Psalmenleser

Es wird dunkel. Ich sitze am großen Fenster und sehe die Dunkelheit aus den Wolken ins Zimmer tropfen – und in mein Gemüt. Ein kühler Hauch umweht mich, macht mich innerlich frösteln: Einsamkeitsangst fasst mich an.

Dieses Gefühl kommt auch in meine Träume. Ein immer wiederkehrender Traum erschreckt mich, dessen Ende ich nur mit dem Hilferuf “Mein Vater, hilf!” beenden kann. Im Traum erlebe ich lebhaft, und das schon seit Längerem, dass ich im Gewühl einer Stadt meine Frau aus den Augen verliere. Ich irre durch die Straßen und finde meine Frau nicht mehr. Ja, ich finde nicht einmal zum Ausgangspunkt meines Umherirrens zurück. Angst macht mir das Atmen schwer. Die Angst wächst und wächst und wächst. Ich renne immer schneller durch die unbekannten Straßen der Stadt, bin verzweifelt, kann das Unfassbare nicht fassen. Erst mein Hilfeschrei macht der Qual ein Ende – und ich wache auf.

Ich bin mit diesem wertvollen Menschen, der vor Jahrzehnten meine Frau geworden ist, zusammengewachsen! Die gemeinsam durchlebte Zeit ist fest, unauslöschbar geworden. Ich bin mir meines Lebens in ihrem nur bewusst. Ich hatte die Gnade einer engen und beglückenden Gemeinsamkeit. Es war eine erfüllte Zeit, die ich doppelt gelebt habe. Begreiflich, dass der Gedanke an eine Trennung mich ängstigt.

Nun bin ich so alt geworden, dass ich die Warnung aus dem Buch “Prediger” gut verstehe: Altwerden ist eine Last, ein Unglück. Es sind Tage, die einem nicht gefallen können. Und da wird man einsilbig, weil man auf einmal weiß, wie bedeutungslos man selbst geworden ist. Ich habe Vieles als Tand erkannt, als fragwürdig und unwichtig. Doch eine wichtige Tatsache will ich nicht vergessen: Gott hat mir die Ewigkeit ins Herz gelegt (Pre. 3:11). Eine starke Sehnsucht nach Leben und Dauer ist in mir, nach Frieden und  Gottverbundenheit. Aber ich weiß auch, dass ich sterben werde.

Wenn ich an unsere Reisen durch Nordafrika denke, dann erinnere ich mich an alte Männer, sauber gekleidet, mit Turban geschützt, im Schatten einer Tür oder vor einer Wand sitzend. An dem, was um sie herum passierte, schienen sie nicht interessiert zu sein. Ihr Blick schien schon in die Ferne, in die Ewigkeit zu gehen. Wenn ich sie so ruhig und versunken sitzen sah, dann dachte ich daran, dass sie vielleicht der verinnenden Zeit nachhorchten. Wieviel Zeit fühlten sie noch? Hatten sie auch ihre eigene Vergänglichkeit im Blick? Sahen sie das Leben auch als Provisorium an, als etwas, was sich eigentlich nicht lohnt? Wussten auch sie, dass die ewige Zeit in ihrem Herzen war? Ich gehe einmal davon aus, dass sie es wussten.

So ähnlich sitze ich heute auch. Dabei bin ich antriebsarm und fühle die Sehnsucht nach Frieden. Ich hasse sinnlose Aktivität und stelle fest,  dass ich jetzt zu oft melancholisch bin. Was machen andere in meiner Situation? “Nehmen Sie an einem Tanzkurs teil! Reiten Sie ein Steckenpferd! Treiben Sie Sport! Lernen Sie eine Fremdsprache!” So lauten ja wohl die gutgemeinten Ratschläge von Leuten, die es nicht besser wissen. Aber hilft das gegen die “Predigerstimmung”? So nenne ich die Stimmung, die nach dem Verstehen des Buches “Prediger” von mir Besitz ergriffen hat. “Alles ist eitel!”, lese ich dort. “Alles ist ein Haschen nach Wind!”, antwortet der Text. “Und ich hasste das Leben!”, findet meine Zustimmung. Nein, man kann diesen Gedanken nicht entkommen, wenn man erfahren hat, was Leben eigentlich ist und wie der Glaubende es fühlt, wenn man weiß, dass man Staub ist und wird! Da zieht sich alles auf einen Punkt  zusammen, da wird man auf seine wahre Größe reduziert, da wird man klein und kleinlaut.

Meine Gedanken gehen ein paar Jahre zurück: Ich sitze am Strand des Schwarzen Meeres, bei Konstanta und betrachte das einst stolze Casino, den prächtigen Jugendstilbau, der Schauplatz eines Tanzes auf dem Vulkan war. Eine gedankenlose, reiche Gesellschaft spielte, soff und verspielte Millionen im Rausch. Nach dem 1. Weltkrieg war das Spiel aus. Die sich ändernden Verhältnisse machten dem “Monte Carlo am Schwarzen Meer” ein Ende, das sich lange hinzog.  Jetzt wird das stolze Gebäude von Meer, Sturm und Wellen umtost und zerfällt. Vorbei! Vergangen! Zu Ende!

Ich bitte den neben mir sitzenden Akkordeonspieler um einen traurigen Tango, höre gedankenschwer zu und gehe langsam in die Stadt zurück. Das eindrucksvolle Bild des Zerfalls begleitet mich lange und sagt mir: “Es ist alles eitel!” Wehmut und das Gefühl der Vergeblichkeit menschlichen Strebens begleiten mich.

Aber meine Traurigkeit spielt nicht nur um mich, um mein Altwerden. Sie betrifft eher meine kleine, liebe, aber kranke Frau. Ich kann sie nicht leiden sehen. Ich ahne und erwarte die Trennung, den Verlust. Ein verzweifelter Mann schrieb einmal: “Nun bin ich ohne sie! Nun bin ich ohne mich!” Was soll ich nun sagen? Ich bin kleinlaut, schweigsam und nachdenklich.

Das spiegelt sich auch in meinen Gebeten wider: Ich habe Angst vor vielen Worten, vor Wiederholungen und Ausschmückungen. Ich will Gott weder belästigen, noch langweilen. Ich will das Leben mit allem, was es mir bringt, ertragen wie ein Mann. Keine Klage, kein Vorwurf soll über meine Lippen kommen. Also werden meiner Worte wenige und in der Hauptsache ist es Dank, wenn ich Gott in meinem Herzen erhebe. “Mein Gott und mein Vater! Bitte sei mir und uns gnädig!” Das ist meine häufige Bitte. Und der Rest ist Danksagung. Ich habe mich ganz und gar in Gottes Hand begeben. Da habe ich keine Forderungen und keine besonderen Wünsche mehr, denn ich vertraue der Liebe meines Vaters im Himmel.

Ich blicke auf den Sessel neben mir und denke: “Eines nicht ganz so fernen Tages sitzt jemand anders darauf. Wird er ähnliche Gedanken haben, wenn es mit ihm auch so weit ist?

Der Platz mir gegenüber kann einmal leer sein. Für meine Frau gibt es keinen Ersatz. Und die Bücher auf dem Tischchen? Wer wird sie nach mir lesen? Wird sich der Mensch nach mir überhaupt Gedanken machen oder wird er ohne sie leben können? Ich kann es  nicht!

Und das alles begegnet mir immer wieder, wenn ich die Psalmen lese. Wie oft stoße ich auf das Gefühl der Trauer, der Einsamkeit, der Angst, der Vergänglichkeit, der Verzweiflung und der Ratlosigkeit? Das wurde doch alles unter dem Einfluss des heiligen Geistes geschrieben. Da kommen Menschen zu Wort, die glauben durften! So war also das Leben von Menschen, die Gott vertrauten? So hat es sich angefühlt? Ja, so hat es auch der Himmel wahrgenommen – und beachtet.

Wenn ich traurig bin, habe ich ein tiefes, starkes Verlangen nach Trost. Ich brauche Gottes Nähe, ich muss seine Hand spüren, ich muss ihn fühlen. Dann greife ich zur Bibel und lese öfter in den Psalmen. Es geht mir nicht darum, unbedingt etwas mit dem Kopf zu lernen; ich möchte etwas in meinem Bewusstsein erleben: Gottes Gegenwart!  Und dann bin ich auch in der Gesellschaft von Menschen, die es mit ihrem Glauben ernst nahmen und auch gegen ihre Traurigkeit und Angst kämpften und sich trösten ließen.

Im Psalm 39 erfahre ich von Davids tiefer Erschütterung, als er Gott darum bat, ihm zu zeigen, wie vergänglich er sei:

“Lass mich erkennen, Jehowah, mein Ende; zeige mir das Maß meiner Tage, dass ich weiß, wie vergänglich ich bin.“ (Ps.39:5)

Als er es tief in sich wusste, war er zuerst vor Angst und Trauer stumm. Dann fand er diese eindrucksvollen Worte:

“Mein Leben ist nur ein paar Handbreit lang, meine Lebenszeit vor dir wie ein Nichts.

Wie fest meint jeder Mensch zu stehen und ist doch nur ein Hauch.

Wie ein Schatten geht der Mensch daher, macht Lärm um Kleinigkeiten;

er sammelt und speichert und weiß nicht einmal, wer es bekommt.

Was habe ich da noch zu hoffen, Herr? Ich setze meine Hoffnung auf dich!

Befreie mich von all meiner Schuld und mach mich nicht zum Gespött dieser Narren.

Ich bin jetzt still, mache den Mund nicht mehr auf, denn du bist es, der alles getan hat.

Nimm nun diese Plage von mir, denn ich vergehe von der Wucht deiner Hand.

Mit Strafen für Schuld schlägst du den Mann, zerstörst seine Schönheit wie Motten das Kleid. Nur ein Hauch ist jeder Mensch.

Höre mein Gebet, Jehowah! Achte auf mein Schreien! Schweige nicht zu meinen Tränen!

Ich bin doch nur ein Gast bei dir, ein Fremder wie alle meine Väter.

Schau von mir weg, damit ich aufatmen kann, bevor ich gehen muss und nicht mehr bin.” (Ps. 39:6-14)

Auch ich kann vor dieser Einsicht in die eigene Vergänglichkeit die Augen nicht verschließen, und sie zwingt mich zu Gott zu fliehen. Sie treibt mich zu ihm! Er ist meine Hoffnung, meine Hoffnung auf ewiges Leben. Nur ihm kann ich mich in meiner Not anvertrauen und bitten, meine Angst und meine Trauer zu beachten, mich von meiner Schuld zu befreien und die ‘Plage von mir zu nehmen’. Ich habe die gleiche Hoffnung wie David und andere Psalmenschreiber:

“Kein Mensch kann für immer bleiben, am Sterben führt kein Weg vorbei.

Kein Mensch bleibt ewig in Prunk und Pracht, er geht zugrunde wie das Vieh.

Doch Gott kauft meine Seele los, er befreit mich aus den Krallen des Todes.” (Ps. 49:10, 13, 16)

“Du ließest uns viel Angst und Not erfahren.

Du wirst uns wieder beleben, uns wieder heraufbringen aus den Tiefen der Erde.

Du bringst mich wieder zu Ehren und wirst mich abermals trösten.”

(Ps.71:20, 21)

“Doch ich bleibe stets bei dir. Du hältst mich an der rechten Hand.

Mit deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende in Ehren auf.

Wen habe ich im Himmel außer dir?

Und neben dir wünsche ich mir nichts auf der Erde.

Auch wenn ich Leib und Leben verliere, bleibt Gott doch mein Anteil für immer.” (Ps. 73:23-26)

Wenn ich diesen Trost lese, fühle ich mich ausgesprochen wohl, und ich bin dankbar, dass ich glauben darf! Ich bin dankbar, dass diese Hoffnung durch den Glauben zur Gewissheit geworden ist. Und darum will ich über die Zeiten der Traurigkeit hinwegsehen auf das, was vor mir liegt: Mein Ende ist mein neuer Anfang! Und das bedeutet: Ich werde meine Frau wieder erleben; nachdem dieses Leben uns voneinander gerissen hat, werden wir uns wieder sehen! Und jeder vergangene Tag bringt mich dem Ziel näher.

So bin ich in der letzten Zeit zum Psalmenleser geworden. Hier kann ich das Leben mit den Augen anderer Menschen sehen; hier erkenne ich mich wieder, hier werde ich getröstet, hier liegt mein Leben und meine Hoffnung und hier erlebe ich die Gottesnähe!

Veröffentlicht von Tilo

Ein alter Mann, der lange Zeit ein Zeuge Jehovas war und dieser Kirche aus Gewissensgründen den Rücken kehrte. Heute stehe ich allen Kirchen misstrauisch gegenüber, denn glauben kann man nur allein. (amenuensor@aol.com)

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