfurcht, unter böser Propaganda und gewissenlosen Leuten nicht in der gleichen Lage wie die jungen Mörder?  Das könnte sein. Aber was hat mich daran gehindert, so zu werden, dass ich für die bösen Pläne der Herrschenden brauchbar wäre? Was hat bisher verhindert, dass ich meine Menschlichkeit, meine Liebe und meine Ehrlichkeit nicht verloren hätte? Warum war ich bisher mutig genug, “Nein!” zu sagen? Was hat mich bisher davor bewahrt, durch mich selbst und andere verführt zu werden? 

Im Hinblick auf den Krieg wurde in meiner frühen Kindheit eine Weiche gestellt: Im dritten Lebensjahr hatte ich als Zuschauer ein Kriegserlebnis, dass sich meinem Bewusstsein eingebrannt hat. Dieses Bild, dessen Bedeutung ich etwas später verstand, beeindruckte mich so tief, dass ich schon als Kind beschloss, nie an einem Krieg teilzunehmen. Aber es war nicht nur das schreckliche Bild, das mich daran hinderte zu verrohen, aber damit scheint es begonnen zu haben. 

Wenn ich über mich nachdenke, dann muss es an meinem Glauben liegen. Aber was ist Glaube? Ich stellte mir diese Frage, um festzustellen, worauf es für mich  ankommt, wenn ich sage: “Ich glaube an Gott!” Bibelkundige Menschen zitieren dabei gerne aus dem Hebräerbrief, Kapitel 11:1, wo gesagt wird, dass Glaube ein Überzeugtsein von Wirklichkeiten ist, die man nicht sieht. 

Es geht also um Wirklichkeiten, die man nicht sieht. Aber was sind Wirklichkeiten für uns Menschen? Ist der Mensch nicht in der Lage, sich alles einzubilden und dies für Wirklichkeiten zu halten? Ist der Glaube allein über die “unsichtbaren Wirklichkeiten”  schon definiert? Es kommt ja wohl darauf an, was man als Wirklichkeit anerkennt.

Ich bin auf die seltsamsten und auch furchtbarsten Glaubensvorstellungen gestoßen die von denen, die sie praktizierten als Wirklichkeiten gesehen worden sind. Und aus der Geschichte ist mir bekannt, wie in südamerikanischen Hochkulturen mit ihrer Sonnenanbetung die “Wirklichkeit” ausgesehen hat. Man glaubte, dass die Götter nur dann eine gute Ernte gewähren würden, wenn man ihnen blutige Menschenopfer brachte. Opfer waren zumeist Kriegsgefangene. Man zog also gegen die Nachbarn in den Krieg, um seinen Göttern opfern zu können, damit sie im Tausch eine gute Ernte gaben. Hier ist durch die Religion das grausame, menschenverachtende Opfern “geheiligt” worden! Etwas ähnliches findet man bei den Juden des Alten Testaments. Der Prophet Hesekiel berichtet:

“Ja, dadurch, dass ihr ihnen eure Gaben bringt und eure Kinder als Opfer verbrennt, besudelt ihr euch an euren Scheusalen. Und da soll ich mich von euch befragen lassen, ihr Israeliten? So wahr ich lebe, spricht Jehowah, der Herr: ‘Von mir bekommt ihr keine Auskunft!’” (Hes. 20:37)

Sie hatten also eine Form der Gottergebenheit, aber sie war ohne gute Frucht. Bei Jesaja und Jeremia wird uns berichtet, wie sie im Tempel zu Jerusalem die täglichen Opfer brachten, die Reinheitsgebote einhielten, kurz, der Form genügten. Aber was hatte dies mit Glauben zu tun? Gewiss, von dem was sie sich einbildeten, waren sie überzeugt und meinten, es mit der Wirklichkeit zu tun zu haben. Ob das aber vor ihrem Gewissen und vor der Vernunft bestehen konnte, ist eine ganz andere Frage. Gott jedenfalls handelte und – lieferte sie ihren eigenen Gedanken aus: 

“Da lieferte ich sie Ordnungen aus, die es ihnen unmöglich machten, am Leben zu bleiben!” (Hes. 20:37)

“Und weil sie es nicht für gut hielten, Gott anzuerkennen, lieferte sie Gott einem verworfenen Denken aus, so dass sie tun, was man nicht tun darf.” (Rö.1:28)

Unsere Taten entsprechen unserem Denken; böse Gedanken  können böse Taten zur Folge haben. Im Zitat aus dem Brief an die Römer steckt der Gedanke, dass Gott die Menschen, die sich nicht an seine Gebote halten wollen, einem verworfenen Denken ausliefert, das dann zu schlechten Taten führt. Wenn es so ist, dass Gott sie “ausliefert”, dann kann das auch bedeuten, dass er jene, die seine Gebote halten wollen, dabei unterstützt! Denn um ein gutes und gerechtes Gebot halten zu können, bedarf es mehr als es nur zu wissen. 

Der Grund dafür, dass Gott sie ihrem verworfenen Denken auslieferte, wird auch genannt:

“Trotz allem, was sie von Gott wussten, ehrten sie ihn nicht als Gott und brachten ihm keinerlei Dank. Stattdessen verloren sich ihre Gedanken im Nichts und in ihren uneinsichtigen Herzen wurde es finster.” (Rö. 1:21)

Sie hatten also kein gutes Verhältnis zu Gott! Sie kannten ihren eigentlichen Vater im Himmel nicht. Sie kannten ihn nicht, weil sie ihn nicht kennen wollten, weil sie seine Stimme, die jeder Mensch in sich “hören” kann, ignorierten. Mindestens ihr Gewissen hätte sie warnen und leiten können, denn dazu hat der Mensch es von Gott bekommen. 

Beschützt Gott also mein Denken? Und bewahrt er dadurch mich? Ich sinne schon lange darüber nach und komme zu keinem anderen Schluss: Seit ich angefangen habe Gott zu vertrauen, weiß ich sicher, dass mein Denken und Fühlen von ihm überwacht wird. Zu oft habe ich bemerkt, dass ich im Wirrsal meiner Empfindungen, Irrtümer und Gedanken einen Wegweiser hatte. Und wie viele falsche und gefährliche Ideen sind auf mich eingedrungen? Ich will ja nicht vergessen, dass diese Welt Gott nicht kennt und sich mit wichtigtuerischer Propaganda rechtfertigen will. Alles schreit: “Es gibt keinen Gott! Du bist frei! Du musst dich nicht vor Gott verantworten!”  Warum bin ich nicht ein Opfer dieser teuflischen Propaganda geworden?

Und nicht nur die innere Stimme warnte mich! Ich habe auch die Kraft und den Mut bekommen, dieser inneren Stimme zu folgen und der gottfeindlichen Propaganda zu widerstehen, indem ich mich durch Gottes Geist leiten ließ.

Ich muss dieses liebevolle Handeln Gottes mit mir als Gnade ansehen. Es ist nicht mein Verdienst; es ist nicht, weil ich ein guter Mensch bin, sondern weil Gott Liebe und Barmherzigkeit ist! Und in  seiner Liebe ist er auf der Suche nach Menschen, die ihn suchen. Und hat er sie gefunden, dann schenkt er  ihnen seine Gnade, weil er das Gute in ihnen wachsen lassen will. Er hilft ihnen, sein heiliges Gesetz zu verstehen (Ps. 119:34: “Gib mir Verstand für dein Gesetz, ich will es entschieden befolgen.”) Und damit fördert er alles, was gut, gerecht und liebenswert ist, alles, was wahr ist und dem wahren Leben dient. Dazu gibt Gott seinen Kindern die Kraft zum Guten, seinen Schutz und eine ganz enge, persönliche Beziehung, sodass sie aufrichtig “Vater” zu ihm sagen können. Weil sie seine Kinder sind, gibt er ihnen Glauben, Hoffnung, Liebe und Barmherzigkeit. Er rüstet sie aus für ein Leben als Schafe unter Wölfen. 

Der ganze 119. Psalm handelt vom Ringen eines Menschen um ein gutes, friedliches Verhältnis zum Schöpfer. Der Betende betont immer wieder, dass er das göttliche Gesetz über alles liebt, dass er seinen Wert kennt und weiß, dass es ewiges Leben für den bedeutet, der sich ihm verpflichtet fühlt. Diese Gesetzestreue verlangt von ihm, Gott zu kennen, ihn zu lieben und zu respektieren. Sein Gottesdienst ist keine leere Zeremonie, kein Ritus, keine Pflichtübung. Es ist das verantwortungsvolle Leben in enger Verbindung mit Gott. Aus vielen Versen erfährt der Leser, mit welchen Problemen und Gefahren der Betende es zu tun hatte. Und immer wieder betont er, dass ohne die aktive Hilfe Gottes gar nichts möglich ist. Aufschlussreich sind die abschließenden Worte des Psalms, die diese Abhängigkeit von Gott deutlich machen:

“Meine Seele soll leben und dich loben! Deine Bestimmungen sollen mir helfen! Ich bin umhergeirrt wie ein verlorenes Schaf. Suche deinen Knecht! Denn deine Gebote habe ich nicht vergessen.”

In seiner Weisheit hat Gott seinen Sohn Jesus Christus ausdrücklich als Hirten seiner Schafe eingesetzt. Und Jesus betonte, dass niemand in der Lage sei, sie aus seiner Hand zu reißen! Keines seiner Schafe soll verloren gehen, denn sie sind in seinen Augen kostbar. Er tritt für sie ein, er beschützt ihr Leben und sorgt dafür, dass ihre Liebe nicht erkaltet und der Glaube nicht stirbt, obwohl all dies in dieser Welt eigentlich keine Heimat hat. Und damit habe ich für mich die Frage beantwortet, warum ich glauben darf und so kein Teil dieser verfluchten Welt bin.

Ich will mich gewiss nicht über andere Menschen stellen, wenn ich anerkenne, dass ich von Gott durch seinen Sohn auf einem sehr guten Weg geführt werde. Ich gehe ihn mit Freude! Ich bin dankbar und erhebe meinen himmlischen Vater im Herzen. Ich will ihn ehren, indem ich seine Hilfe immer wieder in Anspruch nehme, indem ich versuche, Recht zu üben, Güte zu lieben und bescheiden mit ihm zu leben (Micha 6:8)!

Befreiung!

Jesus: „Aber ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben, wenn das alles beginnt.

Denn eure Rettung kommt bald!“

Ich habe noch nie Zeit wie diese erlebt. Und es gehen einem die passenden Worte aus, wollte man sie beschreiben. Es ist über die Zeit des 20. Jahrhunderts alles gesagt und geschrieben worden. Welche Katastrophe ist nicht geahnt und hereingebrochen? Alles, was sich früher im 19. Jahrhundert am Horizont schemenhaft zeigte, ist brutale Wirklichkeit geworden. Was bleibt da noch zu schildern? Wir sind “am Ziel, wir sind am Ende”! Es sind vielleicht nur noch quantitative Steigerungen des Bösen vorstellbar, aber was hilft das? Es hilft mir wenig, wenn ich in der Bibel lese, dass die Zeiten vor dem Untergang schwierig sein werden. Für mich heißt die Frage: 

Wie kommen ich damit zurecht, ohne den Glauben an Gott zu verlieren?

Denn diese Zeit belastet auch Menschen, die Glauben haben, weil “ihre Seele wegen all der gesetzlosen Taten” täglich gequält wird. So wird es uns aus der Bibel von Lot berichtet, der in Sodom lebte. Er hatte die Hoffnung auf das Reich Gottes, aber er war eben auch nur ein Mensch mit Gefühlen und Gewissen, ein Mensch, der die Verhältnisse mit den Augen des Glaubenden sah – und von allem angewidert war. Aus eigener Erfahrung, die er mit seinem Gott gemacht hatte, war ihm deutlich geworden, dass die Menschen so roh und gesetzlos nicht von Natur aus waren, sondern durch einen bösen Einfluss so geworden sind. Sie hatten sich gegen Gott entschieden. Das war der Grund für ihr Verhalten. 

Soll man sich über die Bösen aufregen?

Und Lot musste unter ihnen leben. Wie hat er das ausgehalten? Ich weiß es nicht genau, aber ich kann sagen, wie ich es aushalten will. Und ich muss sagen, dass es für mich nur einen Weg gibt um nicht an Körper und Seele krank zu werden, um nicht den Verstand zu verlieren: Es ist der gute Einfluss meines Vaters im Himmel und die Hilfe durch Jesus Christus. 

Oder sollte man selbst tätig werden und dem Krieg den Krieg erklären? Von vielen Seiten wird man aufgefordert, gegen alles mögliche zu protestieren. Revolutionen, Demonstrationen und Proteste gegen den Krieg hat es schon zu viele gegeben, zu viele nach meiner Meinung, um noch an den Erfolg glauben zu können. Trotz aller Proteste ertrinkt die Welt im Blut. Nein, wir haben es nicht geschafft, uns eine friedliche Welt aufzubauen! Alle meine Hoffnungen auf die Bemühungen des Menschen sind gestorben. Und ich muss es akzeptieren, dass sich tatsächlich die Prophetie der Bibel erfüllt.

Wie gehe ich also damit um? Ich flüchte mich in das Wort Gottes, das besonders in dieser dunklen Zeit ein Licht für meinen Weg ist. Einen grundsätzlichen Rat finde ich im Psalm 37, aus dem ich auszugsweise zitiere:

“Rege dich nicht über die Bösen auf, beneide die Verbrecher nicht!

Sie verdorren schnell wie das Gras, welken wie das grüne Kraut.

Vertraue auf Jehowah und tue das Gute, wohne im Land, sei ehrlich und treu.

Erfreue dich an Jehowah!

Er gibt dir, was dein Herz begehrt.

Lass Jehowah dich führen! Vertraue ihm, dann handelt er.

Er wird dein Recht aufgehen lassen wie das Licht, 

deine Gerechtigkeit wie die Sonne am Mittag. 

Sei still vor Jehowah und warte auf ihn!

Reg dich nicht über den auf, dem alles gelingt, über den, der seine Pläne ausführt.

Steh ab vom Zorn und lass den Grimm! Reg dich nicht auf! Das führt nur zum Bösen.

Demütige Menschen erben das Land und werden sich am Frieden erfreuen. 

Jehowah kennt das Leben der Seinen, ihr Erbe hat ewig Bestand.

In böser Zeit enttäuscht er sie nicht, in Hungertagen werden sie satt.

Wer Gottes Willen tut, spricht Worte der Weisheit; er sagt, was recht ist vor Jehowah.

Die Weisung seines Gottes trägt er im Herzen , er bleibt fest auf dem richtigen Weg.

Achte auf geradlinige Menschen, sieh dir die Ehrlichen an, denn ein Mann des Friedens hat Zukunft. Doch die, die Gott verachten, werden ausgelöscht.” 

Man muss diese Worte laut und langsam lesen und über sie nachdenken. Dann wird einem klar, wie wichtig sie heute für den inneren Menschen sind. Natürlich lassen uns die herrschenden Verhältnisse nicht kalt, aber wer den Worten Gottes vertrauen kann und darf, der weiß, wer für ihn allein maßgeblich ist und bei wem er Hilfe und Rettung finden kann. Diese Zusicherungen Gottes sind kein leeres Gerede sogenannt frommer Menschen. Sie sind Gottes eigene Worte, die er durch Jesus übermittelt hat. Und sie sprechen unbedingt jeden an, der Gottvertrauen gelernt hat und weiß, wem er sein Herz und sein Vertrauen geschenkt hat. In diese Gedankengänge passen auch noch andere Texte der Bibel:

Schutz unter Gottes mächtiger Hand

“Demütigt euch deshalb unter Gottes mächtige Hand, dann wird er euch auch zur richtigen Zeit erhöhen. Und werft alle eure Sorgen auf ihn, denn er sorgt sich um alles, was euch betrifft.” (1. Pe. 5:6, 7)

“Macht euch keine Sorgen, sondern bringt eure Anliegen zusammen mit Bitte und Danksagung vor Gott. Und sein Frieden, der alles menschliche Denken weit übersteigt, euer Innerstes und eure Gedanken beschützen, denn ihr seid ja mit Jesus Christus verbunden.” (Phil. 4:6, 7)

In den letzten Monaten habe ich immer deutlicher erfahren, wie wichtig der Frieden Gottes für mich ist. Es ist der Frieden, der alles Denken übersteigt. Wer die täglichen Nachrichten und die entsprechenden Meinungen dazu wahrnimmt, könnte seinen Frieden verlieren, weil er in Angst und Sorgen stürzt. Die Informationen z. B. über den Krieg in der Ukraine sind so widersprüchlich, dass man annehmen muss, dass die Menschen durch sie in den Wahnsinn gehetzt werden sollen. Wem soll man glauben, wem nicht? Zweckpropaganda ist überall zu finden. Jeder belügt jeden. Jeder verfolgt irgendein dunkles Ziel und lügt dafür. 

Wer sich darauf einlässt, kann seinen inneren Frieden verlieren, der ja darauf beruht, dass er mit dem Herzen weiß, dass dieser Frieden ein Geschenk Gottes ist, das die Welt nicht hat. Dieser Frieden Gottes läßt den Menschen des Glaubens in Sicherheit sein, denn er weiß ja, dass er in oder unter Gottes Hand beschützt und geborgen ist. Er weiß, dass er eine Zukunft hat, eine ewige Zukunft im Reich Gottes. Das will unser Vater im Himmel uns deutlich machen. Wenn wir seinem Versprechen vertrauen, dann wird ein Frieden uns beherrschen, der uns einfach gewaltig und wunderbar vorkommt. Wir erleben an uns die Erfüllung seiner Worte! Wir spüren es mit allen Fasern unseres Seins!

Wer sich unter die Hand Gottes erniedrigt, weiß um seine eigene Machtlosigkeit. Er weiß, dass der Gerechte an den Verhältnissen dieser Welt mit allem guten Willen nichts ändern kann, weil die Grundordnung der Welt zerbrochen ist (Ps. 11:3). Denn die Grundordnung unseres Lebens ist die Gottverbundenheit. Ohne sie wird es weder Frieden, noch Gerechtigkeit noch ewiges Leben geben. 

Wie  muss ich mich verhalten?

Der eigenen Machtlosigkeit gegenüber den bösen Gewalten dieser Welt kann ich nur meine Gottverbundenheit entgegensetzen, die sich im ständigen Gebet um die Nähe zu Gott bemüht. Täglich muss ich um die lenkende, positive Kraft des heiligen Geistes bitten, weil ich weiß, dass ich Gott wirklich brauche, um nicht im Chaos zu versinken. Dann kann ich den ganzen Schmutz, der mich umgibt und meinen Glauben ersticken will, ‘draußen’ lassen. Dann kann ich meinen Blick auf die Zukunft der Kinder Gottes richten. Dann kann ich mich freuen!

Aber das wird mir nur möglich sein, wenn ich mich aus allen Streitereien und Meinungskämpfen heraus halte. “Alle Menschen sind Lügner” und “die ganze Welt liegt in der Macht des Bösen”. Wenn ich diese Tatsachen aus der Bibel akzeptiere, dann kann ich für niemanden Partei ergreifen. Ich bin in diesem Meinungskrieg gezwungen, mich an die einzige Wahrheit zu halten, die es für die Jünger Jesu gibt: Das Wort Gottes. Sollte ich mich doch einmischen wollen, dann würde ich meinen Frieden verlieren. Dann verlöre ich auch den Schutz, der meinen Geist und damit meinen Glauben behütet. Und das kann fatale Folgen haben, nämlich den Verlust des Glaubens.

Ich habe eingesehen, dass diese Welt nicht zum Guten veränderbar ist! Sie wird untergehen, wie es die Bibel deutlich sagt. Jede Anstrengung, die auf eine wesentliche Veränderung zum Guten zielt, muss unwirksam verpuffen. Das ist die Summe der Geschichte. Ändern kann man nur sich selbst unter dem Einfluss Gottes. Diesen Einfluss kann sich ein Mensch zunutze machen, aber Ich kann niemand dazu überreden, der göttliche Moral zu folgen. Ich kann nur Wegweiser sein. Denn um der Moral Gottes zu gehorchen, braucht man ein persönliches Verhältnis zu ihm, also Gottverbundenheit. Aber wie schon zitiert, ist diese Grundordnung zerbrochen. 

Meine Konsequenz

Für mich kommt es nur noch darauf an, mit Gott zu leben. Dazu gehört z. B. Dankbarkeit. Und so reduzieren sich meine Gebete zuerst auf Danksagung, denn ich habe viele Gründe dafür. Dankbarkeit bringt mich dazu, gut über meinen Vater im Himmel zu denken und zu reden. Sie bringt mich dazu, über meine Vergangenheit nachzudenken um festzustellen, dass ich an Gottes Hand gegangen bin. Das gibt mir heute Frieden, Freude und Zuversicht. Und es nimmt mir die Angst:

“Was ich euch hinterlasse, ist mein Frieden. Ich gebe euch einen Frieden, wie die Welt ihn nicht kennt. Lasst euch nicht in Verwirrung bringen, habt keine Angst.” (Joh. 14:27)

Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Jesu Worte zu beherzigen. Er machte auch deutlich, wie lebenswichtig die Verbundenheit mit ihm ist. In der Parabel vom Weinstock und seinen Zweigen macht er auf diese Notwendigkeit aufmerksam:

“Bleibt in mir und ich bleibe in euch! Eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Frucht bringen; sie muss am Weinstock bleiben. Auch ihr könnt keine Frucht bringen, wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt.”   (Joh. 15:4)

Diese enge Verbindung mit dem Sohn Gottes, der auch mein persönlicher Hirte ist, gibt mir die Kraft zur Liebe, zum Hoffen, zum Glauben und den nötigen Mut. Es ist mir bewusst, dass ich wegen meiner Treue zu Gott mein kleines Leben verlieren kann. Was ich aber nicht durch Menschen verlieren werde, ist das ewige Leben:

“Habt keine Angst vor denen, die nur den Leib töten, dem Leben (der Seele) aber nichts anhaben  können.” (Mat. 10:28)

So habe ich zu dem, was in der Welt geschieht, nichts mehr zu sagen. Ich kann schweigen und ruhig sein. Ich kann  auf Gott warten.

Nachtgedanken 3

Und wieder einmal bin ich wach geworden. Ein Traum wirkt nach: Ich ging mit meiner kleinen Frau Hand in Hand durch eine schöne Stadt.  Ein tiefes Glücksgefühl durchrieselte mich. Doch plötzlich war meine Frau verschwunden. Ich suche nach ihr und irre durch die Stadt. Ich kann sie nicht finden. Angst beherrscht mich. Ich gerate in Panik und erwache, stehe auf und denke weiter an den schlimmen Traum. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Szene träume.

Wo ist die Zeit nur geblieben? Seit ich vor fast 44 Jahren meine kleine Frau geheiratet habe, ist das Leben wie im Traum vergangen. Vor über vier Jahrzehnten dachte ich daran, dass ich nun die Zeit doppelt lebe. Und so ist es auch gekommen: Ich habe ein Leben in mir gelebt und eines in ihr. Wir sind zusammen alt geworden und gemeinsam gereift und gewachsen. 

Und nun stehen wir beinahe vor dem Abschied! Unerbittlich vergeht die Zeit und wir mit ihr. Wir haben – leider – begriffen, wie vergänglich wir sind. Daran mag ich nicht denken. Aber ich kann dieser Tatsache nicht ausweichen und muss mich damit abfinden. 

Das Leben mit ihr war tief und bereichernd, denn ich habe einen Menschen an meiner Seite, den ich über alles wertschätze. Und manchmal denke ich, dass ein Geschenk ist, so einen lieben, aufrechten Menschen um mich zu haben. Es ist einfach nur schön! Es war beglückend, mit ihr Kinder zu haben und sie aufwachsen zu sehen. Und sie hat ihre Kinder mit viel Herzblut groß gezogen. Sie hat viel geliebt und kann auch heute, wo die Kinder uns fast fremd geworden sind, nicht anders.

Wie oft habe ich dies beobachtet: Wenn meine Frau Liebe schenkte, dann begann es zu blühen. Es war wie die erste Frühlingssonne, die mit ihren segnenden Strahlen die Natur zum Blühen brachte! Sie ist voller Mitgefühl für andere. Ihre Anteilnahme überwindet Grenzen. Vor meinem inneren Auge ziehen viele schöne Bilder vorbei, und ich kann nur sagen, dass es berauschend schön war, viel zu schön, um sie vergessen zu können. Ich bin stolz auf sie!

Und so bete ich: “Mein Vater im Himmel! Du hast mich durch sie reich gemacht, reich gemacht mit Liebe, Aufopferung, Treue, Fröhlichkeit und nie nachlassender Sorge um mich! Ja, ich habe so eine Frau von dir erbeten, und du hast mir diesen Wunsch erfüllt. Und wenn ich mich dafür mit Worten bedanke, dann kommt mir der Dank etwas schäbig vor. Es ist zu großartig für mich, Allmächtiger! Und immer wieder denke ich, dass ich es nicht wert bin, dieses Geschenk erhalten zu haben. Und doch macht gerade dies deine Größe aus, dass du so deine LIebe schenkst und dadurch das Herz berührst und Menschen, die du liebst, segnest.” 

Ich schrieb einmal: “Wir gehen beide Hand in Hand durch dieses bisschen Leben …” Und nun ich sehe das Pendel schwingen und höre die Uhr ticken, aber ich weiß nicht, wo die Zeiger stehen. Und der Abschied kommt näher. Sollte sie vor mir sterben, wäre es ein wirklicher Verlust. Denn ich kann ohne sie nicht leben, ich kann ohne sie nicht sein! Unerbittlich werden wir in kurzer Zeit getrennt. Diesen Gedanken kann ich nur mit der Hoffnung ertragen, die Gott uns gegeben hat!

Um uns ist es sehr still geworden. In unserer Abgeschiedenheit genügen wir uns selbst. Unter dem Druck der Zeit genieße ich jeden Tag mit ihr und versuche freudig zu sein. Wenn ich sie anblicke denke ich immer daran, dass es morgen schon anders sein kann. Aber ich will nicht zulassen, dass diese Sorge zu mächtig wird und unser Leben stört. Ganz bewusst und bestimmt will ich daran denken und glauben, dass die schönste Zeit noch vor uns liegt. Ja, ich will mich auf das Morgenrot mit ihr freuen! Und so sehe ich uns auf dem gemeinsamen Weg in den Morgen des Reiches Gottes.

Nachtgedanken 2

Ich habe nur eine undeutliche Vorstellung von Naturgewalten. Ich meine, mir fehlt die ganz persönliche Erfahrung mit den gewaltigen Kräften, die in der Schöpfung wirksam sind. Sie müssen mir fremd sein, denn ich bin ein zerbrechlicher Mensch, der diesen gewaltigen Kräften machtlos gegenübersteht. Nur vom Rand her dringt es auf mich ein, wenn ich schreckliche Bilder von Naturkatastrophen sehe. Aber diese Bilder sind weit weg und außerdem durch meinen Sinn gefiltert, so dass das Gezeigte mir nicht wirklich nahe kommen kann. Aber ich kenne ein bestimmtes Gefühl, wenn ich z. B. am Ozean stehe, mit seiner gewaltigen Größe und Tiefe und seiner fast unendlichen Vielfalt des Lebens: Da kommt  ein Schauer über mich und das Gefühl der eigenen Kleinheit und Bedeutungslosigkeit. 

Ich begreife es nicht. Und das ist ja nur ein kleiner Teil der Schöpfung! Das Universum will ich gar nicht erst bemühen: Es ist alles so unfassbar und nicht zu beschreiben. So ist Gottes Macht! Im Buch “Hiob” lese ich:

“Von den Säumen seiner Wege hören wir nur ein Geflüster. Aber wer kann sagen, dass er den Donner seiner Macht versteht?”

Und Gott selbst? Und was bin ich? Bin ich überhaupt wahrnehmbar? Wie ein winziges, tanzendes Sonnenstäubchen schwirre ich für einen Augenblick durch die unendliche Zeit, um sofort wieder zu verschwinden. Wer nimmt mich wahr?

Diesen gewaltigen Gegensatz kann mein Verstand nicht fassen! Ich kann mir einen gewaltigeren Unterschied nicht denken, als den zwischen mir und Gott.

Ein Stäubchen und der Allmächtige: Wozu? Und doch: Ich weiß, dass er existiert!

Ich kenne die einfachsten Dinge in Gottes Schöpfung nicht wirklich. Aber mein Bewusstsein weiß, dass Gott ist! Auch das ist unbegreiflich, und doch keine Einbildung. Ich spüre Gott mit allem, was ich bin! Aber begreifen kann ich das nicht! Nur mein Bewusstsein ist durch seinen Geist mit ihm verbunden. Das ist das eigentliche Wunder meines Lebens! Es scheint, dass ich dafür gelebt habe. Sollte ich dafür gelebt haben, um Gott zu erfahren, ich, das Sonnenstäubchen? Welchen Grund sollte es dafür geben? Warum nimmt mein Bewusstsein Gott wahr, so wie es viele andere Dinge wahrnimmt? Weil ER es so will?

Ganz bestimmt, weil ER es so will! Das bedeutet für mich, dass der allmächtige Gott  auf der Suche nach mir war. Ja, so muss es sein, wenn man Gott und dem Leben einen Sinn zuschreiben will. Der Allmächtige und Unfassbare ist also in mein Leben gekommen! Es kam so, wie ER es gesagt hat:

“Ich wohne in der Höhe, in unnahbarer Heiligkeit, doch ich bin auch den Zerschlagenen nah, deren Geist niedergedrückt ist, und belebe den Geist dieser Gedemütigten neu, richte das Herz der Zerschlagenen auf.” (Jes. 57:15)

Nun kann ich  nicht mehr von ihm los! 

ER ist für mich das Ein und das Alles geworden. Es ist mir unmöglich Gott zu vergessen. Man kann auch die Sonne nicht vergessen. Man kann ihn nur verlassen, aber das will ich nicht. Zu stark ist die Kraft, die mich hält: Die Liebe.

Was ist Gottes Liebe für mich? Sie bedeutet, im äußeren und inneren Kosmos nicht allein zu sein! Das ist Heimat, zu-Hause-sein; es ist Schutz und Trost und Hilfe. Es ist auch Geborgenheit und Verständnis! Sie ist alles! 

Dafür habe ich – ein Sonnenstäubchen – gelebt. Und so wie ich Gott gesehen habe, sehe ich auch das Leben in der ewigen Zeit. Die Knechtschaft der Zeit wird aufgehoben sein. Dafür habe ich gelebt! Dafür bin ich zutiefst dankbar!

Nachtgedanken

(Wie kommt es zu den Nachtgedanken? Bei einem alten Mann wird der Schlaf leicht und flüchtig wie ein ängstlicher Vogel. So wacht er oft nach ein paar Stunden Schlaf wieder auf und setzt die Gedanken fort, mit denen er sich schlafen gelegt hatte. Und manchmal setzt er sich an den Tisch und schreibt sie auf. Meist hilft ihm ein Glas Wein dabei wieder müde zu werden während er schreibt.  Und er hofft, dass irgendwo weit draußen in der Welt auch ein Mensch nicht schlafen kann und ähnliche Gedanken hat.)

“Es ist leider Krieg – und ich begehre nicht schuld daran zu sein!”

(Matthias Claudius)

24. Februar 2022

Seit heute Nacht ist Krieg in Europa. Befürchtet war er schon länger, und man beschwichtigte sich selbst mit dem Vertrauen auf Vernunft, Menschlichkeit und Anständigkeit. Man hielt die Kriegsvorbereitungen für ein diplomatisches Spiel, in dem sich alle Beteiligten doch am Schluss einigen könnten. So hoffte man. Aber dazu kam es  nicht. Jetzt wird geschossen und gebombt. Jetzt sterben auch hier Menschen, wie an vielen Orten dieser Welt.

Was aus den Versen von Matthias Claudius spricht, ist schon lange vorbei. Claudius war noch ein Mensch, der den Jammer des Krieges mitfühlte und sich selbst in gewisser Weise schuldig wähnte. Er kannte noch die Verantwortung des Menschen vor Gott, hatte aber auch das Gefühl einer Mitschuld, obwohl er den Krieg nicht wollte und ihn verabscheute. 

MIr geht es auch so, denn ich bin z. B. als Steuerzahler mit eingebunden in das schreckliche Geschehen. Auch mit meinem Geld wird Kriegsgerät gekauft und ein Krieg finanziert. Auch durch meine Teilnahme am weltweiten Warenaustausch bin ich Teil des globalen Geschehens. Aber ich kann nicht heraus. Ich kann mich ebenso wenig heraushalten, wie Matthias Claudius. 

Ich kann nur seufzen und sagen: “Es ist leider Krieg – und ich begehre nicht Schuld daran zu sein!” Und mit Blick auf jene, die tatsächlich Schuld daran sind, die diesen “Krieg als Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mittel” betrachten, kann ich nur wünschen, dass Gott dieses Verbrechen nie vergessen wird! 

Nun ist es ja Tatsache, dass die ganze Welt von Kriegen und Konflikten überzogen ist. Seit Jahrzehnten steigen die Rüstungsausgaben, werden die Waffen immer teuflischer und die Flüchtlingsströme gewaltiger. Es scheint alles auf ein gewaltiges Finale zuzusteuern, auf etwas, was Bibelleser erwarten. Ob dieser Krieg in der Ukraine nur einer von vielen sein wird oder der Zündfunke für einen wirklich großen Krieg, einen Weltkrieg, kann bis jetzt niemand sagen. 

Kann man positiv in die Zukunft dieser Welt blicken? Ich habe einmal geschrieben, dass böse Taten immer im gottentfremdeten Denken begründet sind. Und wenn ich mir die aktuellen Tendenzen auf moralischem Gebiet anschaue, dann kann nicht positiv über die Zukunft dieser Welt denken.  In allen Teilen der westlichen Welt leben junge Menschen, die Bürger von morgen, die tatsächlich das Mantra herbeten, dass Gesetze nur dazu da sind um gebrochen zu werden. Sie wollen sich von nichts und niemanden aufhalten oder bevormunden lassen. Sie kennen keine Anständigkeit, sind habgierig bis zum Exzess und haben alle moralischen Bedenken fortgeworfen. Sie leben ohne Mitgefühl und ohne Glauben an Gott. Und sie wollen Macht – und gewinnen Macht! Es ist die Macht des Kapitals, des Geldes, mit dem sie Regierungen in die Knie zwingen können und wollen. Sie wissen, dass Demokratien käuflich sind. Demokratische Wahlen gewinnt man mit Geld und Propaganda. Seit ein paar Jahren gibt es ein Wort dafür: Thielismus (geht auf Peter Thiel zurück). 

Die Bertelsmann-Stiftung hat kürzlich 137 Staaten untersucht und festgestellt, dass 67 von ihnen sich in Autokratien verwandelt haben. Demokratie scheint ein Auslaufmodell zu werden. Und sieht man sich diese Autokraten an, dann gewinnt man den Eindruck, dass sie alle aus einem Panoptikum des Schreckens stammen. Entsprechend hat sich dann  auch die Zahl der Kriege und Flüchtlinge vermehrt.

Und es gibt – so ist meine traurige Einsicht – kein Umdenken, an den Stellen, wo es nötig ist. Ich sehe alle Voraussetzungen  für einen Zusammenbruch dieses Weltsystems erfüllt. Und ich sehe mich als völlig hilflosen Menschen, der dieser Flut des Bösen nur seinen eigenen Glauben entgegensetzen kann. Mir bleibt nur das Vertrauen auf Gott und auf Jesus Christus. Im Fernsehen sah ich eine alte ukrainische Frau, die weinend herumlief und nicht wusste wohin: “Wo soll ich hin? Wohin soll ich gehen?” Ich wüsste es auch nicht, zumal ich jede Flucht heute als sinnlos ansehen müsste. Ich will nicht in einem Flüchtlingstreck verkommen, also lehne ich mich zurück und sage:  “Macht doch, was ihr wollt, ihr seid nicht aufzuhalten. Ich verachte euch und was ihr tut, und ich will nur meinen Glauben behalten. Den könnt ihr mir nicht nehmen.” 

So warte ich, was geschehen wird. Aber ich warte ohne Angst! Ich bin gelassen und will es bleiben, denn das Vertrauen zu Gott und meine Verbundenheit mit ihm lassen mich in Ruhe sein. Ich will es wie Habakuk halten, der auch einen grausamen Tag erwarten musste. Er floh zu Gott indem er sagte: “Dennoch will ich jubeln über Jehowah, den Gott meines Heils. Denn Jehowah, der Herr, ist meine Kraft.” Und als ich dies für mich entschieden habe, kommt mir der Gedanke, dass es sich wie eine Attitüde anhören könnte, wie etwas, was ich vor mir hertrage und im Ernstfall gar nicht sein könnte. Nein! Ich meine es ernst und ich bete darum, dass Gottes Kraft mir den Mut gibt, so zu leben. Ich will voller Zuversicht nach vorne blicken und wissen, dass Gottes Reich auf mich wartet. 

Und nun lege ich mich wieder ins Bett und werde in Frieden schlafen.

Das Gespräch der Seele mit Gott

“Ich wohne in der Höhe, in unnahbarer Heiligkeit, doch ich bin auch den Zerschlagenen nah, deren Geist niedergedrückt ist, und belebe den Geist dieser Gedemütigten neu, richte das Herz der Zerschlagenen auf.” (Jes. 57:15) 

Wenn ich hier zu schildern versuche, wie ich Glaube erlebe und wie es sich anfühlt, dann kann ich das Gebet, das Gespräch der Seele mit Gott, nicht aussparen

“Lehre uns beten”

Die ersten Jünger, die Jesus um sich versammelt hatte, waren Juden. Sie gehörten also zum Bundesvolk Gottes und verrichteten im Tempel zu Jerusalem auch ihre Gebete. Wenn man das weiß, dann fragt man sich, warum sie Jesus baten, sie beten zu lehren. Es muss ihnen an den Gebeten Jesu aufgefallen sein, dass sie so ganz anders waren, als das, was sie aus der allgemeinen religiösen Praxis kannten. Und Jesus nimmt auch auf das Bezug, was sie fast täglich erleben konnten: Die Pharisäer, die die prominenteste jüdische Sekte  bildeten, legten ganz großen Wert auf den schönen Schein. Darum beteten sie gerne in der Öffentlichkeit, an Straßenecken und auf Plätzen. Das sollte dazu dienen, allen zu zeigen, wie fromm sie waren, aber Jesus hat gerade das an ihnen kritisiert und seine Jünger davor gewarnt, sie nachzuahmen. 

Was haben die Pharisäer aus dem Gebet zu Gott gemacht? Es wird berichtet, dass sie auf die Idee kamen, für jeden Zweck und für jeden Anlass ein spezielles Gebet zu formulieren, das sie als verbindlich ansahen. Jede Abweichung vom vorgegebenen Text machte das Gebet unwirksam! Auf diese Weise wurde das Gebet zur religiösen Pflichtübung! Auch wenn Texte aus dem Pentateuch mit eingeflochten waren, war es nur eine Formsache, an der das Herz des Betenden selten Anteil hatte. Das Gebet verkam zur Rezitation. Und dabei hatte man doch die Psalmen, die als Vorbild hätten dienen können. Und wie anders waren die Psalmengebete, wo Menschen ihr Herz vor Gott öffneten und sagten, was sie bewegte, wo Raum war, in dem sich der Geist des Betenden vor Gott völlig öffnen konnte. Das haben die Pharisäer abgeschafft und durch Formeln ersetzt, die einfach so dahin gesprochen werden konnten. Ein Gespräch der Seele mit Gott war damit unterbunden. 

In der Praxis vieler Religionen ist das Gebet zur frömmelnden religiösen Pflichterfüllung geworden. Der Gläubige hat die Pflicht, zu bestimmten Zeiten zu beten. Auch hier sind die Gebete oft vorformuliert. Unzählige Wiederholungen des immer Gleichen (10 “Vater-unser”, 20 “Ave-Maria!”)  machen aus dem Gespräch mit Gott ein leeres Gerede, weil mit dieser Pflichtübung der private Charakter und die persönliche Beziehung zu Gott gar nicht entstehen kann. HIer kann man sein Herz nicht öffnen und sagen, was in einer bestimmten Situation angebracht wäre. Solchen Übungen fehlt also die Verbindung mit Gott, die ja durch ein persönliches Gebet hergestellt wird. 

Das Gebet ist eine Gnade, keine Pflicht!

Durch den Tod Jesu sind Christen völlig mit Gott versöhnt worden. Darum können sie freimütig und ohne falsche Scheu zu Gott reden. Dieses Glück der Vergebung macht den Betenden frei und es ist ihm ein Bedürfnis von Zeit zu Zeit mit seinem Vater im Himmel zu sprechen. Für ihn gilt: “Wer dich liebt, der bete, wann immer er dich antreffen kann.” (Ps. 32:6) Und er tut es dann auch, weil er weiß, dass Gott wirklich zuhört. Er hat folgende Zusicherung: “Ich will dich belehren, und ich zeige dir den richtigen Weg. Ich will dich beraten und ich behalte dich im Blick.” (Ps. 32:8) 

Wenn das Gebet eine Gnadengabe Gottes an den Menschen ist, dann nur unter der Voraussetzung, dass man Frieden mit Gott hat. Das wird uns schon in alten Texten der Bibel deutlich gemacht. Ich denke hier an Jesaja 55 und möchte auf einige Gedanken näher eingehen:

“Sucht Jehowah, solange er sich finden läßt! Ruft ihn an, solange er euch nahe ist!”  

Das ist eine Einladung Gottes an uns Menschen. Es ist mir wichtig, das zu betonen, denn Gott fordert das Gebet nicht wie eine zu erfüllende Pflicht, sondern lädt dazu ein. Aber er stellt auch eine Bedingung:

“Der Gottlose verlasse seinen Weg, der Schurke seine schlimmen Gedanken! Er kehre um zu Jehowah, damit er sich seiner erbarmt, zu unserem Gott, denn er ist im Verzeihen groß!”

Wie tritt man vor Gott?

Gott streckt also den Sündern seine Hand hin und ist zum Vergeben bereit, wenn sie bereuen, was sie falsch gemacht haben. So macht man Frieden mit Gott. Nach dieser Einladung an die Sünder macht Gott den Menschen deutlich, mit wem sie es eigentlich zu tun haben, wenn sie ihn anrufen:

“Meine Gedanken sind nicht wie eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege!”, spricht Jehowah. “Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so weit reichen meine Gedanken über alles hinaus, was ihr euch denkt, und meine Möglichkeiten über alles, was für euch machbar ist:”

Als der Prophet Jesaja in  einer Vision Gott auf seinem Thron gesehen hatte, war er so erschüttert, dass er sagte; “Weh mir! Ich bin verloren! Ich habe den König gesehen, Jehowah, den allmächtigen Gott. Und ich habe doch  besudelte Lippen und wohne unter einem Volk, das  durch seine Worte genauso besudelt ist!” (Jes. 6:5) Er kam sich also völlig unwürdig vor, den Allmächtigen sehen zu dürfen. Ihm war schlagartig deutlich geworden, mit wem er es zu tun hatte. Das ist ein heiliger Respekt, den wir bei verschiedenen Personen in der Bibel finden. Und mit diesem  Respekt sollte, so denke ich, ein Betender vor Gott erscheinen. Er sollte sich demütigen und in seinem Sinn die Stellung einnehmen, die für ihn angemessen ist. Denn das sagt die Schrift ganz deutlich: Gott schaut auf den Demütigen und verachtet den Stolzen. 

In diesem Zusammenhang muss ich auch daran denken, dass Gott ‘Gefallen an Wahrhaftigkeit im geheimen Ich’ hat. Ich kann also nur so vor ihn treten, wie ich als “nackter” Mensch bin: Im Gewissen kann ich nichts beschönigen, habe keine faulen Ausreden und kann dem Höchstem auch nicht ausweichen. Ich bin sowieso ein offenes Buch für ihn (Ps. 139) Also will ich ehrlich zu mir und zu ihm sein. Jede Heuchelei ist überflüssig und für das Verhältnis zu Gott nur störend.

Jesus hat diese Haltung betont, wenn er in einem Gleichnis einen stolzen Pharisäer und einen verachteten Steuereinnehmer beten lässt. Der Pharisäer lobt seine eigenen Vorzüge, gibt an und blickt verächtlich auf den Steuereinnehmer. Er fühlt sich anderen Menschen hoch überlegen und leitet aus seiner Einbildung ab, dass Gott sehr zufrieden mit ihm sein müsste. Aber Jesus gibt dem reumütigen Steuereinnehmer das gute Zeugnis, dass er vor Gott gerechter sei als der Pharisäer, denn die Worte “Oh Gott! Sei mir einem Sünder gnädig!” beweisen ja, dass er Gottes ausgestreckte Hand ergriffen hatte. 

Der Segen Gottes

Der Prophet Jesaja musste sich nicht mehr fürchten als er Gott gesehen hatte, denn Gott ließ seine Lippen rein werden und vergab großzügig (Jes. 6:6, 7). Christen haben durch Jesus Christus die Versöhnung mit Gott erfahren und können ohne Scheu und Furcht zu Gott beten und können darauf hoffen, dass sich an ihnen das erfüllt, was Jesaja im 55. Kapitel weiter ausführte:

“So ist es auch mit meinem Wort: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und führt aus, was ich ihm aufgetragen habe. ” (Jes. 55:11

Worauf darf ich vertrauen?

Es kommt für mich nur darauf an, dass ich zu Gott, meinem wirklichen Vater, ein tiefes, kindliches Vertrauen habe. In seiner Bergpredigt macht es Jesus deutlich, wenn er dazu auffordert, sich keine unnötigen Sorgen zu machen, weil der Vater im Himmel die Bedürfnisse seiner Kinder kennt und bereit ist, für sie zu sorgen. Dieses Vertrauen wurde mir während meines Lebens immer wieder durch Erfahrung gestärkt. Und denke ich zurück, dann habe ich keinen Grund an meines Vaters Zuverlässigkeit  und Liebe zu zweifeln! Nein, ich habe “geschmeckt”, wie gut und liebevoll er ist!

Ich darf mich voller Vertrauen in Gottes Hand geben. Ich muss nicht furchtsam sein, denn mein Vater “wird vollenden, was zu meinen Gunsten ist”. Meine Sorgen sollten sich auf meinen persönlichen Glauben richten, denn ich bin davon überzeugt, dass mein Vater es verdient, in Ehrfurcht und Demut von mir geliebt zu werden. 

So kann ich ihn auch niemals als meinen persönlichen “Dienstboten” sehen, der meine kleinlichen Wünsche erfüllt. Ich muss ihm nicht sagen, was er zu tun hat! Ich habe einfach kein Recht Forderungen zu stellen. Denn ich bin von seiner Liebe überzeugt worden und weiß, dass er immer das tun wird, was für mich gut ist! Sein Handeln mit mir wird immer von Liebe und Gerechtigkeit bestimmt sein. Ob ich das immer verstehe, ist gleichgültig. Aber dies ist sicher: Am Ende wird es immer gut für mich gewesen sein. Auch das entspricht bis heute meiner persönlichen Erfahrung.

Und ich habe auch gelernt, dass das Gebet kein Ersatz für das eigene Handeln ist. Was ich selbst tun kann, muss ich auch tun. Diese Arbeit wird mir mein Vater nicht abnehmen. Nur dort, wo meine Macht und meine Weisheit am Ende sind, da kann ich auf Gottes Hilfe hoffen. Im Laufe der letzten Jahre sind meine Bitten weniger geworden, denn ich habe bemerkt, wie Gott mir beigestanden hat. Ich habe viele Gründe zur Dankbarkeit, denn seine Barmherzigkeit und seine Geduld mit mir waren groß. Und ich habe gelernt geduldig zu sein. Manche Bitte ging lange nicht in Erfüllung, bis sie eines Tages doch erfüllt wurde. Und dann war ich überwältigt und dankte mit Tränen in den Augen. 

Eine Warnung des Jakobus

Es wird viel gebetet, aber man gewinnt den Eindruck, dass Gott die meisten Gebete nicht beachtet. Ein Grund mag sein, dass sie mit einem falschen Motiv gesprochen werden. Darauf macht der Jünger Jakobus aufmerksam, wenn er im 4. Kapitel auf die Ursache von Krieg und Streit hinweist: “Und selbst, wenn ihr betet, bekommt ihr nichts, weil ihr in böser Absicht bittet und nur eure Gier befriedigen wollt.”  (Jak. 4:3) Der ganze Gedankengang in den Versen 1 bis 10 ist ja an Christen gerichtet! Er ist an Christen gerichtet, die die Grundlage ihres Glaubens schon verlassen hatten und sich einbildeten, dass Gott noch mit ihnen zu tun haben wollte. Sie irrten sich! Und darum fanden ihre Gebete bei Gott kein Gehör. Wenn ich diese Warnung auf mich beziehen will, dann muss ich darauf achten, kein “Freund der Welt” zu sein, denn das trennt mich ganz deutlich von Gott. 

“Seid wachsam!”

Weil ich in einer gottlosen Welt lebe, muss ich um meinen eigenen Glauben kämpfen. Jesus hat mich und alle anderen Jünger, die als Einzelne glauben und dem bösen Einfluß dieser Welt widerstehen wollen, eine ernste Ermahnung und Zusicherung mit auf den Lebensweg gegeben: 

“Seid wachsam und hört nicht auf zu beten, damit ihr die Kraft habt, all dem, was geschehen wird, zu entkommen, und damit ihr zuversichtlich vor den Menschensohn treten könnt.” (Luk. 21:16)

Weil das Gebet eine Verbindung zu Gott herstellt und er auf seine irdischen Kinder achtet, kann man nur mit seiner Kraft, die alles übersteigt, was ein Mensch von sich aus kann, den Glaubenskampf gewinnen. Davon bin ich durch Erfahrung zutiefst überzeugt!  Und ich weiß ganz genau, dass das Gebet wie eine Nabelschnur ist, die mich mit Gott verbindet und mich mit dem Lebenssaft des Glaubens versorgt: mit dem heiligen Geist.

Angst erdrosselt die Freude

“Freut euch jeden Tag, dass ihr mit dem Herrn verbunden seid! Ich sage es noch einmal: Freut euch!” (Phil. 4:4)

Niemals hätte ich gedacht, dass Angst das vorherrschende Lebensgefühl dieses Zeitalters sein könnte. Wir leben in Europa doch in einem relativen Frieden, es herrscht ein nie gekannter Wohlstand und die Staaten haben für ihre Bürger fast alles geregelt und geordnet. Und alle Kriege und Krisen scheinen weit weg zu sein und erreichen uns nur durch die Nachrichten aus aller Welt.

Doch allmählich kommt alles näher und wird bedrohlich, ist nicht nur Schatten an der Wand, sondern morgen schon erlebbare Realität. Wir wissen mittlerweile, dass Globalisierung der Welt nicht nur wirtschaftliche Vorteile bringen kann, sondern auch die Risiken, Krisen, Kriege und Krankheiten anderer Weltteile, so dass ein Krieg in Europa greifbar nahe kommt. Und die Ängste wachsen!

Wie kann ein Schaf unter Wölfen leben?

Und inmitten dieser Welt gibt es die Menschen, die das Christentum ehrlich und wahrhaftig ausleben wollen. Jesus Christus hat sie mit Schafen verglichen, die unter Wölfen leben müssen. Kann das gut gehen? Laufen die Schafe nicht Gefahr, von den Wölfen gefressen zu werden? Jedenfalls ergeben sich auch hier viele Ursachen für Sorgen und große Ängste, die eine ständige Herausforderung an den Glaubenden darstellen. Und der Glaubende muss sich fragen, wie er dieser Zeit mit ihren Herausforderungen wirkungsvoll begegnen kann. Gewiss, die Frage war schon immer für Christen lebenswichtig, denn sie wollen ja entgegen aller Widerstände ihren Glauben an Gott bewahren; sie wollen sich im Vertrauen zu Gott nicht erschüttern und von der Welt vereinnahmen lassen. Denn das ist ja das “weiße Gewand”, von dem Jesus in der Offenbarung spricht, das Treue zu Gott symbolisiert und das es unter allen Umständen zu bewahren gilt, um das ewige Leben zu erhalten. Um dieses “weiße Gewand” rein zu bewahren braucht man die Hilfe des Himmels, die führende Hand Jesu und die Hilfe und den Schutz Gottes. Nur so kann ein Schaf unter Wölfen bestehen.

Glaubensfreude als Kraftquelle

Was Gott auch zulassen mag – ich will es tragen! Und wenn möglich, will ich es freudig und ohne Angst ertragen. Ich möchte aus der gleichen Kraftquelle trinken, aus der die frühen Christen getrunken haben, von denen es heißt, dass sie um Jesu willen in Unehre und Verfolgungen gerieten und das freudig auf sich genommen haben. Woher kam diese Kraft? Woher kam diese Freude? Diese Glaubensfreude kann nur aus der Gottverbundenheit gekommen sein! Diese feste Verbundenheit mit Gott flößt Vertrauen und Zuversicht ein. Nur wer in der Lage ist, Gott zu “sehen”, ist zu dieser Freude fähig. Die enge Gottverbundenheit gibt Hoffnung. Sie macht das Zukünftige für Christen sichtbar. Und mit dem Blick auf das Reich Gottes weiß man, dass sich alles, was sich Christen erhoffen, auch erfüllen wird. Wir haben ein gutes Vorbild in Jesus, von dem gesagt wurde, dass “er für die vor ihm liegende Freude” alles Schlimme erduldete:

“Und dabei wollen wir auf Jesus schauen. Er hat gezeigt, wie der Glaubenslauf beginnt und wie er zum Ziel führt. Weil er wusste, welche Freude auf ihn wartete, hat er das  Kreuz und die Schande dieses Todes auf sich genommen. Nun sitzt er auf dem Ehrenplatz an Gottes rechter Seite.” (Heb. 12:2)

Muss ich das auch lernen? Das ist keine Frage: Ich muss es lernen! Ich muss bereit sein, für den Glauben zu leiden – und sogar dafür zu sterben. (Mat. 10:28).

Bereit sein zum Glaubenskampf

Solange man diese Worte Jesu aus Matthäus 10 nur als lehrreichen Lesestoff sieht, sind sie nicht weiter schwer. Man ist ja geneigt, das alles weit von sich in die Zukunft zu schieben oder zu denken, dass es ja nicht auf jeden Christen zutreffen muss. Aber habe ich denn ein Recht darauf, mich aus diesem Kampf zwischen Gut und Böse herauszuhalten? Nein! Ein Nachfolger Jesu muss immer dazu bereit sein, für seinen Glauben zu kämpfen und zu leiden! In seinen Ermahnungen an seine Nachfolger (Offenbarung 2 und 3) fordert Jesus die Treue bis zum Tod! Erst wenn dieser Kampf gewonnen ist, kann man die “Krone des Lebens” empfangen. Wichtig ist dabei, dass man die nötige Kraft dafür erhält, damit die Glaubensfreude nicht verblasst.

Freude braucht Gründe

Es gibt viele Ursachen für das Verblassen der Freude. Über alle diese Ursachen muss man als gewissenhafter Mensch nachdenken. Man muss nachdenken, um zu reifen. Daneben ist man auch gezwungen, über Gründe zur Freude nachzudenken. Der Alltag bringt es mit sich, dass man vielleicht von Problemen gefangen genommen wird und sich die Gedanken nur um diese Probleme drehen und damit die Freude ersticken. Doch! Die Angst erdrosselt die Freude! Und darum ist sie ja auch eine wirkungsvolle Waffe des Teufels: Die von ihm erzeugte Angst treibt die Menschen in seine Arme und trennt sie von Gott. 

Die Freude wollen und sie sich bewusst machen

Aber die Freude und besonders die Glaubensfreude, will bewusst werden, sie will gewollt sein und braucht Gründe. Die Freude muss beschützt werden, damit sie nicht von bösen Gedanken und Einflüssen überwuchert wird. Ich muss darauf achten, dass nichts von all dem destruktiven Schmutz der Welt in mir Wurzeln schlägt. Ich muss meine Gedanken erstens durch Disziplin beherrschen lernen und zweites mich durch den Frieden Gottes beschützen lassen. Denn nur unter dem Frieden Gottes, der alles Denken weit übersteigt, werden meine Verstandeskräfte behütet (Phil. 4:6, 7). Und für den Kampf gegen die bösen Einflüsse, welche die Angst verstärken und die Freude erdrosseln, brauche ich einen klaren Sinn, der geübt ist in der Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Ich brauche eine feste Haltung.

Vertraute Menschen

Ich möchte mich an Menschen aus der Bibel orientieren, weil ich bei ihnen denselben Kampf um den Glauben und die Freude und gegen die Angst gefunden habe. Im Psalm 77 z. B. fand ich die  Worte Asafs, die mich fühlen ließen, dass er denselben Kampf führte wie ich:

“In meiner Not suche ich den Herrn, nachts strecke ich die Hand nach ihm aus und lasse ihn nicht los. Ich weigere mich, getröstet zu werden. Denke ich an Gott, stöhne ich, sinne ich über ihn nach, verliere ich den Mut.”

Und er stellt Fragen:

“Wird der Herr für immer verwerfen? Wird er nicht wieder gnädig sein? Ist seine Gnade für immer zu Ende? Gilt sein Versprechen in Zukunft nicht mehr? Hat Gott vergessen, gnädig zu sein? Hat er im Zorn sein Erbarmen versperrt?”

Was war passiert? Das wird von Asaf nicht ausgeführt, aber seine Fragen lassen darauf schließen, dass er ein Tief im Glauben und Angst vor der Zukunft hatte, dass seine Freude verblasst oder gestorben war: 

“Da sagte ich: ‘Das ist mein Schmerz, dass der Höchste sich jetzt anders verhält’. 

Hat sich Gott wirklich anders verhalten? Nein, denn wer sagt, dass er über die “Taten Jehowahs”  und “sein wunderbares Tun von einst” nachdenken will, hat ein persönliches Problem, darum wollte er das Handeln Gottes verstehen und wissen, was es bewirkt. 

Und dann denkt er tatsächlich über Gottes Taten nach und aus den Erfahrungen der Vergangenheit zieht er den Schluss, dass Gott in seinem Tun heilig ist, dass er an Gott nicht zweifeln kann. So war er ein ganz normaler Mensch, der im Leben durch Höhen und Tiefen gehen muss und der jeden Tag neu um seinen Glauben, seine Treue  und seine Freude kämpfen musste. Und es hat bestimmt einen gewissen Nutzen, wenn man eine kleine Weile im ‘dunklen Tal’ gehen muss und gezwungen wird, sein Denken gezielt auf den Schöpfer und Vater im Himmel auszurichten, wenn man gezwungen wird, auch über sich selbst nachzudenken. Das hat der König David auch so erlebt, als er im Psalm 31 beschrieb, wie er durch Gottes Gnade beglückt worden ist:

“Ich juble vor Freude, dass deine Gnade mich beglückt. Du hast meine Elend gesehen, die Angst meiner Seele erfasst, mich nicht dem Feind ausgeliefert, sondern mir Raum zum Leben verschafft.”

Vor dem Jubel hat es so ausgesehen:

“Jehowah, sei mir gnädig denn ich bin in Angst. Vom Weinen ist mein Auge verquollen. Meine Seele ist matt und müde mein Leib. In Kummer schwindet mein Leben dahin, in Seufzen vergehen meine Jahre: Meine Kraft ist gebrochen durch meine Schuld, und meine Glieder versagen den Dienst.” 

Der Kampf gegen die Angst ist der Kampf für die Freude

Auch an David bemerke ich den persönlichen Kampf um die Freude – und gegen die Angst. Heute weiß ich, dass alles dies zum Glaubensleben dazugehört. In der BIbel habe ich nichts anderes gefunden. Immer war den Glaubenden der Kampf aufgegeben, um daran stark zu werden und zu reifen. Ich will also nicht erschüttert sein, wenn sich mein Glaube im täglichen Leben bewähren soll. Ich will wahrhaben, dass ich manchmal schwach werde, dass ich nicht immer der strahlende Sieger sein kann. Ich will akzeptieren, dass ich fallen kann. Aber ich will auch wissen, dass ich wieder aufstehen kann, wenn Jesus mir seine Hand reicht und unser Vater im Himmel mir gnädig ist. Ich weiß, dass ich im Glaubenskampf siegen werde, weil ich in guten, helfenden Händen bin! Und darüber will ich mich freuen!

Die Angst besiegen und die Freude erhalten

Wenn mich die Angst vor der ungewissen Zukunft  überfällt, dann will ich ganz bewusst über mein Leben nachdenken, um zu erkennen, wie ich an Gottes Hand gegangen bin. Ich will es mit dem Herzen wissen, wie gut und weise mich der Geist Gottes geführt hat, auch wenn es manchmal ein Umweg schien.  Aber in der Summe habe ich ein Leben führen dürfen, das dem Ziel meines Glaubens immer näher gekommen ist. Hätte ich das auch erreicht, wenn ich vor den Prüfungen meines Glaubens bewahrt worden wäre?  Daran zweifle ich. Ich war oft verzweifelt und ohne Ausweg; ich habe zeitweilig mit dem Leben gehadert und war nicht immer über alles erhaben und stark, sondern entmutigt, tieftraurig und einsam. Aber mein Vater im Himmel hat mir geholfen, Kraft geschenkt und mich durch Jesus Christus dem Ziel näher gebracht. 

Vertrauen wächst durch eigene Erfahrung mit Gott

Durch diese wertvollen Erfahrungen mit dem himmlischen Vater ist ein tiefes Vertrauen zu ihm gewachsen und ein starker Friede erfüllt mich. Und ich denke: Wenn Gott in der Vergangenheit so gut zu mir war, dann wird er es in der Zukunft auch sein. MIt dieser Zuversicht will ich fortan leben! Mit Gottes und Jesu Hilfe wird es mir möglich sein, zu verhindern, dass die Angst meine Freude in Jehowah erwürgt. Ich will “aus dem Bach seiner Freude trinken” (Ps. 36:9, 10):

“Wundervoll ist deine Güte, Gott! Im Schatten deiner Flügel suchen Menschenkinder Schutz. Sie genießen den Reichtum deines Hauses. Vom Bach deiner Freude lässt du sie trinken. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht sehen wir das Licht.”

Das Unbegreifliche

  ©

Der Prediger Salomo wollte das menschliche Leben verstehen und stand am Ende nur verwundert da. Und mir geht es ebenso: Das Leben, wie es zu oft geführt wird, verstehe ich nicht, denn ich verstehe die Menschen im Allgemeinen nicht und empfinde das Leben, das sie  oft führen, als Katastrophe. 

Ich versuche das Leben wie der Prediger zu betrachten. Aus den Früchten des allgemeinen Lebens kann ich Rückschlüsse ziehen. So jedenfalls hat es der Sohn Gottes formuliert: “Ihr werdet sie an ihren Früchten erkennen”, auch wenn sie als Wölfe im Schafspelz daherkommen. Aber auch dann ist es schwierig, denn es bleibt die Frage nach dem Warum. Warum leben viele so  gedankenlos und schlimm dahin, ohne zur Einsicht zu kommen? Was zwingt sie dazu? Ist es deshalb so, weil “Wahnsinn auf allen ihren Wegen ist”? So hat es der Prediger Salomo empfunden. Und ich bin geneigt, mich seiner Beobachtung anzuschließen.

Ich will versuchen in seinen Spuren zu gehen und beginne zu lesen.  Und mir fällt  auf, dass zuerst die Vergänglichkeit und die Tatsache beschrieben wird, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. Auf das Leben des Menschen angewandt kommt der Prediger zu dem Schluss: “Es ist alles nichtig und ein Haschen nach Wind”, denn das Leben endet unweigerlich mit dem Tod. Gleichgültig was man tut und wie man ist: Das Ende steht vor uns! Diese Tatsache hat Folgen, wie es der Prediger sieht:

“Das ist das Schlimme, bei allem, was unter der Sonne geschieht, dass alle dasselbe Geschick trifft. Von daher ist auch das Herz der Menschen voller Bosheit und Übermut ihr Leben lang, und danach geht es zu den Toten.” (Pre. 9:3)

“Weil das Urteil über die böse Tat nicht sofort vollstreckt wird, wächst in den Menschen die Lust, Böses zu tun.” (Pre. 8:11)

Die Folge dieses Wissens um die eigene Vergänglichkeit und der scheinbaren Straflosigkeit für böse Taten scheint einen kollektiven Wahnsinn auszulösen, denn man bildet sich ein, etwas zu versäumen und ist gierig auf Leben, Reichtum, Jugend und Erfolg und meint, sich um die Folgen seiner Taten keine Gedanken machen zu müssen. “Immer jung sein” und “immer oben” sein, nie Mangel spüren und stets “Freude” haben (heute sagt man “fun”). Die Lebensgier treibt dazu an,  alles zu tun, was möglich ist und sich nichts zu versagen – darauf wird das Leben häufig abgestellt und reduziert.  

Ich erinnere mich gut an einen Brief, den die Frau eines Schriftstellers in den 1920er Jahren geschrieben hat. Was ich daraus zitieren möchte, bringt eine Haltung zum Ausdruck, die man bei Menschen findet, die ohne Ziel, Halt und Verantwortung durch das Leben irren. Unfähig ihrem Leben einen Sinn zu geben, taumeln sie in geistiger und moralischer Auflösung dahin: 

“Alles, was ich will, ist, immer jung und ohne Verantwortung zu bleiben und zu spüren, dass ich mein eigenes Leben lebe – zu leben und glücklich zu sein und auf meine Weise zu sterben.” (Zelda Sayre Fitzgerald, 1900-1948) 

Das Leben das sie schließlich führte, war dementsprechend: Es endete tragisch in geistiger Umnachtung. Sie gehörte zu den Hochbegabten, war Künstlerin, schrieb, malte und tanzte, war klug und einfühlsam, lebenslustig – aber ohne Verantwortung, ohne besondere Moral, nur auf sich selbst bezogen. Und so war das Leben mit ihrem gleichfalls begabten Ehemann voller Skandale und Exzesse, eine menschliche Tragödie.

Der Prediger fand im Leben der meisten Menschen keine Weisheit, denn was sie taten, war oft gegen jede Vernunft. Er zählt viele falsche Verhaltensweisen auf, die es unmöglich machen, das Glück im Leben zu finden. Mit Habgier, Neid, Unterdrückung, Erpressung, Macht über andere, Respektlosigkeit und Übermut kann der Mensch kein Leben führen, das glücklich macht  und menschlich reich ist. Dazu kommt die Dummheit, die den Verstand und das Herz verfinstert und es nicht zuläßt, aus Erfahrung zu lernen. Was ist das schon: Ein Leben ohne Weitblick und ohne Gedanken an die Folgen einer bösen Tat? Und ganz bestimmt immer gegen die eigenen und wahren Bedürfnisse des Menschen? 

Der Prediger sah die Fragwürdigkeit des materiellen Reichtums, seine Verlockungen und dass er eine falsche Sicherheit bot. Er sah, wie das Streben nach Reichtum zum Lebenszweck wurde und die Habgier alles Menschliche verdarb. Was der allgemeine Mensch auch tut: Nichts hat Bestand, nichts bringt Erfüllung, nichts bringt dauerhaftes Glück. Getrieben von der Sucht nach Macht, Reichtum und Sex, zerfressen von Habgier und Leidenschaften, verhärtet durch Hass, wird ein Leben geführt, das nichts oder nur wenig von Weisheit und Gerechtigkeit erkennen läßt.

Nachdem der Prediger im allgemeinen Leben keine Spur von Weisheit gefunden hatte, versuchte er es mit der Freude. Aber auch sie wurde getrübt durch die Einsicht in die Vergänglichkeit des Lebens und die  Sinnlosigkeit. Das Ganze gipfelt in dem Satz: 

“Da hasste ich das Leben, denn alles, was unter der Sonne getan wird, war mir zuwider. Alles ist nichtig und ein Haschen nach Wind. … So kam ich dazu, an allem zu verzweifeln”. (Pre. 2:17)

Ist der Wahnsinn nur ein Problem der Vergänglichkeit?

Nein, nicht nur der Tod macht das menschliche Streben zur Farce! Es ist auch das Verhalten der meisten Menschen, das an Sinnlosigkeit und Dummheit leidet. Der Prediger hält allen den Spiegel vor – und man erkennt sich.  Und obwohl die Menschheit schon lange existiert, hat sich nichts wirklich geändert, was der Rede wert wäre. “Es gibt nichts Neues unter der Sonne!” – auch das eine bleibende Feststellung des Predigers.

Das Einzige, was er im Leben als lebenswert fand, hört sich für moderne Ohren sehr bescheiden an: Es ist die private Freude am Leben mit der geliebten Ehefrau, Essen und Trinken und die Genugtuung, die man nach einer ehrlichen Arbeit empfindet. Aber auch das ist nur schöner, vergänglicher Schein, wenn es nichts mit Gott zu tun hat! Denn nicht einmal aufrichtig und mit Freuden genießen ist dem Menschen möglich, wenn es an Gottes Wohlwollen fehlt.

Kann man oberflächlich und gedankenlos dahin leben?

Kann man durch die Jahrtausende gehen und alles sehen und mitmachen, kann man alles aufschreiben und erzählen, kann man also Geschichte betreiben und doch nur an der Oberfläche bleiben, weil man nicht eine einzige Lehre aus all dem zieht? Kann man immer nur die Oberfläche sehen und im Leben von einem Abenteuer zum nächsten jagen, ohne einmal nachdenklich zu werden und sich zu besinnen? Man kann es! 

Ist es möglich die Erfahrungen seines eigenen Lebens völlig zu vergessen und so zu tun, als wäre es endlos und jeder Fehler würde sich irgendwann von selbst korrigieren? Es ist möglich! 

Es ist erstaunlich, was der Mensch alles kann! Kann man so leben, als wäre man allein auf der Welt? Kann man es sich abgewöhnen, einmal mit wachem Herzen auf den Mitmenschen zu blicken und sich zu fragen, ob man eine Verantwortung für ihn trägt? Kann man diese Frage aussparen?  Man kann!

In der Theorie sind alle gut!

Der Mensch! — Was soll man dazu noch sagen? Betrachte ich das Leben der meisten, dann kann ich  mich nur wundern. Es wird alles Gute gehofft und erwartet, aber es trifft zu selten ein. Der Ungerechte erwartet Gerechtigkeit, der Lieblose hofft auf Liebe, der Geizige auf Freigebigkeit, der Undankbare auf Dankbarkeit, der Unruhestifter auf Frieden, der Dieb auf Ehrlichkeit, der Lügner auf Wahrheit – und der Mörder auf das “Himmelreich”. Denkt denn niemand daran, dass der Mensch nur das ernten kann, was er gesät hat?  

Die Theorie beherrschen die meisten Menschen gut, aber die Praxis nicht. Doch sie können sich über jeden heftig aufregen, der nicht anständig handelt. Dabei verurteilen sie sich aber selbst, denn sie beweisen damit, dass sie sehr wohl wissen, was richtig und was falsch ist.  So irren viele haltlos auf der Suche nach einem fragwürdigen Glück umher und verlieren sich dabei selbst. Und was hat der Prediger dazu herausgefunden? Ernüchterndes! Er sagt nämlich dies:

“Nur dies habe ich gefunden: Gott hat die Menschen aufrichtig und gerade gemacht, aber sie sind berechnend und falsch!” (Pre. 7:29)

Berechnend und falsch! 

Kann man mit solchen Leuten etwas Großartiges anfangen? Worauf kann man sich bei ihnen verlassen? Es ist schade, dass das Gebiet der Moral betroffen ist. MIr wäre es lieber, die Menschen hätten ihre Schwäche im Intellekt und nicht im “Herzen”. Man kann viel besser mit lieben, ehrlichen und einfachen Menschen leben, als mit hochintelligenten, aber falschen Leuten. Der “Defekt” am inneren Menschen macht ein friedliches und allen wohltuendes Zusammenleben unmöglich. “Berechnend und falsch” – welch ein erschütterndes Urteil über den allgemeinen Menschen!

Leben ohne Gott ist ein Leben ohne verbindliche Verantwortung

Der Prediger lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die fehlende Gottesfurcht oder den Unglauben. Denn was einen Mensche davon abhalten könnte, gegen das eigentliche Leben zu leben, ist die Verantwortung vor Gott und vor dem Leben. Aber um sie wahrzunehmen, ist eine friedliche Beziehung zu Gott nötig. Nun könnte man sagen, dass man vor sich selbst verantwortlich sei. Aber diese Verantwortung trägt nicht weit, denn sie ist der eigenen Beliebigkeit unterworfen und kann jederzeit aufgekündigt werden. Gelebte Verantwortung, die jeden Lebensbereich mit einbezieht, ist nur in der Gottverbundenheit zu finden. Das bringt der Prediger mit seiner Mahnung für junge Menschen zum Ausdruck, wenn er sagt: “Fürchte den wahren Gott und halte seine Gebote, denn das ist des Menschen ganze Pflicht!” (Pre. 12:13)

Der Mensch kann wunderbare Dinge schaffen: Seine Kultur erzählt davon. Vieles ist atemberaubend schön, wahr und spricht zu Herzen. Die Erfolge in Technik und Wissenschaft bezeugen seinen scharfen Verstand. Seine Schöpfungen beweisen seinen Wagemut und seine Freude, sich für eine Sache Sache aufzuopfern. Sie zeigen, dass man sehr wohl zu gemeinsamen Werken fähig ist, dass Frieden möglich ist. Und doch ist die Geschichte mit den vielen Kriegen, Eroberungen, Raubzügen und Völkermorden auch eine Tatsache. Und derselbe Mensch ist zum Hass und zur Liebe fähig! Es kann glühend in der Nächstenliebe sein und sich selbst aufopfern. Er kann herzzerreißend weinen, wenn ein anderer leidet, kann aber auch ungerührt zuschauen, wenn sein Mitmensch vor seinen Augen zu Tode getrampelt wird.

Der Mensch weiß im Grunde seines Herzens, was gut ist, aber er ist in der Masse bis heute nicht dazu in der Lage, es auch zu tun! Die Masse folgt dem Bösen. Warum kommt es nicht zur Einsicht in die Wahrheit des Lebens? Der Prediger gibt eine indirekte Antwort darauf, denn was er schildert und was ihm das Leben vergällt, ist die fehlende Beziehung zu Gott, was dann durch sinnlose Beschäftigungen und durch falsche Wertvorstellungen zu schlimmen Ergebnissen führt. Und es leuchtet mir ein, dass dies eine Art von Unvernunft ist, die es nur bei Menschen gibt. Jesus Christus hat diese Art von Unvernunft unter all das eingereiht, was den Menschen unrein, d. h. für das Leben mit Gott und seinen Mitmenschen untauglich macht:

“Denn von innen, aus dem Herzen des Menschen, kommen die bösen Gedanken und mit ihnen alle Arten von sexueller Unmoral, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier und Bosheit. Dazu Betrug, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Stolz und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen heraus und macht den Menschen unrein vor Gott.” (Mar. 7:21-23)

Wie kann man nur ohne Gott leben?

Mein Blick auf die Geschichte, die Literatur und die Kunst sagt mir immer wieder dies: Die Sinnlosigkeit des Lebens, das die meisten geführt haben und führen, hat immer dieselbe Krankheit zur Folge: Das Verlassensein, die absolute Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit und die Haltlosigkeit. 

Wie viele Menschen sind mir begegnet, an denen ich genau das beobachten konnte? Und immer wieder fiel mir auf, dass sie ihre Krankheit genau beschreiben konnten, aber schließlich daran zugrunde gingen, wenn sie den Kampf mit dem sinnlosen Leben nicht mehr führen wollten. Sie haben geahnt,  was ihnen fehlte, aber sie waren nicht in der Lage, den Verlust zu ertragen. Vielleicht waren sie auch auf der Suche nach dem Verlorenen, ohne den Weg zu wissen? Aber es waren nur wenige Menschen, die sich des Verlustes bewusst waren; die Masse torkelte weiter unbeschwert dahin, berauscht durch Betäubung, Ablenkung und Vergnügen, oder benebelt durch die  Verehrung religiöser und politischer Götzen und Ideologien. War das Schicksal? Musste es sein? Gab es keinen anderen Weg? 

Ich kann aus meiner Erfahrung nur diesen Schluss ziehen: “Gott ist ein großes, stilles Haus, das offen ist zu jeder Stunde.” So hat es Gottfried Keller gesehen und darauf hingewiesen, dass jeder selbst in dieses “Haus” hineingehen muss. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, Gott zu finden. Aber er wird ihn nicht in den Kirchen finden, in der Menge. Er kann ihn nur in der Stille seines Herzens finden und bestimmt dann, wenn er ihn im Gewissen begegnet. Aber warum ist das so schwer einzusehen?  Ist es vielleicht deshalb so, weil man sich einbildet, kein Geschöpf Gottes zu sein, sondern ein Kind des Zufalls? Aber warum leiden die Menschen in so großer Zahl an sich selbst? Warum empfinden viele die Sinnlosigkeit ihres Lebens so grausam, dass sie die Flucht in den Tod wählen? Warum fällt es vielen so schwer, die Einladung Gottes anzunehmen? 

“So spricht Jehowah: ‘Stellt euch an die Wege und schaut, fragt nach den ewigen Pfaden: ‘Wo ist hier der Weg zum Glück?’ Dann geht ihn und findet Erfüllung!’ Aber sie sagen: ‘Wir wollen nicht!’” (Jer. 6:16)

“Wir wollen nicht!”, das trifft im Allgemeinen zu. Ist mit dieser Feststellung das ganze Problem beschrieben? Warum wollen die Menschen nicht den von Gott gewiesenen Weg des Glücks gehen? Liegt es daran, dass sie Gott einfach vergessen haben, so wie Kinder ihre Eltern vergessen können? Oder ist es so, dass sie Gott gar nicht brauchen können, weil  er ihnen unbequem ist? Der Verdacht drängt sich auf, dass viele Menschen nicht zugeben wollen, dass ein Gott alles Werden veranlasst hat. Denn das einzugestehen, würde bedeuten, Gott als Ursache zu erkennen. Und wenn Gott die Ursache des Lebens ist, dann ist der Mensch verantwortlich! Will man das nicht einsehen?

Die Rache des nicht gelebten Lebens

Mit dem “wir wollen nicht” kommt kein Mensch weiter. Wenn es nicht so wäre, gäbe es keinen Grund zur Klage Dann wäre es “natürlich” und sollte dann  am Leben leiden. Es sind so viele Lebens- und  und Gesellschaftsentwürfe probiert worden, aber der wirkliche Erfolg blieb aus. Und in den vergangenen Jahrtausenden hat das nicht gelebte Leben eine schreckliche Rache an den Menschen genommen. Bemerkt man das nicht? Oder nimmt man es einfach als Schicksal hin, wie eine Naturgewalt, der man ausgeliefert ist? Der Prediger ist einfach nur erstaunt, wie dumm und einfallslos, wie abgestumpft und uneinsichtig gelebt wird. Auch davon spricht der Prediger, wenn er im Leben der Menschen die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Treue und den Sinn vermissen musste, weil die Beziehung zu Gott nicht stimmig war. Doch, darauf läuft es zuletzt hinaus: Der Mensch braucht Gott! 

Wähle das Leben!

Etwas Schlimmeres als die Trennung von Gott konnte dem Menschen nicht passieren. Aber das war vom Menschen so gewollt. Und da der Mensch von Gott den freien Willen erhalten hat, hat er auch die Wahl. Darum ist er ist von Gott aufgerufen, die richtige Wahl zu treffen. Im Buch der Sprüche kommt die personifizierte Weisheit zu Wort:

“Euch, ihr Leute, lade ich ein! An alle Menschen wende ich mich. Ihr Anfänger, lernt, was Klugheit ist! Ihr Tagträumer, werdet endlich wach! …

Die Wahrheitsliebe öffnet mir den Mund. Was ich sage, ist nichts als die Wahrheit, denn ich verabscheue Gesetzlosigkeit. Alle meine Worte sind recht, keins davon ist hinterlistig und falsch. Dem Einsichtigen sind sie alle recht und dem, der sie verstehen will, klar. Sucht meine Unterweisung und nicht Silberschmuck! Nehmt Erkenntnis lieber als reines Gold! …

Ich liebe die, die mich lieben; und die mich suchen, finden mich. …

Ich gehe den Weg der Gerechtigkeit und zwar mitten auf der Straße des Rechts. Denen, die mich lieben, gebe ich, was bleibt, und ihre Häuser fülle ich.” (Spr. 8:4-21)

Solange der Mensch schon auf der Erde lebt, ruft die Weisheit Gottes: Sie ruft im Gewissen, sie ruft aus der Schöpfung, sie ruft aus der Geschichte, sie ruft direkt aus der Bibel. Überall und immer hat diese leise Stimme gerufen. 

Wenn die Stimme nicht gehört wird

Die Strafe, die uns immer trifft, wenn wir nicht auf die leise Stimme Gottes hören, ist zuerst diese: Wir werden uns selbst überlassen, wir werden uns selbst ausgeliefert! Und das kann wirklich schrecklich sein. Das ist es, was der Prediger beobachtet hat und was ihn veranlasste zu sagen: “Es ist alles Nichtigkeit und ein Haschen nach Wind!” So muss das Leben wohl aussehen, wenn es ohne Gottesfurcht und ohne eine friedliche Beziehung zu Gott geführt wird. Auch das bringt die Weisheit zum Ausdruck, wenn sie sagt:

“Immer wieder rief ich euch an, doch ihr habt gar nicht zugehört, habt die ausgestreckte Hand missachtet, wolltet die Mahnung nicht hören und schlugt jeden Rat in den Wind.

Doch wenn das Unglück kommt, werde ich lachen. Dann spotte ich über euch, wenn das, was ihr fürchtet, wie ein Sturm über euch kommt, wenn ihr bedrängt seid von Angst und Schrecken. 

Dann schreit ihr nach mir, doch ich antworte nicht, dann sucht ihr nach mir, doch ihr findet mich nicht. Weil sie jede Einsicht hassten und es ablehnten, Jehowah zu fürchten, weil sie meinen Rat nicht wollten und meine Mahnung verschmähten, darum sollen sie essen, was sie sich eingebrockt haben, sollen satt werden am eigenen Rat. 

Denn die Sturheit bringt die Beschränkten um, die Dummen vernichtet ihre Sorglosigkeit. Doch wer auf mich hört, hat nichts zu befürchten, kann ohne Angst vor Unglück sein.” (Spr. 1:24-33)

Der Untergang hat begonnen. Ich sehe schon die Trümmer dieses Weltsystems. Und es herrscht Stille. Und plötzlich, ganz leise höre ich von weit her die Stimme eines Kindes. Es singt, und sein Lied verurteilt eine verluderte Welt! Es verkündet den Sieg der Liebe, der Gerechtigkeit und der Wahrheit. Seine Stimme schwebt über den Trümmern und erreicht die Herzen derjenigen, die der Weisheit und der Liebe Gottes ihr Herz geschenkt  haben.