Seelische Magersucht

“Ihr dürft nicht mehr so leben wie die Menschen, die Gott nicht kennen. Ihr Leben und Denken ist von NIchtigkeiten bestimmt, und in ihrem Verstand ist es finster, weil sie vom Leben mit Gott ausgeschlossen sind. Das kommt von der Unwissenheit, in der sie befangen sind, und von ihrem verstockten Herzen. So sind sie in ihrem Gewissen abgestumpft und haben sich ungezügelten Lüsten hingegeben und  sind unersättlich in sexueller Unmoral  und Habgier.” (Bibel, Eph. 4:17-19)

Nichts Neues!

Es ist allgemein bekannt, dass an vielen Orten der Welt gehungert wird. Über die Bildschirme wehen die BIlder von hungernden Kindern täglich an uns vorbei. In den Nachrichten wird über die Brennpunkte des Hungers berichtet und wir erfahren dort, dass gegenwärtig über 800 Millionen Mitmenschen hungern! Und es wird auch fleißig über die vielen Gegenmaßnahmen reportiert: Man spendet und sammelt ungeheure Geldsummen für die Sättigung der Hungernden und hat großartige Programme für die Ursachenbekämpfung beschlossen. Und doch: von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Hungeropfer! Alle Hilfen scheinen nicht zu wirken, wie es die Welthungerhilfe der UN kürzlich berichtete. Der Kampf gegen den Hunger scheint ebenso erfoglos zu sein, wie der Kampf gegen Terrorismus und Erderwärmung und Krieg. 

Warum ist das so?

Steht vielleicht im Hintergrund ein ganz anderes Problem, eines, das von vornherein jede Lösung verhindert? Die Ursache des weltweiten Hungers ist nicht der Mangel an Nahrung! Noch würde die Nahrungserzeugung alle Menschen satt machen können, auch wenn die Klimaveränderung zu immer heftigeren Ernteausfällen führt und ganze Länder vertrocknen. Zu dieser  Ursache des Hungers kommen noch Kriege, Terrrorismus, Bürgerkriege, soziale Ungerechtigkeit, verzerrter Welthandel, Landflucht, Korruption und landgrabbing hinzu. Verschärft wird das Problem noch durch Verschwendungssucht, Gedankenlosigkeit und durch die Corona-Pandemie. Man gewinnt den Eindruck, dass diese Ursachen die direkte Folge einer weit verbreiteten “seelischen Magersucht” sind, denn auch das Hungerproblem hat mit dem Verlust der Werte zu tun. Das ist eine Beobachtung, die man schon lange macht. Auf den weltweiten Hunger bezogen bedeutet dies, dass die Herzen der meisten so blind sind, dass sie die eigentliche Ursache nicht ernst nehmen wollen. Denn wenn Menschen hungern und verhungern, dann hat die Gemeinschaft einen moralischen Defekt. Alle die aufgezählten Ursachen des Hungers fallen nicht wie der Regen vom HImmel, sondern sind gemacht, gewollt, verursacht und hingenommen!

Seelische Magersucht ist die eigentliche Hungersnot dieser Welt!

Tatsächlich kann man alle gegenwärtigen Bedrohungen und nicht nur den Hunger auf das menschliche Fehlverhalten zurückführen. Aber wie kommt es zur  “seelischen Magersucht”?

Im LIcht der Aussagen der Bibel ist die Sache gut durchschaubar: Die weitverbreitete Habgier ist die Triebkraft, die unsere Welt durchzieht wie ein giftiger Pilz, der im Dunkeln wuchert und wächst. Die Gier nach Geld, Macht und Sex beherrscht fast alles und jeden!

Alles steht unter dem Zwang der Gewinnmaximierung. Es muss – so wird beschwörend propagiert – Wachstum geben. Wachstum ist das Zauberwort, die Beschwörungsformel, das Maß aller Dinge geworden. In den Kursen an den Börsen wird das Wachstum wie eine Monstranz verehrt; man “betet” es an und ist tief unglücklich, wenn es nicht groß genug ausfällt. Aber wie weit kann Wachstum wachsen? Gibt es Bäume, die in den Himmel wachsen? Hat nicht alles seine Grenze? Und das wirtschaftliche Wachstum sollte eine Ausnahme bilden, weil die Habgier nie zufrieden ist, weil sie unersättlich gierig ist? Es gibt Krankheiten, die ihren Patienten zerstören. Und die Habgier ist so eine Krankheit des inneren Menschen.

Gigantomanie

Rund um den Erdball wachsen gigantische Städte wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. Hochhäuser wetteifern, Bankentürme sollen Macht symbolisieren und die im Umlauf befindlichen Geldsummen finden keine Entsprechung mehr in der realen Welt. Alles ist bis zum Platzen aufgebläht und die Staaten verschulden sich in unverantwortlicher Weise. Ein Tanz um das Geld findet statt, und immer mehr Menschen tanzen mit. Sie tanzen und sind berauscht von den Börsengewinnen. Der Weg in die rosige Zukunft ist eine neue Seidenstraße!  Berauschend schöne Bilder werden in den Sinn gemalt, machen süchtig und wecken die Gier nach mehr, mit der Folge, dass die Armen immer ärmer werden und die wenigen Reichen sinnlos Geld anhäufen und ruhig zusehen, wie ihre Gier Menschen tötet. Ja, um die Habgier zu befriedigen, nimmt man sinnlose Menschenopfer ruhig in Kauf. Dieser allgemeine Rausch raubt den Verstand und rechtfertigt jedes Mittel zur Geldvermehrung. Es scheint, dass unsere Welt gerade das radikal wahr machen will, was prophezeit worden war: 

Es war in der Ebene Schinar, als die Leute zueinander sagten: “Los! Bauen wir eine Stadt und einen Turm, der bis in den Himmel reicht!” Als Gott das sah, zog er folgende Schlussfolgerung: “Es ist offensichtlich: Sie sind ein Volk und haben eine Sprache. Und was sie jetzt begonnen haben, zeigt, dass ihnen zukünftig nichts unmöglich sein wird. Sie werden alles tun, was sie sich ausdenken.”  (1. Mo. 11:4, 6)

Damals war ein Damm gebrochen und das selbstsüchtige, rücksichtslose Denken überschwemmte die Welt! Und das Unheil nahm seinen Lauf zum heutigen, vorläufigen Höhepunkt. Was war im Bewusstsein der Menschen passiert? Was hat dazu geführt, dass sie irrsinnig wurden und sich dem Rausch der Habgier auslieferten? Um das zu verstehen, war ich gezwungen nach Spuren in der jüdischen Geschichte zu suchen. Im 106. Psalm wird Gottes Güte mit seinem Volk Israel besungen. Aber statt dankbar zu sein für die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, wurden das Volk unverschämt und beklagte sich. Dann heißt es im Vers 14, 15:

“In der Wüste entflammte ihre Gier, sie versuchten Gott in der Öde. Da gab er ihnen, was sie verlangten – und schickte Magersucht in ihre Seele.”

Sie forderten Fleisch zu Essen. Da gab Gott ihnen Wachteln bis zum Überdruss. Und in solchen Begebenheiten spiegeln sich Menschen, die keinen Glauben haben, für die Gott nur ein Wort ist. Es half ihnen nichts, dass sie Gottes Wunder miterlebt hatten und dass sie Zeugen seiner Macht wurden. Ihre Herzen blieben unberührt. Sie wurden von ihrer Gier getrieben und wollten nicht wahrnehmen, dass der Mensch nicht nur von Brot allein lebt, sondern vor allem vom Wort Gottes, das sich an ihnen zu ihrem Besten erfüllen sollte. 

“Da schickte er Magersucht in ihre Seele!” 

Diese seelische Magersucht besteht zuerst im Verlust Gottes und dann im Verlust vieler menschlicher Qualitäten wie Liebe, Barmherzigkeit, MItgefühl, Verantwortungsbewusstsein und noch einmal Nächstenliebe. Im Psalm 78:33 heißt es in dieser Verbindung: “Da nahm er ihrem Leben den Sinn.” Im Brief an die Römer wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Gottesglauben und Moralität:

“Und weil sie es nicht für gut hielten, Gott anzuerkennen, lieferte sie Gott einem verworfenen Denken aus, so dass sie das tun, was man nicht tun darf.” (Rö. 1:28)

Das Denken dieser Menschen wurde nicht mehr von Gottes Geist der Liebe beeinflusst; es hatte sich ganz und gar von Gott entfernt. Nicht einmal die Stimme ihres Gewissens konnte sie zurückhalten: Der Damm war gebrochen! NIchts konnte sie hindern, den MItmenschen auszurauben, zu betrügen, zu belügen und zu morden. Und so wurde nach dem Turmbau zu Babel gelebt! Es gab nur noch pro forma Verantwortung für den MItmenschen. “Wir machen, was wir wollen!”, das wurde zum Lebensgrundsatz. Die Habgier wurde zum Antrieb für diese Welt; ihr wurde alles unterworfen. Für sie führte man Kriege und unterjochte ganze Völker, wenn man sie vorher nicht schon ausgelöscht hatte. “Genozid” wurde ein sehr bekanntes Wort, weil es auch die Auslöschung indigener Völker beinhaltet. Für die Habsucht plünderte man Kolonialvölker aus und machte sie zu Sklaven. Auf ihr Konto geht auch das Proletariat der Industrien, für sie gingen die Feuer in den Hochöfen nicht mehr aus, für sie machte man Bauern zu Lohnarbeitern und raubte ihnen ihr Land durch Hedgefonds. Für die Habgier geht man daran, Völker zu versklaven und in Diktaturen zu beherrschen, für sie baut man die Metropolen mit den mächtigen Bankhäusern und für sie hinterziehen die Größen der Politik und der Wirtschaft Milliarden an Steuern, wie es jetzt auch wieder in großem Maß bekannt wurde (Pandora-Papers). Diese gewissenlosen und habgierigen leeren Menschen sind die Großen der Zeit!  Sie benehmen sich wie Raubtiere, wie “die wilden Tiere der Erde”, von denen die Offenbarung spricht (Kap- 6:8). Und so taumelt diese Menschheit in geistiger und moralischer Auflösung dahin. Wo will man hin, wo wird man enden?

Gegenwärtig ist in Deutschland alles auf die Rettung des Weltklimas eingestellt. Man kocht “klimaneutral”, man isst “klimaneutral” und zeugt “klimaneutral” Kinder. Mit diesen Kindereien will man die Katastrophe abwenden? Man sorgt sich um sauberes Wasser und saubere Luft, man versucht  biologischen Landbau und eine tiergerechte Tierhaltung. Dagegen ist auch nichts zu sagen, aber ist das nicht nur ein kleines Heftpflaster auf ein riesiges  Krebsgeschwür? Es wird von Monat zu Monat deutlicher, dass uns die Zeit davon läuft! Und das gilt nicht nur für das Klima, sondern für alle anderen Probleme auch. Die Katastrophen warten nicht, bis einmal eine allgemein akzeptierte Haltung auch durchgesetzt wird. Da sind die kleinen Bemühungen gut gemeint, aber kaum wirksam, denn das Problem liegt im Bewusstsein der Allgemeinheit: Es ist die seelische Magersucht! Es ist die Verarmung des inneren Menschen, der Verlust seiner selbst! Wie wahr, wenn Jesus fragte: “Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und doch seine Seele verliert?”

Muss man so leben?

Natürlich muss man so nicht leben, dass eine seelische Magersucht uns zu hartherzigen, egoistischen Monstern macht, die nur nur von Trieben regiert werden. Wir sind von unserer Anlage her dazu gerüstet, nicht so  leben zu müssen, wie es gegenwärtig getan wird. Wir haben die Möglichkeiten besser zu leben! Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass die seelische Magersucht die Folge der Trennung von Gott ist. Das ist das grundlegende Problem dieser Menschheit! 

Es macht wenig Sinn, von einer Umverteilung der Güter zu träumen, denn die seelische Magersucht betrifft Arme und Reiche. In der Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich sind Opfer und Täter austauschbar, wie es die Geschichte zeigt. Solange im Bewusstsein der Menschen keine Änderung erfolgt, sind alle Bemühungen um soziale Gerechtigkeit dazu verurteilt, im Sande zu verlaufen. Eine Änderung aber verlangt eine Umkehr zu Gott, denn nur er kann die Krankheit “Habgier” heilen, nur er kann den Menschen von der seelischen Magersucht befreien. Nun rechne ich schon lange nicht mehr damit, dass ein allgemeines Umdenken den Lauf in den Untergang abwenden wird. Nein, bis zum bitteren Ende wird man weiter dem Geld hinterherjagen. Es wird so kommen, wie es die Bibel sagt: 

“Die Welt vergeht und ebenso ihre Begierde/Gier, doch wer tut, was Gott will, bleibt und lebt in Ewigkeit!” (1. Joh. 2:17).

Was Vertrauen auf Gott bedeutet

Wer Gott erkannt hat, wird nicht mehr von der Gier nach Geld und Macht angetrieben! So ein Mensch hat den Weg zu Gott und zu sich selbst gefunden und die Macht der Liebe erfahren. Sein Inneres ist durch Gottes Einfluss neu gestaltet worden und er fühlt sich heute schon als Bürger des Reiches Gottes, und so versucht er zu leben. Für ihn ist es schwärzester Götzendienst, wenn er der Habgier seine Ergebenheit und Treue, seine ganze Kraft schenken wollte. Im Mittelpunkt seines Lebens steht sein Vater im Himmel und nicht das Geld und was es repräsentiert. Und er weiß sich und sein Leben bei Gott in guten Händen.

Die einfachen Worte Jesu aus der Bergpredigt

Der Mensch im Sinne Gottes lebt zuerst nicht von Brot allein, Er lebt durch Gott und mit Gott. Das zeigt sich in seinem Respekt vor dem Moralgesetz Gottes und dadurch, dass er in seinem Leben immer wieder zeigt, dass es ihm zuerst auf den Willen Gottes ankommt. Die Worte Jesu diesbezüglich hat er verinnerlicht und weiß, dass er nicht Gott und dem Reichtum gleichzeitig dienen kann (Mat. 6:24):

“Macht euch also keine Sorgen! Fragt nicht: ‘Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn damit plagen sich die Menschen dieser Welt herum. Euer Vater weiß doch, dass ihr das alles braucht! Euch soll es zuerst um Gottes Reich  und um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird er euch alles Übrige dazugeben.” (Mat. 6:31-33)

“Dann wird er euch alles Übrige dazugeben”, das glaubt ein Christ, darauf vertraut er! Und darum wird sein Ziel im Leben nicht das Reichwerden sein, sondern sein wirkliches, inneres Leben, das von Gottes Gerechtigkeit und Liebe bestimmt wird. Denn er hat eingesehen, dass man nur mit Gott und niemals gegen ihn leben kann. Er hat erkannt, wie bereichernd und schön es ist, den Nächsten zu lieben und für ihn da zu sein. Er hat dabei sich selbst gefunden. Er wird immer auf Gott vertrauen und von ihm Hilfe erwarten und nicht vom Reichtum. Und dann ist es leicht einzusehen, dass damit die Habgier stirbt und es keinen Antrieb  mehr für das gibt, was die Menschheit zerstört. Denn die Habgier trennt von Gott und zerstört den Menschen!

Das wahre Leben

Man darf nicht erwarten, dass so ein Leben allgemein in dieser Welt von allen geführt werden wird, solange die Grundordnung zerbrochen ist. Das wird nur im Reich Gottes wahr werden, wenn die Menschen Gott gesehen und ihn erkannt haben, wenn es ihr Herzenstrieb ist, ihrer eigenen Bestimmung gemäß zu leben. Und das ist die Liebe, die uneigennützige und auf den Mitmenschen gerichtete Liebe. Diese Menschen haben sich einer himmlischen Kraft unterstellt, die sie besser und menschlicher macht:

“Wenn ihr nun mit Christus, dem Messias, zu einem neuen Leben auferstanden seid, dann richtet euch ganz nach oben aus, wo Christus ist: auf dem Ehrenplatz neben Gott. … Darum tötet alles, was zu eurer früheren Natur gehört: sexuelle Unmoral, Schamlosigkeit, Leidenschaft, böse Lüste und Habgier, die Götzendienst ist. Diese Dinge ziehen Gottes Zorn nach sich. Er wird die treffen, die ihm nicht gehorchen.”

“… [ihr] seid neue Menschen geworden, die ständig erneuert werden und so immer mehr dem Bild entsprechen, das der Schöpfer schon in euch sieht.”  (aus Epheser 3)

Das neue Leben wird nicht von Habgier bestimmt, sondern von der Liebe! Sie ist die mächtige Triebkraft, die ein Leben erst sinnvoll und erfüllend macht. 

Der Meinungskrieg

Ist die Welt wahnsinnig geworden?

Da sitze ich nun mit verschränkten Armen, gesenktem Kopf und geschlossenen Augen und  denke nach. Ist die Welt wahnsinnig geworden? Wie soll ich die Zeichen der Zeit deuten? Überall schlägt der Wahnsinn hohe Wellen. Die Menschen werden von niederen Leidenschaften aufgepeitscht, und an vielen Orten auf der Welt ist es nicht mehr möglich als Mensch zu leben. Überall sind Brandstifter am Werk und es brennt! Meine Gedanken kreisen und kreisen. Es belastet mich. Es raubt mir den Frieden. 

Eine Pandemie zeigt die Zukunft

In Deutschland lebt man noch in relativem Frieden; Aufruhr und Krieg sind bisher nur anderswo. Aber ein ganz anderer Krieg brennt. Es ist die Corona Pandemie mit  ihren gesellschaftlichen Folgen. Die Corona Pandemie hat es offen gelegt: Die Menschen verlieren fast den Verstand und den moralischen Halt sowieso. Die Pandemie zeigt mir, was die Zukunft bringt: Sie spiegelt die Zerrissenheit der menschlichen Gesellschaften wider. Sie legt die Tatsache bloß, dass fast jeder gegen jeden ist und dass ein allen gemeinsamer Konsens fehlt. Wenn in Babel die Sprachen verwirrt worden sind, dann ist in der Neuzeit die Verwirrung der Herzen zum Höhepunkt gekommen.

Das besetzte Denken

Es war ein langer Weg bis zu diesem Punkt. Der eigentliche Erdrutsch begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als abenteuerliche Ideen von den meisten Menschen Besitz ergriffen. Plötzlich war der Mensch der Herr der Geschichte und ihr Mittelpunkt. Die Darwinsche Theorie löste die Schöpfung ab, die Psychoanalyse befreite den Menschen von seiner göttlichen Verantwortung und von seiner Schuld, der Marxismus stellte den Menschen in die “gesetzmäßig” sich abwickelnde Geschichte.  Pseudowissenschaft und Spiritismus erlebten eine Blütezeit und viele neue, absonderliche Weltanschauungen und Religionen entstanden (Mormonen, Russelliten, neue Freimaurersekten, Evangelikale, Heilsarmee, Theosophen, Anthroposophen, Adventisten, Spiritisten, Nihilisten, Nationalisten, Satanisten usw.). Plötzlich herrschte ein sehr großes Angebot an „neuen“ Lehren und Kulten. Für jeden schien etwas dabei zu sein. Sehr viele orientierungslose Menschen schlossen sich den neuen Ideen an, weil sie auf der Suche nach einem Halt waren. Man lockte sie mit „geheimen Lehren“ aus Indien, Tibet und der ägyptischen Mythologie (“Pyramidologie”) an, kurz mit allem, was irgendwie geheimnisvoll daherkam. Man betrieb eine Verschmelzung christlicher und heidnischer Lehren mit dem Okkultismus  vergangener Zeiten und sah im Heidentum auf einmal „christliche Züge“.

 Es gab die alten Verbindlichkeiten nicht mehr und ein Historiker (Max Weber) sprach von der “Entzauberung der Welt”: Gott verschwand aus dem Denken und Fühlen der meisten Menschen und fortan war der Mensch ohne göttlichen Halt und Mittelpunkt ein Spielball der Meinungen und damit das Objekt für Manipulationen geworden.  Indem das Denken von pseudowissenschaftlichen, heidnischen und okkulten Gedanken besetzt wurde, gewann man die Herrschaft über viele+ Menschen. Heute taumelt die Welt in geistig-moralischer Auflösung dahin in den Abgrund; sie ertrinkt im Blut. Vorbereitet wurde es durch dämonische Mächte, die den Glauben an Gott durch gottesfeindliche Propaganda und Verführung bei den meisten zerstörten.

Der Meinungskrieg ist ein Propagandakrieg

Wir erleben eine Zeit, wie sie vorher noch nie da war: In allen Medien tobt und wütet ein Meinungskrieg, in dem alles erlaubt ist. Von der offenen Lüge über die Halbwahrheit zur Täuschung mit gefälschten Statistiken ist alles da. Es herrscht ein erbitterter Kampf um die öffentliche Aufmerksamkeit, der weder vor Skandalen noch vor Schamlosigkeiten zurückschreckt. Es geht schon lange nicht mehr um Wahrheit, sondern um Rechthaberei und Manipulation. Es werden Gefahren beschworen, die in der Wirklichkeit nicht existieren, die aber ungeheure Ängste erzeugen. Viele Menschen geraten in Panik, werden davon beherrscht und werden unsinnig reagieren. Und in der Weltpolitik herrschen die Ungeheuer mit freundlich lächelnden Gesichtern! Aus dem Krieg der Worte werden leicht wirkliche, blutige Kriege.

Die Gefahr für das eigene Denken

Ich habe mich, weil ich genau wissen wollte, was ich glaube und denke, immer wieder damit beschäftigt. Wozu führte das? Bei mir führte es dazu, dass mein Denken erst unmerklich dann aber immer stärker besetzt wurde. Und das hatte Folgen! Plötzlich bemerkt man, wie man in einen Krieg hineingezogen wird, den man eigentlich nicht will. Man empört sich über die offenen Unverschämtheiten und Skrupellosigkeiten und das alles nimmt einen immer größeren Raum im Denken ein. Und dann ist da noch die Gefahr, dass man in diesem unehrlichen Meinungsstreit auch noch für irgendeine Seite Partei ergreift. 

Schluss!

Es konnte so nicht weitergehen! Ich musste mich aus diesem lebensgefährlichen Kampf heraus halten, sonst drohte die Gefahr, dass ich das Wesentliche  meines Lebens aus den Augen verlieren könnte. Ich musste mir klar machen, in welcher Zeit und unter welchen Menschen ich lebte. Ich musste es mir bewusst machen, dass ich in der Zeit des Generalangriffs auf das Bewusstsein des Menschen lebe! Abaddon hat seine Dämonen hochgelassen! Das wird anschaulich in Offenbarung, Kapitel 9 beschrieben. Alles rüstet zum Zusammenstoß mit Gott! Und ich kann und will diese Warnung der Bibel nicht vergessen. 

Die Zeit ist da!

Jesus Christus richtete an seine Nachfolger eine ernste Mahnung: Sie sollten wachsam bleiben und sich nicht verführen lassen: 

“Gebt acht, dass euch niemand irreführt!, … Viele werden unter meinem Namen auftreten und von sich sagen: ‘Ich bin es!’ und ‘Die Zeit ist da!’ Lauft ihnen nicht nach!” (Luk. 21:8)

“Seid wachsam und hört nicht auf zu beten, damit ihr die Kraft habt, all dem, was geschehen wird, zu entkommen, und damit ihr zuversichtlich vor den Menschensohn treten könnt.” (Luk 21:36)

“Weil du meine Aufforderung zur Standhaftigkeit beherzigt hast, werde auch ich dich beachten/bewahren in/vor der Zeit der Versuchung, in der die ganze Menschheit den Mächten der Verführung ausgesetzt sein wird.” (Off. 3:10)

Die Mächte der Verführung sind da – und sind aktiv! Es wäre naiv und geradezu leichtsinnig, sie zu ignorieren. Schon immer hat Satan die “Luft” beherrscht, das heißt, das geistige Klima dieser Welt. Und es wurde immer schwieriger für die Menschen, sich diesem Klima zu entziehen. Die Neuzeit liefert viele Beispiele für die Verführung ganz großer Massen. Zu Millionen sind sie irgendeinem “Heilsbringer” nachgelaufen und nahmen Schaden an ihrem Menschentum, wurden mitschuldig an großen Verbrechen und am Untergang. Und jetzt ist die letzte große Mobilmachung – so empfinde ich es. Der letzte Kampf wird vorbereitet und ich wünsche nicht dabei zu sein!  

Die Gewissheit

Es steht mir glasklar vor Augen, dass sich das Wort und der Wille meines Vaters im Himmel erfüllen muss und dass ich auf sein Reich warten und hoffen darf. Ich weiß doch, an wen ich glaube und wem ich vertraue. Und ich weiß ja noch mehr! Mir ist doch bewusst geworden, dass ich nicht mir selbst überlassen worden bin. Ich habe einen Vater und einen Bruder im Himmel die auf mich achten! Und das habe ich auf meinem Lebensweg immer wieder erlebt. Denke ich zurück, dann erinnere ich mich an viele Gelegenheiten, in denen ich beschützt, belehrt, erzogen und geschult worden bin.  Ja, ich habe bisher ein Leben an Gottes Hand geführt! Was sollte mich da noch beunruhigen? Ich beschrieb einmal, dass ich mit Jesus im Boot sitze. Der große Sturm tobt und droht. Der Himmel sieht bedrohlich aus und verheißt nichts Gutes. Aber Jesus ist mit im Boot! Und wie seine Jünger, die damals mit ihm über den unruhigen See Genezareth fuhren, muss auch ich keine Angst haben! Jesus Christus hat alle Macht im Himmel und auf Erden bekommen und hat ALLES im Griff! Ich kann ohne Sorge sein, denn immer ‚gehöre ich dem Herrn‘! (Rö. 14:8)

Dieses Leben unter Gottes Augen ist aber kein Automatismus, keine Selbstverständlichkeit. Ein Mensch, der glaubt und vertraut, muss seine Nähe zu Gott verteidigen und ständig erneuern. Jesus hat oft darauf hingewiesen und betont, wie wichtig, ja lebenswichtig, das Gebet ist, denn es stellt unsere Verbindung zum Vater im Himmel her. Und nur in der engen göttlichen Verbundenheit sind wir beschützt. Der Apostel Petrus hat es so formuliert:

“Demütigt euch daher unter Gottes mächtige Hand, dann wird er euch zur richtigen Zeit erhöhen. Und werft alle eure Sorgen auf ihn, denn er sorgt sich um alles, was euch betrifft.” (1. Pe. 5:6, 7)

Davon  bin ich überzeugt! Das will ich immer tun! 

Das alles haben die Begleitumstände der Corona Pandemie in mein Bewusstsein transportiert. Sie war für mich der aktuelle Anlass über all das nachzudenken. Nun bin ich zufrieden und kann ruhig sein. 

Warten

Von Lot, dem Neffen Abrahams, heißt es, dass “er Tag für Tag seine gerechte Seele quälte”, weil er unter den bösen Taten seiner Umgebung litt. Wer sich damit quält, muss ein empfindliches Gewissen haben und schlechte Taten hassen, denn er weiß, dass Gott so etwas auch nicht gutheißt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass so ein Mensch eine tiefe Sehnsucht nach der göttlichen Gerechtigkeit hat und darauf wartet, dass Gott dem Verbrechen ein Ende setzt. Dieses Warten finde ich bei allen Glaubenden in der Bibel. Und immer ist es schwer, zu warten, wie wir es an Habakuk bemerken:

“Wie lange schreie ich schon zu dir, Jehowah, doch du hörst mich nicht! Ich rufe ‘Hilfe!’ und ‘Gewalt!’, doch du rettest nicht. Warum lässt du mich das Unrecht sehen? Warum schaust du dem Verderben zu? Warum sehe ich nur Frevel und Gewalt, erlebe Zwietracht und Streit?” (Hab. 1:2, 3)

Gott antwortet auf diese vorwurfsvollen Fragen mit der Ankündigung seiner Strafe durch die Babylonier, aber Habakuk will mehr wissen, will wissen, wie lange er noch warten muss. Der Prophet kann sich nicht vorstellen, dass sein Gott unbeteiligt dem Treiben der Bösen zusieht: 

“‘Du hast zu reine Augen, um Böses mit anzusehen, du schaust nicht bei Misshandlungen zu!’, stellt er fest und – wundert sich: ‘Warum lässt du dann diese Räuber gewähren? Warum schweigst du, wenn der Gottlose den Gerechten verschlingt?’” (Hab. 1:13)

Der Prophet bekommt eine Vision und den Auftrag, sie deutlich niederzuschreiben:

“Denn was du schaust, gilt zur bestimmten Zeit, es weist auf das Ende hin, es täuscht dich nicht. Und wenn es sich verzögert, warte darauf, denn es kommt bestimmt, es bleibt nicht aus!

Sieh, die Strafe trifft den, der nicht aufrichtig ist! Doch der Gerechte lebt durch seinen Glauben.” (Hab. 2:3,4)

Gott nennt kein Datum, an dem er das Urteil über die Bösen vollstrecken will; er fordert nur dazu auf zu warten und zu vertrauen, denn der Gerechte wird durch sein Vertrauen davonkommen und leben. Gott erwartet also von seinem Diener Geduld und Vertrauen, denn er betont, “denn es kommt bestimmt, es bleibt nicht aus”. Darum schrieb Jakobus, dass Verheißungen Gottes durch Geduld geerbt werden, und führt weiter aus:

“Nehmt euch die Propheten, die im Namen des Herrn gesprochen haben, als Beispiel. Wie standhaft haben sie ihre Leiden getragen. Ihr wisst ja, dass wir die glücklich preisen, die durchhalten. Von der Standhaftigkeit Hiobs habt ihr gehört und gesehen, wie der Herr ihn am Ende belohnt hat. Der Herr ist voller Mitgefühl und Erbarmen.” (Jak. 5:10, 11)

Die Geduld kann auf eine harte Probe gestellt werden, denn ich weiß von mir, wie quälend es sein kann, auf Gott zu warten. Und ich habe auch erlebt, dass manch ein Gefährte nicht mehr warten wollte und sogar seinen Glauben an Gott aufgab. Da begann ich mich mit der Frage zu beschäftigen, warum  sie die Geduld verloren haben. Ich habe versucht, ihre Motive zu erfahren, aber es war schwer oder manchmal unmöglich. Eine Antwort lautete sinngemäß: “Ich fühle nichts, es sagt mir nichts mehr.” Daraus konnte ich schließen, dass es nicht immer so war. Warum ist es aber anders gekommen? 

Ich habe einmal geschrieben, dass ich Gott nicht verstehe, dass ich nicht begreife, dass er so lange dem Unheil zusehen kann. Ich wusste damals keine Antwort darauf, aber ich habe mich gehütet, aus dem Nichtwissen eine Schlussfolgerung zu ziehen, die dazu geführt hätte, den Glauben aufzugeben. Denn ich kann Schlussfolgerungen nur aus dem ziehen, was ich verstehe. Darum schrieb ich auch, dass ich nicht alles, was Gott betrifft, verstehen kann, ja nicht einmal verstehen muss, aber dass ich immer vertrauen darf! Denn Gott ist als moralische Instanz das Höchste, was ich kenne. Ich kann ihm beim besten Willen nichts Unrechtes zutrauen. Und darum kann ich auch meinen Glauben nicht deswegen aufgeben, weil ich Gott in einer Sache nicht verstehe. Auf der anderen Seite habe ich auch an mir beobachtet, wie leicht die Gedanken in eine falsche Richtung laufen und mich schwach machen können. Darum war ich gezwungen, darüber nachzudenken und Antworten Gottes zu finden, die mich beschützen und bewahren.

Hoffen heißt warten!

Abraham ist für mich ein Vorbild im Glauben, in der Hoffnung und im Warten. Die Erfüllung des göttlichen Versprechens hat er nur in Ansätzen erlebt; das Kommen des Messias und seine Herrschaft im Reich Gottes lagen für ihn in der Zukunft, und doch wurde er im Glauben nicht schwach, denn er wusste, dass Gott nicht lügt. Und ich habe immer die menschliche Größe und das Vertrauen Abrahams bewundert, der darum von Gott als sein persönlicher Freund bezeichnet wurde! Er hat die Stadt Gottes, das Neue Jerusalem, in der Ferne gesehen – und es wurde für ihn zur unumstößlichen Tatsache, zur Wirklichkeit, die er zwar noch nicht erlebte, aber erwarten konnte! So  hat er ein ganzes Leben lang gewartet! Er hat gewartet, ohne die Geduld zu verlieren. 

Sein Glaube machte die Hoffnung zur Gewissheit. Und das ist der Unterschied zwischen Glauben und Unglauben. Der Ungläubige vertraut Gott gar nicht, weil er ihn nicht kennt und ihn nicht als sittliche Person wahrnimmt. Und der im Glauben Schwache zweifelt und wird von seinen Zweifeln daran gehindert, fest zu stehen. 

Wie wartet ein Christ?

Das Motiv des Wartens finden wir auch in den Reden Jesu. In Verbindung mit der Prophezeiung über das Ende dieses Weltsystems erzählte Jesus Gleichnisse, die das Warten und das Wachbleiben im Glauben bekräftigen. Und dabei fällt ein besonderer Aspekt auf: Die Jünger sollten tätig sein, während sie auf ihn warten; sie sollten ihren Glauben lebendig erhalten und dafür ständig beten, damit sie mit der Hilfe Gottes das auch tun könnten.  Das Warten bedeutet also für die Jünger Jesu nicht, dass sie schicksalsergeben dasitzen und einfach nur warten. Im Gegenteil: Immer sollten sie Gottes Reich und seine Gerechtigkeit suchen!

In seinen letzten Ermahnungen an seine Nachfolger betont er den notwendigen Kampf für den eigenen Glauben, die Notwendigkeit, die “Kleider” sauber zu halten, nicht zu lügen, nicht Betrügern zu folgen, die Liebe nicht sterben zu lassen, den Götzendienst zu meiden, falsche Lehren abzulehnen und immer wach und empfänglich für die Äußerungen des Geistes Gottes zu bleiben, indem man in seinem Wort liest. (Offenbarung 2 und 3). Damit hat er jedem viel Arbeit gegeben! Das ist ein Auftrag von dessen Erfüllung das ewige Leben abhängt. Ein Christ wird die Erfüllung der Verheißungen Gottes nur erleben, wenn er im Glauben treu bleibt. Das macht Jesus in jedem seiner sieben Briefe deutlich (Off. 2:7, 11, 17, 26; 3:5, 12, 21). Denn Jesus will, dass in jedem seine Liebe an ihr Ziel kommt. Dafür bietet er seine Hilfe an und steht jedem in seinem Kampf für den persönlichen Glauben bei:

“Weil du meine Aufforderung zur Standhaftigkeit beherzigt hast, werde auch ich dich bewahren in der Zeit der Versuchung, in der die ganze Menschheit den Mächten der Verführung ausgesetzt sein wird.” (Off.3:10)

Denke ich darüber nach, dann wird mein Herz heiß, denn ich weiß, dass ich geliebt werde und nicht mir selbst in meinem Glaubenskampf überlassen bin. Ich habe einen liebevollen Hirten, der mich führt, erzieht und schützt. Ich kann also, während ich auf das zweite Kommen Christi warte, in der Hausgemeinschaft Gottes sein und alle Vorzüge dieser Gemeinschaft genießen. Das ist so stärkend und tröstend, dass ich es kaum fassen kann. Denn ich bin ja nur ein Sonnenstäubchen, ein sündiger Mensch! Aber ich kann diese Erfahrung der Hilfe und der Nähe Jesu und des Vaters nicht aus meinem Bewusstsein verbannen. Es ist Realität! 

Beharrlich beten 

Ich möchte einen Satz aus den Ermahnungen Jesu an seine Jünger noch hervorheben:

“Seid wachsam und hört nicht auf zu beten, damit ihr die Kraft habt, allem, was geschehen wird, zu entkommen, und damit ihr zuversichtlich vor den Menschensohn treten könnt.” (Luk. 21:36)

Wie leicht neigt man dazu, das Beten – und Nachsinnen – zu vernachlässigen! Das erkenne ich an den Aposteln, die mit Jesus zusammen im Garten Gethsemane wachen und beten sollten! Sie sind immer wieder eingeschlafen. Von meiner heutigen Warte aus ist das für mich unfassbar. Aber das sage ich so leicht. Kenne ich mich so genau, dass ich sagen kann: das passiert mir nicht? So will ich diese Episode als Mahnung auffassen und sorgfältig auf mich achten. Denn ich bin mir der Tatsache bewusst, dass niemand aus eigener Kraft standhaft bleiben kann. Ich brauche Gott, ich brauche Jesus –  wirklich! 

Ein wesentlicher Anteil des Gebets muss meiner Überzeugung nach die Dankbarkeit sein. Nur dankbare Menschen möchte Gott in seiner Nähe haben. Das sind dann Menschen, die über sein Handeln in ihrem Leben nachdenken und auf dieser Weise viele Gründe finden, um von Herzen dankbar zu sein. „Wer Dank opfert, verherrlicht mich“, so heißt es in einem Psalm. Dankbarkeit wirkt auf mich zurück; sie macht mich glücklich, sie induziert Freude, Freude an Gott! Und aus der Freude entspringt Kraft für den Glaubenskampf.

Auch mich können Alltagssorgen soweit belasten, dass sie den Glauben ersticken. Der “Rausch eines ausschweifenden Lebens” ist für mich weniger eine Gefahr, aber Ängste und Sorgen könnten mich vom Wesentlichen ablenken. Aber warum sorge ich mich? Warum fürchte ich mich? Wenn ich alles getan habe, was in meiner Macht ist, dann kann ich darüber hinaus nichts weiter tun, als warten. Dann heißt es wirklich auf Gott zu warten! Wenn meine Weisheit am Ende ist, dann kann ich als Christ nur warten. Was nützen dann noch meine Sorgen? Sie ändern nichts! Aber sie lenken mich ab und schwächen mich. Sie rauben mir die Kraft und können mich mutlos machen. Wenn die Sorgen ständig durch das Bewusstsein kreisen, werde ich depressiv und die Freude stirbt. Und dann bleibt für mich noch die Frage offen, ob ich tatsächlich Gottvertrauen beweise, wenn ich mich um Dinge sorge, die weit außerhalb meiner Macht liegen? Stattdessen sollte ich dies bedenken:

Ich habe mich ganz in Gottes Hand gegeben. Ich tat es mit uneingeschränktem Vertrauen, denn ich habe es im Laufe der Jahre durch Erfahrung gelernt. Aus dem Psalm 138 sind mir die Worte lebendig geblieben: 

“Selbst wenn man mich schwer bedrängt, belebst du mich. Du nimmst mich in Schutz vor der Wut meiner Feinde, deine mächtige Hand wird mich retten. Jehowah vollbringt es für mich. Deine Liebe hat niemals ein Ende. Gib die Werke deiner Hände nicht auf!” 

Diese Worte sind bedeutungsvoll! Sie machen mir deutlich, dass ich im Leben bedrängt werden kann, dass schwere Zeiten für mich kommen können und ich um Hilfe schreien muss. Und ich bin sicher, dass mein Rufen gehört und beantwortet wird. Es wird beantwortet, auch wenn es scheint, dass Gott sich Zeit, viel Zeit lässt. Er hat Jesus Christus alle Macht gegeben, und der Sohn Gottes wird sie einsetzen, um auch mein Leben für die Ewigkeit zu bewahren! 

Ich möchte es mir auch abgewöhnen mich zu beklagen, weil ich es als eine Art von Ungerechtigkeit gegenüber Gott empfinde. Ich weiß, dass in der Bibel viele Klagen aufgeschrieben sind, aber für mich sehe ich keinen berechtigten Grund zur Klage. Sollte es sie geben, dann will ich auch daran denken, dass ich in Gottes Obhut bin und dass ich bereit und willens sein will, Schwierigkeiten als Prüfung meines Vertrauens zu Gott aufzufassen. Ich will also in Geduld auf Gott warten.

Aber dies alles unter der Gewissheit, dass Gott mein Vater ist und dass er sich um sein irdisches Kind kümmert. Und wo meine Macht, mein Wirken und meine Weisheit am Ende ist, das setzt Gott an! Ich muss auch daran denken, dass Gott das Recht hat, mich auf die Probe zu stellen. Und ich wünsche ja, dass es geschieht, weil es mich in meinem Glauben bestätigen, erziehen und festigen kann. Nur in belastenden Situationen zeigt sich für einen Menschen, wie fest sein Glaube ist. Auf diese Erfahrung möchte ich nicht ganz und gar verzichten, wenn ich mir auch nicht unbedingt Schwierigkeiten wünsche. Ich möchte es wie Paulus sehen, als ihm von Jesus gesagt wurde: “Meine Gnade muss dir genügen, denn meine Kraft wird in Schwachheit mächtig.” (2. Kor. 12:9) Und dann fährt der Apostel mit diesen tröstenden Worten fort:

“Jetzt bin ich sogar stolz auf meine Schwachheit, weil so die Kraft des Christus auf mir ruht. Deshalb freue ich mich über meine körperlichen Schwächen, ja selbst über Misshandlungen, Notlagen, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, bin ich stark.” (2. Kor. 12:9, 10)

Nur unter dieser Voraussetzung kann man als schwacher Mensch mit Geduld auf die Erfüllung der Versprechen Gottes warten! Wenn man so wartet, dann ist das kein Unglück, wenn man in einer Zeit lebt, in der es eigentlich keinen Wert hat. Denn Gottes Hand hält uns fest und bewahrt uns vor dem Sturz ins Nichts! So hat er auch mich davor bewahrt, der Magie des Bösen zum Opfer zu fallen. Statt dessen hat er mich auf den Weg der ewigen Zeit gestellt.

Jeremias Leiden

“Du ließest uns viel Angst und Not erfahren. Du wirst uns wieder beleben, uns wieder hinaufbringen aus den Tiefen der Erde.” (Ps. 71:20)

Wer mit Gott leben will, muss bereit sein dafür zu leiden, weil er in einer gottfeindlichen Welt lebt. Seine Liebe zu Gott wird, solange  er lebt, auf die Probe gestellt. Da sind ständige Versuchungen und Verlockungen, die immer wieder eine Entscheidung für Gott, für ein gutes Gewissen und für die Wahrheit erfordern. Und da sind Menschen und Mächte, die ihrerseits Ergebenheit fordern, die nur Gott gehören darf. Es ist ein Kampf gegen sich selbst und gegen eine ganze gottlose Welt, ein Kampf an verschiedenen Fronten. 

Kann ein Mensch das? Ist er dazu fähig? Und hat er überhaupt die Kraft und den Mut dazu? Er muss jedenfalls dazu bereit sein! Das hat Jesus Christus von seinen Nachfolgern gefordert: Wer einen Turm baut, soll vorher die Kosten berechnen und sehen, ob er den Bau auch vollenden kann. 

Gott liebt den nicht, der ängstlich und feige zurückweicht. Darum muss er lernen, Gott zu ‘sehen’ und ihn dann um Mut und Kraft zu bitten. Dann  ist man im Kampf nicht allein und nicht ohne Hilfe! Diese Tatsache kann an vielen Leben abgelesen werden, die in Harmonie mit Gott geführt worden sind. Paulus erwähnt im Brief an die Hebräer (Kapitel 11) solche Leben. Und von allen kann er sagen, dass sie Gott an ihrer Seite hatten und daher siegen konnten! Auch diese Menschen waren oft mutlos, hatten Angst und keine Kraft. Aber sie konnten mit Gottes mächtiger Hilfe siegen!

Jeremia war einer von ihnen. Er war kein strahlender Held, sondern sah sich als ängstlichen Knaben, der sich gar nicht in der Lage fühlte, als Prophet zu dienen. Es kostete Gott ein wenig Überredung, ihn doch dazu zu bewegen, seine Botschaft zum Volk zu bringen. Von Anfang an war Gott bereit, ihm beizustehen, zu helfen und zu befreien. Das war auch bitter nötig, denn Jeremia hatte es mit einem Volk zu tun, das berechnend, falsch, hinterhältig, verlogen und gewalttätig war. Das alles hat Jeremia an sich erfahren müssen. Denn er hatte eine unangenehme Botschaft an das Volk der Juden. Kein Wunder also, dass er angefeindet wurde, weil er ihnen den Spiegel vorhielt und den lügnerischen falschen Schein vom “frommen Volk Gottes” zerstörte. Und darüber hinaus drohte er ihnen auch noch Gottes Gericht an. 

Jeremias Leiden waren zahlreich: Er litt unter der weit verbreiteten Gesetzlosigkeit und darunter, dass er unter bundbrüchigen, mitleidlosen und gewalttätigen Menschen leben musste. Es ging ihm so, wie es allen Glaubenden geht: Sie haben ein empfindliches Gewissen, das unter der frechen Unmoral der Umgebung leidet. Gott öffnete ihm dazu auch noch die Augen, und so sah er, dass sogar seine Freunde und Verwandten ihn hassten. Er musste böse Misshandlungen ertragen, Spott und Verachtung. Er kam in akute Lebensgefahr, als die Fürsten Israels, die Priester und die Bürger von Anatot sein Leben bedrohten. Und immer wieder musste er die Schamlosigkeit und die Falschheit des Volkes ertragen. Dann waren da noch die falschen Propheten, die offen und  schamlos den Worten Gottes widersprachen und Jeremia als Lügner hinstellen wollten. 

Ich kann das alles nur andeuten und kann das Ausmaß der Verfolgung und des Kampfes nur ungefähr erahnen, denn ich habe das so nicht erlebt. Aber ich kann nachempfinden, warum Jeremia immer wieder verzweifelt war und sich hilfesuchend an seinen Gott wandte und klagte:

“Wehe mir, Mutter, dass du mich geboren hast! Jeder streitet und zankt mit mir, das ganze Land feindet mich an! Ich habe weder Geld verliehen, noch habe ich welches geborgt. Trotzdem verfluchen  mich alle.” (Jer. 15:10)

“Warum musste ich den Mutterschoß verlassen? Um nichts als Elend und Kummer zu sehen? Um mein Leben in Schande zu beenden?” (Jer. 20:18)

Stellenweise steigert sich die Klage des Propheten zu scharfen Vorwürfen gegen Gott:

“Jehowah, du weißt alles, denk an mich und setze dich für mich ein! Nimm Rache an meinen Verfolgern! Nicht dass deine Langmut mich zugrunde gehen lässt! Du weißt doch, dass sie mich deinetwegen beschimpfen. … Deine Worte haben mich mit Glück und Freude erfüllt. Denn ich gehöre ja dir, Jehowah, allmächtiger Gott. Nie saß ich in fröhlicher Runde, nie scherzte ich mit. Von deiner Hand gepackt, saß ich allein, denn deine Erbitterung erfüllte auch mich. Warum hört mein Schmerz nicht auf? Warum schließt sich meine Wunde nicht? Warum will sie nicht heilen? Du hast mich enttäuscht, du bist für mich wie ein Bach, der im Sommer versiegt.” (Jer. 15:15-18)

“Jehowah, du hast mich  betört und ich ließ mich betören. Du hast mich gepackt und überwältigt. Nun verspotten sie mich den ganzen Tag, alle lachen mich aus. Denn sooft ich den Mund auftue, muss ich schreien: “Verbrechen! Unterdrückung!” Nichts als täglich Spott und Hohn bringt mir das Wort Jehowahs.” (Jer. 20:7, 8)

Der Prophet möchte nicht mit Gott streiten, aber er hat so seine Zweifel, wenn er fragt, warum die Bösen so erfolgreich sind:

“Du bist gerecht, Jehowah, wie könnte ich nur mit dir streiten? Dennoch muss ich über das Recht mit dir reden. Warum haben die Bösen Erfolg? Weshalb können Abtrünnige sorglos sein? Du hast sie gepflanzt, und sie haben Wurzeln geschlagen; sie wachsen heran und bringen auch Frucht. … Wie lange soll das Land vertrocknen, das Grün auf den Feldern verdorren? …  Denn sie sagen von mir: ‘Er wird unser Ende nicht sehen’”. (Jer. 12:1-4)

Die Antwort Gottes fällt für meine Begriffe überraschend aus. wenn er zu Jeremia sagte: 

“Wenn du mit Fußgängern läufst und sie dich schon ermüden, wie willst du den Lauf gegen Pferde bestehen? Wenn du dich nur im Land des Friedens sicher fühlst, wie willst du dich dann im Jordandickicht verhalten?” (Jer. 12:5)

“Habe ich dich nicht zum Guten stark gemacht? Ich werde dafür sorgen, dass dein Feind dich anfleht, wenn er in Not und Bedrängnis gerät”. (Jer. 15:11)

“Wenn du umkehrst, nehme ich dich wieder an, dann darfst du mir wieder dienen. Wenn du deine Worte überlegst, und nicht mehr solchen Unsinn von dir gibst, dann darfst du wieder mein Mund sein. Sie müssen auf dich hören, aber du nicht auf sie.” (Jer. 15:19)

Ich empfinde die Reaktion Gottes als großartig und verständnisvoll! Er nimmt die Klagen zur Kenntnis, macht aber seinen Propheten auf die Notwendigkeit des Kampfes aufmerksam; ja er macht deutlich, dass der Kampf den Glauben stärkt und die Kraft wachsen lässt:  “Wenn du mit Fußgängern läufst und sie dich schon ermüden, wie willst du den Lauf gegen Pferde bestehen?” So dient der Kampf schließlich dazu, den ‘Lauf gegen Pferde zu bestehen’. Und noch mehr: Er verzeiht das vorwurfsvolle Reden Jeremias und ist bereit, ihn weiter als Prophet dienen zu lassen, wenn er umkehrt und nicht mehr “solchen Unsinn” reden würde.

Und Gott erinnert Jeremia daran, dass er ihn ‘zum Guten stark gemacht’ habe. Gott hat seine Zusage eingehalten, als er seinem Propheten von Anfang an dies deutlich machte: “Habe keine Angst vor den Menschen, denn ich bin mit dir und beschütze dich.” (Jer. 1:8) Jeremia hat auch Trost dadurch erfahren, dass Gott die Rückkehr der Juden aus der Gefangenschaft in ihr Heimatland ankündigte. Und mehr noch: Der Prophet durfte weit in die Zukunft schauen und sehen, wie durch den Messias (“König David”) der neue Bund wirksam werden würde; er durfte einen Blick ins Reich Gottes werfen und den Untergang “Babylons” sehen. 

“Ich bin mit dir”: Das kann die Angst nehmen; diese Zusage hat sich in Jeremias Leben erfüllt! Er wurde viele Male befreit und überlebte alle Misshandlungen, Demütigungen und Bedrohungen. Und er sah, wie Gottes Worte an die Nation in Erfüllung gingen, wie sich alles bewahrheitete, was er unter Gefahren für Leib und Leben dem Volk Israel prophezeit hatte. Jeremia erfuhr an sich selbst, wie Gott für treue Menschen eintreten kann. Das erfüllt auch mich mit Mut! 

Hat Jeremia die Erfüllung der göttlichen Prophezeiungen mit innerer Genugtuung gesehen? Nein, glücklich gemacht hat es ihn nicht; er litt mit dem Volk, und er litt stark. Wenn man seine “Klagelieder” liest bekommt man einen guten Eindruck von seiner Trauer. Nun berichtet die jüdische Überlieferung, dass Jeremia in Ägypten von seinen Volksgenossen gesteinigt worden ist.  Ob das stimmt, kann ich offenlassen. Tatsache ist, dass die Juden so manchen Propheten umgebracht haben. Jesus hat es bestätigt und ich erinnere mich an seine Worte: “Jerusalem, Jerusalem, die da steinigt die Propheten, und tötet, die zu ihr gesandt sind. “ (Luk. 13:34)

Bin ich betroffen, wenn so etwas geschieht? Bin ich im Glauben an Gottes Zusage erschüttert? Ich könnte es sein, wenn ich mir einbilde, als Glaubender immer unbeschadet aus dem Glaubenskampf hervorzugehen zu müssen. Darauf habe ich aber keinen Anspruch, ich habe nur die Zusage auf eine Auferstehung von den Toten! Ich kenne die Worte Jesu Christi, die er auch an mich richtet:

“Es werden noch manche Leiden auf dich zukommen. Der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis bringen, um euch auf die Probe zu stellen, … Hab keine Angst davor und bleibe mir treu, selbst wenn es dich das Leben kostet. Dann werde ich dir als Ehrenkranz das ewige Leben geben.”(Off. 2:10)

Damit will ich zufrieden sein! Ich gestehe meinem Vater im Himmel das Recht zu, mich auf die Probe zu stellen, denn ich denke, dass er nicht weniger als die volle Treue verdient. Und ich weiß, dass mein Vater im Himmel und sein Sohn die wahren Herren der Lage sind. Sie ‘werden alles neu machen’! Sie werden das Unrecht beseitigen und alle, die um ihres Glaubens willen verfolgt worden sind, mit dem ewigen Leben in Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe segnen!

Der König mit der Dornenkrone

oder:

Der Sieg der Sanftmut

Er sah unter sich die vielen Gesichter der Menge, die dem schrecklichen Schauspiel seiner Hinrichtung beiwohnte. Er blickte in Menschen, die von unterschiedlichsten Gefühlen beherrscht waren: Mitfühlende, Verachtende, Spötter, Enttäuschte, Hassende und Gleichgültige. Vor wenigen Stunden noch hatte die Masse lautstark seinen Tod gefordert, weil sie von den religiösen Führern aufgehetzt worden war. Er hatte noch die “Barrabas”-Schreie im Ohr und musste neuen Spott und Hohn ertragen. Er litt unsäglich. Er litt für diese  Menschen? Ja, für sie!

Fühlte er Rachegedanken, als er den Spott des dummen Pöbels hörte? Plante er Vergeltung für das Unrecht, das man ihm antat? Was beherrschte ihn jetzt? Eines wusste er: Es war der Wille seines Vaters den er hier geschehen lassen wollte, denn er hatte eine glasklare Vorstellung von dem, was ihm widerfuhr und von dem Ziel, das erreicht werden sollte. So ging er diesen Weg aus tiefster Überzeugung. Er war bereit für die Sündenlast einer ganzen Welt die Strafe auf sich zu nehmen. Er hätte es ablehnen können, aber die Liebe zu seinem Vater und den Menschen war stark! Und das tiefe Mitgefühl für ihre ausweglose Lage trieben ihn an, sich dem Tod auszuliefern. Sein Verhalten war Sanftmut, die Stärke und die Macht des wahrhaft Glaubenden. Der König mit der Dornenkrone verhielt sich tatsächlich wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wurde (Jes. 53:7).

Tage zuvor hatte er über Jerusalem geweint und ihren Bewohnern den Untergang ihrer Stadt und ihrer Nation angekündigt, weil sie ihn, Gottes Sohn und Retter, abgelehnt hatten. Und gerade für solche Menschen hatte er den grausamen Tod auf sich genommen? Waren sie es denn überhaupt wert?

“Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” MIt dieser Bitte legte er noch ein gutes Wort für sie ein. Er wusste, dass sie wankelmütig waren, irregeführt und eingeschüchtert, wenn auch nicht ohne Schuld und Verantwortung. 

Er war sich über die menschliche Natur durchaus im Klaren, und wenn er den Tod anstelle der Sünder auf sich genommen hat, dann in der Überzeugung, dass es viele Menschen geben würde, die durch seine Sanftmut und Liebe überzeugt werden und zu ihm kommen würden, um in seinem Reich als Sanftmütige zu leben.

Während seines Wirkens in Israel hat er immer wieder jene Menschen im Blick gehabt, die sanftmütig seine Einladung annehmen würden:

“Kommt alle zu mir, die ihr geplagt und mit Lasten beschwert seid! Bei mir erholt ihr euch. Unterstellt euch mir und lernt von mir! Denn ich bin von Herzen zum Dienen bereit. Dann kommt Ruhe in euer Leben. Denn mein Joch trägt sich gut und meine Last ist leicht.” (Mat. 11:28-30)

“Glückselig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen.”

Diese Segensverheißung aus der Bergpredigt Jesu gilt allen seinen Jüngern. Denn der König hat ein Reich gegründet, das nur für Sanftmütige da sein wird. Das sind seine wahren Geschwister; mit ihnen kann er umgehen, denn sie lassen sich von ihm leiten und ins ewige Leben führen.

Aus dem 45. Psalm möchte ich eine Passage zitieren, die als prophetische Vorschau keinen Zweifel an den Absichten des Königs lässt:

“Deiner Herrlichkeit wird es gelingen. Zieh aus für die Sache der Wahrheit, für Sanftmut und Gerechtigkeit! 

Furchterregende Taten vollbringe dein mächtiger Arm! Deine Pfeile sind scharf. Unterwirf dir die Völker, triff deine Feinde mitten ins Herz! 

Gott, dein Thron, hat für immer Bestand! Dein Zepter ist Gerechtigkeit. Du liebst das Recht und hasst Gottlosigkeit.” 

Was zeichnet Sanftmütige aus? Was macht sie für Jesus so anziehend? Es ist ihre charakterliche Grundhaltung, die keine Gewalt gegen andere zuläßt, die aktiv das Gute fördert und den ganzen Menschen in Zaum hält. Es ist ein moralischer Grundbestand des Menschen, das Menschliche schlechthin, das bei ihnen absolutes Gewicht besitzt. So bildet die Sanftmut den Gegensatz  zu Gewalttätigkeit, Rücksichtslosigkeit, Habgier, Zorn und Egoismus. 

Es sind Menschen, die Jesus gern als Schafe seiner Herde beschrieben hat. Der sanftmütige König will auch sanftmütige Untertanen haben. Damit stellt er eine Charaktereigenschaft ins Zentrum, die in dieser Welt  nur eine Nebenrolle spielt. Denn unsere Geschichte ist ein einziges Blutbad, das durch Gewalt, Raubgier und Hass angerichtet worden ist. Die Helden dieser Welt waren und sind fast allesamt Haudraufs, Räuber und Mörder. Aber Jesus erklärt die Sanftmütigen zu den wahren Siegern: Ihnen allein wird die Zukunft gehören!  

Der Glaube siegt durch Sanftmut!  Durch die Sanftmut des Königs wird das Böse in seinen Untertanen schließlich bezwungen, denn sie spricht das Herz an, erobert es und beherrscht es. Der König der Sanftmut überzeugt seine Untertanen nicht durch Gewalt, wie es manche Religionen getan haben und noch tun wollen. Er erobert Herzen und “besiegt” sie auf sanfte Art und Weise mit LIEBE und EINSICHT. Er will Untertanen, die aus der Finsternis und aus der Sinnlosigkeit des “normalen” Lebens aufgeschreckt sind und zu sich selbst und zu Gott gefunden haben. Er will über Menschen regieren, die durch ihre Sanftmut willig lenkbar sind, denn nur dann kann er “sie zu Wasserquellen des Lebens führen” (Off. 7:17). 

Die Sanftmütigen passen nicht in diese Welt! Sie sind  Fremde in dieser Weltzeit; sie haben sich innerlich zurückgezogen und wollen das falsche Denken und Handeln nicht pflegen, das so viele Menschen leitet. Allein schon das Befolgen einer einfachen Regel, die Jesus aufstellte, macht sie zu Außenseitern: 

“Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie!” (Mat. 7:12)

Gerade wer das ausleben will, darf sich nicht zu wichtig nehmen, er muss den Nächsten sogar höher achten, als sich selbst. Auch wenn die Allgemeinheit diesem Gesetz nicht folgt, bleibt es doch das Grundgesetz im Reich des Königs der Sanftmütigen. 

Wir sprechen so oft von der “Ellenbogengesellschaft”, beklagen den rüden Egoismus und fühlen uns bedroht durch diese Mentalität. Und wie wohltuend ist es, auf einen Menschen zu stoßen, der anders ist, der uns freundlich und respektvoll behandelt und uns als Mitmensch wahrnimmt. Und wie selten fällt uns das auf! Sehnsüchtig verlangend wünschen wir: ”Ach, wenn doch alle so wären! Wie schön könnte das Leben sein.”

Kann man sich vorstellen, dass die Untertanen dieses Königs in den Krieg gegen andere Völker ziehen? Ist es denkbar, dass sie andere gewissenlos ausbeuten, sich an ihnen bereichern, ausrauben und betrügen? Ist es vorstellbar, dass sie Macht über andere ausüben wollen, um sie für eigene Zwecke zu missbrauchen? Würde man sie unter all den Treulosen, den Ehebrechern, den Habgierigen, den Lügnern und Dieben finden, von denen jeden Tag berichtet wird und die nicht auf den Gedanken kommen sich zu fragen: Was habe ich da getan?

Die Sanftmütigen sind kein Teil dieser vom Bösen beherrschten Welt. Sie haben Besseres erfahren und wissen um die Macht der Liebe. Sie verachten alles, was dieser Liebe Gewalt antut, denn sie kennen Gott, ihren Vater im Himmel. Sie lassen zu, dass das typisch Menschliche in ihnen wachsen kann und wirksam wird. Deswegen können sie in dieser Welt nicht wirklich zu Hause sein. Sie haben ihre Verantwortung vor Gott erkannt und gehen darum nicht mit der Masse.

Warum sind die Menschen so roh? Könnte es ein, dass die meisten vergessen haben, dass sie Menschen sind, weil ihnen das wirkliche Leben fremd ist? Haben sie vergessen, dass sie Brüder und Schwestern sind, die füreinander verantwortlich sein müssen, damit das Fest des Lebens überhaupt gefeiert werden kann? Könnte es sein, dass sie ebenso unempfänglich für die Worte Jesu sind, wie seine Zeitgenossen, die seinem Sterben ungerührt zusahen?  Wenn das zutrifft, dann hat er auch über sie geweint! 

Aber er hat auch viele Menschen zu sich gezogen, die ganz anders empfinden und denken: Sie sind seine Untertanen, seine sanftmütigen Schafe, seine Brüder und Schwestern. Sie sehnen sich nach seiner Friedensherrschaft und versuchen so zu leben, als seien sie schon in seinem Reich. 

Sanftmut ist die Stärke der Klugen Sanftmütige müssen mutig sein; sie sind aufgefordert, dem König mit der Dornenkrone ähnlich zu werden, denn er hat für seine Feinde gebetet, ist auch für sie gestorben, um ihnen zu helfen, selbst seine Untertanen zu werden. Seine Sanftmut hat viele dazu gebracht, ihr Herz für andere Menschen zu öffnen, mitzufühlen und entsprechend zu handeln. Nur dadurch haben sie sich als Brüder und Schwestern Jesu zu erkennen gegeben, indem sie ihren Egoismus durch die Klugheit des Glaubens besiegt und das Wohl des Mitmenschen im Blick haben. Es geht nicht um ein Lippenbekenntnis für Jesus, sondern um eine Lebensweise, die dem Verhalten des Königs entspricht. Der Geist Gottes hat ihre Augen des Herzens geöffnet und sie einsehen lassen, dass ein Mensch nur mit Gott, aber nicht gegen ihn leben kann! 

Aus Wölfen müssen Lämmer werden – Die Siegesmacht des Glaubens Die Propheten haben es schon gesagt: Im Reich des Friedens werden nur Menschen sein, die “ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Rebmessern geschmiedet haben”. Von ihnen heißt es, dass “sie den Krieg nicht mehr lernen”. Hier im Reich des Königs mit der Dornenkrone werden raubgierige Wölfe zu sanften Lämmern. Das erleben Menschen, die sich auf den sanftmütigen König eingelassen, heute schon, wenn sie ihre alten Verhaltensweisen abgelegt haben und neue Menschen geworden sind. Sie erleben an sich selbst die Wirkung einer starken Macht, die imstande ist, das Böse zu besiegen: Das ist die Siegesmacht des Glaubens!

Diese Siegesmacht hat bisher alles überstanden, was ihr eine böse Welt an Widerstand entgegenzusetzen versuchte. Sanft und stark hat sie gesiegt. Viele Ordnungen und Reiche sind vergangen; Völker sind verschwunden und großartige Kulturen untergegangen, aber der Glaube an den Vater aller im Himmel hat in einzelnen Menschen überlebt. Zu Hause ist dieser Glaube in schwachen Menschen, denen Gott seine LIebe geschenkt und die er der Herrschaft seines Sohnes anvertraut hat. Ihnen gelten alle Glücklichpreisungen der Bergpredigt; an ihnen und durch sie erfüllen sie sich. 

Die Glücklichpreisungen erfüllen sich für  Sanftmütige Diese Glücklichpreisungen können sich nur an Sanftmütigen erfüllen, denn um “arm vor Gott” zu sein, friedfertig, barmherzig und reinen Herzens zu sein, muss man zuerst sanft sein. Man muss sanftmütig sein, um den Hunger nach Gerechtigkeit zu fühlen und die Trauer über die schlechte menschliche Wirklichkeit zu spüren. Man muss die Einpflanzung des Wortes Gottes, das zu retten vermag, mit Sanftmut annehmen (Jak. 1:21), denn nur Sanftmütige lassen sich von Gott etwas sagen und ändern ihr Leben. Darauf läuft am Ende alles hinaus, denn der König der Sanftmütigen will nur solche Untertanen haben:

“Denn dann entferne ich aus dir deine hochmütigen Prahler. Dann wird es auf meinem heiligen Berg keine Überheblichen mehr geben. Übrig lasse in dir ein demütiges und armes Volk, das seine Zuflucht sucht beim Namen Jehowahs; den Rest von Israel, Menschen, die kein Unrecht tun und nicht mehr lügen werden. Sie wollen nichts mehr wissen von Betrug, sondern wie eine Herde weiden und lagern, und niemand scheucht sie auf.” (Zeph. 3:11-13)

Was der Prophet hier beschrieben hat, war auch auf die Rückkehr der Juden aus der Gefangenschaft gemünzt, aber es wäre zu einfach, es nur darauf zu beziehen. Denn der Kontext spricht von Völkern, aus denen Gottes Anbeter gesammelt werden und er öffnet den Blick auf etwas Großes, das dann eintreten wird, wenn Gottes Zorn an den Völkern der Welt  das Urteil vollstreckt hat (Zeph. 3:8-10). 

Für den König mit der Dornenkrone muss es ein Fest sein, seine sanftmütigen Untertanen dahin zu lenken, dass eines Tages der allmächtige Schöpfer für sie das Ein und Alles wird. Erst dann ist die Geschichte am Ziel.

Nachtrag zu „Wachsen und Werden“

In “Wachsen und Werden” habe ich beschrieben, wie ein Mensch unter der Wirkung des Geistes Gottes ein neuer Mensch werden kann und dadurch aus dem allgemeinen Taumel der moralischen Verwahrlosung ausscheidet. Ich wollte damit auch zum Ausdruck bringen, dass ein Mensch nicht bleiben muss, was er schlechterdings ist: böse und uneinsichtig, erbarmungslos und hartherzig. 

Beim Lesen der Geschichte des Warschauer Ghettos stieß ich auf Bilder, die ich schon als 12-jähriger gezeigt bekommen habe. (Jeder kann sie sich im Internet ansehen z. B. “Bilder aus dem Warschauer Ghetto”.) Diese Bilder! Sie beeindruckten mich damals. Ich verurteilte das Gezeigte, aber ich konnte damals noch nicht darüber weinen. Ich verstand das Geschehene nicht.

Heute kann ich mich in einzelne Menschen auf den Bildern hineinversetzen. Da sehe ich  ein Kind in Lumpen auf dem winterkalten Straßenpflaster liegen, zusammen gekrümmt und die Augen halb geöffnet. Und ich denke: “Hier liege ich und kann nicht mehr schreien, ich kann nicht mehr weinen, denn ich habe keine Tränen mehr!”

Und ich sehe einen Mann mit abgemagerten Gesicht, der mit seinen großen Augen in die Kamera schaut und eine ergreifende Traurigkeit ausstrahlt. Wieviel menschliche Würde spricht er selbst im Angesicht des Todes aus! Und ich denke: “Ach, mein Menschenbruder! Wie gern würde ich dich in den Arm nehmen und dich trösten wollen!  Und ich wäre zu mehr bereit.”

Und dann ist unter den vielen Bildern ein alter Mann zu sehen, der auf dem Straßenpflaster liegt und vergeblich versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Völlig entkräftet wird er kurze Zeit später wohl aufgegeben haben. Und sollte ihm jemand geholfen haben, dann wird er in Treblinka sein Leben im Gas ausgehaucht haben. Ein mir völlig unbekannter alter Mann – und ich erahne nur, was er durchmachen musste, denn  ich kann seine Hoffnungslosigkeit fühlen, sein Verlassensein und sein Verzweifeln. Aber welche Würde, welche Menschenwürde, strahlt er noch für mich aus! Gerade durch seine Hilflosigkeit kommt mir sein Menschentum zum Bewusstsein. Solchen gequälten Menschen gehört mein Mitgefühl, denn ich weiß, dass auch ich an ihrer Stelle hätte sein können. Aber ich hätte nicht  als gewissenloser Täter auftreten können.

Ich frage mich: “Was waren das für Menschen, die euch alle kalt ermordeten, die so taten, als ginge es um Rübenziehen oder Kartenspielen?” Ich habe auch eine Fotografie des Generals, der das Ghetto räumen und niederlegen ließ und stolz verkündete: “Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk mehr in Warschau!” Jürgen Stroop. Sollte man diesen Namen überhaupt nennen? Die Namen seiner Opfer sind meist unbekannt. Aber ich finde, dass es gut ist, wenn das Böse einen Namen hat, wenn man weiß, wer das Morden befahl, auch wenn man nicht die Namen seiner vielen Helfer kennt, die danach unbehelligt weiter lebten, als wäre nichts geschehen. Diese vielen Täter sind ein Beispiel für die Zermenschlichung, die ihnen selbst widerfahren ist, weil sie sich gedanken- und gewissenlos einem satanischen Einfluss ausgeliefert hatten. Gehorsam, feige und kalt versuchten sie auch noch durch ihren täglichen Terror den Opfern jede Menschlichkeit zu rauben. Aber es gelang ihnen nicht. Die auf uns gekommenen Bilder beweisen es und stehen als ewige Anklage da.

Unter den vielen Bildern sind auch Menschen zu sehen, die den Mut und die menschliche Größe besaßen sich für viele Opfer einzusetzen um sie zu retten. Oft genug wurden sie selbst zu Opfern der Ungeheuer. Aber das schien für sie keine besondere Rolle gespielt zu haben. Ich verneige mich in Gedanken vor diesen großartigen Menschen, die der Barbarei die Stirn boten und bewiesen, dass ein Mensch anders und besser sein kann als die vielen Bestien!

Nun  denke ich, dass das Verbrechen an den Menschen im  Warschauer Ghetto sich vorher und auch nachher immer wieder in irgendeiner Form abgespielt hat. Man könnte sich daran gewöhnen, wie es ja schon viele tun. Für mich aber haben die neuen Bilder aus beinahe allen Teilen der Welt die gleiche gewaltige Sprachkraft wie die alten Fotos aus Warschau. Ich möchte mir dazu jeden Kommentar ersparen und stelle nur fest, “es gibt nichts Neues unter der Sonne.” Ich habe schon einmal beschrieben, dass ich Gottes Geduld mit dem Bösen  nicht verstehe. Und was sich dazu  sonst noch zwischen mir und meinem Vater im Himmel in Gedanken abspielt, will ich auch hier nicht ausbreiten. Nur soviel noch: Ich will niemals, niemals, in die Barbarei abgleiten! Ich will mein Menschliches, meinen elementaren Bestand, bewahren. Ich will Mensch und Mitmensch bleiben und mich nicht der schleichenden Zermenschlichung aussetzen, die in dieser Zeit der Verführung über die ganze Menschheit gekommen ist. Ich will immer danach streben, die göttliche Supervision zu behalten! Das bin ich nicht nur mir und meinem Vater im Himmel schuldig, sondern auch den misshandelten und zu Tode gequälten Mitmenschen!

Wachsen und Werden

“Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen,

dann werde ich alles erkennen,

wie auch ich völlig erkannt worden bin.”

(1. Kor. 13:12)

“Wie glücklich ist der, den du erziehst, Jehowah,

den du belehrst aus deinem Gesetz.”

(Ps. 94:12)

Ich träume vom ganzen Menschen, der ohne Diskrepanzen, ohne innere Widersprüche leben kann. Ich möchte ein Mensch sein, der seiner von Gott gewollten inneren Bestimmung ganz entspricht, und der mit allem, was lebt im Einklang ist. Es ist mein tiefer Wunsch nach Harmonie, nach Liebe und Frieden, nach Gottes Nähe. Es ist mein Verlangen nach Einheit von Denken, Fühlen und Leben. So stelle ich mir den wahren Menschen vor: Er ist das menschliche Ebenbild des allmächtigen Schöpfers, sein Gegenüber auf der Erde, sein geliebtes Kind. Das ist ein Mensch, der nicht immer wieder die Ursache für Unglücklichsein, Tränen und Schmerz ist, ein Mensch, der an seinem vergifteten Sein nicht  zugrunde geht.

Noch lebe ich in gewisser Weise ein Doppelleben; eines nach meiner geerbten “Natur”, ein anderes nach dem Glauben, in brüchiger Eintracht mit Gott. Ich sehe gute und schlechte Seiten an mir; es ist bei mir ebenso, wie bei allen Menschen. Noch bin ich trüb, noch nicht geklärt, wie ein junger Wein. Auf die Vergangenheit blicke ich mit Trauer; es ist die Trauer um den Verlust der Ganzheit, der mit dem Verlust Gottes auf die Menschheit fiel.

Wer bin ich eigentlich? Ich habe bis heute keine genaue Antwort darauf. Ich kenne mich selbst noch zu wenig, aber ich hoffe, dass mein Leben auch in der Zukunft vom Wunsch bestimmt sein wird, nicht böswillig vom Weg Gottes abzuweichen. Ich muss davon ausgehen, dass ich auch in der vor mir liegenden Zeit Veränderungen erleben werde. In welche Richtung werden sie gehen? Werde  ich Einfluss darauf haben? Wer und was lenkt mich?

Ein Weg zu einem bestimmten Ziel

Da ich von der Existenz Gottes tief überzeugt bin, muss ich an einen Lebensweg denken – an einen Weg zu einem Ziel, zu einem Ziel, das mir anfangs gar nicht deutlich war. Was ich in der Jugend darunter verstanden habe, war nur eine Ahnung. Irgendwie sollte es mir Sinn im Leben geben. Als junger Mann ahnte ich schon, dass der Sinn darin bestehen müsse, zuerst Gott zu finden. So machte ich mich auf die Suche – und fand Gott! Später stellte sich heraus, dass der Weg zu Gott auch der Weg zu mir selbst ist.

Wie werde ich am Ende des Weges sein? Der ganze Mensch? Ich erwarte es! Ich hoffe es! Ich fühle mich heute wie ein zerschlagener Spiegel: Viele einzelne Scherben, aber kein ganzes Bild. Das ganze Bild ist mir noch unbekannt, ich sehe mich nur in Teilen. Aber da ich “mit Gott gehe”, erwarte ich eines Tages ein ganzer Mensch zu sein. Ich darf das erwarten, weil Gott es so will: “Siehe! Ich mache alle Dinge neu!”. Darum erwarte ich das Vollständige, das Ganze, das Wahre, den ganzen Menschen, und damit die völlige, unauflösbare Harmonie und Verbindung  mit Gott, meinem Vater. Weil ich ihm vertraue, bin ich mir sicher, dass mein Vater im Himmel mich an mein Ziel bringen wird. Ich denke an Gottes Absicht, als er den Menschen erschuf: Er wollte ein Gegenüber, ein Kind, das viele Eigenschaften mit ihm teilt. Der erste Mensch wurde ja im Bild und im Gleichnis Gottes geschaffen. Und der war am Anfang ein ganzer Mensch!

Das Bild, das Gott schon von uns hat

Im Brief an die Philipper schrieb Paulus:

 “… und ihr seid neue Menschen geworden, die ständig erneuert werden und immer mehr dem Bild entsprechen, das der Schöpfer schon in euch sieht.” (Phil. 3:10)

Wenn ich das richtig verstehe, dann hat Gott ein Ziel mit seinen Kindern: Er will sie durch die ständige Erneuerung zu Menschen formen, deren endgültiges Bild er schon vor Augen hat. Das würde für mich schließlich bedeuten, ein ganzer Mensch zu werden. Gott weiß, wer ich jetzt bin und wer ich später sein werde, wenn ich mich auf eine Erneuerung durch die  Kraft seines Geistes einlasse. So gesehen bin ich ein Kind Gottes, das von ihm erzogen wird (Heb. 12:5-8). Ich habe eingesehen, dass mein Vater im Himmel mich seinem Sohn Jesus Christus übergeben hat, damit er mein Erzieher sei, der mich auf diesem eingeschlagenen Weg begleitet. Das ist das neue Leben, von dem in der Bibel so viel und nachdrücklich berichtet wird. Wer sich auf diesen Weg führen läßt, erteilt der üblichen moralischen  Verkommenheit eine deutliche Absage. Er will kein Teil der Welt sein! Er “verabscheut das Böse” aus tiefster Überzeugung:

“Weil Gott uns solches Erbarmen geschenkt hat, liebe Geschwister, ermahne ich euch, dass ihr euch mit Leib und Leben Gott als lebendiges und heiliges Opfer zur Verfügung stellt. An solchen Opfern hat er Freude, und das ist der wahre Gottesdienst.

Und richtet euch nicht nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob es Gott gefällt und ob es zum Ziel führt.”              (Rö. 12:1, 2)

Das erst ist für mich Christsein in seiner wahren Bedeutung! Alles andere, was noch unter diesem Begriff versammelt ist, ist Talmi, Theaterschmuck! Es ist im Allgemeinen zu Hause und ist, wenn es hoch kommt, Religion, Ritus einer Gemeinschaft, politische Korrektness, Unverbindlichkeit. Denn auch Mafiosi gehen in die Kirche.  Christsein ist die höchste Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen. Es ist das Ziel und die Vollendung des Menschen.

Es ist ein langer Weg zurück!

Seit der erste Mensch sich von Gott losgesagt hatte, leiden wir unter unserer Sündhaftigkeit. Wir haben Schuld auf uns geladen. Wir sind an Leib und Seele krank und brauchen Heilung; wir benötigen die Versöhnung mit Gott, denn unsere Sünden trennen uns von ihm. Darum hat Gott uns durch Jesus Christus mit sich versöhnt. Wer die Versöhnung angenommen hat, erfährt eine Menschwerdung im höchsten Sinn. Er bekommt ein “neues Herz” und einen “neuen Sinn” (Hes. 36:26-32), er erfährt allmählich eine Wiedergeburt, eine positive Veränderung. Das ist ein langer Prozess, es ist kein rasches “Wunder”, nicht die Sache eines Augenblicks. Die Bibel spricht ausdrücklich von einem Weg, und sie lässt erkennen, dass er erst im Reich Gottes zum Ziel kommt. Begonnen aber wird er schon heute. Und so sehe ich mich als ein Kind, das auf den Vater zuläuft, um schließlich von seinen ausgebreiteten Armen liebevoll empfangen zu werden.

Dieses Projekt der eigentlichen Menschwerdung durchzieht die ganze Bibel, und jeder Leser wird immer wieder damit konfrontiert. Und wer sich diesem Werden unterzieht, wird bald feststellen, dass er nur mit Gott leben kann – oder gar nicht. Wer in dieser engen Gottverbundenheit leben will, erfährt zuerst, dass er es nicht einfach mit einer Morallehre zu tun hat, wie man sie in vielen Büchern findet. Nein, es ist insofern viel mehr, als es für den Werdenden verbindlich wird und er die Kraft und den Einfluss Gottes immer wieder wahrnimmt. Durch die lenkende, formende und heilende Kraft des Geistes Gottes bekommt sein Werden die gewünschte Richtung und die nötige Kraft zum Wachsen.

Wenn Jesus im Gespräch mit Nikodemus sagte: “Ihr müsst wiedergeboren werden”, dann ist es ein Muss, denn Gott will eines Tages nur noch mit Menschen zu tun haben, die sich freiwillig darauf einlassen. In diesem Zusammenhang sehe ich auch Jesu Worte:  “Wenn es um eure Gerechtigkeit nicht viel besser bestellt ist als bei den Gesetzeslehrern und Pharisäern, werdet ihr nie in das Reich kommen, das der Himmel regiert” (Mat. 5:20), oder auch den Satz, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden.

Es ist ein enger Weg

Davon sprach Jesus, als er seinen Aposteln deutlich machte, dass der “Weg eingeengt und das Tor schmal” sei und dass relativ viele diesen Weg gehen würden, es aber nicht schaffen, weil sie keinen Glauben haben, Gott nicht kennen oder die Mühe scheuen. Im Buch “Sprüche” und in “Hiob” wird das Bild des Schatzgräbers verwendet, um zu zeigen, dass die Weisheit Gottes einem nicht in den Schoß fällt wie eine reife Frucht. Der Mensch bekommt sie nicht einfach geschenkt, er muss sie sich erwerben und  erkämpfen. Das soll nicht bedeuten, dass Weisheit nur die Frucht des eigenen Bemühens ist, etwas, was man sich erarbeiten kann. Die biblische Weisheit ist das Ergebnis des eigenen Wollens und der Wirkung des Geistes Gottes auf den Menschen. Ohne Gottes befruchtenden Geist geht es nicht. Auch um diesen Geist muss der Mensch ringen. Wir sehen also, dass ein Zusammenspiel da sein muss zwischen Mensch und Gott. Das ist die unbedingte Abhängigkeit des Menschen von Gott:

“… ja wenn du um Verstand betest und um Einsicht flehst, wenn du sie suchst wie Silber, und ihnen nachspürst wie einem wertvollen Schatz, dann wirst du die Ehrfurcht  begreifen, die man vor Jehowah haben muss, und wirst anfangen, Gott zu erkennen.”

“Denn Jehowah gibt Weisheit, von ihm kommt Erkenntnis und auch Verstand. Den Aufrichtigen hält er Hilfe bereit, und für die Redlichen ist er ein Schild. Um die Wege des Rechts zu bewahren, beschützt er die, die ihm treu sind. Dann wirst du verstehen, was Recht und Gerechtigkeit ist, Aufrichtigkeit und ein guter Weg.” (Spr. 2:3-11)

Dieses Zusammenwirken des Mensch mit Gott  ist unbedingt nötig damit der Mensch Einsichten bekommt. Es gibt dafür ein augenfälliges Beispiel im Apostel Petrus. Als er erkannt hatte, dass Jesu der Messias ist, sagte Jesus zu ihm: “Wie glücklich bist du, Simon, Bar-Jona, denn das hat dir mein Vater im Himmel offenbart. Von einem Menschen konntest du das nicht haben.” (Mat. 16:17) Das mag auch als Erklärung dafür dienen, warum die meisten Juden den Messias abgelehnt oder nicht erkannt hatten.

Jesus öffnet die Augen des Herzens

Irgendwie spüre ich, wie Jesus Christus auf mich wirkte und wirkt. Das mag sich überheblich anhören, aber es ist nicht anders zu erklären, was ich in den vergangenen Jahren an mir erlebt habe. Ich kann gewisse Tatsachen nicht ignorieren und muss bekennen, dass Jesus mir die Augen des Herzens geöffnet hat. Mein Leben hat an Tiefe und Weite gewonnen, mein Glaube ist stärker geworden und meine Hoffnung fester. Wie war das möglich? Ist es geschehen, weil ich so beherrscht und stark war, notwendige Änderungen vorzunehmen? Nein, mit mir und meiner Kraft hat das nur am Rande zu tun. Ich möchte das durch einen Gedanken aus dem Römerbrief erhärten.  Im Kapitel 7 erläuterte Paulus die Wirkung des heiligen Geistes im Kampf gegen die Sündhaftigkeit des Menschen und stellte an sich fest, dass er nur durch die Hilfe Jesu und mit der Kraft Gottes ein besserer Mensch werden kann. Paulus konnte nur den Wunsch beitragen, die Kraft zum Guten aber musste er von Jesus Christus erbitten. Nachdem er festgestellt hatte, dass er gegen seinen Willen ein “Sklave der Sünde” war, fragte er, wer ihn aus dieser Knechtschaft befreien kann. Seine Antwort: “Ich elender Mensch! Gibt es denn niemand, der mich aus dieser tödlichen Verstrickung befreit? Doch! Und dafür danke ich Gott durch Jesus Christus, unserem Herrn.” (Röm. 7:24, 25) Und er fährt fort: “Deshalb hat Gott seinen Sohn gegen die Sünde in die Welt geschickt, … und machte der menschlichen Natur [d. h. der Sündhaftigkeit] den Prozess.” (Röm. 8:3)

Ich habe begriffen, welche Bedeutung Jesus Christus für mich hat. Während seines letzten Passahs sprach er auch über die Notwendigkeit, als Christ mit ihm verbunden zu bleiben. Im Gleichnis vom Weinstock (Joh. 15:1-8)  sagte er:

“Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt und ich dann auch mit ihm, trägt viel Frucht. Denn getrennt von mir könnt ihr gar nichts ausrichten.”

Und ich denke daran, was Paulus unter der Inspiration durch Jesus dazu geschrieben hat. Im Brief an die Korinther erwähnte er die Tatsache, dass die meisten Israeliten das Gesetz Moses in seinem wesentlichen Kern nicht verstanden haben. Sie nahmen zwar die Worte wahr, aber der tiefe Sinn und der Geist des Gesetzes blieb ihnen verschlossen. Das lag nicht daran, dass es ihnen an Verstand gefehlt hätte, sondern daran, dass sie eigentlich keine messianische Erwartung hatten und sich, als Jesus gekommen war, nicht an ihn wandten, um zu verstehen, was er sagte. Sie erbaten von Jesus nicht die Hilfe durch den heiligen Geist. Paulus sprach von einem Schleier, der auf ihren Herzen lag. Und dann sagte er:

“Ja, bis heute liegt diese Decke auf ihrem Herzen, wenn aus den Schriften Moses vorgelesen wird. Sie wird erst weggenommen, wenn sich das Volk zum Herren [Jesus] wendet.” (2. Kor. 3:15, 16)

Jesus der Erzieher

Ich bin Gott dankbar dafür, dass er die Augen meines Herzens durch Jesus geöffnet hat. Er hat den Schleier entfernt. Die wesentlichen Veränderungen, die ich während meines Lebens an mir erlebt habe, wurden durch Einsichten ganz eigener und höherer Art verursacht. Ich meine mit Einsicht nicht das reine Wissen oder angelesene “Erkenntnis”, sondern das tiefe Verständnis, das dazu führt, dass man sich für das Wissen verantwortlich fühlt, es gerne anwendet und weiß, dass dies der einzige Weg zu einem guten Verhältnis mit Gott ist. Das ändert nichts am Wort Jesu aus Johannes 14:6, wo er betonte, dass er “der Weg, die Wahrheit und das Leben” sei. Gerade dieses Wort bestätigt seine wichtige Rolle beim wahren Werden des Menschen.

Jesus wird als der Vollender oder Vervollständiger unseres Glaubens bezeichnet (Heb. 12:2). Der Weg, auf dem dies möglich ist, ist die Erneuerung des Denkens. Denn nur wenn unser Denken besser wird, werden wir bessere Menschen.

Mein Spiegel

Eine wesentliche Hilfe auf diesem Weg war die Selbsterkenntnis. Und ich habe gelernt, die Bibel, das Wort Gottes, als meinen Spiegel zu sehen, in dem ich  mich erkennen kann. Im Buch der Sprüche steht schon dies:

“Im Spiegel des Wassers erkennst du dein Gesicht, im Spiegel deiner Gedanken dich selbst”. (Spr. 27:19) “Der Geist des Menschen ist ein Licht Jehowahs, er durchforscht des Menschen Innerstes. (Spr. 20:27)

Und im Brief an die Hebräer (4:12) lese ich:

“Denn das Wort Gottes ist lebendig und machtvoll. Es ist schärfer als das schärfste zweischneidige Schwert und dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist … und ist imstande, die Gedanken und Absichten des Herzens zu beurteilen.”

Als ich anfing, die Bibel als Spiegel  meines Herzens zu gebrauchen, sah ich rasch, wie sehr ich Gottes Barmherzigkeit brauchte. Teilweise war ich erschüttert, als ich den Widerspruch zwischen  meiner Wirklichkeit, meiner Einbildung und dem Bild sah, das Wort Gottes vom neuen Menschen zeichnet. Die deutlichen Worte, mit denen der allgemeine Mensch beschrieben wird, beeindruckten mich, weil ich feststellte, wozu auch ich fähig war. Da stellten sich Ekel und Scham ein, da wurde mein Gewissen aufgerührt. Was sollte ich bei dieser Enthüllung tun? Man kann sie ignorieren und versuchen, sich damit zu entschuldigen, dass man sagt: “Ich bin eben ein Mensch. Da kann man nichts machen!” Aber das wollte ich nicht. Ich ließ mich auf Gottes Angebot ein:

“Kommt her, wir wollen sehen, wer im Recht ist! … Wenn eure Sünden rot sind wie das Blut, werden sie doch weiß wie Schnee, und wenn sie rot wie Purpur sind, werden sie wie weiße Wolle sein. Wenn ihr willig auf mich hört, dürft ihr die Früchte des Landes genießen.

Doch wenn ihr euch weigert und widerspenstig seid, sollt ihr vom Schwert gefressen werden.” (Jes.1:18-20)

Das sagte Gott durch den Propheten Jesaja zum Volk Israel, das vom Weg der Gerechtigkeit völlig abgeirrt war. Und ich habe gesehen, dass sich an dieser grundsätzlichen Haltung Gottes nichts geändert hat! Auch darum habe ich meinen Frieden mit Gott gemacht, denn der wahre Gottesdienst beginnt mit der Ehrfurcht und dem Respekt vor Gott:

“Der Anfang aller Weisheit ist Ehrfurcht vor Jehowah. Den Heiligen zu erkennen, das ist Verstand.” (Spr. 9:10)  

Ja, damit beginnt das Werden des neuen Menschen. Alle anderen Versuche, den Menschen zu bessern, sind leider fehlgeschlagen. Die Geschichte wimmelt von Ideen und Theorien, von Gesellschaftsmodellen und Anleitungen für ein besseres Leben, aber der wirkliche Erfolg blieb aus. Bis heute sind die Menschen auf der Suche nach dem wahren Leben, denn sie tragen die ferne Erinnerung an das einstige Paradies in sich. Aber alles muss scheitern, weil keine Theorie die Macht hat, den Menschen von innen heraus zu ändern, so zu verändern, dass er glücklich leben kann. Denn diese Versuche ließen Gottes Kraft zum Guten außer Acht und sie ignorierten die wichtige Rolle Jesu. Auf sich allein gestellt ist der Mensch ein Spielball böser Mächte und des Zufalls. Der Mensch braucht Gott, um ein neuer Mensch zu werden und zu sein!

Und ich darf an mir erfahren, dass dieser Weg mit Gott tatsächlich Veränderungen bewirkt. Auch wenn sie klein sind, sind sie doch da! Ich habe die wichtigste  Einsicht gewonnen, die einem Menschen jetzt möglich ist. Und die möchte ich mit einem Wort Gottes beschreiben:

“So spricht Jehowah: ‘Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, der Starke sei nicht stolz auf seine Stärke, und der Reiche gebe nicht mit seinem Geld an. Grund zum Rühmen hat nur, wer mich erkennt und begreift, was ich will; wer einsieht, dass ich Jehowah bin, der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit schafft! Denn das gefällt mir’, spricht Jehowah.” 

(Jer. 9:22, 23)

In Dankbarkeit verneige ich mich vor dem Schöpfer. Nun wünsche ich nichts sehnlicher, als dass die Gedanken Gottes mein Sein bestimmen. Dann werden Gerechtigkeit, Wahrheit, Frieden und Liebe mich beherrschen.

“Gebe Gott, dass es gelinge,

und dass Weisheit Frieden bringe,

Hoffnung und Gelassenheit!”

Gottes Nähe und die Liebe zur Wahrheit

“Wie glücklich sind die, die ein reines Herz haben.

Sie werden Gott sehen.”

( Mat. 5:8)

Das Zitat ist bekannt, es sind die Worte des Sohnes Gottes. Und es ist uns klar, was ein reines Herz ist: Es ist der innere Mensch, der frei von  Falschheit ist. Und nur dieser Mensch wäre in der Lage Gott zu sehen. Im Kontext der Bibel heißt es, dass Gott sich diesem Menschen offenbaren wird und ihm Nähe gestattet.

Wenn ich über diese wichtigen Worte nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass sie der Schlüssel zum Glauben überhaupt sind, denn Gott macht deutlich, wer in seine Nähe kommen darf: Es ist der Mensch ohne Falschheit, ohne Lüge, ohne Heuchelei und Hintergedanken. Es ist der Mensch, der Gott fürchtet und achtet, der sein Moralgesetz im Innern trägt und es in seinem Leben halten will. Das ist der Mensch, der Gott über alles liebt! Diese Liebe hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun, nichts mit religiöser Schwärmerei und Fanatismus. Es ist die Liebe, die sich im Umgang mit Gott und den Mitmenschen erfüllt. Nur solchen Menschen gestattet Gott die Nähe zu sich:

“Wer darf Gast in deinem Zelt sein? Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berg?

Wer vorbildlich lebt und tut, was recht ist  vor dir; wer durch und durch wahrhaftig ist.”

(Ps. 15:1, 2)

Und was in diesen beiden Versen des Psalms ausgedrückt wird, ist schlicht gesagt der Inhalt des Glaubens an Gott! Mir fällt auf, dass es nicht um eine theologische Definition geht, nicht um einen Ritus oder einer Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft. Es geht um das, was Jesus als die wahre Anbetung Gottes formulierte: Es ist das Leben mit Gott, der mit Geist und Wahrheit angebetet werden will (Joh. 4:23).

Das Problem mit der inneren Wahrhaftigkeit

“Diese Welt ist eine einzige Lüge! Fast jeder lügt! Überall wird gelogen und betrogen! Das war nie anders!”, so kann ein betroffener Zeitgenosse über diese Welt sprechen. Und er wird durch die eigene Erfahrung bestätigt; er wird durch die Geschichte bestätigt und durch viele, viele andere Menschen auch. Und mit seiner Feststellung sagt er ja nichts Neues, denn die Welt begann mit einer Lüge. Und Jesus hat den Teufel als Ursprung der Lüge und als ihren Vater bezeichnet (Joh. 8:44). Interessant und entlarvend an der ganzen Sache ist die Tatsache, dass jeder Mensch weiß, wann er belogen worden ist und wann er selbst gelogen hat. Gleichzeitig aber wird er sich laut über Lügner empören.

“Zu dieser Haltung tendieren wir alle mehr oder weniger”, dachte ich bei mir und hatte eines Tages kein gutes Gefühl mehr dabei. Aber wie ehrlich ist die Empörung über die Verlogenheit der Welt, wenn man selbst dabei mitmacht? Und wie sieht es Gott? “Ja, wie sieht es Gott?” Darüber musste ich nachdenken, denn eines war mir bewusst geworden: Ich bin für Gott ein offenes Buch, denn gemäß den eindrucksvollen Worten aus Psalm 139 gibt es vor Gottes Blick kein Entkommen.

Wie gehe ich damit um?

Ich erinnere mich an ein Schlüsselerlebnis, das ich vor über zwanzig Jahren hatte. Ich muss vorweg schicken, dass ich damals noch in einer religiösen Gemeinschaft war, in der ein stilles, aber deutliches Wetteifern als eine Art Sport betrieben wurde. Man erweckte mit Fleiß immer den Eindruck, im Glauben vorbildlich zu sein. Ja, ich kann es  nicht anders sagen: Man stellte gewohnheitsmäßig die eigenen Vorzüge vor anderen Menschen heraus. Da wurde ich eines Tages gefragt, ob ich auch bei einer großen Veranstaltung gewesen sei und ob sie meinen Glauben gestärkt hätte. Ohne lange zu überlegen sagte ich laut “Ja!”. Im selben Moment wusste ich, dass ich nicht die Wahrheit gesagt hatte! Ich begann mich vor mir selbst zu schämen und stellte die Sache richtig. Es war nicht einfach, die langen und verständnisslosen Gesichter zu sehen. Aber diese Episode hatte ein Nachspiel: Ich ging mit mir ins Gericht; ich war Ankläger, Richter und Angeklagter in einer Person. Das Ergebnis dieses Gerichtsprozesses war der Entschluss, mit jeder Unaufrichtigkeit und Lüge aufzuhören. Ich wollte ein ehrlicher, authentischer Mensch werden. Denn ich meinte, es Gott schuldig zu sein. Im 51. Psalm lese ich: “Denn du hast Gefallen an Wahrhaftigkeit im geheimen Ich.” Dieses Wort begleitet mich bis heute.

Wie kommt man zur inneren Wahrhaftigkeit?

Ich ging also mit mir selbst ins Gericht. Daraus wurde ein langer Prozess, der bis heute im täglichen Leben stattfindet. Bei allen möglichen Gelegenheiten taucht immer wieder die Frage nach meiner Wahrhaftigkeit auf. Ich beobachte mich, ich prüfe mich, ich hinterfrage meine Motive und mein Verhalten. Am Grundsatz der göttlichen Forderung nach Wahrheitsliebe besteht kein Zweifel. Für mich kommt es besonders darauf an, zu bestimmten Einsichten zu kommen, zu Einsichten, die mich verändern.

Alles beginnt mit der Gottesfurcht

Gott sagt es uns in der Bibel und unser Gewissen sagt es auch: Alles beginnt mit der Gottesfurcht. Was verstehe ich darunter? Das ist für mich der tiefe Respekt vor meinem himmlischen Vater. Er hat ausdrücklich nichts mit Angst vor Strafe zu tun, sondern eher mit der Furcht, ihm durch mein Fehlverhalten weh zu tun und zu enttäuschen. Ich möchte mich daran gewöhnen zu mir zu sagen: “Das hat er nicht verdient!”, wenn mein Gewissen sich regt und mich warnt, wenn ich im Begriff bin, etwas Falsches zu tun. Aus Gottesfurcht richte ich an Gott immer wieder die Bitte, die auch der Psalmenschreiber äußerte:

“Schaffe mir, Gott, ein reines Herz, erneuere in mir einen festen Geist! Vertreib mich nicht aus deiner Nähe und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir!” (Ps. 51:12, 13)

Mit dieser Bitte möchte ich meine Abhängigkeit von meinem himmlischen Vater ausdrücken, denn ich bin mir sicher, dass ich nicht aus eigener Kraft ein besserer Mensch werde. Und um noch einmal auf das Lügen und Heucheln zurück zu kommen: Ein Christ braucht Mut! Er braucht Mut, um sich nicht zum Lügen und Täuschen durch andere Menschen verleiten zu lassen. Er muss den Mut haben, gegen die Gewohnheit der Massen der Wahrheit die Ehre zu geben. Er braucht Mut, um mit sich selbst aufrichtig und ehrlich umzugehen, denn ein Mensch ist leider geneigt, sich selbst und seinen Stolz zu schonen. Denselben Mut benötigt er auch, wenn es um das Bekenntnis zu Gott und seinem Sohn geht, um das Bekennen zur Gerechtigkeit und wenn es darum geht, die gottfeindliche Welt durch den eigenen Glauben zu besiegen. Feiglinge, so heißt es in der Offenbarung, werden im symbolischen Feuersee enden, das ist der zweite Tod,  (Off. 21:8).

So, wie die Dinge liegen, kommt die Gottesfurcht aus dem persönlichen Erkennen Gottes. Nur ein Mensch, der Gott “gesehen” hat, wird den Mut aufbringen, sich streng an die Wahrheit zu halten. Von Glaubenshelden heißt es im Brief an die Hebräer, dass sie “standhaft blieben, als sähen sie den Unsichtbaren”. Aus dieser engen, persönlichen Beziehung zu Gott kommt dann auch die Verantwortung, die allein tragfähig ist, weil es eine Verantwortung vor der höchsten Instanz ist. Auch das hat mit Gottesfurcht zu tun.

Man kommt nur dadurch zur inneren Wahrhaftigkeit, indem man sich mit allen Konsequenzen die es nach sich ziehen mag, gegen die Lüge und für die Wahrheit entscheidet. Man muss gegen die Lüge und den Selbstbetrug kämpfen. “Ich will wahrhaftig sein!”, muss die Forderung an sich selbst sein. Und dafür darf ich um Gottes Hilfe bitten!  Dann werde ich die Hilfe erleben. Dafür steht der Schöpfer mit seinem Wort ein.

Warum wird die Lüge von Gott so scharf verurteilt?

Ich hatte viel nachzudenken und war mir schnell im Klaren, dass Gott gute Gründe hat die Lüge und den notorischen Lügner strikt abzulehnen. Denn was bewirkt die Lüge alles? Sie ist die Verneinung der Moral und der Moralität ist. Die Lüge ist der Untergang der Anständigkeit, das Ende der Humanität und das Aus für die Liebe! Lüge ist Ungerechtigkeit. Lügen ist dasselbe und wie Betrügen. Heuchelei ist nur eine getarnte Form der Lüge. Die Lüge ist der Dolchstoß in das Herz des Vertrauens. Und Vertrauensverlust führt zum Zerfall der Gemeinschaft, auch zum Verlust Gottes! Darum kann ein Lügner nicht in die Nähe Gottes kommen. Und er wird auch nicht erwarten dürfen, Gottes Reich zu sehen. An keiner Stelle macht das Wort Gottes davon eine Ausnahme! Nicht einmal aus Angst zu lügen entschuldigt Gott! Er gewährt Vergebung nur dann, wenn der Lügner umkehrt und sich bemüht, die Wahrhaftigkeit zu leben. Für diese Behauptungen erübrigt es sich Bibelzitate anzuführen, denn jeder Mensch weiß darum. Für mich waren diese Einsichten wie Schlaglichter auf mein Problem.

Die allgemeine Lage: Die ganze Welt ist eine Lüge, durch und durch. Das Leben der Menschen ist in den meisten Fällen eine Lüge, und sie ahnen es und wollen es trotzdem nicht wahrhaben. Sie tun alles, um dieser furchtbaren Ahnung zu entkommen. Sie bilden sich ein, am Ende doch noch “erlöst” zu werden. Das scheint das Kerngeschäft der Religionen und Ideologien zu sein, die Menschen in diesem Aberglauben zu bestätigen. Mich hat diese Einsicht dazu bewegt, mich von verlogenen Menschen zu trennen, auch von meiner Religionsgemeinschaft, obwohl ich über Einzelne nicht urteilen kann. Aber der “Betrieb” war verlogen und heuchlerisch.

Ein eigenartiges Phänomen

In den Sprüchen Salomos (17:4) findet sich der Satz: “Ein Bösewicht hört auf böse Reden, ein Lügner schenkt dem Verleumder Gehör.” Wie verstehe ich das? Verursacht das Lügen einen Realitätsverlust? Wird man Opfer der eigenen, unrechten Wünsche, weil der Verleumder die geheimen Wünsche seines Opfers kennt und er sie durch Lügen befriedigen will? Oder hat man vergessen, was Lüge und Wahrheit ist? Ist es also wieder einmal der Mangel an innerer Wahrhaftigkeit? Ist es die eigene  innere Unaufrichtigkeit, die dem Verleumder Gehör schenkt? Mit solchen Fragen musste ich mich auseinandersetzen.

Jedenfalls lässt der Spruch darauf schließen, dass Opfer und Täter austauschbar sind, weil beide der Lüge zuneigen – oder dem Selbstbetrug. Der Selbstbetrug scheint besonders auf religiösem Gebiet mächtig zu sein, wenn falsche Hoffnungen und angebliche Gewissheiten ins Spiel kommen, wenn das Herz (der innere Mensch) den bequemen oder leichten Weg im Glauben sucht und man sich einbildet, dass der barmherzige Gott beide Augen zudrückt und alles durchgehen läßt, weil ja die Liebe angeblich alles verzeiht. Aber auch diese Ansicht ist eine Lüge, mit der man sich selbst betrügt. Die Israeliten haben es durch ihre schlimme Geschichte bewiesen: Im 73. Psalm werden Gottlose geschildert: Sie tragen ihren Stolz wie eine schöne Kette, Gewalt umhüllt sie wie ein Gewand, Einbildungen überfluten ihr Herz, sie reden boshaft und höhnisch und reißen ihren Mund weit auf und mit ihrem Geschrei verschonen sie nichts auf der Erde. Und weil sie so imposant auftreten, passiert dies:

“Darum läuft selbst Gottes Volk ihnen nach und lauscht begierig auf ihr Geschwätz. ‘Gott merkt ja doch nichts’, sagen sie. ‘Wie will der Höchste das wissen?’ Ja, das sind die die Gott verachten, ungestört mehren sie ihre Macht.” (Verse 6-12)

Ich will den geraden Weg gehen

“Jeder Mensch ist ein Lügner”, so nüchtern sagt es die Bibel. Ja, wir sind dazu geworden; am Anfang war es nicht so, aber durch die Entfremdung von Gott wurde die Welt so. Der Weg zurück ist offen. Jesus hat diesen Weg geöffnet und alle seine Jünger sind eingeladen, diesen Weg zu gehen. Ich will ihn gerne gehen und ich will den Kampf gegen die satanische Welt und gegen mich führen. Darum wird mein Gerichtsprozess noch andauern, denn ich bin noch nicht am Ziel. Das Leben ist kompliziert und überfordert mich. Trotzdem ist die Auseinandersetzung mit der Lüge meine Pflicht. So wird es also noch viel zu lernen geben, aber ich habe keine Angst davor. Das ist deshalb so, weil ich die Hilfe und die Begleitung durch Jesus Christus habe. Dazu habe ich das wunderbare Licht aus dem Wort Gottes, das meinen Weg beleuchtet, und ich habe mein Gewissen als Kompass. Darum kann ich mein Ziel erreichen!

Ich habe diese Gedanken für mich aufgeschrieben, und das mit dem Ziel, mir wichtige Dinge wirklich deutlich zu machen und nicht oberflächlich über das Problem hinweg zu huschen. Vor meinem Gericht stehe ich ganz allein, d. h. dass ich nicht über andere Menschen urteilen kann und soll, denn der Prozess gilt nur mir.

Zum Schluss fällt mir noch der Ausruf des Petrus ein: “Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!” Das sagte er zu Jesus Christus, nachdem er Zeuge eines Wunders geworden war. So ähnlich empfinde ich, wenn ich auf Gott schaue und daran denken muss, was ich auch bin. Seine großartige Barmherzigkeit lässt mich leben und hoffen! Seine Demut macht auch mich groß (Ps. 18:36)!

Psalmenleser

Es wird dunkel. Ich sitze am großen Fenster und sehe die Dunkelheit aus den Wolken ins Zimmer tropfen – und in mein Gemüt. Ein kühler Hauch umweht mich, macht mich innerlich frösteln: Einsamkeitsangst fasst mich an.

Dieses Gefühl kommt auch in meine Träume. Ein immer wiederkehrender Traum erschreckt mich, dessen Ende ich nur mit dem Hilferuf “Mein Vater, hilf!” beenden kann. Im Traum erlebe ich lebhaft, und das schon seit Längerem, dass ich im Gewühl einer Stadt meine Frau aus den Augen verliere. Ich irre durch die Straßen und finde meine Frau nicht mehr. Ja, ich finde nicht einmal zum Ausgangspunkt meines Umherirrens zurück. Angst macht mir das Atmen schwer. Die Angst wächst und wächst und wächst. Ich renne immer schneller durch die unbekannten Straßen der Stadt, bin verzweifelt, kann das Unfassbare nicht fassen. Erst mein Hilfeschrei macht der Qual ein Ende – und ich wache auf.

Ich bin mit diesem wertvollen Menschen, der vor Jahrzehnten meine Frau geworden ist, zusammengewachsen! Die gemeinsam durchlebte Zeit ist fest, unauslöschbar geworden. Ich bin mir meines Lebens in ihrem nur bewusst. Ich hatte die Gnade einer engen und beglückenden Gemeinsamkeit. Es war eine erfüllte Zeit, die ich doppelt gelebt habe. Begreiflich, dass der Gedanke an eine Trennung mich ängstigt.

Nun bin ich so alt geworden, dass ich die Warnung aus dem Buch “Prediger” gut verstehe: Altwerden ist eine Last, ein Unglück. Es sind Tage, die einem nicht gefallen können. Und da wird man einsilbig, weil man auf einmal weiß, wie bedeutungslos man selbst geworden ist. Ich habe Vieles als Tand erkannt, als fragwürdig und unwichtig. Doch eine wichtige Tatsache will ich nicht vergessen: Gott hat mir die Ewigkeit ins Herz gelegt (Pre. 3:11). Eine starke Sehnsucht nach Leben und Dauer ist in mir, nach Frieden und  Gottverbundenheit. Aber ich weiß auch, dass ich sterben werde.

Wenn ich an unsere Reisen durch Nordafrika denke, dann erinnere ich mich an alte Männer, sauber gekleidet, mit Turban geschützt, im Schatten einer Tür oder vor einer Wand sitzend. An dem, was um sie herum passierte, schienen sie nicht interessiert zu sein. Ihr Blick schien schon in die Ferne, in die Ewigkeit zu gehen. Wenn ich sie so ruhig und versunken sitzen sah, dann dachte ich daran, dass sie vielleicht der verinnenden Zeit nachhorchten. Wieviel Zeit fühlten sie noch? Hatten sie auch ihre eigene Vergänglichkeit im Blick? Sahen sie das Leben auch als Provisorium an, als etwas, was sich eigentlich nicht lohnt? Wussten auch sie, dass die ewige Zeit in ihrem Herzen war? Ich gehe einmal davon aus, dass sie es wussten.

So ähnlich sitze ich heute auch. Dabei bin ich antriebsarm und fühle die Sehnsucht nach Frieden. Ich hasse sinnlose Aktivität und stelle fest,  dass ich jetzt zu oft melancholisch bin. Was machen andere in meiner Situation? “Nehmen Sie an einem Tanzkurs teil! Reiten Sie ein Steckenpferd! Treiben Sie Sport! Lernen Sie eine Fremdsprache!” So lauten ja wohl die gutgemeinten Ratschläge von Leuten, die es nicht besser wissen. Aber hilft das gegen die “Predigerstimmung”? So nenne ich die Stimmung, die nach dem Verstehen des Buches “Prediger” von mir Besitz ergriffen hat. “Alles ist eitel!”, lese ich dort. “Alles ist ein Haschen nach Wind!”, antwortet der Text. “Und ich hasste das Leben!”, findet meine Zustimmung. Nein, man kann diesen Gedanken nicht entkommen, wenn man erfahren hat, was Leben eigentlich ist und wie der Glaubende es fühlt, wenn man weiß, dass man Staub ist und wird! Da zieht sich alles auf einen Punkt  zusammen, da wird man auf seine wahre Größe reduziert, da wird man klein und kleinlaut.

Meine Gedanken gehen ein paar Jahre zurück: Ich sitze am Strand des Schwarzen Meeres, bei Konstanta und betrachte das einst stolze Casino, den prächtigen Jugendstilbau, der Schauplatz eines Tanzes auf dem Vulkan war. Eine gedankenlose, reiche Gesellschaft spielte, soff und verspielte Millionen im Rausch. Nach dem 1. Weltkrieg war das Spiel aus. Die sich ändernden Verhältnisse machten dem “Monte Carlo am Schwarzen Meer” ein Ende, das sich lange hinzog.  Jetzt wird das stolze Gebäude von Meer, Sturm und Wellen umtost und zerfällt. Vorbei! Vergangen! Zu Ende!

Ich bitte den neben mir sitzenden Akkordeonspieler um einen traurigen Tango, höre gedankenschwer zu und gehe langsam in die Stadt zurück. Das eindrucksvolle Bild des Zerfalls begleitet mich lange und sagt mir: “Es ist alles eitel!” Wehmut und das Gefühl der Vergeblichkeit menschlichen Strebens begleiten mich.

Aber meine Traurigkeit spielt nicht nur um mich, um mein Altwerden. Sie betrifft eher meine kleine, liebe, aber kranke Frau. Ich kann sie nicht leiden sehen. Ich ahne und erwarte die Trennung, den Verlust. Ein verzweifelter Mann schrieb einmal: “Nun bin ich ohne sie! Nun bin ich ohne mich!” Was soll ich nun sagen? Ich bin kleinlaut, schweigsam und nachdenklich.

Das spiegelt sich auch in meinen Gebeten wider: Ich habe Angst vor vielen Worten, vor Wiederholungen und Ausschmückungen. Ich will Gott weder belästigen, noch langweilen. Ich will das Leben mit allem, was es mir bringt, ertragen wie ein Mann. Keine Klage, kein Vorwurf soll über meine Lippen kommen. Also werden meiner Worte wenige und in der Hauptsache ist es Dank, wenn ich Gott in meinem Herzen erhebe. “Mein Gott und mein Vater! Bitte sei mir und uns gnädig!” Das ist meine häufige Bitte. Und der Rest ist Danksagung. Ich habe mich ganz und gar in Gottes Hand begeben. Da habe ich keine Forderungen und keine besonderen Wünsche mehr, denn ich vertraue der Liebe meines Vaters im Himmel.

Ich blicke auf den Sessel neben mir und denke: “Eines nicht ganz so fernen Tages sitzt jemand anders darauf. Wird er ähnliche Gedanken haben, wenn es mit ihm auch so weit ist?

Der Platz mir gegenüber kann einmal leer sein. Für meine Frau gibt es keinen Ersatz. Und die Bücher auf dem Tischchen? Wer wird sie nach mir lesen? Wird sich der Mensch nach mir überhaupt Gedanken machen oder wird er ohne sie leben können? Ich kann es  nicht!

Und das alles begegnet mir immer wieder, wenn ich die Psalmen lese. Wie oft stoße ich auf das Gefühl der Trauer, der Einsamkeit, der Angst, der Vergänglichkeit, der Verzweiflung und der Ratlosigkeit? Das wurde doch alles unter dem Einfluss des heiligen Geistes geschrieben. Da kommen Menschen zu Wort, die glauben durften! So war also das Leben von Menschen, die Gott vertrauten? So hat es sich angefühlt? Ja, so hat es auch der Himmel wahrgenommen – und beachtet.

Wenn ich traurig bin, habe ich ein tiefes, starkes Verlangen nach Trost. Ich brauche Gottes Nähe, ich muss seine Hand spüren, ich muss ihn fühlen. Dann greife ich zur Bibel und lese öfter in den Psalmen. Es geht mir nicht darum, unbedingt etwas mit dem Kopf zu lernen; ich möchte etwas in meinem Bewusstsein erleben: Gottes Gegenwart!  Und dann bin ich auch in der Gesellschaft von Menschen, die es mit ihrem Glauben ernst nahmen und auch gegen ihre Traurigkeit und Angst kämpften und sich trösten ließen.

Im Psalm 39 erfahre ich von Davids tiefer Erschütterung, als er Gott darum bat, ihm zu zeigen, wie vergänglich er sei:

“Lass mich erkennen, Jehowah, mein Ende; zeige mir das Maß meiner Tage, dass ich weiß, wie vergänglich ich bin.“ (Ps.39:5)

Als er es tief in sich wusste, war er zuerst vor Angst und Trauer stumm. Dann fand er diese eindrucksvollen Worte:

“Mein Leben ist nur ein paar Handbreit lang, meine Lebenszeit vor dir wie ein Nichts.

Wie fest meint jeder Mensch zu stehen und ist doch nur ein Hauch.

Wie ein Schatten geht der Mensch daher, macht Lärm um Kleinigkeiten;

er sammelt und speichert und weiß nicht einmal, wer es bekommt.

Was habe ich da noch zu hoffen, Herr? Ich setze meine Hoffnung auf dich!

Befreie mich von all meiner Schuld und mach mich nicht zum Gespött dieser Narren.

Ich bin jetzt still, mache den Mund nicht mehr auf, denn du bist es, der alles getan hat.

Nimm nun diese Plage von mir, denn ich vergehe von der Wucht deiner Hand.

Mit Strafen für Schuld schlägst du den Mann, zerstörst seine Schönheit wie Motten das Kleid. Nur ein Hauch ist jeder Mensch.

Höre mein Gebet, Jehowah! Achte auf mein Schreien! Schweige nicht zu meinen Tränen!

Ich bin doch nur ein Gast bei dir, ein Fremder wie alle meine Väter.

Schau von mir weg, damit ich aufatmen kann, bevor ich gehen muss und nicht mehr bin.” (Ps. 39:6-14)

Auch ich kann vor dieser Einsicht in die eigene Vergänglichkeit die Augen nicht verschließen, und sie zwingt mich zu Gott zu fliehen. Sie treibt mich zu ihm! Er ist meine Hoffnung, meine Hoffnung auf ewiges Leben. Nur ihm kann ich mich in meiner Not anvertrauen und bitten, meine Angst und meine Trauer zu beachten, mich von meiner Schuld zu befreien und die ‘Plage von mir zu nehmen’. Ich habe die gleiche Hoffnung wie David und andere Psalmenschreiber:

“Kein Mensch kann für immer bleiben, am Sterben führt kein Weg vorbei.

Kein Mensch bleibt ewig in Prunk und Pracht, er geht zugrunde wie das Vieh.

Doch Gott kauft meine Seele los, er befreit mich aus den Krallen des Todes.” (Ps. 49:10, 13, 16)

“Du ließest uns viel Angst und Not erfahren.

Du wirst uns wieder beleben, uns wieder heraufbringen aus den Tiefen der Erde.

Du bringst mich wieder zu Ehren und wirst mich abermals trösten.”

(Ps.71:20, 21)

“Doch ich bleibe stets bei dir. Du hältst mich an der rechten Hand.

Mit deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende in Ehren auf.

Wen habe ich im Himmel außer dir?

Und neben dir wünsche ich mir nichts auf der Erde.

Auch wenn ich Leib und Leben verliere, bleibt Gott doch mein Anteil für immer.” (Ps. 73:23-26)

Wenn ich diesen Trost lese, fühle ich mich ausgesprochen wohl, und ich bin dankbar, dass ich glauben darf! Ich bin dankbar, dass diese Hoffnung durch den Glauben zur Gewissheit geworden ist. Und darum will ich über die Zeiten der Traurigkeit hinwegsehen auf das, was vor mir liegt: Mein Ende ist mein neuer Anfang! Und das bedeutet: Ich werde meine Frau wieder erleben; nachdem dieses Leben uns voneinander gerissen hat, werden wir uns wieder sehen! Und jeder vergangene Tag bringt mich dem Ziel näher.

So bin ich in der letzten Zeit zum Psalmenleser geworden. Hier kann ich das Leben mit den Augen anderer Menschen sehen; hier erkenne ich mich wieder, hier werde ich getröstet, hier liegt mein Leben und meine Hoffnung und hier erlebe ich die Gottesnähe!

Am Abgrund

       

Wie kann man in einer Welt wie dieser leben, wenn man empfindsam wach ist, wenn das Menschliche noch  nicht abgestorben ist? Wie kann ich als Mensch in einer Welt leben, die in meiner eigenen Wahrnehmung immer wüster wird und mich von allen Seiten unheilvoll bedrängt? Ich sehe doch die grässlichen Bilder aus der Offenbarung Gestalt annehmen; ich sehe, wie diese Welt von Jahr zu Jahr mehr und mehr zerfällt! Ist das nur Einbildung?

Allein die Nachrichten eines Tages sind in ihrer ganzen Tragweite unfassbar: Im vergangenen Jahr tobten 29 Kriege mit unvorstellbar vielen Toten. Es gab verheerende Hungersnöte mit jährlich 300.000 Toten, jetzt die Corona-Pandemie mit schlimmen möglichen Folgen, lebensbedrohende Umweltkatastrophen, weltweiter Terror, steigende Kriminalität, ausufernde Korruption  und … und … und !

Sehe ich die Sache zu schwarz? Ich kann sie nicht anders sehen, weil die Zahlen, die grässlichen Zahlen, unaufhaltsam steigen. Ich weiß: Gegen diese Flut des Unheils gibt es kein Mittel; der Mensch hat keine Lösung dieser Probleme, es sei denn, er würde sich ändern. Darauf aber kann ich nicht hoffen, weil die Voraussetzung dafür fehlt. Die ganze Geschichte beweist, dass der allgemeine Mensch das geblieben ist, was er immer war: Uneinsichtig und böse, verlogen und habgierig.

Ständig kreisen die Gedanken: Da schießt man einen Roboter auf den Mars, und hier auf der Erde fließt ein gewaltiger Strom von Tränen! Man macht wunderbare Erfindungen, und unter fast jedem Dach wohnt der Kummer, das Leid und die Sorge. Man hält Friedenskonferenzen ab, aber der Hass aufeinander wächst und Kriege hören nicht auf. Ein Blick in die Geschichte genügt schon, um festzustellen, dass sich nichts wirklich geändert hat: Jedes „Ruhmesblatt“ der Geschichte ist  mit Menschenblut geschrieben und ist das Krankenblatt eines Wahnsinnigen, der weit unter das Tier gesunken ist.

Die Gedanken kreisen: Die Medizin verzeichnet gute Erfolge. Man liest von „Durchbrüchen“, man überschlägt sich mit neuen „Erkenntnissen“. Man kann so manches Leiden lindern oder heilen, aber wofür, wenn der Patient von seinem eigenen Unglücklichsein aufgefressen wird, wenn Angst das allgemeine Lebensgefühl wird? Dagegen hat die Medizin nur Pillen, mit denen man das Bewusstsein schlafen legt, damit der Verzweifelte nicht in den Abgrund stürzt. Wie schön könnte es sein, wenn man auch Kraft und Scharfsinn für das Wohl der Seele einsetze, wenn man einsehen könnte, dass Moral unsere Lebensversicherung ist und dass es lohnender wäre, den Hass statt den Schnupfen zu bändigen?

Die Gedanken wandern: Ich beobachte  den allgemeinen Zerfall des Menschen. Was ist mit den Menschen los? Es wollen doch alle das Gute, die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit. Aber wo finde ich das? Sind die Menschen noch bei Verstand oder beginnt auch er zu zerfallen? Verschwörungstheorien erklären den Nachbarn zum bösen Feind und manchmal, aber immer häufiger, folgt aus dem Wort die Tat. Man kommt kaum noch miteinander aus; jeder schimpft auf den anderen. Film, Fernsehen und soziale Medien werden zu widerlichen Pfützen, die mit Verleumdungen, Dummheiten, menschlichen Tragödien, Sex und Kriminalität gefüllt sind. Das scheint man zu lieben! Das füllt die Gehirne? Ist das der Spiegel der Gesellschaft? Da muss man das Schlimmste annehmen! Da muss man das Fürchten lernen!

Ist das die Welt, die mir in den 60er noch Jahren so schillernd bunt und schön gemalt wurde, als man sich “Die Welt im Jahr 2000” aufgrund “wissenschaftlicher” Überlegungen  vorzustellen versuchte? Die ärgsten Krankheiten wollte man besiegt haben, ebenso den Hunger und den Krieg. Nein, diese Wunschträume gingen nicht in Erfüllung; es blieb nicht einmal so, wie es damals war. In meiner Jugend glaubte ich noch an die „großen Denker des Abendlandes“, aber beim kritischen Blick in ihre Brotbeutel fand ich nur trockene Krümel; den wirklichen sittlichen Nährwert fand ich nicht. Ich fand nur das, was die Menschen schon immer wussten: Die Einsicht, dass wir nichts wirklich wissen!

Und die Gedanken kreisen: Die „großen Denker“ des 19. Jahrhunderts (Hegel, Darwin, Nietzsche, Marx, Freud u. v. a.) fabrizierten die „wissenschaftliche“ oder philosophische  Begründungen für das Töten von Millionen. Denn fortan fand der Krieg z. B. aus biologischer Sicht statt, als „Kampf ums Dasein“. Also war es eine ganz „natürliche“ Angelegenheit, wenn der Tüchtigere sich durchsetzte, der Bessere siegte. Das Unterbewusstsein wurde “analysiert” und Träume gedeutet. So fand man viele Ausreden für den Pöbel im Kopf und für jeden Verbrecher auch eine fadenscheinige Entschuldigung. In der Regel waren die Ahnen schuld, wenn sich überhaupt die Schuldfrage stellte. Und sie stellt sich bis heute nicht wirklich. Es bleibt dabei: Auch Gedanken können morden!

Was soll ich zum Fortschritt sagen, den ich auch miterlebt habe? Wo ist er? Was ist aus unseren Hoffnungen auf ihn geworden? Was hat sich eigentlich durch ihn erfüllt? Ist es das Anwachsen des “realen” Wissens, das uns mehr belastet als beglückt? Sind es die immer perverser werdenden Waffensysteme, die große Teile des Volksvermögens verschlingen und täglich blutige Opfer fordern? Sind es die Millionen Hungertoten, die nicht zu sterben bräuchten, wenn diese Welt nicht so herzlos und habgierig wäre? Was nützt es, Fortschritt in Technik und Wissenschaft zu haben, wenn weiter geschossen, gebombt, gemordet und gehungert wird, wenn der Terrorismus die Welt überzieht? Wie könnte eine Welt aussehen, die weniger über Technik wüsste, aber dafür der Liebe ein Heimatrecht geben würde?

Seit wann ist man so fortschrittsgläubig? Seit der europäischen Aufklärung? Ich glaube, damals fing der Aberglaube an, dass durch Fortschritte in der Wissenschaft die Welt besser würde. Natürlich sind zur Verbesserung der Verhältnisse Verstand und Wissen  nötig, aber das allein reicht nicht hin, den Pöbel im Kopf zu bändigen!

Die europäische Aufklärung: Ein gut gemeinter Versuch, den Menschen aus seiner  selbstverschuldeten geistigen Abhängigkeit zu befreien. Was ist daraus geworden? Sind wir glücklicher, menschlicher, freier und weiser geworden? Angesichts der weltweit verbreiteten Barbarei kann die Antwort nicht positiv ausfallen. Sie muss negativ ausfallen, solange der allgemeine Pöbel weitermacht und sich in sinnlose Kriege stürzt. Immer wird für die angeblichen Ideale gekämpft, wie Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden, aber die wahren Motive sind Raubgier, Mordlust und Gottlosigkeit, auch wenn man oft auch für den “wahren Glauben” Krieg führt.

Ach ja, die Aufklärung befreite den Menschen? Wovon befreite sie ihn tatsächlich? Sie befreite ihn von seiner metaphysischen Mitte, von Gott! Damit befreite sie ihn  von sich selbst!  Sie befreite ihn von der Moral! Gewiss, das wollte man am Anfang nicht, aber als die Tür zum voraussetzungslosen Denken und zur bedingungslosen Freiheit aufgestoßen war, wurde alles weitere nur zwangsläufige Folge. So unterwarf man den Menschen dem durch den Verstand geforderten kalten Nützlichkeitsprinzip; er selbst wurde zur Sache.

Die alten Seefahrer brauchten zur Orientierung noch die Gestirne und die Menschen hatten im Allgemeinen ein Leitbild.  Das Gewissen und Gott hatten ihre Bedeutung noch nicht ganz verloren. Die „aufgeklärten“ Menschen hatten beides nicht mehr nötig. Der eigene Verstand sollte ausreichen? Er wurde übrigens als Gottheit verehrt, als man in Paris nach der Französischen Revolution der Vernunft einen Altar widmete! Die Vernunft des Menschen sollte fortan als Leitstern gelten. „Denn das, was IST, ist die Vernunft!“ Ich weiß nicht mehr, wer das formuliert hat, aber es drückt aus, was man sich dachte, was man hochhielt – und was mich verstört. Und die Gedanken kreisen!

Also noch einmal die Frage, wie man damit leben kann. Ich könnte zahllose Beispiele dafür anführen, dass leben für viele Menschen gar nicht möglich ist. Soweit ich in die Geschichte zurückblicken kann, ist es immer wieder zu sehen, wie verzweifelt hilflos viele Menschen sich dem Unheil ausgeliefert sahen – und sich verabschiedeten. Da sind viele geschundene Ichs und es ist noch nicht zu Ende. Ich greife ein Beispiel heraus:

„Ich habe keine Hoffnung mehr, ich spüre auch keine Rachegefühle. Alles Menschliche in mir habe ich längst verloren, vielmehr: Ich habe zugelassen, dass es verloren geht. Man muss im Leben entweder ein Engel sein oder ein Mensch oder auch ein Tier. Ich bin keines davon. Ich war als Egoist, ahnungslos und vom Unglück gezeichnet, auf die Welt gekommen. Eine Rückkehr ist jetzt nicht mehr möglich, ich kann keinen anderen Weg einschlagen. Ich kann nicht mehr mit dem Leben ringen. Ihr, die ihr glaubt, wirklich zu leben, welche Beweise habt ihr dafür in der Hand? Ich möchte weder, dass man mir verzeiht, noch möchte ich selbst verzeihen; ich will weder nach links gehen noch nach rechts, ich möchte meine Augen vor der Zukunft verschließen, möchte die  Vergangenheit vergessen. … Nun lebe ich nicht mehr, ich schlafe auch nicht mehr. Es gibt nichts auf der Welt, was mir gefallen oder missfallen könnte. Ich habe den Tod kennengelernt und stehe mit ihm auf vertrautem Fuß. Er ist mein einziger Freund, der einzige, der mich tröstet.“ (Aus: „Lebendig begraben“, Sadeq Hedayat. Er starb durch eigene Hand 1951 in Paris)

Und ich könnte noch viele Namen anfügen, Namen von Menschen, die alle nicht mehr mit dem Leben ringen konnten. Aber ich will nur zeigen, dass es die existenzielle Verzweiflung gibt, die Menschen aus reinem Unglücklichsein am Leben scheitern lässt. Was für eine hündische Welt! Sie haben alle ihre Wunden und Narben bekommen, wie auch ich. Aber warum lebe ich noch? Ich, der auch in den Abgrund geschaut hat – und bereit war?

Womit hätte ich mich trösten können, auf welches Versprechen hätte ich bauen können, um nicht abzustürzen? Es war ja schon alles zerfressen, kaputt und zur Täuschung geworden. Welcher der vielen unglücklichen Philosophen hätte mir helfen können, wenn sie nicht einmal sich selbst helfen konnten?

In einer Zeit der Krise lernte ich die Bibel kennen; ein Lehrer machte mich auf dieses außergewöhnliche Buch aufmerksam. Und ich werde nie vergessen, was dieses Buch in mir auslöste! Bis heute wirkt das Wort Gottes, das mich auf den Weg zu Gott führte. Ich bin durch Jesus Christus mit Gott versöhnt worden. Dadurch habe ich meinen Blick vom Abgrund abgezogen und erfahren, was Hoffnung und eine geistige Heimat bedeuten können. Ich bin nun zu Hause, und wenn mich wieder einmal schlimme Nachrichten beunruhigen wollen, dann fällt mein Blick auf die Bibel. Dann richte ich mein Bewusstsein auf Gott und werde getröstet.

Ja, wir alle verurteilen den Krieg, wir hassen Gewalt und Lüge. Und doch findet das alles jeden Tag und an fast jedem Ort vor unseren Augen statt. Geschieht das gegen unseren Willen? Will man sich damit herausreden? Man kann es nicht, denn wir sind verantwortlich vor Gott! Und ich weiß zuverlässig, dass Gott “einen Tag des Gerichts angesetzt hat, an dem er die ganze Welt richten wird”. So sehe ich die Sache der Gerechtigkeit und der Wahrheit in guten Händen. Ich muss mir keine Sorgen um diese Welt machen; sie wird durch Jesus gerichtet werden:

“Wer Böses tut, mag es weiterhin tun, wer an schmutzigen Dingen Gefallen hat, mag sich weiter beschmutzen. Wer aber gerecht ist, soll weiter gerecht handeln und wer heilig ist, soll weiter ein geheiligtes Leben führen. Ja, ich komme bald. Und ich bringe jedem den Lohn mit, der seinen Taten entspricht. Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Ursprung und das Ziel.” (Off. 22:11, 12)

Aus dem 37. Psalm drangen Worte in mein Bewusstsein, die ich mit ehrlichem Herzen annehme, auf die ich vertraue, weil Gott mein Vertrauen geworden ist:

„Reg dich nicht über die Bösen auf, beneide die Verbrecher nicht! Sie verdorren schnell wie das Gras, welken wie das grüne Kraut. Vertraue auf Jehova und tue das Gute, wohne im Lande und sei ehrlich und treu. Erfreue dich an Jehowah! Er gibt dir, was dein Herz begehrt. Lass Jehowah dich führen! l. Er wird dein Recht aufgehen lassen wie das Licht, und deine Gerechtigkeit wie die Sonne am Mittag. Sei still vor Jehowah und warte auf ihn! Reg dich nicht über den auf, dem alles gelingt, über den, der böse Pläne  ausführt. Steh ab vom Zorn und lass den Grimm! Reg dich nicht auf! Das führt nur zum Bösen. … Jehowah kennt das Leben der Seinen, ihr Erbe hat ewig Bestand. In böser Zeit enttäuscht er sie nicht,…“  (Verse 1-8)

Ich möchte diesen Text nicht kommentieren, denn er spricht für sich selbst. Er ist für mich erfahrbare Wirklichkeit geworden, und ich weiß, dass ich in Gottes Liebe und Fürsorge zu Hause bin. Ich möchte danach leben, denn ich sehe keine andere Möglichkeit, denn: “Ist  die Grundordnung zerbrochen, was richtet der Gerechte noch aus?” (Ps. 11:3) Und die Zweifler möchte ich fragen, worin eigentlich der Glaube an Gott bestehen soll, wenn nicht in dem, was die Worte des Psalms sagen?

Ich will die Aussage mit einem weiteren Psalm verstärken:

„Doch ich bleibe stets bei dir. Du hältst mich an der rechten Hand. Mit deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende in Ehren auf. Wen habe ich im Himmel außer dir? Und neben dir wünsche ich mir nichts auf der Erde. Auch wenn ich Leib und Leben verliere, bleibt Gott doch mein Fels und mein Anteil für immer. … Doch ich bekenne: Die Gottesnähe tut mir gut! Ich fand meine Zuflucht bei Jehowah, dem Herrn.“ (Ps. 73:23-28)

Ich kann und will nicht mehr zurück an den Rand des Abgrunds. Meine Hoffnung, mein Ziel und meine Zuversicht ist das Reich Gottes. Es ist das Reich, in dem Frieden, Wahrheit  und Gerechtigkeit sich begegnen, wie es in alten Prophezeiungen heißt:

„Deine Verwaltung wird Frieden sein und deine Regierung Gerechtigkeit. Man hört nichts von Verwüstung und Zerstörung in deinem Land. Du wirst deine Mauern „Rettung“ nennen und deine Tore „Lob“. Das Licht der Sonne wirst du künftig nicht mehr brauchen, auch nicht mehr den Mondschein in der Nacht, denn dein ewiges Licht wird Jehowah sein, dein Gott leuchtet dir in herrlichem Glanz. … Dein Volk wird nur aus Gerechten bestehen, und das Land wird für immer ihr Eigentum sein; ein blühender Garten, von Jehowah angelegt, ein Werk seiner Hände zu seinem Ruhm.“ (Jes. 60:17-21)

Ich habe am Abgrund gestanden! Ich habe in den Abgrund der absoluten Hoffnungslosigkeit geblickt, und ich hätte damals hineinstürzen können. An meiner Meinung über die Menschheit im Allgemeinen hat sich nichts geändert; ich sehe darin die Erfüllung der Worte Gottes. In dieses moralische Tief muss man stürzen wenn man Gott nicht kennt, wenn man ihn nicht sucht und sich vor ihm nicht verantwortlich fühlt. Ich habe Gott gefunden, und er hat sich finden lassen. Aus der Bibel weiß ich, wie ich in dieser Zeit leben kann: Ich kann nur mit Gottes Hilfe durch Jesus Christus überleben. Ich kann nur in der Gottverbundenheit leben! Das steht mit kristallener Klarheit vor meinen Augen. Ich habe meine “Mitte” gefunden, ich habe die Erfahrung der Hilfe Gottes gemacht, ich habe Gott “gesehen”! Nun kann ich ruhig und froh sein, denn sein Angesicht leuchtet über mir!