„Frei ist, wer seine Freiheit nutzt!“ ©

”Sie versprechen Freiheit und machen die Menschen doch nur zu ihren Sklaven.” (2. Pe. 2:19)

Als Martin Luther 1520 seine dreißig Thesen “Von der Freiheit eines Christenmenschen” veröffentlicht hatte, entzog er der römisch-katholischen Kirche die Macht, die sie über ihn ausüben wollte. Fortan anerkannte er nur noch einen Herrn über sich an: Jesus Christus. Was Luther damals formulierte war revolutionär und entzog im Prinzip jeder organisierten Religion ihre Existenzberechtigung. Denn er hatte dies festgestellt:

“Also sagt St. Paulus: ‘Wir wollen für nichts mehr von den Leuten gehalten sein denn Christi Diener und Schaffner [Verwalter] des Evangeliums.’ 

Aber nun ist aus der Schaffnerei [Verwaltung] geworden eine solch weltliche, äußerliche, prächtige, furchtbare Herrschaft und Gewalt, dass ihr die rechte weltliche Macht in keinem Wege kann gleichen, gerade als wären die Laien etwas anderes denn Christenleute, womit hingenommen [weggenommen] ist der ganze Verstand [Verständnis] christlicher Gnade, Freiheit, Glaubens und alles, was wir von Christo haben, und Christus selbst; wir haben dafür überkommen [bekommen] viel Menschengesetz und -werk, sind ganz Knechte geworden der allerunwürdigsten Leute auf Erden.” 

Was Jesus wollte 

Jesus Christus hat seine Apostel und Jünger mehrmals ermahnt, keine Unterschiede und Rangordnungen zu schaffen, was ja im Denken gewöhnlicher Menschen einen großen Platz einnimmt: Fast jeder will der Größte sein. Unter seinen Nachfolgern aber sollte Besseres gelten:

“Ihr jedoch sollt euch niemals Rabbi nennen lassen, denn nur einer ist euer Rabbi, und ihr alle seid Brüder. … Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird von Gott erniedrigt werden, wer sich aber selbst erniedrigt, wird von Gott erhöht werden.” (Mat. 23:8, 11)

Damit hat Jesus jeder Art von religiöser Hierarchie eine klare Absage erteilt und die Unterscheidung zwischen Geistlichen und Laien verboten. Seine Apostel haben das gut verstanden, als er ihnen beim letzten Passah die Füße gewaschen hatte. Denn damit hat Jesus selbst Sklavenarbeit verrichtet und den Aposteln ein Vorbild gegeben. 

Und so bemerken ich auch beim Lesen der christlichen Schriften der Bibel, dass die Gemeinden im frühen Christentum niemanden duldeten, der den ersten Platz beanspruchte um über die Gemeinde zu herrschen. Paulus formulierte das so: “Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Helfer zu eurer Freude, denn im Glauben steht ihr ja fest.” (2. Kor. 1:22) 

Es wird im Neuen Testament erstaunlich oft über die christliche Freiheit gesprochen. Sie steht im Mittelpunkt eines neuen Lebens, das einer geistigen Wieder- oder Neugeburt  entstammt. Der durch Jesus befreite Mensch ist mündig im Glauben und benötigt keine Bevormundung und keine Mittlerdienste von Menschen. Er trägt das Moralgesetz seines Gottes im Herzen und steht in eigener und freiwilliger Verantwortung vor Gott, dem er in seinem Gewissen begegnet. 

Der befreite Mensch hat den Mut einer gottfeindlichen Welt zu widerstehen; er ist nicht mehr durch Todesfurcht erpressbar und fürchtet die Meinung der Masse nicht. Das Grundgesetz seines Lebens ist die Liebe und seine bewusst gewollte Abhängigkeit von Gott, denn er hat eine deutliche Vorstellung vom Willen Gottes und will danach leben. Er will nicht mehr der Sklave seiner niederen Instinkte sein. Darum lebt er nicht “aus dem Bauch heraus”, sondern nach seinem Gewissen.

Im Brief an die Galater beschreibt Paulus die Freiheit eines Christen, der durch die Verbundenheit mit Jesus ein neues, selbstbestimmtes Leben führt. Nachdrücklich betont er die Bedeutung der Gnade Gottes, die jeden Versuch zunichte macht, sich selbst durch gute Werke rechtfertigen zu wollen oder dies von anderen zu verlangen. Er stellt ganz klar heraus, dass die Gerechtigkeit, die allein vor Gott zählt, ein Geschenk Gottes ist, das gegeben wird, wenn man sich an Christus hält. Er schreibt:

 “Jesus hat uns befreit, damit wir als Befreiten leben. Bleibt also standhaft und lasst euch nicht wieder in ein Sklavenjoch spannen.” (Gal. 5:1) 

Alle im Galater-Brief erwähnten Prinzipien sind im Grunde genommen auf die Herrschaft von Kirchen anzuwenden und widersprechen ihrem Verhalten ganz und gar.  Der ganze Plunder der institutionalisierten Religion, wie Mitgliedschaft, Geistliche, Sakramente, Beichten, Wallfahrten, Ablässe, Kirchengerichte u. v. m  ist für Christen nur überflüssiger Ballast und nur dazu geeignet, um über Menschen und ihren Glauben zu herrschen.  

Man muss sich einmal vorstellen, was es eigentlich bedeutet, wenn Paulus im Galater-Brief dies schreibt: 

“Er [Christus] sollte die loskaufen, die unter der Herrschaft des Gesetzes standen, damit wir das Sohnesrecht bekämen. Weil ihr nun Söhne seid, gab Gott euch den Geist seines Sohnes in euer Herz, der “Abba! Vater!” in uns ruft. Du bist also nicht länger Sklave, sondern Sohn! Und wenn du Sohn bist, dann hat Gott dich zum Erben gemacht.” (Gal. 4:5-7)

Damit unterstützt Paulus genau das, was über Jesus im Johannesevangelium gesagt wird:

“Doch allen, die ihn aufnahmen, die an seinen Namen glaubten, gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden.” (Joh. 1:12)

MIt diesem Recht auf Sohnes- oder Kindschaft werden die Nachfolger Jesu wirklich freie Menschen, die in ihrem Glauben keinen Menschen als obersten Hirten und Lehrer anerkennen, als nur Jesus Christus. Für sie gibt es nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, und das ist Jesus (1. Tim. 2:5). 

In seiner Abschiedsrede  beim letzten Passahmahl  mit seinen Aposteln findet sich an keiner Stelle ein Hinweis auf eine religiöse Organisation, die sich als unentbehrlich zwischen Gott und Mensch hinstellen könnte (Joh. 13 bis 17). Jesus will selbst der Führer seiner Jünger sein, ihr Hirte und ihr Lehrer. Darüber hinaus sagte er ganz klar, dass der heilige Geist sie alle Dinge lehren würde, die sie wissen müssen. Die Rolle von Menschen reduzierte Jesus damit auf Hilfe und Beistand. Wer anderen im Glaubenskampf beisteht, macht es mit der Hilfe Jesu und darf keine Vormachtstellung oder Amt daraus ableiten.  Er muss ein Diener aller sein und selbst ein Vorbild in der Treue zu Jesus Christus. Er hat nur eine Aufgabe als Verwalter seiner Gaben zu erfüllen; er bekleidet kein Amt, keine erhöhte Stellung und hat keinen Anspruch auf besondere Ehre. 

Und solche Personen gab es im frühen Christentum. Sie wurden von der Gruppe der Gläubigen ausgewählt und mit einer bestimmten Aufgabe betraut.  Die Auswahl erfolgte gewöhnlich durch Handerheben und war die Verantwortung der ganzen Gemeinde. Und erst nach genauer Prüfung des Kandidaten wurde er dazu bestimmt, gewisse Aufgabe zum Wohl aller zu erfüllen. Wir haben ein gutes Beispiel in der Apostelgeschichte. An die Gruppe der Gläubigen gerichtet, sagten die Apostel:

“Seht euch nach sieben Männern unter euch um, liebe Brüder, denen wir diese Aufgabe übertragen können. Sie müssen einen guten Ruf haben und mit dem heiligen Geist und mit Weisheit erfüllt sein.” (Apg. 6:3)

Und wenn ich an Stephanus denke, der einer von den sieben war, dann habe ich eine gute Vorstellung von der geistig-christlichen Qualität dieser Männer. 

Die christliche Freiheit wurde aufgegeben!

Unter solchen Menschen konnte es kaum zu dem kommen, was kurze Zeit später allgemein wurde: Die Errichtung einer Menschenherrschaft. Der Apostel Johannes nennt einen Namen: Diotrephes. Über ihn schrieb Johannes: 

“Ich habe der Gemeinde einen Brief geschrieben. Aber Diotrephes, der sich für den ersten Mann in der Gemeinde hält, will nicht auf uns hören. … Vor allem aber verweigert er den durchreisenden Brüdern die Gastfreundschaft. Und wenn andere sie aufnehmen wollen, hindert er sie nicht nur daran, sondern stößt sie sogar aus der Gemeinde aus.” (3. Joh. 9, 10) 

An dieser Stelle muss ich mich fragen, warum das möglich war und warum die Gemeinde das zugelassen hatte. Hier zeichnet sich schon ein bestimmtes Verhaltensmuster ab: Wer nach Macht in der Gemeinde strebt, stößt Widersprechende aus der Gemeinde aus.  Die Ächtung wird als Machtinstrument eingesetzt. Ursprünglich trennte sich eine Gemeinde von Menschen, die den Weg Christi reuelos verlassen hatten. Sie wurde aber nicht als Feinde gesehen und behandelt. Das kam später hinzu, und wurde verschärft bis zur völligen Rechtlosigkeit des Betroffenen (Es gab eine Zeit, da waren exkommunizierte “Ketzer” in der RKK vogelfrei!). Durch Diotrephes und andere wurde die Exkommunikation zur Waffe gegen jeden Widerspruch. 

Und die Gläubigen haben das zugelassen! 

Wie dies geschehen ist, kann man aus der Bibel erkennen. In den sieben Briefen Jesu an seine Gemeinde (Off. 2 und 3) werden seine Jünger mehrmals dafür kritisiert, dass sie unchristliche Verhaltensweisen und die Herrschaft von Menschen in ihrer Gemeinde zugelassen hatten! Es mag mit den “superfeinen Aposteln”, die Paulus im Brief an die Korinther erwähnte, begonnen haben:

“Denn diese Leute sind falsche Apostel, unehrliche Arbeiter, die sich freilich als Apostel von Christus ausgeben. Aber das ist kein Wunder. Auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts. Es ist also nichts Besonderes, wenn auch seine Diener mit der Maske von Dienern der Gerechtigkeit auftreten.” (2. Kor. 11:13-15)

Und dann musste ihnen der Apostel vorwerfen, dass sie es so gewollt haben, dass sie diese Leute unter sich geduldet haben:

“Ihr klugen Leute lasst euch ja die Narren gern gefallen, denn ihr ertragt es, wenn jemand euch versklavt, ausnützt und einfängt, wenn jemand euch verachtet und ins Gesicht schlägt.”

Mit diesen falschen Aposteln hatten sich die Korinther Lehrer angeschafft, dier ihnen die Ohren mit Sonderlehren kitzelten, die damals durch die Gnosis verbreitet wurden. Diese Lehrer sagten ihnen das, was sie gerne hören wollten und was ihren Wünschen  entsprach. Vermutlich haben sie aufgehört, die Worte Jesus ernst zu nehmen, sich genau daran zu halten und lieber griechische Philosophie betrieben und jüdischen Fabeln  geglaubt, als ein ehrliches Glaubensleben zu führen. Wenn ich noch einmal auf Jesu Ermahnungen in der Offenbarung denke, dann kann es auch sein, dass sich die Korinther mit dem politischen Denken ihrer Zeit infiziert hatten. Und Jesus hat seine Jünger streng zurechtgewiesen, weil sie diese Zustände zugelassen und nicht geändert haben! Sie hatten und haben die Pflicht, ihre christliche Freiheit zu verteidigen! Die christliche Freiheit aber verteidigt man nur, wenn man sich ihres eigentlichen Wertes bewusst ist und wenn man den Mut hat, der aus dem Glauben stammt. 

Vielleicht habe viele schwach gewordene Christen auch gesagt, dass Gott oder Jesus die Verhältnisse ändern würden, wenn sie es für nötig hielten. Aber das ist ein trügerische Einbildung! Jeder Christ hat die eindeutige Verantwortung, seine Freiheit zu verteidigen und zu bewahren. Denn das bedeutet es eigentlich, seinen Glauben zu verteidigen. Aber verteidigen wird man nur etwas, was man hat. Wenn der Glaube schwach und schwächer wird, wenn alles mehr Formsache und Tradition wird, wenn das Glaubensleben von anderen verwaltet und beherrscht wird, dann bleibt man nicht lange ein treuer, vertrauender Jünger Jesu, dann wird man zum Mitglied einer institutionalisierten Religion.

Wenn man den Weg des Christentums gehen will, dann hat man nur noch die Möglichkeit, sich von der religiösen Herrschaft der Menschen zu befreien. Dann geht man selbst und bewahrt so sein gutes Gewissen. Denn es hat sich leider gezeigt, dass eine Umkehr zu den Grundprinzipien des Christentums für die institutionalisierten Religion nicht möglich ist. Dazu sind die Machtstrukturen zu stark geworden und eigentlich vom Bösen beherrscht. Natürlich kann man in seiner angestammten Religionsorganisation bleiben und versuchen, den “Apparat” von innen her zu verändern, indem man ein wahrhaft christliches Leben führt und Kritik übt. Aber wie lange wird das gut gehen? Und ist der Umgang mit Menschen, die Gott kaum kennen, dem eigenen geistigen Wohl förderlich? Und wie wird es mit der Mitschuld aussehen, die man auf sich laden kann, wenn man durch sein Bleiben den ganzen Betrieb gut heißt und unterstützt? “Glücklich der Mensch, der sich nicht ins Gericht bringt, durch das, was er billigt!”, so steht es im Brief an die Römer (14:22). Und was sagt am Ende mein Gewissen dazu? Bin ich nicht aufgefordert worden, das Unreine, Falsche, Finstere und Verlogene zu meiden (2. Kor. 6:14-18)? Ich habe diese Fragen im Brief an die Korinther für mich beantwortet: Ich habe den “Betrieb” verlassen und bin glücklich dabei!


Veröffentlicht von Tilo

Ein alter Mann, der lange Zeit ein Zeuge Jehovas war und dieser Kirche aus Gewissensgründen den Rücken kehrte. Heute stehe ich allen Kirchen misstrauisch gegenüber, denn glauben kann man nur allein. (amenuensor@aol.com)

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