Geduld und Vertrauen

Wenn ich lese oder höre, dass andere Menschen auch gegen ihre Zweifel ankämpfen müssen, dann fühle ich mich in guter Gesellschaft. Denn sie beweisen mir, dass sie um ihren Glauben und um ihr Vertrauen zu Gott ringen. Ein Beispiel dafür ist mir Asaf, der Schreiber des 77. Psalms. Im Vers 4 lese ich: 

“Denke ich an Gott, so stöhne ich, sinne ich über ihn nach, verliere ich den Mut.”

Was hat ihn stöhnen lassen? Das kann man aus seinen anderen Psalmen erfahren: Er verstand es nicht, warum Gott zugelassen hatte, dass Jerusalem von den Babyloniern zerstört wurde. Diese Zerstörung der Stadt und des Tempels waren so niederschmetternd, dass er Gott nicht mehr verstand. Darüber musste er nun nachdenken, er musste sich neu orientieren und nach einer Antwort suchen. 

So erging es auch mir in diesem Sommer. Ich versuchte mir vorzustellen, mit wem ich es zu tun habe, wenn ich meinen himmlischen Vater anrufe. Die Größe und Erhabenheit Gottes will ich nicht zu beschreiben versuchen; das ist sinnlos, weil Gott in seiner Majestät unbegreiflich und unfassbar ist. Aber gerade seine gewaltige, alles übersteigende Majestät ist es ja, die mich verstummen lässt. Denn was bin ich? Ich bin ein Schatten, der seine Tage zählen kann, denn es sind ja nur wenige. Dagegen ist Gott Herr über Zeit und Raum, während ich nicht einmal weiß, was das eigentlich ist. Dieser unbeschreibliche Unterschied zwischen mir und Gott ist furchteinflößend! Das ist auch dem König David aufgefallen und im Psalm 8 stellt er darum die Frage: “Was ist der Mensch, dass du an ihn denken solltest?”

Und doch hat Gott an mich gedacht! Er ist in mein Leben getreten! Durch Jesus Christus, der auch mich mit Gott versöhnt hat, bin ich ein Kind Gottes geworden. Durch diese neue Geburt bin ich mit im Neuen Bund, der für alle gilt, die Jesus als Herrn anerkennen. Und die Bestimmungen dieses Bundes bedeuten die Vergebung aller Sündenschulden, die Beschneidung des Herzens, das Werden eines neuen Menschen und das ewige Leben in völliger Gottverbundenheit!  Damit ist meine Zukunft bei Gott festgeschrieben! 

Auch dass ich ihn in meinem Bewusstsein wahrnehme, ist ein Wunder, eine Gnade. Seitdem weiß ich, dass Gott ist; er ist eine Realität wie jede andere. Diese Realität ist an mein Bewusstsein gebunden. Hier kann ich Gott wahrnehmen, wobei wahrnehmen auch nur wieder ein rein subjektives ist. Und doch bleibt es eine Tatsache: Ich fühle Gottes Nähe, ich kann zu ihm reden, ich kann bitten und danken – und habe im Leben Antworten bekommen. Auch das ist wunderbar, zu wunderbar für mich. 

Ich bin vor Gott furchtsam geworden und muss das an dieser Stelle verdeutlichen. Diese Furcht hat nichts mit Angst zu tun, die aus einem belasteten Gewissen kommt. Es ist der tiefe  Respekt vor meinem Vater, es ist die Gottesfurcht, die in der Bibel als der “Anfang des Erkennens Gottes” beschrieben wird. In jungen Jahren kannte ich Gott auch schon, aber ich ging mit ihm so um, als wäre er mein Großvater, von dem ich alles mögliche erbitten konnte. Erst im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass er nicht mein “Dienstbote” ist. Ich verstand, dass er nur das für mich tun würde, was mir unmöglich wäre. Und ich begriff auch, dass ich mit seiner Gnade zufrieden sein musste, denn an ihn habe ich einfach keine Forderungen zu stellen. Ich habe vor ihm kein Recht, auf das ich mich berufen könnte. Es ist Gottes Demut, die mich groß macht (Ps. 63:4)! 

Diese wahrgenommene Erhabenheit des Schöpfers hat mich auf das mir gemäße Maß ‘geschrumpft’! Darum bin ich kleinlaut geworden und mein Gebet ist mehr ein Stammeln geworden, ohne große Töne. Es ist eher Dank und Anerkennung seiner Gnade und Liebe. Damit habe ich auch zu warten gelernt. Denn Jesus hat in seiner Geschichte von der hartnäckigen Frau, die sich bei einem ungerechten Richter Gehör verschaffen wollte, gesagt, dass Gott gegenüber seinen Kindern auch langmütig sein kann. Aber gleichzeitig versichert Jesus Christus, dass dem himmlischen Vater alle seine Kinder wichtig sind, denn nicht einmal ein  Spatz fällt ohne sein Wissen vom Himmel. (Es geht hier nicht um Spatzen, sondern um die Tatsache, dass Gott seine Kinder im Blick hat.) Dafür gibt es in der Heiligen Schrift viele Beispiele. Ich darf an die Patriarchen erinnern, an die Witwe von Sarepta,  die Jesus in Lukas 4 erwähnt hat, und an viele andere, die nicht von Gott übersehen worden sind! Was die Geduld anbetrifft, haben alle das Warten lernen müssen: Abraham hat es ebenso lernen müssen  wie der Prophet Habakuk. Und sie sind in ihrer Glaubensfestigkeit nicht wankend geworden, auch wenn sie Gott nicht immer verstanden haben. Und soll ich noch Hiob erwähnen? Verheißungen werden durch Geduld ererbt (Jak. 5:7-11). 

Nun warte ich schon lange darauf, dass diese verdorbene Welt vergeht. Und ich erinnere mich, dass alle Glaubenden darauf gewartet haben. Das war ja das Ziel ihrer Hoffnung. Dahin waren sie unterwegs, das war ihr Leben. Und immer noch warten wir. Verstehen wir das? Ich kann es nicht. Aber das liegt wohl eher daran, dass meine Gedanken die Gedanken Gottes nicht erreichen können (Jes. 55:8).  Was bleibt mir also übrig, als auf Gott zu warten? Und so will ich mit Freude darauf warten, dass sein Reich errichtet wird. Und ich will nicht ungeduldig werden, weil ich weiß, dass Gott sein Wort hält. Dieses Vertrauen hat er mir eingeflößt, was ich auch als Gnade empfinden muss. Es ist durch die Erfahrung gewachsen. Und ich blicke gern auf sie zurück! 

In der Welt geschieht tagtäglich ungeheuerliches Leid. Machtlos stehe ich da und kann nicht mehr hinsehen. Aber hat Jesus das nicht in seiner Offenbarung geschildert? Er hat seine Jünger ausdrücklich mitten in diesem Geschehen gesehen und forderte sie auf, auch um den Verlust ihres Lebens, den Glauben nicht aufzukündigen. Er macht uns klar, dass diese Welt alle Schalen des göttlichen Zorns bis zum letzten Rest austrinken muss! Und wir sind mitbetroffen. Darum versichert er uns seines Bestands und seiner Hilfe. Und ich denke nun wieder an die Worte Asafs aus seinem 73. Psalm:

“Mit deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende in Ehren auf.

Wen habe ich im Himmel außer dir?

Und neben dir wünsche ich mir nichts auf der Erde.

Auch wenn ich Leib und Leben verliere,

bleibt Gott doch mein Anteil für immer.

Ja, wer sich fern von dir hält, geht zugrunde. 

Du bringst jeden zum Schweigen, der dir die Treue bricht.

Doch ich bekenne: 

Die Gottesnähe tut mir gut!

Ich fand meine Zuflucht bei Jehowah, dem Herrn.

Nun will ich deine Taten erzählen.”

Das war Asafs Schlussfolgerung, als er sich über das scheinbare Glück der Gottlosen wunderte und sie fast beneidet hat. Durch Gottes Geist bekam er eine gute Antwort.

Ich bin bereit, mit diesen Worten zu leben und habe mein kleines Leben in Gottes Hand gelegt. Er mag alles zulassen, was er will. Ich werde versuchen, es im Vertrauen auf ihn hinzunehmen. Ich werde auf ihn warten, weil ich weiß, dass ich nicht vergessen bin! 

Veröffentlicht von Tilo

Ein alter Mann, der lange Zeit ein Zeuge Jehovas war und dieser Kirche aus Gewissensgründen den Rücken kehrte. Heute stehe ich allen Kirchen misstrauisch gegenüber, denn glauben kann man nur allein. (amenuensor@aol.com)

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