Glaube ist Vertrauen – über den Tod hinaus

Als ich mein vierzigstes Jahr überschritten hatte, hängte ich mir das Portrait eines verstorbenen jungen Mannes an die Wand. Warum? Damals wurde mir vielleicht zum ersten Mal bewusst, dass mein Leben endlich ist. Ich weiß heute noch nicht, was der Auslöser für dieses Denken war. Aber jedenfalls ging es mir wie David, der in seinem 39. Psalm an Gott diese Bitte richtete:

„Lass mich erkennen, Jehowah, mein Ende, zeig mir das Maß meiner Tage, damit ich weiß, wie vergänglich ich bin.“

Er bekam die Einsicht, um die er gebeten hatte: „Mein Leben ist nur ein paar Handbreit, meine Lebenszeit wie ein Nichts. Wie fest meint jeder Mensch zu stehen und ist doch nur ein Hauch.“ Das muss ihn erschüttert haben, ihn, der als Krieger so oft den Tod anderer verursacht hatte. Hier fiel der Schatten des Todes wohl zum ersten Mal auf ihn selbst, als ihm seine Vergänglichkeit bewusst wurde.

Er fühlte Schuld und sagte: „Was habe ich da noch zu hoffen, Herr? Ich setze meine Hoffnung auf dich! Befreie mich von all meiner Schuld.“ Ich weiß nicht, wie alt David war, als er diese Worte aufschrieb. Bei mir kam dieses Bewusstsein nach der Mitte des Lebens. Und ich muss gestehen, dass ich ebenso betroffen war wie David. Am Ende des Psalms sagte er noch: „Höre mein Gebet, Jehowah! Achte auf mein Schreien! Schweig nicht zu meinen Tränen! Ich bin doch nur ein Fremder, wie alle meine Väter. Schau von mir weg, damit ich aufatmen kann, bevor ich gehen muss und nicht mehr bin.“ Das zeigt seine Betroffenheit: „Ich bin jetzt still, mache den Mund nicht mehr auf, denn du bist es, der alles getan hat. Nimm nun diese Plage von mir, denn ich vergehe von der Wucht deiner Hand. Mit Strafen für Schuld schlägst du den Mann, zerstörst seine Schönheit wie Motten das Kleid. Nur ein Hauch ist jeder Mensch.“

Und wie habe ich mit dieser Einsicht gelebt? Ich habe mich buchstäblich in die Hoffnung geflüchtet, in die Hoffnung auf eine Auferstehung. Diese Hoffnung ist geradezu eine Antwort des Glaubens auf das Problem der Vergänglichkeit. Was kann ein Mensch sonst tun, wenn er weiß: Mit mir geht es unweigerlich einmal zu Ende?

Ich habe immer gern im Bibelbuch „Prediger“ gelesen. Wer es kennt, weiß, dass hier die Vergeblichkeit des menschlichen Strebens im Mittelpunkt steht. Salomo drängt unsere Existenz auf einen kleinen Punkt zusammen: Es ist alles ein Haschen nach Wind! Es ist alles umsonst! Ja, genau so sieht das Leben aus, wenn man es vom Ende her betrachtet! Am Ende des Buches wird die Summe gezogen: „Lasst uns nun das Ergebnis des Ganzen hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote! Das soll jeder Mensch tun. Denn Gott wird jedes Tun vor Gericht bringen, es sei böse oder gut.“

Warum diese Warnung vor Gottes Gericht? Warum die Forderung, Gott zu gehorchen? Das macht doch nur Sinn, wenn mit dem Tode eben nicht alles vorbei ist! Das ergibt nur einen Sinn, wenn es eine Auferstehung der Toten gibt. Und der Prediger wollte ungeschminkt deutlich machen, dass ohne Gott, ohne seine Gnade und ohne die Hoffnung alles, aber auch alles, nur Asche ist, was wir Menschen als Leben bezeichnen.

Glaube ist Vertrauen zu Gott, auch über den Tod hinaus! Das hat Jesus deutlich gemacht, als er seinen Freund Lazarus vom Tode zurückholte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben. Glaubst du das?“ (Joh. 11: 25, 26)

„Ja, Herr, ich glaube das!“, so spreche ich zu Jesus Christus. Ich bin nun in einem Alter, wo ich jeden Tag damit rechnen muss zu sterben. Oft denke ich daran und sage mir: „Genieße es! Es ist vielleicht das letzte Mal in diesem Leben!“ Und dann nehme ich das Leben anders wahr als in jungen Jahren, wo ich in meiner Unerfahrenheit und meinem Selbstvertrauen auch oberflächlich auf das Leben sah. Es schien ja alles selbstverständlich: Man hatte keine Schmerzen, war gesund, hatte zu Essen, ein Zuhause, eine liebe Frau, Kinder, seine Arbeit und was noch alles dazu gehörte. So lief das Leben von Jahr zu Jahr dahin – und man genoss es nicht immer. Heute, wo die Zeit kurz geworden ist, kann sogar eine Wiesenblume mir Freude machen. Ja, ich habe es gelernt, alles als Geschenk meines Vaters im Himmel zu empfinden, und ich nehme es dankbar an!

Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Tag nur Freude ist. Manchmal legt sich doch ein Schatten auf uns und der „dunkle Mann“ lässt sich sehen, aber die Hoffnung, die der Glaube schenkt, ist stärker als alle Furcht:

Der Fremde

Im Garten geht der dunkle Mann, unheimlich, still, verlassen.
Es haucht der Frost die Rosen an und bringt sie zum Verblassen.

Und was er anschaut wird zu Eis, muss sterben und vergehen.
Die Vögel werden schon ganz leis’, und flieh’n vor seinem Stehen.

„Hast du den fremden Mann geseh’n, dass dir die Tränen fließen?“
„Es ist ja nichts, es geht vorbei, der Nachbar lässt dich grüßen.“

„Auch ich hab’ diesen Mann geseh‘n und lass mich nicht verdrießen.
Nun trinken wir den besten Wein und wollen den Tag genießen!“

Und wird er einmal vor uns sein, woll‘n wir die Augen schließen,
und denken: Es gibt neuen Wein, den edlen, ja den süßen!

Das Leben in Hoffnung
Wenn man in der Hoffnung auf die Auferstehung leben möchte, dann scheint es mir unerlässlich, dass man jeden Tag „mit Gott wandelt“. Dann ist der Schöpfer nicht in der Ferne, sondern ganz nah. Das hat auch Jesus betont, wenn er sagte, dass er und sein Vater bei denen Wohnung nehmen wollen, die ihn lieben (Joh. 14:23). Ich kann diese Zusicherung nur wörtlich nehmen, denn Glaube ist für mich der tägliche Umgang mit Gott. Erst diese Nähe zu Gott hat den Horizont bis in die Ewigkeit erweitert.

Durch den Glauben und den Geist Gottes nimmt die Hoffnung immer mehr Gestalt an. Sie wird sichtbar, erfahrbar und greifbar. Der Glaube hebt die Hoffnung auf die Stufe der Gewissheit. Sie ist das Versprechen Gottes, für das er sich mit einem Eid verbürgt hat. Von der Hoffnung sagte Paulus, dass sie ein „Anker für die Seele“ sei, der uns mit dem „Innersten des himmlischen Heiligtums verbindet.“ (Heb. 6:18, 19)

Und weil die Hoffnung uns mit Gott verbindet, ist sie so sicher, unerschütterlich, unwandelbar und wahr wie Gott selbst! Ich habe den tiefen Wunsch, dass die Hoffnung mein Leben prägt; so beginne ich in der Ewigkeit zu leben. Ich blicke auf die Zukunft, heiße sie willkommen und versuche, in ihr ganz heimisch zu werden. Ich denke gern an den Psalm 84, wo anschaulich von der Pilgerreise unseres Lebens gesprochen wird.

„Wie glücklich sind die, die in deinem Haus wohnen. Immerzu loben sie dich! Wie glücklich sind die, die sich zur Wallfahrt rüsten. Wenn sie durchs Tränental ziehen, wird es für sie zum Quellort, und der Herbstregen hüllt es in Segen. Mit jedem Schritt wächst ihre Kraft, bis sie vor Gott in Zion erscheinen.“ (Verse 5-8)

Diese Glücklichpreisungen erinnern an den Beginn der Bergpredigt Jesu. Glücklich ist jeder, der bei Gott wohnen darf; glücklich wird jeder, der sich auf den Weg zur Stadt macht, deren Erbauer Gott ist (Heb. 11:16). Auf diesem Weg scheint es keine Ermüdung zugeben, denn „mit jedem Schritt wächst ihre Kraft“. Und wenn der Weg, wie es im Leben oft ist, schwierig sein sollte, also ein Tränental, wird er sich doch durch Gott in einen wasserreichen, fruchtbaren Weg verwandeln! Man wird mit Gott und Christus an das Ziel kommen!

Auch diese Erfahrung gehört zum Glauben! Sie ist die Frucht des Glaubens an einen Gott, der Liebe ist. So habe ich es bisher erlebt. Und ich kann deshalb nur sagen: „Jehowah, Allmächtiger! Glücklich der Mensch, der auf dich vertraut!“ (Vers 13)

Wie sehe ich mich auf diesem Weg? Ich fühle mich als ein Armer vor Gott (Mat. 5:3), der Gottes Barmherzigkeit nötig hat und weiß, wie oft er gegen Gott gesündigt hat. Ich habe aber auch erfahren, wie oft man strauchelt und wie oft einem auf die Beine geholfen wird. Immer ist man unter dem Blick des Höchsten und man lernt, während man zur Stadt strebt, Gottesfurcht. In allen Dingen sieht man Gott und sein Wirken. Hinter allem steht Gott als der himmlische Vater, der in das Leben der Menschen eingreifen kann: Dem Suchenden zeigt er die Stadt zum Wohnen (Ps. 107:7), die in Finsternis und Irrtum gefangen sind einen Ausweg (Verse 10-14). Denen, die seinem Wort trotzen beugt er den Stolz und erzieht sie durch Leiden (Verse 17-20) und denen, die durch die Wechselfälle des Lebens in Not und Ausweglosigkeit geraten sind, führt er in den sicheren Hafen (Verse 23-30). Dadurch gewinnt der Glaube eine Unmittelbarkeit, die keinen Zweifel mehr zulässt. Nur auf einem Weg, den man mit Gott geht, kann man diese Erfahrung machen. Und genau das will mir der Psalm 107 sagen.

Ich habe immer wieder gesehen, dass Gott das Wunder des Glaubens geschehen lässt, ohne mehr als nur die Bereitschaft zu fordern, sich darauf einzulassen. Und am ehesten ist der dazu bereit, der erkennt, dass er Gott wirklich braucht, der weiß, dass er ohne Gott nicht sinnvoll leben kann. Wer sich aber auf die Zuflüsterungen des Zeitgeistes einlässt, wird das nicht erfahren. Denn der Zeitgeist sagt ihm: „Nur du kannst die Probleme lösen! Da oben ist nichts, was dir helfen könnte!“

Veröffentlicht von Tilo

Ein alter Mann, der lange Zeit ein Zeuge Jehovas war und dieser Kirche aus Gewissensgründen den Rücken kehrte. Heute stehe ich allen Kirchen misstrauisch gegenüber, denn glauben kann man nur allein. (amenuensor@aol.com)

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