Jona – eine unerhörte Geschichte?

  

Und sie kommt mir bekannt vor, denn ich erkenne mich in ihr wieder! Um genauer zu sein: Ich bemerke auch an mir das Verhalten des Propheten, wenn auch in abgeschwächter Form. Auch ich habe es nötig, über Barmherzigkeit nachzudenken, weil ich ein Mensch bin und dazu neige, unbarmherzig zu sein, wenn negative Gefühle mich überschwemmen, wenn Vorurteile mich blind machen.  

Jona auf der Flucht

Was hat Jona mit sich selbst erlebt? Was hat er über sich erfahren? Was musste er lernen? Diese Fragen will ich mir selbst stellen. Doch zunächst zu Jona: Der Prophet hatte von Gott den Auftrag erhalten, den Bewohnern von Ninive den Untergang ihrer Stadt anzukündigen, weil ihre Sündenlast zu groß geworden war. Aber der Prophet wich aus und reiste nach Tarschisch (Spanien). Aber er kam nicht dort an, denn Gott hatte beschlossen, ihn unbedingt nach Ninive zu bringen. Darum wurde er von einem großen Fisch verschlungen und an Land gespuckt. Als Jona im Bauch des Fisches war, betete er: 

“Aus dem Bauch des Todes schrie ich um Hilfe, und du hörtest mein Rufen. … Ich dachte: ‘Jetzt bin ich aus deiner Nähe verstoßen, deinen heiligen Tempel werde ich nie wieder sehen. … Bis zu den Wurzeln der Berge sinke ich hinab. Hinter mir schließen sich für immer die Riegel der Erde. … Aber du hast mich lebendig aus der Grube gezogen, Jehowah, mein Gott. Als mir die Sinne schwanden, dachte ich an dich. … Ich aber will dir opfern und dich mit lauter Stimme loben. Was ich gelobe, will ich erfüllen. Bei Jehowah ist Rettung!” (Jona 1:5-13)

Jonas Zorn

Als der Prophet in Ninive angekommen war, rief er aus: “Noch vierzig Tage, dann ist Ninive völlig zerstört!”. Jona bildete sich ein, dass man nicht auf ihn hören würde, doch er täuschte sich! Die Bewohner der Stadt kehrten um, sie bereuten ihre bösen Taten und Gott ließ sich erbarmen. Währenddessen wartet Jona auf den Untergang der Stadt. Als der Untergang ausblieb wurde Jona zornig und sprach zu Gott: 

“Ach, Jehowah! Genau das habe ich mir gedacht, als ich noch zu Hause war! Deshalb wollte ich ja nach Tarschisch fliehen. Ich wusste doch, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, … und dass du einer bist, dem das angedrohte Unheil leid tut. Nimm jetzt mein Leben von mir, Jehowah! Denn es wäre besser für mich zu sterben, als weiter zu leben. Aber Jehowah fragte: ‘Ist es recht von dir, so zornig zu sein?’”. (Jona 4:1-4)

Gottes Lehre für Jona

Dann erteilte Gott seinem Propheten eine wichtige Lehre: Jona hatte sich eine östlich von Ninive eine Laubhütte gebaut und Gott ließ eine große Staude wachsen, die dem Propheten Schutz vor der sengenden Sonne bot. Aber über Nacht ließ Gott die Staude absterben, so dass die Sonne auf den missmutigen Propheten niederbrannte. Er wurde fast ohnmächtig und wünschte wieder zu sterben. Und als Gott ihn fragte, ob es recht sei, wegen einer Pflanze, dem Geschöpf einer Nacht, so zornig zu sein, sagte Jona: “Ja, mit vollem Recht bin ich zornig und wünsche mir den Tod!”. 

Gott machte ihn auf sein unsinniges, unbarmherziges Verhalten aufmerksam: 

“Dir tut es Leid um die Rizinusstaude, um die du keine Mühe gehabt hast und die du nicht großgezogen hast. Sie ist in einer Nacht entstanden und in einer Nacht zugrunde gegangen. Und mir sollte nicht diese Stadt Ninive leidtun, in der mehr als 120 000 Menschen leben, die rechts und links nicht unterscheiden können, und dazu noch das viele Vieh?” (Jona 4:10, 11). 

Jona ist nicht allein

Ich stelle fest, dass der Prophet, der so viel Barmherzigkeit von Gott erfahren hatte, sie den Bewohnern von Ninive nicht gönnte! Er wünschte zu sterben, weil seine Botschaft Reue ausgelöst hatte! Das nehme ich kopfschüttelnd wahr, aber ich möchte nicht über Jona urteilen, weil ich mich erinnere, in kleineren Dingen ebenfalls unbarmherzig gewesen zu sein. Ich beschreibe diese Dinge nicht, um mich selbst anzuklagen, sondern um mich besser zu verstehen, um das zu erfahren, worum der Psalmschreiber gebeten hatte: “Öffne mir die Augen, damit ich erkenne die Wunder in deinem Gesetz” (Ps. 119:18). Das macht es nötig, sich selbst zu hinterfragen und  kritisch mit sich selbst umzugehen. 

Das Wesen der Barmherzigkeit

Zuerst interessiert mich die Frage: Was ist Barmherzigkeit? Ich las, dass es eine von Herzen kommende aktive Hinwendung zum Nächsten ist, die ihm Erleichterung in einer schwierigen Lage verschafft. Es ist im Deutschen mit dem Ausdruck gleichzusetzen: Ein Herz für die Armen zu haben. Sie hat also mit Liebe, Mitleid und Rücksichtnahme zu tun, was sich in tatkräftiger Hilfe äussert. Wenn es um Vergebung von Schuld geht, dann ist Barmherzigkeit nicht nur routinemäßiger Schuldenerlass, sondern ein beherrschender Ausdruck der Liebe Gottes. Manche Leute beschreiben die Liebe (agape) als “grundsatztreue Liebe”. Was ist das schon! Es ist die kalte Liebe ohne Wärme. Hier geht es wohl nicht so sehr darum, die wirklichen Bedürfnisse eines anderen Menschen zu sehen und zu  stillen, sondern um den “Grundsatz”. Passt das in die Beschreibung, die Paulus in 1. Kor. 13:1-13 vom Wesen der Liebe gab? Nein, hier wird die Liebe gezeichnet, die den ganzen Menschen umfasst, sein Mitfühlen, sein Verständnis, seine Verantwortung für den Nächsten und seine Hingabe an ihn. Denn lieben kann man nur ganz und nicht nach irgendeinem ‘Gesetz’ oder einer Vorschrift. Es scheint mir wichtig, das zu beachten, denn sonst hätte Barmherzigkeit nur den kalten Glanz von “gnädiger”, herablassender Großzügigkeit. Das kann man gut an Jesu Verhalten und seiner Parabel vom barmherzigen Samaritaner erkennen: Denn dieser barmherzige Mann war nicht damit zufrieden, den Überfallenen nur der Obhut eines anderen zu übergeben; er wollte  alle Kosten für die Pflege bis zur vollständigen Gesundung selbst übernehmen. Der Überfallene war für den Samaritaner  eigentlich ein Fremder, ein Jude, aber Barmherzigkeit machte diesen Fremden für ihn zum NÄCHSTEN. Durch Barmherzigkeit wurden diese beiden Menschen erst Menschenbrüder! Durch Barmherzigkeit wurden Herzen verbunden.

Der Stellenwert der Barmherzigkeit

Während ich über diese Sache nachdenke, wird mir immer deutlicher bewusst, über welche großartige Gabe der Mensch verfügt, der Barmherzigkeit lebt. In der Bergpredigt werden ausdrücklich die Barmherzigen von Jesus erwähnt, wenn er ihnen Gottes Zuwendung verheißt. Ja, Jesus machte das Geschenk des ewigen Lebens direkt von der Barmherzigkeit abhängig. Und ich weiß nicht, wie oft Jesus in seinen Reden auf die Notwendigkeit hinwies, barmherzig zu sein; man begegnet dieser Forderung beim Lesen der Bibel immer wieder. Was macht den Menschen in Gottes Augen wertvoll?  Ist es nicht die Liebe? Aber was wäre die Liebe ohne Barmherzigkeit? Kann man ohne Barmherzigkeit lieben, ich meine wirklich, aufrichtig und zielgenau? Liebe ohne Barmherzigkeit kommt mir vor wie ein Feuer, das nicht wärmt.

Jesus stellte bei den geistlichen Führern der Juden mehrmals einen auffälligen Mangel an Barmherzigkeit fest. Dabei zitierte er aus dem Propheten Hosea:

“Denn Barmherzigkeit will ich von euch und nicht geschlachtete Opfer. Erkenntnis Gottes bedeutet mir mehr, als brennende Opfer auf dem Altar.” (Hos. 6:6)

Bei mehreren Gelegenheiten wurde er zornig über die Herzlosigkeit seiner Zuhörer; es war ihm unbegreiflich, warum die Pharisäer und Schriftgelehrten so unbarmherzig waren. Es war ihnen viel wichtiger, dass die Menschen ihre kleinlich-unwichtigen Regeln oder Grundsätze beachteten, als Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue zu üben. (Mat. 23:23) Aber soweit kann ich kommen, wenn ich allzu gerecht und allzu weise sein will (Pred. 7:16). 

Barmherzigkeit ist aktiv, nicht passiv

Ich möchte noch eine wichtige Eigenschaft der Barmherzigkeit erwähnen. Sie ist aktiv, initiativ. Die Barmherzigkeit, diese Schwester der Liebe, hat Augen für den MItmenschen. Die Liebe sieht den Nächsten; sie hat Augen für ihn und erkennt sofort, wenn er Hilfe und Mitgefühl braucht. Und wenn sie das sieht, dann wartet sie nicht ab, bis vielleicht ein anderer einspringt. Sie ergreift sofort die Möglichkeit, einem bedrängten Menschen beizustehen. Und wer aus diesem Motiv heraus gibt, tut es wohl nicht aus reinem Pflichtgefühl, er tut es mit Fröhlichkeit (Rö. 12:8).

“Der Wert des Mitmenschen wird in meinem Herzen bestimmt!”

So möchte ich die vielen Aussagen der Bibel zusammenfassen. Unter den verschiedenen Texten möchte ich diesen herausheben:

“Schließlich sage ich euch allen: Seid euch in der gleichen Gesinnung einig, habt Mitgefühl füreinander und begegnet euch mit geschwisterlicher Liebe! Seid barmherzig und demütig. Vergeltet Böses nicht mit Bösem und Schimpfwort nicht mit Schimpfwort, sondern tut das Gegenteil: wünscht ihnen Gutes und segnet sie so! Das erwartet Gott von euch, damit er euch an seinem Segen teilhaben lässt.” (1. Pe. 3:8, 9)

 Es kommt entscheidend darauf, wie man Menschen sieht. Man ist als Mensch zu oft geneigt, andere Menschen abzuwerten. Man findet immer eine Sache, die den Nächsten herabsetzen könnte. Das kann soweit gehen, dass man in seinem Sinn ein Feindbild erschafft. Und wenn der eingebildete Feind Hilfe braucht, verweigert man sich leicht. In Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner finden wir auch dies: Levit und Priester gingen weiter, und sahen den Überfallenen angeblich nicht. Ihr Denken über diesen Mann war vergiftet. Es war vielleicht vergiftet, weil sie zu hoch von sich dachten. Sie sahen auf andere herab. Das war ihr großer Fehler, den Jesus offen ansprach. Und ich denke, dass für es einen Nachfolger Jesu selbstverständlich sein soll, den Nächsten willkommen zu heißen und ihm ohne Vorurteile zu begegnen. Der Nächste sollte erkennen können, dass er für mich als Mitmensch und Menschenbruder wichtig ist, dass er in meinen Augen Würde und Wert besitzt. Ich denke, dass Paulus das ausdrücken wollte:

“Wenn es doch so etwas gibt wie Ermutigung in Verbindung mit Christus; Tröstung, die aus der Liebe kommt; Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt; Barmherzigkeit und Mitgefühl, dann macht meine Freude vollkommen, indem ihr in derselben Einstellung und Liebe von ganzem Herzen zusammensteht.” (Phil. 2:1, 2)

Sünder brauchen Hilfe und Barmherzigkeit, nicht schroffe Abweisung

Und wie gehe ich mit Menschen um, die gegen mich gesündigt haben? Habe ich das Recht, solche Menschen zu Feinden zu erklären? Diese Frage stellt sich für einen Christen nicht, denn er hat dazu kein Recht.! Ein Christ soll sogar seine Feinde lieben. So hat es Jesus gewollt. Nur wer dazu in der Lage ist, ist “vollkommen”, und ein Kind Gottes. (Mat. 5:44-48; Rö. 12:14). Aber wie kann ein Christ einem Sünder helfen? Zuerst einmal muss er sich selbst sehen und erkennen, dass er selbst auch ein Sünder ist, der Barmherzigkeit braucht. Und dann wird er beten; zuerst für sich und dann für den Sünder, damit der Geist Gottes Einsichten verleiht, die helfen, in sich selbst anzukommen. Wir haben als Menschen in dieser Hinsicht keine Macht über andere. Es gibt nur die Macht der Liebe, aber wer ohne diese Macht einem Sünder helfen will, handelt gegen die Barmherzigkeit und vergisst, dass die Liebe und die Barmherzigkeit  Gottes uns als Jünger Jesu zur Pflicht geführt hat. Durch seine Liebe hat Gott auch mein böses Herz besiegt. Und das kann er auch bei einem Menschen tun, der Schuld auf sich geladen hat. Was wollte Jesus denn damit sagen, wenn er meinte, dass man siebenundsiebzig mal vergeben soll? Warum musste Hiob für seine falschen “Ratgeber” beten? Warum heißt es, dass “Barmherzigkeit über das Gericht triumphiert”? Warum schrieb Paulus, dass Gottes gütige Wesensart uns zur Reue führen will? Warum sagte Gott, dass er “kein Gefallen am Tod des Sünders hat”? Warum hat er sich Jahrtausende um Sünder bemüht? Und dieses Bemühen Gottes dient mir als Warnung, wenn Jesus sagte: “Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch gemessen werden!”. Und als deutliche Warnung lese  ich dann auch das Gleichnis Jesu in Matthäus 18:22-35 , das mir  eindringlich vor Augen führt, was Barmherzigkeit ist und wie sie sich auf mich auswirkt. Was Jesus hier erzählte, ähnelt auffallend dem Verhalten des Propheten Jona. Und wie ich schon sagte, will ich nicht über Jona urteilen, sondern die Gefahr erkennen, die mir droht, wenn ich selbst Barmherzigkeit tausendfach bekommen habe und sie meinem Bruder in einem Fall verweigere. 

Ich will nie vergessen, was Jesus über Gottes Barmherzigkeit sagte, als die Apostel meinten, dass bei Gottes hohem Maßstab niemand gerettet werden könnte. Jesus deutete an, dass es sehr schwer für einen Reichen sei, in das Reich Gottes zu kommen. “Eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr, als ein Reicher in Gottes Reich.” (Mar. 10:25) Und dann folgt der Satz: “Für Menschen ist das unmöglich, nicht aber für Gott. Für Gott ist alles möglich“. Und das hat sich sehr oft  bewahrheitet, weil Gott großzügig und barmherzig ist! 

Und wie denke ich nun über Jona? Ich will nicht hart über ihn urteilen und darauf vertrauen, dass er durch die Zurechtweisung Gottes weiser und besser geworden ist. Und hoffen will ich, dass es auch mir gelingt. Und nun brauche ich ein großes “Maß” und ein weites Herz, damit die Liebe und die Barmherzigkeit darin Platz haben, damit ich ein wahrer Mensch werde!

Veröffentlicht von Tilo

Ein alter Mann, der lange Zeit ein Zeuge Jehovas war und dieser Kirche aus Gewissensgründen den Rücken kehrte. Heute stehe ich allen Kirchen misstrauisch gegenüber, denn glauben kann man nur allein. (amenuensor@aol.com)

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