Nachtgedanken 3

Und wieder einmal bin ich wach geworden. Ein Traum wirkt nach: Ich ging mit meiner kleinen Frau Hand in Hand durch eine schöne Stadt.  Ein tiefes Glücksgefühl durchrieselte mich. Doch plötzlich war meine Frau verschwunden. Ich suche nach ihr und irre durch die Stadt. Ich kann sie nicht finden. Angst beherrscht mich. Ich gerate in Panik und erwache, stehe auf und denke weiter an den schlimmen Traum. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Szene träume.

Wo ist die Zeit nur geblieben? Seit ich vor fast 44 Jahren meine kleine Frau geheiratet habe, ist das Leben wie im Traum vergangen. Vor über vier Jahrzehnten dachte ich daran, dass ich nun die Zeit doppelt lebe. Und so ist es auch gekommen: Ich habe ein Leben in mir gelebt und eines in ihr. Wir sind zusammen alt geworden und gemeinsam gereift und gewachsen. 

Und nun stehen wir beinahe vor dem Abschied! Unerbittlich vergeht die Zeit und wir mit ihr. Wir haben – leider – begriffen, wie vergänglich wir sind. Daran mag ich nicht denken. Aber ich kann dieser Tatsache nicht ausweichen und muss mich damit abfinden. 

Das Leben mit ihr war tief und bereichernd, denn ich habe einen Menschen an meiner Seite, den ich über alles wertschätze. Und manchmal denke ich, dass ein Geschenk ist, so einen lieben, aufrechten Menschen um mich zu haben. Es ist einfach nur schön! Es war beglückend, mit ihr Kinder zu haben und sie aufwachsen zu sehen. Und sie hat ihre Kinder mit viel Herzblut groß gezogen. Sie hat viel geliebt und kann auch heute, wo die Kinder uns fast fremd geworden sind, nicht anders.

Wie oft habe ich dies beobachtet: Wenn meine Frau Liebe schenkte, dann begann es zu blühen. Es war wie die erste Frühlingssonne, die mit ihren segnenden Strahlen die Natur zum Blühen brachte! Sie ist voller Mitgefühl für andere. Ihre Anteilnahme überwindet Grenzen. Vor meinem inneren Auge ziehen viele schöne Bilder vorbei, und ich kann nur sagen, dass es berauschend schön war, viel zu schön, um sie vergessen zu können. Ich bin stolz auf sie!

Und so bete ich: “Mein Vater im Himmel! Du hast mich durch sie reich gemacht, reich gemacht mit Liebe, Aufopferung, Treue, Fröhlichkeit und nie nachlassender Sorge um mich! Ja, ich habe so eine Frau von dir erbeten, und du hast mir diesen Wunsch erfüllt. Und wenn ich mich dafür mit Worten bedanke, dann kommt mir der Dank etwas schäbig vor. Es ist zu großartig für mich, Allmächtiger! Und immer wieder denke ich, dass ich es nicht wert bin, dieses Geschenk erhalten zu haben. Und doch macht gerade dies deine Größe aus, dass du so deine LIebe schenkst und dadurch das Herz berührst und Menschen, die du liebst, segnest.” 

Ich schrieb einmal: “Wir gehen beide Hand in Hand durch dieses bisschen Leben …” Und nun ich sehe das Pendel schwingen und höre die Uhr ticken, aber ich weiß nicht, wo die Zeiger stehen. Und der Abschied kommt näher. Sollte sie vor mir sterben, wäre es ein wirklicher Verlust. Denn ich kann ohne sie nicht leben, ich kann ohne sie nicht sein! Unerbittlich werden wir in kurzer Zeit getrennt. Diesen Gedanken kann ich nur mit der Hoffnung ertragen, die Gott uns gegeben hat!

Um uns ist es sehr still geworden. In unserer Abgeschiedenheit genügen wir uns selbst. Unter dem Druck der Zeit genieße ich jeden Tag mit ihr und versuche freudig zu sein. Wenn ich sie anblicke denke ich immer daran, dass es morgen schon anders sein kann. Aber ich will nicht zulassen, dass diese Sorge zu mächtig wird und unser Leben stört. Ganz bewusst und bestimmt will ich daran denken und glauben, dass die schönste Zeit noch vor uns liegt. Ja, ich will mich auf das Morgenrot mit ihr freuen! Und so sehe ich uns auf dem gemeinsamen Weg in den Morgen des Reiches Gottes.

Veröffentlicht von Tilo

Ein alter Mann, der lange Zeit ein Zeuge Jehovas war und dieser Kirche aus Gewissensgründen den Rücken kehrte. Heute stehe ich allen Kirchen misstrauisch gegenüber, denn glauben kann man nur allein. (amenuensor@aol.com)

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