Der neue Mensch

Zur Einführung: Der „neue Mensch“ im Denken Hitlers: Hermann Rauschning (1933 Senatspräsident von Danzig und zur engeren Umgebung von Hitler gehörend.) Aus einem Gedächtnisprotokoll:

Hitler sprach zu Rauschning über Auslese und Mutation:“Der Mensch wird Gott, das ist der einfache Sinn. Der Mensch ist der werdende Gott … Was aber die Urstimme des Menschen hört, was sich der ewigen Bewegung weiht, das trägt die Berufung zu einem neuen Menschentum…Wer den Nationalsozialismus nur als politische Bewegung versteht, weiss fast nichts von ihm. Er ist mehr noch als Religion: er ist der Wille zur neuen Menschenschöpfung…Glauben Sie nicht, dass man diesen Prozess der Auslese durch politische Mittel beschleunigen kann?…Meine Politik ist nicht im landläufigen Sinne eine nationale Politik. Ihre Maßstäbe und Ziele nimmt sie von einer allseitigen und umfassenden Erkenntnis vom Wesen des Lebens…Der neue Mensch lebt unter uns. Er ist da! (rief Hitler triumphierend) Genügt Ihnen das? Ich sage ein Geheimnis. Ich sah den neuen Menschen, furchtlos und grausam. Ich erschrak vor ihm.“ (Rauschning 1940:232/233) Hitler habe dabei etwas wie die Verzückung eines Liebenden an sich gehabt. Rauschning schreibt auch, Hitler habe oft wie ein „Eingeweihter und Seher“ gesprochen.

Diesen Gedanken hat Hitler nicht selbst gedacht. Wir finden ihn ebenso bei F. Nietzsche, im italienischen Futurismus. und im sowjetischen Sozialismus. So wünschten sich „Weltverbesserer“ den Menschen der Zukunft. Die Haltung der Bibel widerspricht diesen Ideen.

Der Mensch im Allgemeinen weiß, worauf es ankommt, denn er hat ja ein Gewissen. Aber das Gewissen wird so behandelt, wie es Peter Bruegel in seinem Bild vom Sturz des Ikarus illustrierte: Das ist die Kunst, wegzuschauen, nicht wahrhaben zu wollen, was die Wirklichkeit lehrt und sich am Gewissen vorbeizumogeln. Ich möchte es hier als Ikarus-Phänomen bezeichnen. Und dann ist da noch die fest verwurzelte Haltung, andere Verhältnisse zu wünschen, aber nicht bereit zu sein, das eigene Verhalten zu verändern und andere Denkmuster zuzulassen, um zu besseren Ergebnissen zu kommen. Wir suchen für uns immer wieder Entschuldigungen und Ausreden und kommen doch nicht weiter. Auch  das hat seinen Ursprung im Bewusstsein oder wie die Bibel sagt: im Herzen.

Darum müssen Bemühungen versagen die Verhältnisse zu ändern, wenn wir nicht bereit sind, unser eigenes Denken, also uns zu erneuern, um zu besseren Resultaten zu kommen. Das ist unsere Tragik. Die Menschen bleiben in der Mehrzahl leider das, was sie immer waren: Gleichgültig und unbelehrbar, denn kaum will man einsehen, dass man nur das ernten kann, was man gesät hat. Will ein Mensch aber sein Verhalten ändern, dann muss er zuerst seine Defizite erkennen und dann sein Denken erneuern lassen. Es geht also um eine Bewusstseinsänderung. Diese Änderung ist nicht einfach, sondern erfordert Mühe, Anstrengung und den Kampf gegen sich selbst.

Wie weit können Änderungen gehen? Haben wir es allein in der Hand, uns zu ändern?

Herz aus Stein gegen Herz aus Fleisch

In der Bibel ist von einem „neuen Menschen“ die Rede, den ein Christ „anziehen“ muss, und sie stellt eine enge Beziehung her zwischen dem neuen Menschen und dem Geist Gottes, der diese Persönlichkeit formt und zu einem neuen Bewusstsein führt. Für Nachfolger Jesu gilt dies:

„… dass ihr in Hinsicht auf euer früheres Leben den alten Menschen abgelegt habt. Denn der richtet sich in Verblendung und Begierden zugrunde. Ihr dagegen werdet im Geist und im Denken erneuert, da ihr ja den neuen Menschen angezogen habt, den Gott in seinem Bild erschuf und der von wirklicher Gerechtigkeit und Heiligkeit bestimmt ist.“ (Eph. 4:22- 24)

Die Bibel drückt es so aus, dass sie Menschen „ein Herz aus Fleisch und einen neuen Geist“ verheißt. Und sie führt weiter aus, dass es durch Gottes Hilfe geschehen muss, die dazu führt, dass ‚das Herz aus Stein’ gegen ein ‚Herz aus Fleisch’ ausgetauscht wird:

„Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist: Das versteinerte Herz nehme ich aus eurer Brust und gebe euch ein lebendiges dafür. Ich lege einen neuen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und euch nach meinen Rechtsbestimmungen richtet. … Ich werde euch von allem Sündenschmutz befreien. … Dann werdet ihr an euer böses Tun und Treiben von früher denken und vor euch selbst Ekel empfinden wegen eurer Sünden und Gräueltaten. Ich tue das nicht wegen euch, spricht Jehowah, der Herr, das sollt ihr wissen! Im Gegenteil ihr habt allen Grund, euch zu schämen, ihr Israeliten.“ (Hes. 36:25-29)

Wie der Tausch gelingen kann

Im Neuen Testament heißt es an einer Stelle dazu:

„Ihr dagegen werdet im Geist und im Denken erneuert, da ihr ja den neuen Menschen angezogen habt, den Gott nach seinem Bild erschuf und der von wirklicher Gerechtigkeit und Heiligkeit bestimmt ist.“ (Eph. 4:24)

Mit dieser Erneuerung wird der Mensch, der sich dem Geist Gottes ausliefert, besser und gerechter. Er legt viele seiner schlechten Gewohnheiten ab, weil die geistige Kraft Gottes ihn antreibt, weil er Gott liebt und seine Liebe durch sein edles Streben zeigen möchte.

Solange ein Mensch nicht sein Denken und Fühlen ändert, sind auch gutgemeinte Ratschläge wirkungslos! Es macht keinen Sinn, bloß das „Kleid“ im Bedauern seiner eigenen Lage zu zerreißen. Man muss das „Herz“ zerreißen, d. h. eine Änderung des Sinnes vornehmen. Zu den Juden, die viele Reformen beschlossen, aber nie richtig ausgeführt hatten, musste der Prophet Joel sagen: „Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider!“

Für Menschen, die Gott und seinen Sohn und deren Haltung zur Gerechtigkeit kennen, ist es ein Weg der geistigen Erneuerung, der eines Tages dazu führt, dass sie genau dem Bild entsprechen werden, das der Schöpfer von ihnen jetzt schon hat: Menschen zu sein, die mit ganzer Kraft und aller Hingabe lieben und Gerechtigkeit leben. Für diese Menschen wird es dann so sein, dass „Gott allen alles“ ist. Das ist das große Ziel, für das Jesus gestorben ist!

Was ich bis hier geschrieben habe, hat meine volle Anerkennung. Aber ich sehe – wie Paulus – wie die Sünde in mir wirkt (Rö. 7:14-25). Ich werde auf diesem Weg nicht aus eigener Kraft vollkommen, denn von der geerbten Sündhaftigkeit kann mich nur Gott durch Jesus befreien. Da muss ich auf ein Wunder warten, was aber nicht heißen soll, dass all mein Bemühen fruchtlos wäre. Ich habe mich dazu verpflichtet, gegen die Sünde zu kämpfen. Auf diesem Weg habe ich Gottes tatkräftige Hilfe. Dadurch werde ich zwar ein besserer Mensch, aber noch nicht vollkommen. Jeden Tag kann ich fallen, doch durch Barmherzigkeit werde ich wieder ‚auf die Füße kommen’. Trotzdem erwartet Jesus von mir, dass ich mich positiv verändere und er lässt mir und uns sagen:

„Wenn wir also durch den Geist das neue Leben haben, dann wollen wir es auch in diesem Geist führen“ (Gal. 5:25).

„ … lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten …“ (Rö. 12: 2)

„Denn der Gott, der einst aus der Finsternis Licht aufleuchten ließ, hat das Licht auch in unseren Herzen erstrahlen lassen und uns die Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht von Jesus Christus erkennen lassen.“ (2. Kor. 4:6)

„Darum wollen wir uns von allem rein halten, was Körper und Geist beschmutzt, und in Ehrfurcht vor Gott die Heiligung bewirken.“ 2. Kor.7:1)

Um diesen Rat zu beherzigen, muss ich zuerst einsehen, was bei mir nicht in Ordnung ist. Auch dafür habe ich eine kraftvolle Hilfe: Es ist Gottes Geist, der mich meine Defizite erkennen lässt. Dieser Geist bewirkt auch die nötigen Einsichten und kann uns dazu führen, in uns selbst anzukommen. Und dann gibt dieser positive Geist auch noch die Kraft, Änderungen anzustreben.

Was bewirkt diese Erneuerung?

Zuerst einmal führt sie zu einem guten Gewissen vor Gott, denn nur mit einem guten Gewissen kann man Frieden mit Gott haben. Dieser Friede, der „alles Denken weit übersteigt“ (Phil 4:7) wird unser Denken und Fühlen beschützen, damit es nicht mehr durch äußere Einflüsse und durch quälende Selbstvorwürfe vergiftet wird. Wenn Gott durch Jesus Christus über seine Kinder wacht, dann werden sie in ihrem Bewusstsein beschützt und fallen z. B. nicht der allgemeinen geistigen Mobilmachung zum Opfer, die zum Krieg gegen Gott führt. Heute scheint jeder mit jedem uneins und sogar verfeindet zu sein. Man hasst und beschimpft, man verleumdet und belügt sich, man zerstört das Vertrauen und vergisst die Liebe. Damit ist man auf einem sehr schlechten und gefährlichen Weg, denn er führt zur Zermenschlichung.

Die Macht der Liebe (agape)

Ein „erneuerter“ Mensch dagegen entdeckt seine einzigartige Gabe der Liebe, die ihn erst zum Menschen macht! Er hat Freude daran, diese Gabe für seine Mitmenschen zu gebrauchen. Er versucht durch Liebe das Böse zu besiegen (Rö. 12:21) und vertraut ganz auf die Macht Gottes, durch die das Böse aus den Herzen und aus der Welt verschwinden wird! Für ihn ist die Liebe die Erfüllung seines Lebens und mit der Liebe löst er viele Probleme, an denen diese Welt krankt. Ja, es gibt einen Zusammenhang zwischen Liebe und geistiger Gesundheit! Ihn wahrzunehmen und als Grundgesetz des Lebens zu sehen, ist Bestandteil des erneuerten Denkens. Und die Bibel weist in schönen Worten darauf hin: 1. Kor. 13:1-5:

„Wenn ich die Sprachen von Menschen und Engeln sprechen könnte, aber keine Liebe hätte, wäre ich ein schepperndes Blech, eine lärmende Klingel.

Und wenn ich weissagen könnte und alle Geheimnisse wüsste; wenn ich jede Erkenntnis besäße und einen Glauben, der Berge versetzt, aber keine Liebe hätte, wäre ich nichts.

Und wenn ich meinen ganzen Besitz zur Armenspeisung verwendete, ja wenn ich mich selbst aufopferte, um verbrannt zu werden, aber keine Liebe hätte, nützte es mir nichts.“

Fazit: Ohne Liebe ist alles nichts! Und sie wird zur Realität im Leben, wenn Gottes Kraft zum Guten wirkt. Darin besteht für mich der wahre Reichtum im Leben; alles andere ist dann nur noch Dekoration.

Was eine Erneuerung beweist

Die Veränderung des Geistes ist im Endergebnis die Wandlung zum Licht, zur  Liebe (agape). Es geht nicht so sehr um das theoretische Wissen, sondern um einen „neuen Menschen“, der vom Geist Gottes angetrieben, dem Christus immer ähnlicher wird. So ein „neuer Mensch“ erfährt an sich selbst, dass er mit Christus verbunden ist. Er braucht fortan kein Bekenntnis, keine Kirche, keine Aufpasser, keine Richter  und kein Regelwerk. Er hat zum Glaubensgehorsam gefunden und wird durch Liebe zum Guten getrieben, weil er unter der Kraft Gottes lebt!

Der „neue Mensch“ hat eine wunderbare Einsicht erfahren: Er weiß, dass er durch Gottes Geist, durch diese mächtige Kraft zum Guten, erneuert wird. Sein einziges Zutun war oder ist seine Bereitschaft, diese Erneuerung zu wollen und zuzulassen. Das kann man auch Gottergebenheit oder Gottesfurcht nennen. Es ist die freiwillige Unterwerfung unter den Willen Gottes, die aus dem Vertrauen kommt, dass Gott für seine Kinder nur das Beste will. Es ist auch die Einsicht in die eigene Begrenztheit und Machtlosigkeit. Denn die Probleme unseres Lebens durchschauen wir zu selten. Wir verstehen zu wenig uns selbst und erst Recht nicht andere. So sind wir auf die Weisheit und die Macht Gottes angewiesen, denn unser Vater im Himmel kennt uns wirklich und kann spezifische Einsichten geben, die dann auch zu guten Ergebnissen führen. Das kann kein „Seelendoktor“ leisten.

Es hat auch mit Verantwortung zu tun, weil ein Mensch des Glaubens Gott „sieht“, d. h. Gott ist in seinem Leben stets gegenwärtig. Und das bildet er sich nicht ein; das fühlt und merkt er. Er nimmt Gott als reale Person in seinem Bewusstsein wahr. Darum er setzt alles daran, ein gutes Gewissen zu behalten. Das ist eine starke Hilfe, denn wer Gott anerkennt, weiß, dass er eine bindende Verantwortung vor ihm trägt. Sie ist nicht beliebig und kann darum nicht aufgekündigt werden wie die Verantwortung vor sich selbst oder vor anderen Menschen. Erst durch diese Verantwortung vor Gott und ihre volle Anerkennung ist Gott bereit, durch seine Kraft zum Guten zu helfen.

Der destruktive Geisteszustand

Wenn sich ein Mensch nicht darauf einlassen kann oder will, dann merkt er das auch. Sein Leben wird entsprechend aussehen, denn er kann in „einen missbilligten Geisteszustand“ geraten, der zu scheußlichem Verhalten führt:

„Und weil sie es nicht für gut hielten, Gott anzuerkennen, lieferte Gott sie einem verworfenen Denken aus, so dass sie das tun, was man nicht tun darf. Jede Art von Unrecht, Bosheit, Habsucht und Gemeinheit ist bei ihnen zu finden. Sie sind voller Neid, Mord , Streit, List und Tücke. Sie reden gehässig über andere und verleumden sie. Sie hassen Gott, sind gewalttätig, hochmütig und prahlerisch. Im Bösen sind sie erfinderisch und ihre Eltern verachten sie. Sie sind unbelehrbar, unzuverlässig gefühllos und kennen kein Erbarmen.“ (Rö. 2:28-30)

Ohne Gottes Hilfe geht es nicht!

Ein im Innern erneuerter Mensch wird sich immer daran erinnern, dass er früher auch dieser Beschreibung entsprochen hat. Und seine positive Veränderung wird er aus Überzeugung dem Wirken Gottes zuschreiben, denn sein Herz weiß, dass ohne Gottes Macht und Hilfe alles vergeblich ist:

„Wenn Jehowah das Haus nicht baut, arbeiten die Bauleute vergeblich. Wenn Jehowah die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter umsonst.“ (Ps. 127:1)

Der Mensch hat die Möglichkeit sich zum Guten zu verändern, weil er die Gabe der Selbsterkenntnis und ein Gewissen hat:

„Der Geist des Menschen ist ein Licht Jehowahs, er durch forscht des Menschen Innerstes.“ (Spr. 20:27)

„Im Spiegel des Wassers erkennst du dein Gesicht, im Spiegel deiner Gedanken dich selbst.“ (Spr: 27:19)

„Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam. Es ist schärfer als das schärfste zweischneidige Schwert, … Es dringt bis in unser Innerstes ein und trennt das Seelische vom Geistlichen . Es richtet und beurteilt die geheimsten Wünsche und Gedanken unseres Herzens. Vor Gott ist ja nichts verborgen. Alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen da, vor dem wir Rechenschaft ablegen müssen“ (Heb. 4:12, 13)

Die neue Geburt

Ich möchte zum Schluss noch auf ein Gespräch hinweisen, das Jesus nachts mit dem Pharisäer Nikodemus führte. Dabei ging es um eine neue Geburt, um eine neue Schöpfung. Mit aller Deutlichkeit sagte Jesus:

„’Ich versichere dir’, sagte Jesus, ‚wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht einmal sehen.’“ (Joh. 3:3 auch 5, 6 u. 2. Kor.5:12)

Mit dieser neuen Geburt ist eine Veränderung der Persönlichkeit im Sinne des Schöpfers untrennbar verbunden. Das Leben eines Christen muss vom Geist Gottes bestimmt sein:

„Denn ihr müsst wissen, dass keiner von denen, die in sexueller Unmoral leben, ein ausschweifendes Leben führen oder von Habgier erfüllt sind – einer Form von Götzendienst -, einen Platz im ewigen Reich von Christus und Gott haben wird.“ (Eph. 5:5)

Diese Forderung geht weit über kalte Pflichtmoral hinaus und kann nur erfüllt werden, wenn eine persönliche, herzliche Beziehung zum unsichtbaren Vater im Himmel besteht. Es ist Liebe, Zuneigung, Respekt, Ehrfurcht und Vertrauen! Und wenn ich in diesem Internettagebuch der Frage nachgehe, wie sich Glaube für mich anfühlt, dann gehört die Erfahrung der geistig-moralischen Erneuerung unter dem Einfluss der Kraft Gottes unbedingt dazu!

Was tun, wenn man nichts mehr versteht?

Für mich ist die gegenwärtige Welt in vielen entsetzlichen Bildern eingefangen. Jedes Bild ist ein verzweifelter Schrei, jedes Bild die Qual und der Tod eines Menschen. Wie viel Elend und Unglücklichsein kann ein Bild ausdrücken?

In mir erzeugen diese Bilder der vielen Gewaltexzesse einen starken Widerwillen gegen die Verursacher, gegen diese Welt,  die in Blut ertrinkt. Das macht mich tief traurig und zornig. Manchmal denke ich, dass diese Zustände die  schrecklichen Bilder der Offenbarung dagegen verblassen lassen. Die erlebte Wirklichkeit ist schrecklicher!

Die Menschheit schreit um Hilfe; der Schrei wird immer lauter – ich muss mir die Ohren zuhalten. Ich kann auch die furchtbaren Bilder nicht mehr sehen, ich muss die Augen schließen. Ich kann nicht mitleiden, dazu bin ich zu schwach. Mit einzelnen Menschen kann ich mitleiden, aber mit einer ganzen Menschheit nicht. Das drückt mich zusammen! Und es gibt Momente, in denen ich das Elend der Menschen so deutlich fühle, dass mir die Tränen in die Augen steigen. Ja, ich weine und kann diese tiefe Traurigkeit kaum abwenden. Dann muss ich mich innerlich umwenden und an ein Wort des Propheten Jesaja denken, das dazu auffordert, ‚in die Kammer zu gehen, die Tür zu schließen und sich zu verbergen‘. Ich kann nicht verstehen, warum Gott noch wartet und das Böse weiter wüten lässt.

Wie steht Gott dazu?

Kann er das noch anschauen? Was empfindet er, was denkt er sich dabei? Warum dauert es so lange, bis er eingreift, bis sich sein Wort erfüllt? Warum triumphiert das Böse immer noch? Ich werde an den Propheten Habakuk erinnert, der im Gebet zu Gott schrie:

„Wie lange schreie ich schon zu dir, Jehowah, doch du hörst mich nicht! Ich rufe: „Hilfe“ und „Gewalt“, doch du rettest nicht. Warum schaust du dem Verderben zu? Warum lässt du mich das Unrecht sehen? Warum sehe ich nur Frevel und Gewalt, erlebe Zwietracht und Streit?“

Ich kann diesen Fragen nicht ausweichen. Hat der Prophet eine Antwort bekommen? Ich suche auch nach einer Antwort. Zuerst muss ich mich fragen, ob ich Gott immer verstehen kann und muss. Und dabei denke ich an Hiob, der in seiner Verbitterung harte Worte an Gott richtete, als er bittere Vorwürfe erhob. Ich erinnere mich, dass er Gott fragte, ob es ihm Spaß mache, ihn als Zielscheibe hinzustellen und auf ihn zu schießen. Er beklagte seine Rechtlosigkeit, seine Ohnmacht, seine Hilflosigkeit. Er wollte unter allen Umständen mit Gott reden, um zu erfahren, warum Gott ihn als seinen Feind betrachtete. Aber Hiob war im Irrtum! Gott war nicht sein Feind. Gott bestrafte ihn nicht für seine Sünden, deren er sich nicht bewusst war. Aber seine Bekannten versuchten es ihm so einzureden.

Interessant ist es nun für mich, auf die Art und Weise zu achten, wie Gott mit Hiob umging: Es kam kein Blitzstrahl aus dem Himmel. Nein, Gott antwortet nicht einmal auf die einzelnen Anklagen Hiobs. Stattdessen führte ihn Gott zu Einsichten, ohne zu drohen, ohne auf seine Macht zu pochen, ohne seine Autorität zu missbrauchen. Er wollte Hiob tatsächlich zu einer bestimmten Einsicht führen.

Gott verleiht Einsichten, die einen Menschen von Grund auf umwandeln können. Diese Einsichten vollziehen sich unter dem Einfluss des Geistes Gottes. Auf diese Weise geschieht alles in der Stille und in der Freiheit. Da sind kein Druck, kein Androhen von Konsequenzen, keine wortreiche Überredungskunst und kein Lächerlichmachen von Seiten Gottes. Hier spricht Gott das Herz (den inneren Menschen) und den Verstand an. Man hat bei dieser Belehrung nicht das Gefühl, etwas gegen die eigene Herzensüberzeugung tun zu müssen. Man kommt nicht zu einer erzwungenen Einsicht unter dem Wissen, dass Gott der Stärkere ist und man sich ihm einfach beugen müsse. Die Freiheit des Menschen wird respektiert und seine Würde auch.

Dem Menschen Hiob wurden zwei Tatsachen klar, indem er nachdachte und der Spur folgte, die Gott ihm in seiner Rede aus dem Sturm gelegt hatte: Er sah ein, dass man den Höchsten nicht vor ein Tribunal fordern kann, denn er ist über alle Zweifel gerecht und wahrhaftig, er ist Liebe! Er hat nicht den geringsten Grund, Unrecht zu tun! Gott ist in höchstem Maße Wahrheit und Gerechtigkeit. Und deshalb bleibt dem Menschen nur dies: Der höchsten Majestät, dem himmlischen Vater, bedingungslos zu vertrauen, auch wenn er nichts mehr versteht, auch wenn der arme, begrenzte menschliche Verstand überfordert ist. Auf diese Weise ist Gott größer als unser Herz.

Die Einsicht in die eigene „Armut vor Gott“

Um dahin zu kommen, muss man zuerst einsehen, dass man „von geringer Bedeutung“ ist (Hiob 40:3, 4). Auch ich muss einsehen, dass ich furchtbar arm vor Gott bin! (Mat. 5:3) Erst wenn mir diese Armut, die ja auch eine Armut im Verständnis und in den Möglichkeiten ist, begriffen habe, dann erst habe ich auch begriffen, dass ich Gott wirklich brauche, dass ich ohne ihn nicht sinnvoll als Mensch leben kann, dass ich ohne ihn nicht wahrhaft glücklich sein kann.

Als Mensch bin ich das Ergebnis einer wunderbaren Idee Gottes, aber so beschaffen, dass ich nur mit Gott leben kann. Ich muss an Gottes Hand gehen. Meine menschlichen Möglichkeiten entfalten sich erst richtig unter der Liebe Gottes. Unter dem Einfluss seiner Weisheit kann ich leben und lieben lernen. Darum ist ER der Vater seiner irdischen Kinder.

Ich will auch die Tatsache anerkennen, dass Gottes Gedanken tatsächlich höher sind als die der Menschen (Jes. 55:8-11). Bin ich deshalb enttäuscht? Nein, ich bin es nicht! Denn ich habe auch verstanden, dass ich in Gottes Gedanken einen Platz gefunden habe. Ich fühle mich willkommen geheißen und beachtet; das ist jedenfalls meine eigene Erfahrung. Aus dieser Erfahrung mit Gott kommt dann auch das Vertrauen. Und ich sage mir: „Du darfst vertrauen, auch wenn du nicht alles verstehst!“

Habakuk musste auf Gott warten

Ich komme zurück zu Habakuk. Als er Gottes Willen vernommen hatte, beschloss er vertrauensvoll auf Gott zu warten:

„Nun warte ich auf den Tag der Bedrängnis… Zwar blüht der Feigenbaum nicht, der Weinstock bringt keinen Ertrag, der Ölbaum hat keine Oliven, die Kornfelder keine Frucht …. Dennoch will ich jubeln über Jehowah, will mich freuen über den Gott meines Heils.“ (Hab. 3:16-18)

Auch wenn die Lage hoffnungslos erscheint, wenn weder ‚Feigenbaum noch Weinstock‘ Ertrag liefern, bleibt mein Vater im Himmel dennoch der Gott meiner Rettung! Und ich bin sein Kind und will es bleiben! Die drängende Frage nach dem Zeitpunkt für Gottes Gericht bleibt, und meine Geduld wird auf die Probe gestellt. Aber es wurde schon den Aposteln gesagt: „Ihr müsst das nicht wissen“.

Am Ende wird es so sein: Mein Vater im Himmel wird tun, was für mich gut ist! Und ich darf auf ihn warten! Ich muss daran denken, dass Verheißungen durch Geduld erlangt werden. Bis dahin will ich ganz bewusst das tun, was andere auch gemacht haben:

„Auf, meine Seele, lobe Jehowah, und vergiss es nie, was er für dich tat. Er vergibt dir all deine Schuld. Er ist es, der all deine Krankheiten heilt, der dein Leben vom Verderben erlöst, der mit Gutem dein Alter sättigt und wie beim Adler dein Jungsein wieder erschafft.“ (Ps. 103:2-5)

Meine Hoffnung

Worauf hoffe ich? Auf keinen Fall hoffe ich darauf, dass der Mensch seinen wahnsinnigen Lauf in den Untergang von sich aus beendet. Wir haben alle dieselbe geschichtliche Erfahrung, die eine Hoffnung auf die Macht und den guten Willen des Menschen zu Asche werden lässt: Wer die  Probleme der Vergangenheit nicht gelöst hat, wird auch bei den heutigen lebensbedrohenden Gefahren versagen. Wer in der Vergangenheit ohne Einsicht und Verantwortungsgefühl gehandelt hat, wird es auch in Zukunft nicht anders machen. Man wird versagen, weil man sich einbildet, ohne Moral, ohne Sittlichkeit, ohne Liebe zum Menschen, ohne jede höhere Verantwortung zum Ziel zu kommen. Und das politische Tagesgeschäft wird das bestätigen. Nein, mit solchen Menschen wird eine Änderung zum Guten nicht möglich sein!

Mir bleibt dann nur die eine Hoffnung: Gott, mein Vater im Himmel, wird sein Wort halten! Ich glaube fest daran, dass sich Gottes Wort erfüllen wird, wie es sich immer erfüllt hat. Die Geschichte der Menschheit ist der Beweis dafür, dass sich Gottes Wort immer erfüllt hat! Im Gegensatz zu den auf falschem Fundament ruhenden Hoffnungen der Menschen auf Glück, Frieden, Freiheit und Wohlstand, hat sich Gottes Wort erfüllt. Unsere Geschichte ist die eines grandiosen Scheiterns; es ist die ‚Krankengeschichte eines Irren‘ (Gottfried Benn). Aber unbeirrt wird die Menschheit weiter versuchen, ohne die Weisheit Gottes, ohne diese „Lebensversicherung“, ihre eigenen Ziele zu erreichen. Alle Fehlschläge und Katastrophen werden nicht zur Einsicht führen. Wie ein süchtiger Spieler, der schon alles verloren hat, wird man weiter versuchen, doch noch zu gewinnen. Man wird auch in der Zukunft eher auf menschliche Glücksverheißungen hören, als auf die Weisheit Gottes. Die Menschheit scheint beratungsresistent zu sein. Soweit meine Feststellung!

Zusammen mit anderen Menschen, die sich auch aus diesem Irrsinn zurückgezogen haben, hoffe ich fest darauf, dass Gott das Böse in jeglicher Form beseitigen wird. Unsere Hoffnung stützt sich „nur“ auf die Bibel, aber für uns ist es das feste und sichere Wort des Schöpfers. Es ist das Wort der Hoffnung. Und diese Hoffnung sagt uns auch, dass wir einen „neuen Geist und ein neues Herz bekommen werden“ (Hes. 36:25-27). Und dann endlich wird ein altes Bild seine wahre Bedeutung bekommen:

„Das Zelt Gottes wird bei den Menschen sein! Er wird unter ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein. Jede Träne wird er von ihren Augen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und auch keine Traurigkeit, keine Klage, keinen Schmerz. Was früher war, ist für immer vorbei!“ (Offb. 21:3, 4)

Und für mich ist es dann nur noch wichtig, nicht an Gottes Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Mir ist bewusst, wie leicht das geschehen kann: Als Johannes der Täufer von Herodes ins Gefängnis gesperrt worden war, weil der Prophet dem König seine Sünde offen ins Gesicht gesagt hatte, schickte er zwei Männer zu Jesus, die ihn fragen sollten, ob er der erwartete Messias sei. Dem Propheten waren Zweifel gekommen, denn auch er wartete auf das Friedensreich des Messias. Die Antwort Jesu ist positiv, aber er hängt noch eine Warnung an seine Aussage: „Und glücklich ist der zu nennen, der nicht an mir irre wird“. 

Die Königsdisziplin

Was uns groß macht: Barmherzigkeit

Eine der ergreifendsten Eigenschaften des Menschen ist die Barmherzigkeit. Sie ist die Königsdisziplin der Liebe und damit des Christseins überhaupt. Mit ihr steht oder fällt das eigentlich Menschliche. Das deutsche Wort Barmherzigkeit leitet sich aus dem Althochdeutschen ab und bedeutet “ein Herz für die Armen zu haben”. Sie ist etwas anderes als Mitleid, das ein Gefühl ist, während Barmherzigkeit mehr eine starke, innere Betroffenheit ist, die sich aktiv in deiner entsprechenden Hilfeleistung äußert. Sie richtet sich ganz auf das Wohl dessen, der Barmherzigkeit braucht. Sie kann nicht unbeteiligt und gleichgültig am Nächsten vorübergehen, wie es Priester und Levit im Gleichnis vom barmherzigen Samariter getan haben. Barmherzige Menschen werden vom Herzen her dazu gedrängt, anderen Hilfe zu leisten. Es ist Teil ihres Wesens geworden. 

Der Barmherzige weiß, dass er selbst Barmherzigkeit braucht. Er braucht sie zuerst von seinem Schöpfer, weil er ohne Gott nicht leben will und kann. Und er braucht  die Vergebung seiner Schuld. Der Stolze und Herzlose wird es kaum einsehen. Er ist von sich zu sehr überzeugt und meint zu oft, dass alle anderen Sünder sind, nur er nicht. Diese Haltung ist oft unter denen verbreitet, die einer Kirche angehören, die sehr viel Wert auf “Rechtgläubigkeit” legt. Hier wird eine Haltung gezüchtet, die dazu erzieht, über andere schlecht zu denken und hart über sie zu urteilen. Es ist der Stolz der angeblich Guten. 

Die Pharisäer waren solche Menschen. Das brachte Jesus durch ein kleines Gleichnis zum Ausdruck, als er zwei Männer beschrieb, die im Tempel waren, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer, der andere ein Steuereinnehmer, der in der jüdischen Bevölkerung einen sehr schlechten Ruf hatte. Der Pharisäer bedankte sich bei Gott dafür, dass er nicht so war, wie die anderen Menschen, wie die Räuber, Ehebrecher und Betrüger – oder wie der Steuereinnehmer, der in seiner Nähe war.  Der Steuereinnehmer aber wagte nicht einmal, sein Gesicht zu erheben und sagte nur: “Gott! Sei mir gnädig! Ich bin ein Sünder.“ Und Jesus schloss dieses Gleichnis mit den Worten: “Dieser Mann wurde von Gott für unschuldig erklärt, der anderen nicht.” (Luk. 18:10-14)

Für die Pharisäer waren einfache Menschen, die keine besondere “theologische” Bildung hatten und den einfachen, schlichten und ehrlichen Glauben an Gott lebten, ohne viel Aufhebens davon zu machen, nur “verfluchte Leute”. Und ich deutete es schon an, dass auch andere Religionen solche schlimmen Blüten treiben. Dabei muss auch die Frage erlaubt sein, ob hier eine wesentliche Ursache für den schlimmen Zustand dieser Welt liegt.  

Und weil diese Menschen so ohne Barmherzigkeit waren, hat Jesus sie hart verurteilt, wenn er sie als “Schlangenbrut”, als Kinder des Teufels,  bezeichnet hat, auf die eine Verurteilung zum ewigen Tod wartet.

“Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch gemessen werden!” (Mat. 7:2) Das war eine deutliche Warnung dessen, der einmal als Richter über die Menschen amten wird. “Denn das Gericht wird erbarmungslos mit dem verfahren, der kein Erbarmen gezeigt hat.” (Jak. 2:13) Das bedeutet, dass nur der Mensch Barmherzigkeit erwarten darf, der selbst barmherzig war!

“Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer” (Hos. 6:6)

Das hat Jesus mehrmals seinen Zuhörern gesagt, besonders den Pharisäern, die stolz darauf waren, das Gesetz Gottes in ihrem Leben anzuwenden. Dabei muss gesagt werden, dass es sich bei ihrer Art der Gerechtigkeit nicht um die Gottes handelte, sondern um Menschengebote, durch die das göttliche Gesetz verfälscht worden ist. Natürlich haben sie im Tempel ihre Opfer gebracht und lange Gebete gesprochen, aber ohne Barmherzigkeit war es sinnlos! Darum hat Jesus den Propheten Hosea zitiert und gesagt: “Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer!” Damit war Gottes Haltung deutlich zum Ausdruck gebracht worden, aber die Unbarmherzigen versuchten danach, den Messias umzubringen. Gerwalt war ihre beliebte Antwort auf die Wahrheit, der sie nichts entgegensetzen konnten.

Die göttliche Barmherzigkeit ist eine Gnade!

Die Barmherzigkeit Gottes ist eine Gnade, ein Geschenk an Sünder, das dazu führen soll, Gottes Gerechtigkeit und seine Heiligkeit zu suchen und auszuleben. Barmherzigkeit soll wie ein segensreicher Regen sein, der die Frucht des göttlichen Geistes, also alles Gute, im Menschen wachsen lässt. Darin will ich Grund und Zweck der Barmherzigkeit Gottes sehen. Und ich betone ausdrücklich, dass Gottes Barmherzigkeit das Gute für mich will! Damit will mich Gott zur Gerechtigkeit, zum Frieden, zur Wahrhaftigkeit und zur Gottesfurcht führen. Damit ist Barmherzigkeit viel, viel mehr, als nur von der Strafe für Sünden abzusehen. Sie ist eigentlich der Weg zur Befreiung aus unserer Verstrickung  in Sünde und Tod. 

Das Grundproblem des Apostels Paulus (Römer 7:14-25)

Im Brief an die Römer kommt der Apostel Paulus auf sein eigenes Problem zu sprechen, und wir merken rasch, dass es auch unser Problem ist. Deutlich sagt der Apostel von sich, dass er nicht immer das tut, was gerecht und gut ist, sondern das, was schlecht ist. Und er stellt fest, dass in ihm das “Gesetz der Sünde” wirkt, dass er das tut, was er eigentlich nicht will. Mit dem Herzen beschreibt er sich als einen Sklaven der Gerechtigkeit, aber sein Körper ist ein Sklave der Sünde. Und er stellt die Frage, wer ihn aus diesem Dilemma befreien könnte. Seine Antwort ist klar: Das kann nur Gott durch das Opfer Jesu. Und damit sagt er auch klar, dass er die Barmherzigkeit unbedingt brauchte, um Frieden mit Gott zu haben, um vom Tod befreit zu werden und durch Liebe ein glückliches Leben führen zu können. Und nur die Barmherzigkeit Gottes hat ihm diese Gnadengabe zugänglich gemacht!

Viele andere Menschen werden diese Erfahrung auch gemacht haben. Im Buch Hiob wird ein Sünder beschrieben, der durch seine bösen Taten an den Rand des Grabes gebracht worden ist. Als er durch seine Leiden und durch die Gewissensqual zur Besinnung kam, wurde  ein “Lösegeld” für ihn gefunden: 

“Dann fleht er zu Gott, und dieser nimmt ihn gnädig an; er darf sein Angesicht mit Jubel schauen, und dieser gibt dem Menschen seine Gerechtigkeit wieder.” (Hiob 33:26)

Dann jubelt er und sagt: 

“Ich hatte gesündigt und das Recht verdreht, und er hat es mir nicht vergolten. Er hat mich erlöst vor dem Abstieg ins Grab, und mein Leben schaut das Licht. Ja, das alles tut Gott zwei- und dreimal mit dem Mann, um sein Leben vom Grab abzuwenden, dass das Licht des Lebens ihm leuchte.” (Hiob 33:27-30)

Verlorene Söhne und Töchter (Luk. 15:11-24)

Was empfindet ein Mensch, dem es so geht, wie dem verlorenen Sohn aus Jesu Gleichnis? Der verlorene Sohn hat grob gegen den Himmel und seinen Vater gesündigt. Als ihm das deutlich vor Augen stand, schämte er sich und wollte nur noch ein Lohnarbeiter bei seinem Vater sein: “Vater, ich habe gegen dich und den Himmel gesündigt. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Lass mich wie einer deiner Lohnarbeiter bei dir sein.” Und dieser Sohn findet Barmherzigkeit als Hilfe für ein besseres Leben und als Beweis der Liebe seines Vaters! Und nach diesem Muster finden immer noch Menschen, verlorene Söhne und Töchter, zu ihrem Ursprung zurück!

Das alles tut der Allmächtige heute noch durch Jesus Christus, und glücklich darf  sein, wer dies an sich erleben kann! Der größte Akt der göttlichen Barmherzigkeit liegt noch vor uns: Die Auferstehung von den Toten, wenn sich das Versprechen Gottes erfüllt und der Tod “für immer verschlungen” sein wird!

Trost

Ich beginne mit einem Seufzer: “Ach, Andrea! Was du mir mitgeteilt hast, fällt auf ein trauriges, altes Herz, das deinen Schmerz mitempfindet. Seit meiner Kindheit leide ich am Leben. In einem Gedicht schrieb ich: “Durch alle Alter geschritten, als Kind, als Mann, als Greis. Und immer am Leben gelitten, ward mir die Welt zu Eis.” Zur Zeit ist auch bei mir wieder die Hilflosigkeit, die Resignation und das Leiden am Leben in den Vordergrund getreten. 

Und nun lese ich deine traurigen Worte und denke: “Jetzt musst du dich und Andrea trösten”. Und ich hoffe, dass ich mich schreibend wieder frei kämpfen kann. Wenn düstere Gedanken den ganzen Tag durch das Bewusstsein ziehen, dann bleibt mir nur der Weg zu den Gedanken Gottes. Wie oft habe ich in den Psalmen die Wörter “Tränen”, “Verzweiflung”, “Schreien”, „Stöhnen“ und “Weinen” gefunden? Es ist unübersehbar, dass alle Schreiber am Leben gelitten haben. Und wo ließen sie ihre Klagen hörbar werden? Bei Gott! Auch wir haben keine andere Zuflucht, keinen anderen Helfer und Retter. Und darum gehe ich in meinen Gedanken immer zurück, um mich deutlich daran zu erinnern, dass ich nie allein gelassen worden bin. Auch wenn ich es nicht immer sofort wahrgenommen habe, war ich unter Gottes Schutz. 

Im Laufe der Zeit lernte ich, dass Glauben an Gott tatsächlich mit Leiden und Schmerzen verbunden ist. Und das hat unterschiedliche Ursachen. Man kann am Leben leiden, weil man die Verhältnisse in der Welt sieht, und das tut einfach weh. Man kann leiden, weil man für seine Sünden bestraft wird, weil Gott in seiner Erziehung zur Gerechtigkeit keine Straffreiheit gewährt (2. Mose 34:6, 7). Das habe ich alles erlebt. Man kann aber auch leiden, weil man auf die Probe gestellt wird. Und auch dabei wird man Wichtiges über sich und Gott lernen. Das war bei Jesus der Fall. Sein Sterben war so grausam und schmerzhaft, dass er Blut schwitzte! Und doch kamen Engel und stärkten ihn, ohne ihn aus der Prüfung zu befreien. Und dann lesen wir bei Paulus, dass Gott ihn durch Leiden vollkommen machte. Ich weiß nicht, was bei Jesus noch vervollständigt werden musste, aber er hat Paulus zu dieser Aussage inspiriert. (Ich muss über diese Sache noch ausführlich nachdenken.) In diesem Zusammenhang will ich auch an Hiob denken, der in seinem Leid fast an Gott irre wurde. Er verstand Gott nicht. Auf dem Höhepunkt seines Leidens sagte er:

“Doch ich weiß, dass mein Erlöser lebt, er steht am Schluss über dem Tod. Nachdem man meine Haut so sehr zerschunden hat, werde ich auch ohne mein Fleisch Gott schauen. Ihn selbst werde ich sehen, ja, meine Augen schauen ihn an; er wird kein Fremder für mich sein. Ich sehne mich von Herzen danach.” (Hiob 19:25-27)

Ich kämpfe darum, dass mich dieses Vertrauen nie verlässt!  In Gedanken zitiere ich mir oft einen Text aus dem Psalm 73: “Auch wenn ich Leib und Leben verliere, bleibt Gott doch mein Anteil für immer!”. 

Und nun bete ich darum, dass wir beschützt und verstanden werden, dass unser Vater im Himmel auf uns schaut und handelt, dass er uns im Leiden beisteht – wenn er es auch nicht sofort beseitigt.

“Schau nicht ängstlich nach Hilfe aus, denn ich, dein Gott, stehe dir bei! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark und ich helfe dir! Ich halte dich mit meiner rechten und gerechten Hand.” 

MIt solchen Gedanken versuche ich mich selbst immer wieder “einzunorden”. Hoffentlich konnte ich dir damit ein wenig helfen. Lass dich durch Gottes Geist und Liebe stärken!

Und nun wünsche ich dir eine friedliche Nacht!

Gottesfurcht

Ich liebe das Meer – und ich fürchte es auch. Ich liebe das Gebirge – und ich fürchte es auch. Und so könnte ich fortfahren und viele Werke des Schöpfers aufzählen, die heute, wo ich ein alter Mann geworden bin, ein zwiespältiges Gefühl im Hinblick auf den Schöpfer wecken: Einerseits liebe ich Gott und andererseits fürchte ich ihn. Wie passt das zusammen? Im ersten Gebot, das Jesus Christus für das wesentlichste hielt, heißt es, dass ein Mensch Gott mit ganzer Seele und ganzer Kraft lieben soll. Und dann ist mir auch klar, dass ich Gott auch fürchten muss, denn mit der Gottesfurcht beginnt gemäß der Bibel das Erkennen Gottes und die Weisheit. 

Ich fürchte also Gott und ich fürchte auch Naturgewalten. Wo ist der Unterschied in der Furcht? Ein Sturm, ein Bergsturz oder ein Erdbeben nehmen auf nichts und niemanden Rücksicht. Blind und zerstörend wirken sie, ohne Rücksicht auf den Menschen zu nehmen. Im Gegensatz dazu ist Gottes Wirken nicht blind. Denn im  Handeln Gottes mit dem Menschen ist die Liebe des himmlischen Vaters zu erkennen. Hier stehen sich Mensch und Schöpfer gegenüber: der Vater und sein Kind. Und dieses Verhältnis soll für den Menschen auch mit Respekt verbunden sein, wie es einem Vater gebührt. 

Nimmt man die Summe der biblischen Aussagen zum Thema Respekt, dann erkennt man deutlich, dass mit Respekt oder Gottesfurcht die tiefe Beziehung zwischen Gott und Mensch erst beginnt, ja, dass Respekt die Voraussetzung für diese Beziehung ist und sie regelt. Im Text aus dem Buch “Sprüche” im zweiten Kapitel, Verse 1 bis 11 wird der Mensch aufgefordert, Weisheit zu suchen, um Gott zu erkennen und die Gottesfurcht zu begreifen. Denn Gott gibt Weisheit, Verständnis und EINSICHT. Dadurch öffnet er das Bewusstsein des Menschen für das gewaltige Wunder des Lebens. Und damit lässt er den Menschen begreifen, dass daraus das Glück wächst. Im zweiten Kapitel der “Sprüche” kommt deutlich Gottes Wunsch zum Ausdruck: Seine Gerechtigkeit soll den inneren Menschen beherrschen, denn das ist das eigentliche Leben! Und noch etwas hat sich in meinen Gedanken verfestigt: Ich weiß, dass mein Vater im Himmel mein Leben ist! Und ohne Achtung, Respekt und Liebe kann ich nicht mit ihm verbunden sein!

Respekt: Eine Metapher

Man trägt eine kostbare Vase, die unersetzlich ist. Wie würde man diese Vase tragen? Man braucht nicht viel Fantasie, um zu wissen, dass man äußerst vorsichtig und behutsam mit dieser Kostbarkeit umgehen muss. Man wird sich des hohen Wertes bewusst und wird das Gefäß vorsichtig, achtsam und vorausschauend tragen. Mit diesem Bild wurde in einem biblischen Wörterbuch die Gottesfurcht oder der Respekt vor Gott beschrieben. So sollte man mit dem Höchsten umgehen, so sollte man ihm begegnen! 

Im Gegensatz dazu ist es bei manchen Leuten üblich geworden, den allmächtigen und ewigen Herrscher, den unbeschreibbaren und unfassbaren Gott auf die Stufe eines privaten Kumpels herabzuziehen. Dadurch wird er als Dienstbote, als Wunscherfüller, als Unterstützer für private Geschäfte missbraucht. Das ist dann im Ergebnis Gotteslästerung. 

Wie lernt man Gottesfurcht?

“Ja, wenn du um Verstand betest und um  Einsicht flehst, 

wenn du sie suchst wie Silber, ihnen nachspürst wie einem wertvollen Schatz, 

dann wirst du die Ehrfurcht begreifen, die man vor Gott haben muss, 

und wirst anfangen, Gott zu erkennen.“ (Spr. 2:3-5)

Die Gottesfurcht ist also das Ergebnis eines Denkprozesses: Er wird angestoßen durch die Sehnsucht nach Gott und beginnt mit der Einsicht, dass man Gott braucht und dass ein sinnvolles, zielführendes Leben nur dann möglich ist, wenn Gott uns anleitet und unser gutes Streben fördert. Die Bibel benutzt auch die Formel, dass “Gott das Herz berührt”. Damit ist gemeint, dass herzliche, liebevolle Gefühle zu fließen beginnen. In diesem Prozess der Bewusstwerdung Gottes und dem Entstehen der Ehrfurcht vor ihm spielen also auch die Gefühle eine Rolle. Es ist der ganze Mensch eingebunden. So ist Gottesfurcht keine verstandesmäßige Fleißaufgabe, die durch Rituale ausgedrückt wird. Es ist eine Sache des inneren Menschen, eine Angelegenheit des Herzens und Ausdruck eines sinnvollen Lebens. 
Es gab und gibt immer wieder Menschen, die nach einer Irrfahrt im Leben plötzlich bemerkten, dass ihnen etwas Wichtiges fehlte. Entweder tauchte die Frage nach dem Sinn des Lebens auf oder sie stellten fest, dass sie vergessen oder verlernt hatten zu lieben. Dann kann es sein, dass man nach Gott fragt und ihn im Sinne der Aufforderung im Buch der Sprüche um Verständnis und Einsicht bittet. Ist dieses Verlangen ehrlich gemeint, dann wird Gott es stillen. Und dann kann es sein, dass Gott uns als Kind annimmt, als ein Kind, das in Ehrfurcht vor ihm steht.

Schweigen vor Gott

“In meiner Not suche ich den Herrn,

nachts strecke ich meine Hand nach ihm aus

und lasse ihn nicht los.

Ich bin untröstlich.

Denke ich an Gott, so stöhne ich,

sinne ich über ihn nach, verliere ich den Mut.”

(Psalm 77:3, 4)

In den Psalmen erscheint hin und wieder der Gedanke, dass Gott dem Betenden so weit weg erscheint, als hätte er sich abgewandt. Ein Gefühl des Verlassenseins überfällt den Betenden. Wenn ich jetzt darüber schreibe, wie ich dieses Gefühl kennengelernt habe, dann soll auch dies eine Antwort auf die  Frage sein, wie sich Glaube anfühlt.

Die Majestät Gottes macht mich still

Schon lange denke  ich über die Majestät des Schöpfers nach. Und ich muss immer wieder feststellen, dass seine Größe für mich weder fassbar, noch zu beschreiben ist. Meine Sprache ist auch der Ausdruck meiner menschlichen Beschränkung; sie ist unscharf und kann nur mit Ausdrücken umgehen, die meinem Horizont entsprechen. Meine Sprache zeigt die Begrenztheit meiner Welt, meiner Sicht auf sie und meine Unfähigkeit, den Horizont zu überschreiten. Ich bin gefangen im Sein und begrenzt im Ich. Dagegen ist Gott, der allmächtige Schöpfer, so überragend wie die Sonne gegenüber meiner kleinen ‘Kerze’. Diese Einsicht kann dazu führen, dass man sich unwürdig und bedeutungslos fühlt. Dazu kommt dann noch die Einsicht in die eigene Sündhaftigkeit. Auch sie kann kleinlaut machen und den Mut rauben, überhaupt zu Gott zu beten. 

Daher ist mein Gebet manchmal nur ein Stammeln, Seufzen und Flüstern. Denn was soll ich noch meinem Vater sagen, der alle meine Gedanken und Gefühle kennt? Was soll ich reden, wenn ich mich als unbedeutend empfinde und mich in gewisser Weise schäme? Am deutlichsten kann ich danken, danken und immer wieder danken. Ich fühle mich als armer, alter Mann, der nur noch den einen Wunsch hat: “O Gott, sei mir, einem Sünder, gnädig!” 

“Denke ich über dich nach, verliere ich den Mut.” 

Ich hatte kurz den Mut verloren und wusste mit meinen Gedanken über Gott nicht richtig umzugehen. Ich war niedergeschlagen und zerrissen. Ich war traurig und stumm und hatte nicht mehr den Mut, meine Augen zum Höchsten zu erheben. Nachdem Asaf auch dort angekommen war, sagte er: “Ich bin verstört und kann nicht reden.” Er beließ es aber nicht dabei, sondern begann sich an frühere Zeiten zu erinnern, wo er fröhlich vor Gott war. Und als er in diese Richtung über Gott nachdachte, bekam er wieder sicheren Boden unter seine Füße. Er musste feststellen, dass Gott in seinem Handeln heilig ist und seine Wunder an den Menschen vollbringt. Asaph fasste wieder Mut, weil sich Gott in der Vergangenheit als ein Gott voller Barmherzigkeit und Liebe erwiesen hatte. War es in meinem Leben anders? 

Nachdenken über mich selbst nahm mir den Mut

Wenn einem im Leben so manches gut gelingt, kann man sich allzu leicht daran gewöhnen und beginnen, es sich selbst zuzuschreiben. Man ist stolz auf sich. Und dann kann es passieren, dass eines Tages die Einsicht reift, dass man sich zu viel eingebildet hat. Man hat auf die eigene Kraft vertraut und auf das eigene Wissen. Plötzlich steht man vor irgendeinem Problem. das man eben nicht lösen kann, dass einen schlicht unlösbar scheint und einem deutlich zeigt, wie begrenzt und machtlos man ist. Dann wird alle Einbildung zu Asche.  Plötzlich weiß man, wer man ist. 

Die Nähe zu Gott ist keine Selbstverständlichkeit 

Auf meinem Weg durch das Leben mache ich immer wieder neue und auch befremdende Erfahrungen. Darüber bin ich nicht traurig, im Gegenteil, ich werde bereichert, wenn ich sie machen darf und darüber konsequent und mit dem Wort Gottes vor Augen nachdenke. Denn Glaube bedeutet für mich die ständige und selbstkritische Auseinandersetzung damit, weil das Leben so wechselhaft ist und sich jeder dabei verändert. Wenn ich alte Bekannte treffe, frage ich manchmal: “Was macht die Zeit aus uns?” Aber zuerst stelle ich diese Frage mir selbst, weil ich mit Verantwortung vor Gott leben möchte. 

Als Moses und Aaron sich bei Meriba im Ton vergriffen und sich selbst in den Vordergrund rückten, mussten sie erleben, wie Gott reagierte. Sie hatten für einen Moment den Gedanken, genau wie Gott handeln zu können, als sie Wasser aus dem Felsen sprudeln ließen. Dieses Vertrauen auf die eigene Fähigkeit wird von Jakobus kritisiert, und es ist gotteslästerlich (Jak. 4:13-16). Auch wenn ein Vorhaben dem eigenen Willen entspringt, ist doch die Kraft, die Fähigkeit und alles, was zur Tat führt, auf Gott zurückzuführen. Der Psalm 127:1 drückt es gut aus: “Wenn Jehowah das Haus nicht baut, ist es umsonst, wenn die Bauleute hart daran gearbeitet haben.” Deshalb sollte ich sagen: “Wenn Jehowah will, werde ich dies oder jenes tun.” Wer das sagen kann, bringt zum Ausdruck, dass er im Sinne Gottes leben und handeln will. So anerkennt man die Majestät Gottes! So hat Jesus es mir vorgelebt (Joh. 5:19, 30). Er lebt und handelt bis heute in vollkommener Harmonie mit seinem Vater! Das ist Gottverbundenheit! An dieser Stelle musste ich innehalten und über mich nachdenken. Und das war mit ein Grund für mein Stillwerden vor Gott, denn ich hatte auch dadurch den Mut verloren, weil ich  von mir enttäuscht war und mich schämte.

Dabei aber will ich es nicht bewenden lassen und in Schweigen verfallen. Ich will mir deutlich machen, dass ich doch einen gewissen Wert bei Gott habe. Mein Leben in einer Welt wie dieser und mein Älterwerden, verbunden mit Zerfall und Krankheiten, erfordert  Mut. Und diesen Mut habe ich nur, wenn ich eng mit Gott und seinem Sohn verbunden bin. Ich darf mutig sein, wenn ich ganz auf Gott vertraue. wenn ich mit dem Vertrauen alle Ängste und Befürchtungen besiege und immer vor Augen habe, dass Gott treu ist. Ich muss mich eigentlich nicht so unbedeutend fühlen, dass mir jeder Mut vergeht, denn ich durfte ja ein Kind Gottes werden. Und was gibt es Größeres für mich? Nein, unwichtig und bedeutungslos ist kein Kind Gottes. Im Gegenteil, sie sind der Mittelpunkt des Interesses Gottes auf dieser Erde! Was auch geschieht, es vollzieht sich die Geschichte so, wie sie prophezeit worden ist und Gott hat durch Jesus Christus seine Kinder dabei immer im Blick.

Ich frage mich, warum gläubige Menschen das Gefühl haben können, dass Gott in weite Ferne gerückt sei, wenn sie sich doch genau erinnern, dass es vorher nicht so war. Ich will hier nicht von notorischen Sündern reden, von denen Gott sich zurückzieht. Nein, ich denke an Menschen, die Gott vertrauen und sich daran gewöhnt haben, mit ihm zu “gehen”, wie es bei Asaph bestimmt der Fall war. Asaf war nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem ratlos, entwurzelt und ohne Verständnis. Warum musste das sein? Warum konnten nun andere Völker Israel verhöhnen und fragen: “Wo ist denn euer Gott?”  Er verstand Gottes Handeln erst, als er nachdachte und sich an die Heiligkeit Gottes und an sein Wort erinnerte, d. h. sich Gottes Gedanken wieder ins Bewusstsein rief.  Und so wie Asaf ging es vielen Menschen: Immer wieder wurden sie durch die veränderten Verhältnisse gezwungen, sich neu zu orientieren. Immer wieder  mussten sie für sich die Frage beantworten: Bin ich noch mit Gott verbunden, auch wenn ich sein Handeln jetzt nicht verstehe? Gehört mein Herz noch immer ihm?

Könnte es auch sein, dass unser Vater im Himmel uns von Zeit zu Zeit fühlen lassen möchte, dass seine Nähe zu uns keine Selbstverständlichkeit ist? Oder könnte es sein, dass er uns auch auf ein bestimmtes Verhalten aufmerksam machen möchte, das ihm nicht gefällt, dass er etwas sieht, was uns nicht bewusst wird und wovor er uns warnen will? Es mag verschiedene Gründe dafür geben, dass Gott sich von uns für einen Augenblick fernhält, aber immer sollte es wachrütteln und zum Nachdenken bringen. Niemals sollte mein Vertrauen in den heiligen Gott schwächer werden!

Ich bin mir sicher, dass mein zeitweiliges Schweigen von Gott verstanden wird. Denn ich darf den Text aus Römer 8:26-28 auch auf mich anwenden:

Da fällt mir noch ein, dass Jesus in seinem Sterben aus dem 22. Psalm zitiert hat: “Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen? Warum bist du so weit weg?” Das war ihm also auch nicht unbekannt geblieben, obwohl er keinen Grund hatte, sich als Sünder zu empfinden und er Gottes Größe doch erfassen konnte. Aber in der Stunde seines Todes musste er wohl ganz allein sein, um zu beweisen, dass er seinem Vater auch unter der äußersten Verlassenheit treu bleiben wollte. Vielleicht sollte man auch daran denken, wenn man anerkennend vom Opfer Jesu spricht. Dieses schrecklichste aller Gefühle hat er ertragen, weil er Gott ohne jeden Vorbehalt vertraute! Das macht Jesus in meinen Augen ganz groß und bewundernswert vorbildlich.

„In gleicher Weise nimmt sich Gott unsrer Schwachheit an, 

denn wir wissen nicht, wie man richtig beten soll.

Er tritt mit einem Seufzen für uns ein,

das man nicht in Worte fassen kann.

Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was der Geist damit sagen will,

denn der Geist tritt für die Heiligen so ein, 

wie es vor Gott angebracht ist.”

„Geh deinen Weg bis zum Ende!“

Am letzten Tag dieses Sommers ist mein alter Freund Dieter R. gestorben! Wir kannten uns über 50 Jahre, und er war mir vertraut geworden, wie es unter Freunden möglich ist. Nun wird es langsam einsam um mich – und allmählich sehe ich auch mein Ende und weiß: Das Lied ist gesungen, der letzte Ton verklungen, der Vorhang fällt. Und ich muss mich entschließen, den ersten Schritt von der Bühne zu machen? Ja, daran muss ich denken! Der überraschende Tod meines Freundes hat es mir wieder ins Bewusstsein gerückt.  Was mein Freund glaubte, glaube auch ich: Der Tod hat den Sieg nicht errungen! Er ist vom Leben, von Jesus Christus, besiegt worden.  

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“Aber du, geh deinen Weg bis zum Ende! Du wirst dich zur Ruhe legen und am Ende der Zeit auferstehen, um dein Erbe in Empfang zu nehmen.” 

(Da. 12:13)

Das sagte der Logos*, das Wort Gottes, zu Daniel! Ein langes Leben lang wurde der Prophet durch den Logos begleitet. In  vielen Situationen seines Lebens gab der ihm Einsicht, löste Geheimnisse auf und gab ihm Mut und Beistand in gefährlichen Lagen. Nach dem abschließenden Ausblick auf die Zukunft, auf die Zeit des Endes dieser Welt (Da. 11:40-12:12), fordert er den Propheten auf, seinen Weg bis zum Ende zu gehen. Und er denkt daran, was er auch zum Propheten gesagt hat: 

“Viele Menschen werden geprüft, gereinigt und geläutert werden. Die Gottlosen werden weiter gottlos handeln, aber von ihnen wird es niemand verstehen.” (12:10)

Der alte Daniel, er war schon über die achtzig hinaus, wurde durch diese Worte daran erinnert, dass nur Treue bis zum Tod bedeutet, seinen Weg zu Ende zu gehen. Es wurde ihm gesagt, dass der Tod unausweichlich ist, aber im gleichen Satz ist auch die Tatsache der Auferstehung enthalten. Das ist das Erbe, auf das auch Daniel wartete. Für ihn ging es fortan nur noch um die Frage: Wie geht man seinen Weg zu Ende? Und ich frage mich: Wie geht man ihn, wenn im Alter die Kraft nachlässt, man eine niederdrückende Müdigkeit spürt und sich nur noch nach Ruhe sehnt? 

Doch gleichgültig, wie alt man ist: Gott die Treue zu halten, ist die eigentliche Aufgabe. Hat der Prophet das nicht schon immer getan? Doch! Denn es gibt in der Gottverbundenheit keine Pause, darum lautet der Befehl: “Geh deinen Weg bis zum Ende!” In diesen Worten liegt auch ein starker Trost, denn sie beinhalten eine Verheißung auf das Erbe, das auf treue Menschen wartet. 

David wollte es wissen

Im Psalm 39 beschreibt David, wie es auf ihn wirkte, als er sich klar machen wollte, wie vergänglich er war. Als er wusste, dass er  nur ein Hauch war, sagte er:

“Wie ein Schatten geht der Mensch dahin, macht viel Lärm um Kleinigkeiten. Was habe ich da noch zu hoffen, Herr? Ich setze meine Hoffnung auf dich! Befreie mich von all meiner Schuld … 

Ich bin jetzt still, mache den Mund nicht mehr auf, denn du bist es, der alles getan hat.

Nimm diese Plage von mir, denn ich vergehe von der Wucht deiner Hand.

Mit Strafen für Schuld schlägst du den Mann, 

zerstörst seine Schönheit wie Motten das Kleid. 

Nur ein Hauch ist jeder Mensch.

Höre mein Gebet, Jehowah! Achte auf mein Schreien! Schweige nicht zu meinen Tränen!

Ich bin doch nur ein Gast bei dir, ein Fremder wie alle meine Väter. Schau von mir weg, damit ich aufatmen kann, bevor ich gehen muss und nicht mehr bin.” 

Der König war betroffen und drückte seine Bestürzung mit der Bitte aus: “Schau von mir weg, damit ich aufatmen kann”. Er wollte nicht zu oft daran denken, wie unbedeutend und wie vergänglich er eigentlich war. 

Hiskia hat es erfahren

Der König Hiskia stand noch mitten im Leben (er war ca. 40 Jahre alt), als er vom Propheten Jesaja gesagt bekam, dass er seine Krankheit nicht überleben würde. Seine Verzweiflung brachte er in einem Psalm zum Ausdruck:

“Mein Leben ist wie ein Nomadenzelt, das abgebrochen und weggetragen wird.

Wie ein Weber sein Tuch, habe ich mein Leben zu Ende gewebt.

Nun schneidet er mich vom Kettgarn los.

Noch ehe der Tag zur Nacht wird, machst du ein Ende mit mir.

Ich schrie um Hilfe bis zum Morgen,

doch wie ein Löwe zerbrach er all mein Gebein.

Noch ehe der Tag zur Nacht wird, machst du ein Ende mit mir.

Meine Stimme piepst wie eine Schwalbe, sie krächzt wie ein Kranich.

Wie Taubengurren klingt meine Klage.

Mit müden Augen starre ich nach oben. O Herr, ich bin am Ende!

Tritt du als Bürge für mich ein!

Was soll ich nun reden? Er hat getan, was er mir angekündigt hat.

Ich verbringe meine Jahre in bitterem Leid.” 

(Jes. 38:12-15)

Durch seine Krankheit und den drohenden Tod empfand Hiskia nicht nur sein eigenes Verhängnis, sondern auch die große Tragik des menschlichen Lebens im Allgemeinen. Denn der Mensch trägt ‘die ewige Zeit im Herzen’. Das ist die Sehnsucht nach Dauer, nach Ewigkeit. Und doch weiß er, dass er sterben muss, dass er Gottes Urteil nicht aufheben kann. Da dröhnt es wie ein Donnerschlag: “Am Tode führt kein Weg vorbei!” Er ist die konsequente Folge seines gefallenen Zustands. 

An Hiskias Reaktion bemerke ich die Verzweiflung. Und bin ich nicht auch in derselben Lage? Was unterscheidet mich von Daniel, David und HIskia? Im Hinblick auf den eigenen Tod gar nichts! Da wird man ganz still und schaut nach oben, auf Gott, und hat nur noch den einen Wunsch: “Tritt du als Bürge für mich ein!” Denn ich bin am Ende – und das schon von Anfang an. 

Es ist ja nicht nur das Wissen um die eigene Vergänglichkeit, was dem Leben einen ersten, oft traurigen Hintergrund gibt: Mein Gott und mein Vater hat mich in das Trauerhaus geschickt, um ‘das Herz zu bessern’ (Pre. 7:1, 2). Denn unter dem Wissen vom Tod wird alles fragwürdig, was man im Leben tun kann. Es ist und bleibt so, wie es der Prediger Salomo schrieb: Weil wir sterben müssen, ist alles nichtig und ein Haschen nach Wind, weil am Ende der Tod steht und alles, auch alles, sinnlos und leer macht! Diese Einsicht bildet die leise Hintergrundmelodie des Lebens, die, wenn ein lieber Mensch uns wegstirbt, zum dröhnenden Orgelton wird. Es ist die große Trauer, die über allem liegt, und die ich selbst in den schönsten Freuden des Lebens nur selten vergessen konnte. Der Tod erinnert mich ständig an das, was der Mensch verloren hat und wohin ich zurück will! Da werde ich demütig vor Gott, weil ich die Tragik verstehe, die unser Leben noch beherrscht. Ja, der Gedanke an den eigenen Tod treibt mich in die Arme Gottes und macht mich bereit, seine Rettung anzunehmen. 

Ich habe eine tiefe Sehnsucht nach Gott, nach seiner Gerechtigkeit und seinem gewaltigen Frieden. Ich wünsche mir für jeden das wirkliche Leben, das ihn aus einer Welt befreit, die durch ihr Tun und Denken nur den Tod verherrlicht und das Töten und Morden zum Tagesgeschäft gemacht hat, die mit Hass und Gewalt das Leben zur Hölle macht. Ich wünsche mir für alle, die die Gerechtigkeit Gottes suchen, den Frieden mit Gott und das, was daraus folgt: Das wahre Leben, diese heilige Flamme, das Wunder Gottes, das für die Ewigkeit gemacht ist! 

Im Evangelium des Lieblingsjüngers Johannes lese ich im Kapitel 5 diese Worte aus dem Mund des Logos: 

“Ja, ich versichere euch: Wer auf meine Botschaft hört und dem glaubt, 

der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben.

Auf ihn kommt keine Verurteilung mehr zu;

er hat den Schritt vom Tod zum Leben schon hinter sich.”

Das ist die Symphonie der Hoffnung! Das ist Gottes Versprechen, mit dem die Bitternis des Todes verschwindet. Auch das versuche ich mir ins Herz zu brennen, um die Melodie des Todes zu übertönen. Durch diese Zusicherung öffnet sich das gewaltige Tor zum Leben und helles Licht überstrahlt die Dunkelheit des Todes und ich sehe das messianische Morgenrot! Jesus tritt als Bürge für mich ein! Er hat den Tod besiegt – und ich bin getröstet! 

Was bedeutet es, seinen Weg bis zum Ende zu gehen? Das kann nur bedeuten, sich bis zum letzten Tag mit einem guten Gewissen ganz in Gottes Hand zu geben und alles, was geschehen mag, mit den Augen des Glaubens zu sehen und niemals im Vertrauen auf Gott und seinen Sohn wankend zu werden. Dieses Vertrauen ist mein Leben! Das ist alles, was mir dazu einfällt. Aber das Ziel erreiche ich nur mit der Kraft und der Barmherzigkeit Gottes. Darum lautet mein Gebet: 

“Bei dir, Jehowah, bin ich geborgen, da werde ich niemals enttäuscht!

Sei mir ein schützender Fels, die rettende Burg, zu der ich immer kommen kann.

Denn du bist meine Hoffnung, Jehowah, mein Herr, 

meine Zuversicht von meiner Jugend an.

Verwirf mich nicht in der Zeit des Alters, verlass mich nicht beim Schwinden meiner Kraft.” (aus Psalm 71)

  • Anmerkung zum Logos: Als der Prophet Daniel seine Botschaft erhielt, sprach ein “Mann” zu ihm in einer Vision: Da. 10:5. Dieser “Mann” gleicht in der Beschreibung auffallend dem Bild, mit dem der verherrlichte Jesus in der Offenbarung beschrieben wird: Off. 1:12-15. Im Verlauf der Prophezeiung Daniels wird noch zweimal der Hinweis auf das Aussehen des Sprechers mit dem Ausdruck “Mensch”, “vom Aussehen wie ein Mensch” bzw. “Menschensohn” (Da. 10:16, 18) beschrieben. Interessant ist auch die Aussage, dass der Sprecher Beistand vom Engel Michael erhalten hatte, während der Sprecher selbst nicht als Engel bezeichnet wird. Weil der Geist Jesu in den Propheten wirksam war (1. Pe. 1:11), neige ich dazu in Daniel 10 und die folgenden Kapitel den Logos (Jesus Christus gemäß Joh. 1:1) zu sehen. Ich gehe davon aus, dass Jesus vom Himmel aus mit Daniel in  einer Vision sprach.

Gottvertrauen ist das Leben

Jesus sagte: “Ihr müsst Vertrauen zu Gott haben!” (Mar. 11:22)

Ein römischer Offizier und Jesus

In dem kleinen Ort  Kafarnaum am Galiläischen Meer hat Jesus sein erstes Wunder gewirkt. Es folgten rasch viele weitere. Seine Reden und die Heilungen in der Synagoge lösten Bewunderung und Erstaunen aus. Die Leute merkten, dass er mit Autorität und Macht sprach, wenn er seine Worte durch die Wunder bekräftigte.  Das sprach sich unter der Bevölkerung schnell herum und davon erfuhr auch ein römischer Offizier, der in diesem Ort stationiert war. Der Offizier hatte sich schon vorher mit der jüdischen Religion beschäftigt und tiefe Sympathie dafür entwickelt: Er stiftet eine Synagoge. Als Nichtjude erwarb er sich so das Wohlwollen der Ältesten der Juden.  

Als Jesus wieder einmal in Kafarnaum war, lag ein Diener des Offiziers im Sterben. Der Offizier schickte nun eine Abordnung der älteren Männer zu Jesus mit der Bitte um Heilung des kranken Dieners. Er selbst wollte nicht zu Jesus gehen, weil er sich unwürdig fühlte. Er wollte Jesus auch nicht persönlich in sein Haus bemühen, sondern meinte, dass ein einziges Wort von Jesus ausreichen würde, um die Heilung zu bewirken. Als Jesus das hörte, war er erstaunt und sagte: 

“Ich versichere euch: Solch einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden!” Und ich sage euch:

“Aus allen Himmelsrichtungen werden Menschen kommen und  zusammen mit Abraham, Isaak und Jakob ihre Plätze im Reich der Himmel einnehmen.“

Aber die Bürger des Reiches werden hinausgeworfen in die tiefste Finsternis.

 Dort wird dann das große Weinen und Zähneknirschen anfangen.” 

(Mat. 8:10-12)

Und an den Hauptmann gerichtet sagte er:

“Was du mir zugetraut hast, soll geschehen!”

Sofort war der Diener geheilt. 

Dieser heidnische Offizier gab für alle Zeiten ein wunderbares Beispiel für die wahre Bedeutung des Vertrauens und seine Folge: Nicht die Abstammung von Abraham entscheidet über die Rettung, sondern das Vertrauen zu Gott. Und das gilt für jeden Menschen. Der Offizier war kein “Bürger des Reiches”, er stammte nicht von Abraham ab, doch er soll zu denen gehören, die schließlich in diesem Reich ihren Platz finden werden.

Die hartnäckige Witwe

In einem seiner Gleichnisse stellt uns Jesus eine Witwe vor, die in einem Rechtsstreit keinen anderen Ausweg weiß, als den ungerechten Richter durch ständige Bitten zu bezwingen, damit sie ihr Recht bekommt. Der Richter gibt nach langer Zeit nach, um seine Ruhe zu haben und verhilft der Witwe zu ihrem Recht. Und was Jesus mit diesem Gleichnis ausdrücken wollte, war nicht die Idee, dass man Gott mit vielen Worten überreden könnte, sondern dass ein Mensch durch Beharrlichkeit im Gebet sein Vertrauen zu Gott beweist. Die Witwe wusste, dass ihr nur der ungerechte Richter in ihrem Rechtsstreit helfen konnte. Diese Gewissheit veranlasste sie, ihm immer wieder in den Ohren zu liegen. Und so bin ich auch davon überzeugt, dass mein Vater im Himmel der einzige ist, der mir in den wichtigen Fragen meines Lebens wirklich helfen kann. Und das kann ich durch Beharrlichkeit im Gebet zeigen. Jesus hat das Gleichnis mit einer Frage abgeschlossen, die mich nachdenklich gemacht hat: 

“Aber wird der Menschensohn wohl solch einen Glauben auf der Erde finden, wenn er kommt?”

Es wird also schwierig mit dem Vertrauen! 

Warum? Allein schon deshalb, weil Christen wie Schafe unter Wölfen leben müssen, weil sie der Weizen zwischen Unkraut sind und sich Verhältnisse einstellen werden, die unser Denken und unsere Vorstellungskraft gewaltig übersteigen können. Es werden Verhältnisse sein, “mit denen man schwer fertig wird”! (2. Tim. 3:1-5) Die Zeit wird schwer auf alle lasten, die sich ihr Vertrauen auf Gott bewahren wollen. Und das kann bedeuten, dass ihr Vertrauen auf die Probe gestellt wird, denn sie müssen mit Verhältnissen rechnen, die es “seit Anfang der Welt noch nie gegeben hat” (Mat. 24:21). 

Vertrauen auf Gott kann ich leicht haben, wenn das Leben ohne Sorgen und Probleme abläuft. Dann kann ich leicht behaupten, Vertrauen zu haben. Aber was wird sein, wenn es nicht so sonntäglich und harmonisch läuft? Dann kann es schon sein, dass ich die Geduld verliere oder durch Sorgen zermürbt werde und unter Druck nachgebe. Dann erhebt sich die Frage, ob ich nur dann auf Gott vertraue, wenn es mir gut geht und mein Glaube nur für den Sonntag und den Sonnenschein da ist? Wie werde ich mich unter Druck verhalten? Das will nicht nur ich wissen, sondern auch Gott. Ich stehe dann vor vielen Fragen:

Warum muss ich u. U.  Schlimmes durchmachen? Warum lässt Gott es zu? Was will er damit erreichen? Wenn man diese Frage für sich beantworten will, eröffnet sich ein weites Feld. Man wird über die Tatsache nachdenken müssen, dass ich als einzelner Christ einen Kampf gegen das Böse führen soll, dass ich in diesem Kampf klar als ein Kind Gottes zu erkennen sein soll. Und man wird daran denken müssen, dass der Kampf uns stark machen soll, dass wir neue Einsichten gewinnen, die uns im Glauben voranbringen werden. Das musste sogar der Messias hinnehmen, denn er wurde durch sein Leiden dazu erzogen, zu verstehen, was Gehorsam bedeutet  (Heb. 5:8). Wenn schon der Menschensohn auf die Probe gestellt wurde, dann muss ich doch dasselbe für mich erwarten. Und blicke ich zurück, dann kann ich sagen, dass durch Schwierigkeiten, die ich im Vertrauen auf Gott überstanden habe, mein Vertrauen auch gewachsen ist. Über den Weg dahin sollte ich nicht traurig sein! 

Vertrauen ist das Lebensblut einer guten Beziehung

In allen menschlichen Verhältnissen ist Vertrauen die Grundlage und das Lebensblut einer guten Beziehung. Ohne Vertrauen herrscht Misstrauen. Und Misstrauen ist keine Basis für ein harmonisches Miteinander. Vertrauen beruht auf der Überzeugung, dass der Empfänger des Vertrauens in moralischer Hinsicht tadellos ist, dass man sich auf seine Worte und Handlungen immer verlassen kann und dass man kein Unrecht zu befürchten hat. Dieses Vertrauen muss erworben werden. Es wird durch Erfahrung erworben, es wächst im Laufe der Zeit. Je mehr positive Erfahrung das Vertrauen nährt, desto stärker wird es. Das gilt erst recht für unser Verhältnis zu Gott! 

Er fordert seine Kinder dazu auf, ihn auf die Probe zu stellen. Ja, er lädt sie ein, Vertrauen zu erwerben, und bittet sie, ihm ihr Herz zu geben. indem sie mit ihm “gehen”, d. h. ihn in ihr Leben mit hineinnehmen. Das kann bedeuten, in allen Dingen des Lebens Gott mit einzubeziehen. Es bedeutet, ständig zu ihm zu sprechen, seinen Rat zu suchen und sein Wort zu respektieren. Es bedeutet, mit einer ganz hohen Verantwortung vor ihm zu leben. Das nennt die Bibel Gottesfurcht. Ich werde dann Erfahrungen mit meinem himmlischen Vater machen, die durch kein Theologiestudium ersetzt werden, denn das ist dann kein leeres, unverbindliches Wissen, sondern eine gewachsene, lebendige Erfahrung mit meinem Vater. Dann kann ich meinen Vater im Himmel an seinen eigenen Worten messen und immer wieder durch Erfahrung feststellen, dass er ein Gott ist, der “tatkräftig hilft” (Ps. 68.21). Auf diese Weise gewinnen auch Kleingläubige Vertrauen.

Wer so mit Gott lebt, wird bald davon überzeugt sein, dass Gott über jeden Zweifel erhaben ist, wenn es um das kindliche Vertrauen geht, das ihm ein kleiner Mensch entgegenbringt. Es wird das in ihn gesetzte Vertrauen niemals enttäuschen! Darum hat unser Vater im Himmel auch nicht weniger verdient als dieses volle Vertrauen. Nur auf diese Weise kann ich – so war mein Gedanke – mein Glaubensleben mit Sinn und Inhalt füllen. Alles andere wäre Selbstbetrug. 

Kleingläubige Jünger lernen Vertrauen

Es war spät geworden und Jesus musste noch auf die andere Seite des Galiläischen Meeres. So bestiegen er und seine Jünger ein Boot und fuhren über den großen See. Weil Jesus müde war, legte er sich im Heck des Bootes auf ein Kissen und schlief ein. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los. Die Wellen schlugen ins Boot, füllten es fast mit Wasser und das Boot drohte zu sinken. Die aufgeregten und verängstigten Jünger weckten ihren Lehrer. Der erwachte, sah die Gefahr und wirkte ein Wunder: Sturm und Meer beruhigten sich und die Gefahr war vorüber. 

“Warum habt ihr solche Angst?”, fragte Jesus. “Habt ihr immer noch kein Vertrauen (Glauben)?” Da wurden sie erst recht von Furcht gepackt und flüsterten einander zu: “Wer ist das nur, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?” 

(Mar. 4.40, 41)

Nach dieser Lektion, denke ich, waren sie überzeugt, dass man Jesus vertrauen durfte! Und hier erinnere ich mich an Petrus, der auch wie Jesus auf dem Wasser laufen wollte, aber einsank, weil er Angst bekam, als er auf den Sturm und die Gewitterwolken schaute. Und was sagte der Meister? “Warum hast du dem Zweifel Raum gegeben, Kleingläubiger?“ 

Vertrauen verträgt sich nicht mit Zweifeln 

Jakobus schrieb:

“Doch wenn er seine Bitte vorbringt, soll er das mit Gottvertrauen tun und sich nicht Zweifeln hingeben. Ein Zweifler ist nämlich wie eine vom Wind gepeitschte, hin und her wogende Meereswelle. Ein solcher Mensch kann nicht erwarten, etwas vom Herrn zu empfangen. Er ist in sich gespalten und unbeständig in allem, was er tut.” (Jak.1:6-8)

Wer zweifelt, traut dem Herrn nicht das zu, was z. B. der Hauptmann aus Kafarnaum von Jesus ohne jeden Zweifel erwartet hat. Und weil er so fest überzeugt war, wurde seine Bitte erfüllt. Die Zweifel, auf die Jakobus Bezug nimmt, betreffen das Grundsätzliche: Man traut Gott nicht zu, der zu sein, der er ist! In diesem Glaubensbild stimmt so einiges nicht. Hier gibt es zu viele “Vielleicht”, zu viele Zweifel an der Macht und der Liebe Gottes. Hier ist die Liebe Gottes noch nicht an ihr Ziel gekommen. 

Das kann daran liegen, dass man selbst zu ungeduldig ist, nicht auf Gott warten kann, oder um das Falsche bittet. Vertrauen ist ja nur da möglich, wo man ein klares, unerschütterliches Bild vom Empfänger des Vertrauen hat. Also gilt es zuerst immer, Gott zu erkennen, zu lernen und ihn in seinem Handeln mit sichdann zu erfahren. Ich muss also Geduld haben und mit dem Herzen lernen, wie groß Gottes Liebe zu mir ist. 

Vertrauen schafft Gewissheiten

Vertrauen auf Gott schafft eine wunderbare Gewissheit, die keine weitere Bestätigung braucht. Es erhebt den Glauben auf eine Stufe, die kein “vielleicht” mehr zulässt. Das Vertrauen auf Gott, den Vater im Himmel,  führt zur festen Überzeugung, dass Gott mein Bestes will. Und was er will, das geschieht auch. Der Prophet Jesaja hat dafür ein passendes Bild: Er vergleicht Gottes Wort mit dem Regen, der die Erde feucht macht und die Pflanzen wachsen lässt. Ebenso ist das Wort Gottes: Es geschieht, was Gott will und nur unser schwaches Vertrauen oder auch der Unglaube, das Misstrauen, kann dabei stören. 

Das Vertrauen auf Gott macht alle Sorgen klein, winzig klein! Denn Gott hat versprochen, alle Dinge neu zu machen (Off. 21:5). Dieses Versprechen zieht sich durch die ganze Bibel, vom Anfang bis zum Schluss. Und ich denke, dass ich an Gott nicht zweifeln kann, ohne ihn aus meinem Herzen zu reißen. Als nicht zu erschütternde Realität steht er da, mit Majestät und Macht, die nicht zu leugnen sind. In meiner Erinnerung lebt der Gedanke oder die tiefe Einsicht, dass Gott mir immer wieder Vertrauen eingeflößt hat und mich durch seine Liebe überzeugte. Er hat mein böses Herz besiegt! Warum sollte ich da zweifeln und ihm nicht voll und ganz vertrauen? Er wird mich ans Ziel bringen! Er hat nur das im Sinn, was für mich gut ist. Und was für mich gut ist, weiß er am besten. Er ist schließlich auch mein Vater im Himmel, der für seine Kinder sorgt. Ich möchte diese Einsicht als mein Urvertrauen bezeichnen, denn es begleitet mich schon sehr lange wie eine schöne Melodie. Es ist der Schutzschild meines Lebens.

Ich denke daran, dass Vertrauen auch noch eine andere Gewissheit  gibt: Es schenkt den tiefen Frieden Gottes! Es gibt Schutz! Zu den Juden wurde einmal durch Jesaja gesagt, dass ihre Rettung nicht von ihren Bemühungen abhinge, sondern davon: 

“Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr befreit,

Im Ruhigsein und Vertrauen liegt eure ganze Kraft.

(Jes. 30:15). 

Der Prophet musste leider feststellen, dass sie das nicht wollten. Sie suchten eine politische Lösung, um die Bedrohung durch die Assyrer abzuwenden. Und das gelang schließlich nicht. Sie hatten kein Vertrauen in die Macht und die Liebe Gottes. Auch als in der Regierungszeit Hiskias das assyrische Heer durch Gottes Handeln vernichtet worden war, ließen sie sich nicht von der Wahrheit der Worte Gottes aus Jesaja 30:15 überzeugen. Sie kannten in der Mehrheit keine Gottverbundenheit – daher auch kein Vertrauen. So fanden sie weder den Frieden noch den Schutz Gottes. 

Wer Gott vertrauen darf, hat eine gewaltige Kraftquelle, weil einmal der Friede Gottes ihn behütet und zum anderen das Warten auf die Erfüllung der Hoffnung im Vertrauen auf Gott schließlich zum Ziel führt. 

Mein Vertrauen auf meinen Vater im Himmel ist noch nie enttäuscht worden. Wenn ich Gottes Handeln auch nicht immer verstehe, bin ich doch davon überzeugt, dass ich später sagen kann: “Und es war gut so!” Das Vertrauen auf meinen Vater lässt mich einfach ruhig sein und Geborgenheit fühlen.  Es erfüllt mich mit Frieden, Freude und Gelassenheit. Ich weiß mit allen Fasern meines Seins, dass ich in wirklich guten Händen bin. Wenn ich daran denke, empfinde ich tiefe Dankbarkeit und würde dann am liebsten sagen: “Schau weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch! Deine Demut macht mich groß! Mein Gott und mein Vater im Himmel: Ich danke dir im Namen deines Sohnes, Jesus Christus! Amen.” 

So ist mein Vertrauen auf meinen himmlischen Vater zum Lebensblut meines wirklichen Lebens geworden, denn ER ist mein Leben! ER ist das Ein und das Alles für mich. Und ich wünsche sehnlichst, das Vertrauen Gottes nie zu enttäuschen. So sei uns allen der Vater im Himmel weiterhin gnädig! 

Das liest sich nun so, als sei ich schon am Ziel. Ich  bin es noch nicht, aber ich bin mir sicher, dass ich es erreichen werde. Hat Jesus, mein Bruder im Himmel, nicht gesagt, dass man darauf vertrauen soll, das Erbetene schon empfangen zu haben?  (Mar. 11:23, 24) Ja, darauf vertraue ich! Mein Gott und Vater im Himmel ist treu!

Geduld und Vertrauen

Wenn ich lese oder höre, dass andere Menschen auch gegen ihre Zweifel ankämpfen müssen, dann fühle ich mich in guter Gesellschaft. Denn sie beweisen mir, dass sie um ihren Glauben und um ihr Vertrauen zu Gott ringen. Ein Beispiel dafür ist mir Asaf, der Schreiber des 77. Psalms. Im Vers 4 lese ich: 

“Denke ich an Gott, so stöhne ich, sinne ich über ihn nach, verliere ich den Mut.”

Was hat ihn stöhnen lassen? Das kann man aus seinen anderen Psalmen erfahren: Er verstand es nicht, warum Gott zugelassen hatte, dass Jerusalem von den Babyloniern zerstört wurde. Diese Zerstörung der Stadt und des Tempels waren so niederschmetternd, dass er Gott nicht mehr verstand. Darüber musste er nun nachdenken, er musste sich neu orientieren und nach einer Antwort suchen. 

So erging es auch mir in diesem Sommer. Ich versuchte mir vorzustellen, mit wem ich es zu tun habe, wenn ich meinen himmlischen Vater anrufe. Die Größe und Erhabenheit Gottes will ich nicht zu beschreiben versuchen; das ist sinnlos, weil Gott in seiner Majestät unbegreiflich und unfassbar ist. Aber gerade seine gewaltige, alles übersteigende Majestät ist es ja, die mich verstummen lässt. Denn was bin ich? Ich bin ein Schatten, der seine Tage zählen kann, denn es sind ja nur wenige. Dagegen ist Gott Herr über Zeit und Raum, während ich nicht einmal weiß, was das eigentlich ist. Dieser unbeschreibliche Unterschied zwischen mir und Gott ist furchteinflößend! Das ist auch dem König David aufgefallen und im Psalm 8 stellt er darum die Frage: “Was ist der Mensch, dass du an ihn denken solltest?”

Und doch hat Gott an mich gedacht! Er ist in mein Leben getreten! Durch Jesus Christus, der auch mich mit Gott versöhnt hat, bin ich ein Kind Gottes geworden. Durch diese neue Geburt bin ich mit im Neuen Bund, der für alle gilt, die Jesus als Herrn anerkennen. Und die Bestimmungen dieses Bundes bedeuten die Vergebung aller Sündenschulden, die Beschneidung des Herzens, das Werden eines neuen Menschen und das ewige Leben in völliger Gottverbundenheit!  Damit ist meine Zukunft bei Gott festgeschrieben! 

Auch dass ich ihn in meinem Bewusstsein wahrnehme, ist ein Wunder, eine Gnade. Seitdem weiß ich, dass Gott ist; er ist eine Realität wie jede andere. Diese Realität ist an mein Bewusstsein gebunden. Hier kann ich Gott wahrnehmen, wobei wahrnehmen auch nur wieder ein rein subjektives ist. Und doch bleibt es eine Tatsache: Ich fühle Gottes Nähe, ich kann zu ihm reden, ich kann bitten und danken – und habe im Leben Antworten bekommen. Auch das ist wunderbar, zu wunderbar für mich. 

Ich bin vor Gott furchtsam geworden und muss das an dieser Stelle verdeutlichen. Diese Furcht hat nichts mit Angst zu tun, die aus einem belasteten Gewissen kommt. Es ist der tiefe  Respekt vor meinem Vater, es ist die Gottesfurcht, die in der Bibel als der “Anfang des Erkennens Gottes” beschrieben wird. In jungen Jahren kannte ich Gott auch schon, aber ich ging mit ihm so um, als wäre er mein Großvater, von dem ich alles mögliche erbitten konnte. Erst im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass er nicht mein “Dienstbote” ist. Ich verstand, dass er nur das für mich tun würde, was mir unmöglich wäre. Und ich begriff auch, dass ich mit seiner Gnade zufrieden sein musste, denn an ihn habe ich einfach keine Forderungen zu stellen. Ich habe vor ihm kein Recht, auf das ich mich berufen könnte. Es ist Gottes Demut, die mich groß macht (Ps. 63:4)! 

Diese wahrgenommene Erhabenheit des Schöpfers hat mich auf das mir gemäße Maß ‘geschrumpft’! Darum bin ich kleinlaut geworden und mein Gebet ist mehr ein Stammeln geworden, ohne große Töne. Es ist eher Dank und Anerkennung seiner Gnade und Liebe. Damit habe ich auch zu warten gelernt. Denn Jesus hat in seiner Geschichte von der hartnäckigen Frau, die sich bei einem ungerechten Richter Gehör verschaffen wollte, gesagt, dass Gott gegenüber seinen Kindern auch langmütig sein kann. Aber gleichzeitig versichert Jesus Christus, dass dem himmlischen Vater alle seine Kinder wichtig sind, denn nicht einmal ein  Spatz fällt ohne sein Wissen vom Himmel. (Es geht hier nicht um Spatzen, sondern um die Tatsache, dass Gott seine Kinder im Blick hat.) Dafür gibt es in der Heiligen Schrift viele Beispiele. Ich darf an die Patriarchen erinnern, an die Witwe von Sarepta,  die Jesus in Lukas 4 erwähnt hat, und an viele andere, die nicht von Gott übersehen worden sind! Was die Geduld anbetrifft, haben alle das Warten lernen müssen: Abraham hat es ebenso lernen müssen  wie der Prophet Habakuk. Und sie sind in ihrer Glaubensfestigkeit nicht wankend geworden, auch wenn sie Gott nicht immer verstanden haben. Und soll ich noch Hiob erwähnen? Verheißungen werden durch Geduld ererbt (Jak. 5:7-11). 

Nun warte ich schon lange darauf, dass diese verdorbene Welt vergeht. Und ich erinnere mich, dass alle Glaubenden darauf gewartet haben. Das war ja das Ziel ihrer Hoffnung. Dahin waren sie unterwegs, das war ihr Leben. Und immer noch warten wir. Verstehen wir das? Ich kann es nicht. Aber das liegt wohl eher daran, dass meine Gedanken die Gedanken Gottes nicht erreichen können (Jes. 55:8).  Was bleibt mir also übrig, als auf Gott zu warten? Und so will ich mit Freude darauf warten, dass sein Reich errichtet wird. Und ich will nicht ungeduldig werden, weil ich weiß, dass Gott sein Wort hält. Dieses Vertrauen hat er mir eingeflößt, was ich auch als Gnade empfinden muss. Es ist durch die Erfahrung gewachsen. Und ich blicke gern auf sie zurück! 

In der Welt geschieht tagtäglich ungeheuerliches Leid. Machtlos stehe ich da und kann nicht mehr hinsehen. Aber hat Jesus das nicht in seiner Offenbarung geschildert? Er hat seine Jünger ausdrücklich mitten in diesem Geschehen gesehen und forderte sie auf, auch um den Verlust ihres Lebens, den Glauben nicht aufzukündigen. Er macht uns klar, dass diese Welt alle Schalen des göttlichen Zorns bis zum letzten Rest austrinken muss! Und wir sind mitbetroffen. Darum versichert er uns seines Bestands und seiner Hilfe. Und ich denke nun wieder an die Worte Asafs aus seinem 73. Psalm:

“Mit deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende in Ehren auf.

Wen habe ich im Himmel außer dir?

Und neben dir wünsche ich mir nichts auf der Erde.

Auch wenn ich Leib und Leben verliere,

bleibt Gott doch mein Anteil für immer.

Ja, wer sich fern von dir hält, geht zugrunde. 

Du bringst jeden zum Schweigen, der dir die Treue bricht.

Doch ich bekenne: 

Die Gottesnähe tut mir gut!

Ich fand meine Zuflucht bei Jehowah, dem Herrn.

Nun will ich deine Taten erzählen.”

Das war Asafs Schlussfolgerung, als er sich über das scheinbare Glück der Gottlosen wunderte und sie fast beneidet hat. Durch Gottes Geist bekam er eine gute Antwort.

Ich bin bereit, mit diesen Worten zu leben und habe mein kleines Leben in Gottes Hand gelegt. Er mag alles zulassen, was er will. Ich werde versuchen, es im Vertrauen auf ihn hinzunehmen. Ich werde auf ihn warten, weil ich weiß, dass ich nicht vergessen bin! 

Jammer

Es ist Sommer! Die Welt leuchtet im Sonnenschein und alles in der Schöpfung atmet tiefen Frieden. Aber mich hatte der Jammer gepackt! Was war geschehen? Ich war enttäuscht von mir, und vom allgemeinen Menschen und seinem Leben. Es kam mir alles so schäbig und unwürdig vor. Wo sind nur die Illusionen geblieben? Wo sind die Träume vom richtigen und gerechten Leben? Und als mir wieder einmal bewusst wurde, dass es so ist, wie es ist, verdorrte die Freude und ich begann innerlich zu jammern. Ich ekele mich vor mir selbst, denn bei all den guten Wünschen und Sehnsüchten bleibt doch die Tatsache , dass das Leben eigentlich hassenswert ist, wie es der Prediger formuliert hat (Pre. 2:17).

Habe ich zuviel erwartet? Bestimmt. Denn trotz allen Wissens um das Böse und um das, was nach Gottes Willen gerecht und allein wahr sein soll,  bleibt der Mensch doch an der Sünde kleben und die Herrschaft des Bösen dauert noch an. Und dem entkommt man nicht. O ja, der gute Wille ist vorhanden, aber die Macht und der Einfluss des Bösen auch. 

Ich weiß, dass ich “bescheiden mit Gott wandeln“ soll (Micha 6:8). Und was bedeutet das für mich? Es bedeutet auch, auf IHN warten zu können! Vorerst habe ich nur die Hoffnung auf das “Vollständige”. Jetzt bin ich immer noch ein zerschlagener Spiegel, der sich selbst nicht einmal klar erkennen kann. Jetzt ist die ganze Welt immer noch – und wer weiß wie lange? – in der brutalen Macht des Bösen. Und der Böse kennt seine Macht über die Menschen. Wie ein Diktator wendet er sie unbarmherzig an, um sein Ziel zu erreichen. Da ist ihm jedes Mittel recht. Das Erreichen seines Ziels wird ihm von den meisten Menschen leicht gemacht, denn sie sind feige, falsch, habgierig, heillos und fürchten die Gewalt. Mit Angst und Erpressung arbeiten der Teufel und seine Helfer. 

Ein Diktator z. B. ist nur so mächtig, wie es seine Gefolgsleute zulassen. Sie gehören zu seinem Machtapparat und ohne diese Gefolgschaft hätte er gar keine Macht. Natürlich belügt jeder Diktator seine Gefolgsleute und betrügt sie. Aber sie lassen es scheinbar gerne zu, weil sie in moralischer Hinsicht auch nicht besser sind. Ein Diktator ist ja nur der Ausdruck und die Verkörperung des eigenen bösen Denkens der Masse. So hat es Jesus Christus in Johannes 8:44 ausgedrückt: “Denn euer Vater ist der Teufel, und nach den Begierden eures Vaters wünscht ihr zu tun!” Darum ist also die Grundordnung zerbrochen, wie es im 11. Psalm steht. Und sie ist zerbrochen, weil die Menschen Gott vergessen haben. Es ist die Trennung von Gott und damit die fehlende Gottesfurcht, welche die Amoralität der Masse zur Folge hat. Der Teufel hat sie zu Komplizen gemacht.

Darum sind die Nachrichten voll von ihren Gräueln. Eine anschwellende Flut schlimmer Nachrichten erzeugte in mir das Gefühl der Ausweglosigkeit.  Jeden Tag wurden die Nachrichten düsterer, und die vielen ungelösten Probleme dieser Welt demoralisieren und  entmutigen. Überdeutlich erkannte ich den korrupten Politiker und die Tatsache, dass aus jedem Problem auch Kapital geschlagen wird. Weil ich mich zu stark damit beschäftigte, konnte die  Freude nur sterben.

Ach, was wünsche ich dieser Welt? Ich kann ihr keinen Frieden wünschen, denn der Frieden ist nur für die Friedsamen der Bergpredigt möglich. Ich kann ihr keine Gerechtigkeit wünschen, denn sie ist eine Frucht der Gottverbundenheit, die aber abgelehnt wird. Vielleicht sollte ich dies wünschen: 

Dass jeder einen Augenblick findet, in dem er einen tiefen, nüchternen und mitleidlosen Blick in sein Inneres werfen kann. Dann kann es sein, dass er tief erschreckt und sich vor sich selbst fürchtet. Das Entsetzen über sich selbst kann  zum radikalen Umdenken führen, das ich  jedem wünsche, der meint, er könne sich alles erlauben, ohne dafür Rechenschaft geben zu müssen. 

Und was bleibt mir? Was kann ich tun? Ich muss mich selbst zurecht weisen und den Rat aus dem 37. Psalm radikal auf mich anwenden. Einen anderen Ausweg sehe ich nicht. Ich muss mich auf das feste Fundament meines Glaubens retten, damit Angst mich nicht wahnsinnig macht. Ich muss auf meinen Gott und Vater im Himmel vertrauen! Das ist so leicht dahin gesagt, aber es erfordert bewusstes Handeln, Mut und Ausdauer:

“Reg dich nicht über die Bösen auf, beneide die Verbrecher nicht!

Sie verdorren schnell wie das Gras, welken wie das grüne Kraut.

Vertraue auf Jehowah und tue das Gute, 

wohne im Land, sei ehrlich und treu.

Erfreue dich an Jehowah!

Er gibt dir, was dein Herz begehrt.

Lass Jehowah dich führen!

Vertraue ihm, dann handelt er.

Er wird dein Recht aufgehen lassen wie das Licht,

deine Gerechtigkeit wie Sonne am Mittag.

Sei still vor Jehowah und warte auf ihn!

Achte auf geradlinige Menschen, 

sieh dir die Ehrlichen an,

denn ein Mann des Friedens hat Zukunft.

Doch die, die Gott verachten, werden ausgelöscht. 

Die Zukunft der Gottlosen ist schon vorbei.”

(Ps. 37:1-7, 37, 38)

Ich habe zu oft gedacht, dass mich so leicht nichts erschüttern könnte. Ich war hoffnungsfroh und freudig, hatte ‘Freude an Jehowah’ und fühlte mich wohl. Doch dann kamen die Tage, an denen ich mich selbst nicht leiden konnte. Ich war depressiv und sah alles in düsteren Farben und meine Freude vertrocknete, weil die täglichen Nachrichten zur schlimmen Last für mich wurden. Und dann ich habe das Gefühl von Gott getrennt zu sein. Er ist dann so weit weg. Nur mein Verstand weiß dann noch von ihm. Meine Gefühle sind versiegt. Aber ich weiß auch, dass ich in guter Gesellschaft mit all denen bin, die auch am Leben und an sich selbst gelitten haben. Die Bibel kennt viele Beispiele. 

Dieser Zustand ist allein mein Problem. Ich kann und will niemanden eine Vorwurf machen. 

In mein Notizheft habe ich dies geschrieben: 

“Ich will keine Nachrichten mehr hören, denn es gibt ja doch nichts Neues unter der Sonne. Was ich gesehen habe und noch sehen könnte ermüdet mich, ekelt mich an und drückt meine Stimmung. Es raubt mir die Kraft und macht mich mutlos. Das will ich nicht zulassen, denn ändern kann ich den Lauf der Dinge nicht! Aufgrund meiner Erfahrung habe ich den Glauben an eine kollektive Besinnung auf das, was vor Gott gerecht ist, völlig verloren.” 

So will ich Freude wollen und bemüht sein, sie zu behalten. Ich will mich an meinem Gott und Vater freuen und immer wissen, dass ich nur dort zu Hause bin, wo seine Liebe herrscht! Es wird ein Leben auf einer Insel sein auf die ich nichts lassen will, was meine Freude vergiftet. Und ich bete darum, dass Weisheit und Frieden mein Herz beschützt und Gott mir durch Jesus beisteht.

Ja, ich will mich freuen! Ich will die Augen meines Herzens weit öffnen und alles das sehen, was mein himmlischer Vater mir täglich schenkt. Ich will die Hoffnung grünen lassen und wissen, dass mein Vater alle Verheißungen durch Jesus zum starken “Ja!” werden lassen wird! Amen!