Dankbarkeit als Ausdruck des Glaubens

In einem Psalm lese ich: „Dank ist die Opfergabe, die mich ehrt.“ (Ps.50:23)  Ich habe mich gefragt, warum sich Gott geehrt fühlt, wenn man ihm Dank opfert, d. h. wenn man sich bei ihm bedankt. Ein altes deutsches Sprichwort machte mich auf einen bedeutsamen Aspekt aufmerksam:

„Man kann einem ohne seinen Dank nichts geben, man kann einem aber ohne seinen Dank etwas nehmen“.

Damit spielt das Sprichwort indirekt auf eine ausgeprägte menschliche Schwäche an. W. Somerset Maugham schrieb dazu:

„Die Menschen gehen ihren Wohltätern instinktiv aus dem Weg. Dankbarkeit ist ein lebhaftes Gefühl für zu erwartende Wohltaten.“

Jeder, der anderen Menschen Gutes getan hat, wird das schon beobachtet haben: Solange  Gutes erwartet wird, ist das Gefühl der Dankbarkeit vorhanden, aber wenn das Gute erhalten wurde, erlischt es häufig. Da werden viele gute Handlungen an einem Menschen vollbracht, und doch kann das alles scheinbar vergessen werden. Passiert aber eine einzige Unachtsamkeit, dann wird sie in der Regel nicht vergessen!

Und wenn ich zum alten Spruch zurückkehre, dann muss ich sagen, dass auch das Geben von einem „Dank“ begleitet sein muss, denn man denkt über den Empfänger des Guten in einer Weise, die mit Wertschätzung, Dank, Achtung, Mitgefühl und Liebe zu tun hat. (Das Wort „denken“ ist ja mit dem Wort „danken“ verwandt.) Man hat für diesen Menschen die Augen des Herzens geöffnet, nimmt ihn als Gegenüber wahr und möchte etwas Gutes für ihn tun.  Danken und Gutes tun kann ich von Herzen nur jemandem, über den ich gut denke. Ein Geschenk, das ohne dieses wohlwollende Denken gemacht wird, ist eigentlich nur eine Beleidigung, ein hingeworfenes Almosen. Anders herum ist der Empfang eines Geschenks und die Reaktion darauf ohne jedes gute Denken über den Geber ebenfalls eine Beleidigung: Undank raubt dem Geber die menschliche Würde. In diesem Sinne „kann man einem ohne seinen Dank etwas nehmen“.

Was hat Jesus Christus empfunden, als er zehn Aussätzige geheilt hatte und danach mit ansehen musste, dass sich nur einer von ihnen bedankt hat? Ich will daran denken, dass er sie vom Aussatz befreit hatte! Ein Aussätziger war für alle anderen eine Gefahr und musste sich von ihnen fern halten, um sie nicht anzustecken. Damit war er aus allen sozialen Bindungen herausgelöst. Er war von Familie und Gemeinschaft getrennt. Kaum eine andere Krankheit hatte so unerbittliche Folgen. Der Aussätzige konnte keinen Beruf mehr ausüben, keinen Handel treiben, kein Feld bestellen, keine Kinder großziehen, keine Frau mehr küssen, es sei denn eine andere Aussätzige. Von diesem Ausgestoßensein hatte Jesus die zehn Aussätzigen befreit. Er hat ihnen damit ein neues Leben geschenkt! Neun von ihnen hatten es rasch vergessen, hatten schnell vergessen, wovon sie befreit worden waren. Nur ein Mensch kam zu ihm zurück und bedankte sich:

„Einer aus der Gruppe kam zurück, als er es merkte, und lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor Jesus nieder und dankte ihm. Und das war ein Samaritaner [also für die Juden ein Ausländer]. Da sagte Jesus: „Sind denn nicht alle zehn geheilt worden? Wo sind die anderen neun? Ist es keinem in den Sinn gekommen, Gott die Ehre zu erweisen, als nur diesem Fremden hier? (Luk. 17:15-18)

Solche Beispiele für Undank findet man in der Bibel oft. Liest man die prophetischen Schriften der Bibel, dann entdeckt man schnell, dass die ganze jüdische Nation hauptsächlich aus undankbaren Menschen bestand.

„Dank ist die Opfergabe, die mich ehrt.“ Das ist die einfache Aussage Gottes zu allem, was die Menschen ihm opfern können. Was sollten sie auch sonst opfern? Auch wenn in den alten Zeiten, in denen dieser Psalm geschrieben worden ist, das Opfern von Tieren und Speisen von den Juden in ihrem Tempel gepflegt worden ist, kam es immer darauf an, von Herzen dankbar zu sein. Sie haben diesen Brauch des Opferns bis zu dem Tage geübt, an dem der Tempel zusammen mit Jerusalem in Jahre 70 unterging. Schon bevor es soweit war, wurden die Juden von ihren Propheten dafür gerügt, dass sie wertlose Opfer brachten. Warum waren die Opfer wertlos? Sie waren wertlos, weil sie ohne echte Dankbarkeit verrichtet wurden, und  weil sie daneben ein fast sinnentleertes Glaubensleben führten, weil die Form im Vordergrund stand und nicht die Liebe zu Gott und seiner Gerechtigkeit. Die Opfer waren auch deswegen wertlos, weil auf die Sünden, für die sie opferten, keine echte Umkehr folgte. Sie waren geradezu überflüssig, weil sie nicht von einem Gefühl der Dankbarkeit, von einem guten Denken über Gott, den Allmächtigen, begleitet waren.

Dank oder Dankbarkeit ist eine Qualität des edlen Herzens. Durch Dankbarkeit wird ein festes Band zwischen dem Geber und dem Empfänger geknüpft. Dank und Dankbarkeit bringen zwei Personen näher, sie verbindet, sie vereint sie durch gegenseitige Liebe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ohne Dank und Dankbarkeit Freundschaft, Ehe, Bruderschaft, Kindschaft und Familie geben kann. Durch Dank und Dankbarkeit entstehen echte Gemeinschaften – und alles andere sind nur Verhältnisse. Und was auf unsere menschlichen Beziehungen zutrifft, muss erst recht auf unsere Beziehung zu Gott, dem Vater zutreffen. Darum lässt er sich ja „Vater“ nennen, weil er sich eine enge und liebe Verbundenheit wünscht. Der himmlische Vater für seine irdischen Kinder zu sein ist eine ganz andere Qualität als nur der allmächtige Gott in der Ferne zu sein. Es ist Familie! So beschrieb es Paulus in seinem Brief an die Epheser, die durch ihre Verbindung zu Jesus keine Fremden mehr waren, sondern Familienmitglieder:

„So seid ihr also keine Fremden mehr, geduldete Ausländer, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und gehört zur Familie Gottes.“ (Eph. 2:19)

In dieser Familie ist es selbstverständlich gut voneinander zu denken, dankbar zu sein und es auch zu zeigen. Diese Familienmitglieder begegnen sich mit einem Gefühl der Dankbarkeit, mit Hochachtung und Respekt. Man schätzt einander und heißt sich willkommen.

Dankbarkeit  führt auch dazu, dass ich andere Menschen an meinem Leben teilhaben lasse. Auf diese Weise teile  ich nicht nur Geschenke, sondern Gefühle, Gedanken, Erfahrungen und Rat. Ich möchte den anderen mit in mein Leben hinein nehmen. Erst dann lebe ich nicht mehr ich-zentriert, sondern werde in wahrsten Sinne sozial. So kann Dankbarkeit ein starkes Bindemittel in einer Welt werden, die leider allzu oft unsozial geworden ist. Die überall zu beobachtende Kälte mag ein Ausdruck der Undankbarkeit sein. Man schätzt den Nächsten kaum noch und betrachtet ihn eher als wirtschaftlichen Rechenfaktor, denn als MITMENSCH.

Und wie ist es im religiösen Bereich? Wenn ich nur das Christentum betrachte, muss ich mich sehr wundern. Von seinen Nachfolgern sagte Jesus, dass sie einander lieben würden. Daran sollten sie erkannt werden (Joh. 13:34, 35). Wie aber sieht es damit aus? Und ich frage weiter: Wie stehe ich zu Gott und seinem Sohn? Ist meine Beziehung zu ihnen von Dankbarkeit bestimmt? Jedenfalls will ich nicht zulassen, dass ich oberflächlich und vergesslich durch meine Tage gehe. Denn ich weiß: Ich habe einen großartigen Vater im Himmel, den ich auf dem Angesicht seines Sohnes erkannt habe. Gottes Demut hat mich groß gemacht! Und deshalb sollen die Worte aus Psalm 63 immer für mich gelten:

„Ja, deine Gnade ist besser als Leben. Meine Lippen sollen dich loben. Ich preise dich mit meinem Leben, erhebe meine Hände zu dir im Gebet. Wie bei einem Fest machst du mich satt und froh. Mit jubelnden Lippen preise ich dich!“

Ich habe es ja unternommen, der Frage nachzugehen, wie sich mein Glaube anfühlt. Und ich kann nur sagen, dass Dankbarkeit – vor allem Gott gegenüber – unbedingt dazu gehört. Erst durch Dankbarkeit bin ich Gott näher gekommen und ohne sie wäre mein Glaubensleben kalt und leer.

Veröffentlicht von Tilo

Ein alter Mann, der lange Zeit ein Zeuge Jehovas war und dieser Kirche aus Gewissensgründen den Rücken kehrte. Heute stehe ich allen Kirchen misstrauisch gegenüber, denn glauben kann man nur allein. (amenuensor@aol.com)

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