Nachtgedanken 4

…. warum habe ich mein Menschentum bewahren können?

Seit ein paar Tagen hat das alte Grauen einen neuen, zusätzlichen Namen: Butscha in der Ukraine. Zu den vielen Namen aus der Vergangenheit, die alle für das entsetzliche und grauenvolle Verbrechen des Menschen am Mitmenschen stehen, kam ein neuer hinzu. Und es wird nicht der letzte sein. Über die ganze Welt ziehen sich die Namen der Entsetzensorte, und die Menschheit wird des sinnlosen Abschlachtens von Menschen nicht müde, bekommt nicht genug von Morden, Folter, Vergewaltigung Raub und Krieg. 

Ich sehe an diesen Orten junge Männer, kaum lebenserfahren und eigentlich noch halbe Kinder. Und doch sind sie schwerster Verbrechen fähig? Das ist beinahe unglaublich und lässt darauf schließen, dass alles Menschliche in ihnen verschüttet ist. Wie kommt es dazu? Und was mich noch mehr interessiert: Wie steht es mit mir? Warum bin ich nicht so verroht?

Ich meine ein Christ zu sein. Aber wie stark ist der Firnis auf der Oberfläche? Lauert nicht auch in mir ein Abgrund unter der Oberfläche? Wäre ich unter Druck und Menschenfurcht, unter böser Propaganda und gewissenlosen Leuten nicht in der gleichen Lage wie die jungen Mörder?  Das könnte sein. Aber was hat mich daran gehindert, so zu werden, dass ich für die bösen Pläne der Herrschenden brauchbar wäre? Was hat bisher verhindert, dass ich meine Menschlichkeit, meine Liebe und meine Ehrlichkeit nicht verloren hätte? Warum war ich bisher mutig genug, “Nein!” zu sagen? Was hat mich bisher davor bewahrt, durch mich selbst und andere verführt zu werden? 

Im Hinblick auf den Krieg wurde in meiner frühen Kindheit eine Weiche gestellt: Im dritten Lebensjahr hatte ich als Zuschauer ein Kriegserlebnis, dass sich meinem Bewusstsein eingebrannt hat. Dieses Bild, dessen Bedeutung ich etwas später verstand, beeindruckte mich so tief, dass ich schon als Kind beschloss, nie an einem Krieg teilzunehmen. Aber es war nicht nur das schreckliche Bild, das mich daran hinderte zu verrohen, aber damit scheint es begonnen zu haben. 

Wenn ich über mich nachdenke, dann muss es an meinem Glauben liegen. Aber was ist Glaube? Ich stellte mir diese Frage, um festzustellen, worauf es für mich  ankommt, wenn ich sage: “Ich glaube an Gott!” Bibelkundige Menschen zitieren dabei gerne aus dem Hebräerbrief, Kapitel 11:1, wo gesagt wird, dass Glaube ein Überzeugtsein von Wirklichkeiten ist, die man nicht sieht. 

Es geht also um Wirklichkeiten, die man nicht sieht. Aber was sind Wirklichkeiten für uns Menschen? Ist der Mensch nicht in der Lage, sich alles einzubilden und dies für Wirklichkeiten zu halten? Ist der Glaube allein über die “unsichtbaren Wirklichkeiten”  schon definiert? Es kommt ja wohl darauf an, was man als Wirklichkeit anerkennt.

Ich bin auf die seltsamsten und auch furchtbarsten Glaubensvorstellungen gestoßen die von denen, die sie praktizierten als Wirklichkeiten gesehen worden sind. Und aus der Geschichte ist mir bekannt, wie in südamerikanischen Hochkulturen mit ihrer Sonnenanbetung die “Wirklichkeit” ausgesehen hat. Man glaubte, dass die Götter nur dann eine gute Ernte gewähren würden, wenn man ihnen blutige Menschenopfer brachte. Opfer waren zumeist Kriegsgefangene. Man zog also gegen die Nachbarn in den Krieg, um seinen Göttern opfern zu können, damit sie im Tausch eine gute Ernte gaben. Hier ist durch die Religion das grausame, menschenverachtende Opfern “geheiligt” worden! Etwas ähnliches findet man bei den Juden des Alten Testaments. Der Prophet Hesekiel berichtet:

“Ja, dadurch, dass ihr ihnen eure Gaben bringt und eure Kinder als Opfer verbrennt, besudelt ihr euch an euren Scheusalen. Und da soll ich mich von euch befragen lassen, ihr Israeliten? So wahr ich lebe, spricht Jehowah, der Herr: ‘Von mir bekommt ihr keine Auskunft!’” (Hes. 20:37)

Sie hatten also eine Form der Gottergebenheit, aber sie war ohne gute Frucht. Bei Jesaja und Jeremia wird uns berichtet, wie sie im Tempel zu Jerusalem die täglichen Opfer brachten, die Reinheitsgebote einhielten, kurz, der Form genügten. Aber was hatte dies mit Glauben zu tun? Gewiss, von dem was sie sich einbildeten, waren sie überzeugt und meinten, es mit der Wirklichkeit zu tun zu haben. Ob das aber vor ihrem Gewissen und vor der Vernunft bestehen konnte, ist eine ganz andere Frage. Gott jedenfalls handelte und – lieferte sie ihren eigenen Gedanken aus: 

“Da lieferte ich sie Ordnungen aus, die es ihnen unmöglich machten, am Leben zu bleiben!” (Hes. 20:37)

“Und weil sie es nicht für gut hielten, Gott anzuerkennen, lieferte sie Gott einem verworfenen Denken aus, so dass sie tun, was man nicht tun darf.” (Rö.1:28)

Unsere Taten entsprechen unserem Denken; böse Gedanken  können böse Taten zur Folge haben. Im Zitat aus dem Brief an die Römer steckt der Gedanke, dass Gott die Menschen, die sich nicht an seine Gebote halten wollen, einem verworfenen Denken ausliefert, das dann zu schlechten Taten führt. Wenn es so ist, dass Gott sie “ausliefert”, dann kann das auch bedeuten, dass er jene, die seine Gebote halten wollen, dabei unterstützt! Denn um ein gutes und gerechtes Gebot halten zu können, bedarf es mehr als es nur zu wissen. 

Der Grund dafür, dass Gott sie ihrem verworfenen Denken auslieferte, wird auch genannt:

“Trotz allem, was sie von Gott wussten, ehrten sie ihn nicht als Gott und brachten ihm keinerlei Dank. Stattdessen verloren sich ihre Gedanken im Nichts und in ihren uneinsichtigen Herzen wurde es finster.” (Rö. 1:21)

Sie hatten also kein gutes Verhältnis zu Gott! Sie kannten ihren eigentlichen Vater im Himmel nicht. Sie kannten ihn nicht, weil sie ihn nicht kennen wollten, weil sie seine Stimme, die jeder Mensch in sich “hören” kann, ignorierten. Mindestens ihr Gewissen hätte sie warnen und leiten können, denn dazu hat der Mensch es von Gott bekommen. 

Beschützt Gott also mein Denken? Und bewahrt er dadurch mich? Ich sinne schon lange darüber nach und komme zu keinem anderen Schluss: Seit ich angefangen habe Gott zu vertrauen, weiß ich sicher, dass mein Denken und Fühlen von ihm überwacht wird. Zu oft habe ich bemerkt, dass ich im Wirrsal meiner Empfindungen, Irrtümer und Gedanken einen Wegweiser hatte. Und wie viele falsche und gefährliche Ideen sind auf mich eingedrungen? Ich will ja nicht vergessen, dass diese Welt Gott nicht kennt und sich mit wichtigtuerischer Propaganda rechtfertigen will. Alles schreit: “Es gibt keinen Gott! Du bist frei! Du musst dich nicht vor Gott verantworten!”  Warum bin ich nicht ein Opfer dieser teuflischen Propaganda geworden?

Und nicht nur die innere Stimme warnte mich! Ich habe auch die Kraft und den Mut bekommen, dieser inneren Stimme zu folgen und der gottfeindlichen Propaganda zu widerstehen, indem ich mich durch Gottes Geist leiten ließ.

Ich muss dieses liebevolle Handeln Gottes mit mir als Gnade ansehen. Es ist nicht mein Verdienst; es ist nicht, weil ich ein guter Mensch bin, sondern weil Gott Liebe und Barmherzigkeit ist! Und in  seiner Liebe ist er auf der Suche nach Menschen, die ihn suchen. Und hat er sie gefunden, dann schenkt er  ihnen seine Gnade, weil er das Gute in ihnen wachsen lassen will. Er hilft ihnen, sein heiliges Gesetz zu verstehen (Ps. 119:34: “Gib mir Verstand für dein Gesetz, ich will es entschieden befolgen.”) Und damit fördert er alles, was gut, gerecht und liebenswert ist, alles, was wahr ist und dem wahren Leben dient. Dazu gibt Gott seinen Kindern die Kraft zum Guten, seinen Schutz und eine ganz enge, persönliche Beziehung, sodass sie aufrichtig “Vater” zu ihm sagen können. Weil sie seine Kinder sind, gibt er ihnen Glauben, Hoffnung, Liebe und Barmherzigkeit. Er rüstet sie aus für ein Leben als Schafe unter Wölfen. 

Der ganze 119. Psalm handelt vom Ringen eines Menschen um ein gutes, friedliches Verhältnis zum Schöpfer. Der Betende betont immer wieder, dass er das göttliche Gesetz über alles liebt, dass er seinen Wert kennt und weiß, dass es ewiges Leben für den bedeutet, der sich ihm verpflichtet fühlt. Diese Gesetzestreue verlangt von ihm, Gott zu kennen, ihn zu lieben und zu respektieren. Sein Gottesdienst ist keine leere Zeremonie, kein Ritus, keine Pflichtübung. Es ist das verantwortungsvolle Leben in enger Verbindung mit Gott. Aus vielen Versen erfährt der Leser, mit welchen Problemen und Gefahren der Betende es zu tun hatte. Und immer wieder betont er, dass ohne die aktive Hilfe Gottes gar nichts möglich ist. Aufschlussreich sind die abschließenden Worte des Psalms, die diese Abhängigkeit von Gott deutlich machen:

“Meine Seele soll leben und dich loben! Deine Bestimmungen sollen mir helfen! Ich bin umhergeirrt wie ein verlorenes Schaf. Suche deinen Knecht! Denn deine Gebote habe ich nicht vergessen.”

In seiner Weisheit hat Gott seinen Sohn Jesus Christus ausdrücklich als Hirten seiner Schafe eingesetzt. Und Jesus betonte, dass niemand in der Lage sei, sie aus seiner Hand zu reißen! Keines seiner Schafe soll verloren gehen, denn sie sind in seinen Augen kostbar. Er tritt für sie ein, er beschützt ihr Leben und sorgt dafür, dass ihre Liebe nicht erkaltet und der Glaube nicht stirbt, obwohl all dies in dieser Welt eigentlich keine Heimat hat. Und damit habe ich für mich die Frage beantwortet, warum ich glauben darf und so kein Teil dieser verfluchten Welt bin.

Ich will mich gewiss nicht über andere Menschen stellen, wenn ich anerkenne, dass ich von Gott durch seinen Sohn auf einem sehr guten Weg geführt werde. Ich gehe ihn mit Freude! Ich bin dankbar und erhebe meinen himmlischen Vater im Herzen. Ich will ihn ehren, indem ich seine Hilfe immer wieder in Anspruch nehme, indem ich versuche, Recht zu üben, Güte zu lieben und bescheiden mit ihm zu leben (Micha 6:8)!

Veröffentlicht von Tilo

Ein alter Mann, der lange Zeit ein Zeuge Jehovas war und dieser Kirche aus Gewissensgründen den Rücken kehrte. Heute stehe ich allen Kirchen misstrauisch gegenüber, denn glauben kann man nur allein. (amenuensor@aol.com)

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