Licht und Irrlicht

Eine alte Geschichte?

Bis in das 19. Jahrhundert blühte auf Sylt die Strandräuberei. Unter den Bewohnern von Sylt kursierte das Sprichwort: “Frei ist der Strandgang, frei ist die Nacht!” Und jeder wusste, was damit gemeint war, denn in stürmischen Nächten, wenn die Aussicht bestand, ein havariertes Schiff zu plündern, war man am Strand und raubte, was an den Strand gespült wurde. Und gab es Schiffbrüchige, dann hatte die Rantumer keine Bedenken, sie zu erschlagen und zu verscharren. Um das “Geschäft” noch einträglicher zu gestalten, zündete man Leuchtfeuer an, um Schiffe auf den Strand zu locken.

Falsche Leuchtfeuer

Dieses wirksame Prinzip der Irreführung durch ein Leuchtfeuer findet bis heute immer noch lebhafte Anwendung. Nur geht es nicht um Piraterie, sondern um die Vernebelung des Geistes. Es brennen sehr viele falsche Leuchtfeuer die  als helles Licht erscheinen und alle Arten von Menschen  in die Irre locken. In allen Bereichen des Lebens findet man sie. Auch auf religiösem Gebiet locken sie viele Menschen in die Hände von Betrügern, die im Missbrauch des naiv-kindlichen Glaubenwollens eine Gelegenheit zum Geldverdienen und zur Machtausübung sehen.  

Ich muss nicht daran erinnern, dass viele Menschen die Orientierung verloren haben, die man früher noch zu einem guten Teil hatte, als das Gewissen und Gott noch eine gewisse Rolle spielten. Man vertraute noch einem inneren Maßstab und ließ sich von ihm leiten. In  unserer orientierungslosen Zeit suchen viele Menschen nach Sinn und Ziel im Leben. Die Esoterik und die vielen religiösen und pseudo-religiösen Bewegungen haben lebhaften Zulauf. Überall wird behauptet, dass man für die Probleme der Menschen eine gute Lösung habe. Man verspricht viel und die meisten scheinen das gerne glauben zu wollen. Sie lassen sich durch diese Irrlichter anlocken wie die Motten vom versengenden Licht

Was bringen die Versprechen der Gurus?

Die eigene Wahrnehmung macht uns schon misstrauisch, denn wir sehen das stille, würgende Unglück, das fast jeden heimsucht, der sich auf falsche Leuchtfeuer eingelassen hat. Das allgemeine Leben bietet einen unerschöpfliche Stoff für die Medien: Tausend Probleme, Skandale, Sorgen jeder Art und die steigende Flut der Kriminalität. Das hat sich niemand ausgedacht, das geschieht einfach jede Stunde, Tag für Tag. Ich sehe keinen tragfähigen Erfolg der vielen Heilsversprechen: Diese Welt fällt von Stufe zu Stufe immer tiefer in den Abgrund. Ich möchte es so beschreiben: Im stinkenden Kadaver dieses Weltsystems fühlen sich nur die Maden wohl!

Glaube bringt Licht

Ich bin in der guten Lage, glauben zu können, weil ich glauben darf. Glaube ist für mich keine meditative Technik, die mein “Chakra” repariert; es ist keine Psychotherapie, die mir in Alltagsproblemen hilft; es ist nicht das “Lichtlein, das von irgendwoher kommt”; es ist kein billiger Trost, der mich betrunken macht. Nein! Glaube ist die gesicherte Erfahrung Gottes als seiende, handelnde und gerechte Person, die sich in meinem Leben äußert. Glaube ist mein Leben, das ich “an der Hand Gottes” führe. 

“Ich bin das Licht der Welt”, sagte  Jesus von sich. “Wer mir folgt, wird nicht mehr in der Finsternis umherirren, sondern das Licht haben, das zum Leben führt.” (Joh. 8:12)

Meine Pilgerreise

Ich bin immer wieder dankbar dafür, dass ich nicht mir und meinem Denken und Fühlen ausgeliefert oder überlassen worden bin. Ich fühle und nehme es bewusst wahr, wie ich geleitet werde. Ich habe ein gutes Licht für meinen Weg und darf mich als Sohn oder Kind Gottes fühlen. Ich bin mir auch der Tatsache bewusst, dass ich Führung brauche, weil auch ich kämpfen muss, weil auch ich jeden Tag neu beginnen muss, den Weg ins Leben zu gehen. Aus diesem Kampf, mit allen Möglichkeiten des Siegens oder Scheiterns, gibt es für mich keine Entlassung. Und während ich diesen Weg gehe, lerne ich aus meinen Fehlern, erkenne mich an der Art, wie ich Probleme sehe und behandle. Ich kann das mit einem Bild ausdrücken: Im 84. Psalm wird es gebraucht:

“Wie glücklich sind die, deren Stärke du bist, die sich zur Pilgerfahrt rüsten. Wenn sie auch durchs Tränental ziehen, wird es zum Quellort durch sie, und der Herbstregen hüllt es in Segen. Mit jedem Schritt wächst ihre Kraft, bis sie vor Gott in Zion erscheinen.” 

Als Christ ist man auf der Reise zu Gott. Man geht auf dieser Reise durch viele Schwierigkeiten, aber der Weg wird immer leichter zu gehen, weil die Stärke Gottes uns begleitet, weil der Weg im Tränental sich zu einem Ort der Quellen wandelt, er also zu einer Oase wird und der fruchtbringende Herbstregen den Segen Gottes bringt. Mit jedem Schritt wächst unsere Kraft! Und das alles geschieht unter der Leuchtkraft, die Gott als Licht  uns schenkt. Gott beleuchtet unseren Weg und sorgt dafür, dass er zu einem guten Ziel führt.

Was Gott von uns will

Es ist in der Bibel enthalten: Gott will mit Geist und Wahrheit angebetet werden (Joh. 4:24). Weil er selbst Licht ist, sollen auch seine Kinder  Licht sein: “Ihr seid das Licht der Welt” und “lasst euer Licht vor den Menschen leuchten”. So hat es Jesus ausgedrückt. Und wer im Licht lebt und Licht spenden will, muss Gottes Gerechtigkeit auszuleben versuchen: 

Gott ist Licht, in ihm gibt es keine Spur von Finsternis. Wenn wir behaupten, mit Gott Gemeinschaft zu haben und trotzdem in der Finsternis leben, dann lügen wir: Unser Tun steht im Widerspruch zur Wahrheit. 

Wenn wie aber im Licht leben, so wie Gott im Licht ist, sind wir miteinander verbunden, und das Blut seines Sohnes Jesus macht uns von jeder Sünde frei. Wenn wir behaupten, ohne Schuld zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit. Wenn wir unsere Sünden eingestehen, zeigt Gott, wie treu und gerecht er ist: Er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von jeder Ungerechtigkeit. Wenn wir behaupten, wir hätten nicht gesündigt, machen wir Gott zum Lügner. Dann lebt sein Wort nicht in uns.” (1. Joh. 1:5-10) 

Allein schon diese Hilfe Gottes, die uns zu besseren Menschen macht, ist ein wunderbares Licht auf unserem Lebensweg. Dieses Licht bewahrt uns davor, Böses zu tun, falsche Ziele zu verfolgen und am Ende das zu ernten, was wir an Bösem gesät haben. Und wieder betone ich: Die Gerechtigkeit Gottes beschützt uns! 

Und nun blicke ich auf die vielen Gurus, die den leichtgläubigen Menschen das Glück und die Freude versprechen und ihnen doch nur das Geld aus der Tasche stehlen. Ich blicke auf ihre Jünger und auf ihr Leben und sehe, dass sie nicht zu Gott gefunden haben, dass es ein Irrlicht war, das sie in die Finsternis lockte, und dann wundert es nicht, dass man im Leben Schiffbruch und Untergang erlebt! 

Das blendende Licht dieses Weltsystems

Neben den großen und kleinen Katastrophen die uns die Nachrichten ins Wohnzimmer liefern, gibt es das strahlende Licht des Optimismus, das alles positiv einfärbt und  verhindern will, dass man nachdenklich wird. Dieses Licht ist so grell, dass die Augen geblendet werden. Die moderne Welt des Kapitalismus strahlt von Glanz und Glitter. Es täuscht die Sinne und vernebelt den Verstand, denn es bedient scheinbar den Wunsch der Menschen nach Glück, Erfolg und Wohlstand. Überall werden die sichtbaren Zeichen des wirtschaftlichen Erfolgs aufgerichtet: Die Metropolen dieser Welt überbieten sich durch ihre Bauwerke darin, den wirtschaftlichen Erfolg sichtbar zu machen. Aber dieser falsche, trügerische Glanz überstrahlt doch nur das menschliche Elend, das uns auf Schritt und Tritt begegnet. Er ist reine Fassade, er ist Theaterdekoration für ein mieses Stück. Denn fragt irgendjemand nach der Lösung für ein drängendes und bedrohliches Problem, dann fällt die Antwort  eher vage, verlogen oder nichtssagend aus. Nur mit Mühe kann man die Perspektivlosigkeit und Ratlosigkeit überdecken. Es gibt viele Worte, Absichtserklärungen und Versprechen, aber keine ernstzunehmende Aktivität. Das nennt man operative Hektik. Man tut so, als ob. Was daneben noch auffällt ist dies: “Lasst uns essen und trinken und fröhlich sein, denn morgen ist die Party vielleicht schon vorbei!” 

“Dein Wort ist Wahrheit”

Ich bleibe beim Lesen in der Bibel oft an ganz einfachen Aussagen hängen. Eine davon ist ein Wort Jesu: 

“Ich bitte dich nicht darum, sie aus der Welt wegzunehmen, aber ich bitte dich, sie vor dem Bösen zu bewahren. Sie gehören nicht zur Welt, genauso wie ich nicht zu ihr gehöre. Mache sie durch die Wahrheit zu Menschen, die ganz für dich da sind! DEIN  WORT  IST  WAHRHEIT.” (Joh. 17:15-17)

Wie oft habe ich darüber schon nachgedacht? Wie oft habe ich diesen Ausspruch anhand meiner Erfahrung und all den Tatsachen geprüft, mit denen ich konfrontiert worden bin? Das geht nun schon ein Leben lang – und immer wieder treffe ich für mich die Feststellung: “Dein Wort ist Wahrheit!” Und dann kann ich Gott nur danken! Ja, ich fühle mich im Wort Gottes zu Hause; hier bin ich geborgen, hier finde ich Rat, Hilfe, Verständnis, Trost und Hoffnung. Ich kann mir zusammen mit dem heiligen Geist Gottes kein besseres Licht für meinen Lebensweg denken. 

Während ich mich durch Gottes Licht auf meinem Weg leiten lasse, sehe ich die düsteren Prophezeiungen der Offenbarung in Erfüllung gehen. Während die letzten Plagen über dieses Weltsystem ausgegossen werden, geschieht auch dies:

“Der fünfte Engel goss seine Schale über den Thron des wilden Tieres aus. Da wurde sein ganzes Reich in Finsternis gestürzt und die Menschen zerbissen sich  die Zungen vor Qual. Sie verfluchten Gott im Himmel wegen ihrer Schmerzen und ihrer Geschwüre. Doch ihre Taten bereuten sie nicht.” (Off. 16:10, 11)

Angesichts dieser angekündigten Dunkelheit sagte Jesus zu seinen Jüngern:

“Nutzt das Licht, so lange ihr es habt, damit euch die Dunkelheit nicht überfällt! Wer in der Dunkelheit unterwegs ist, weiß nicht, wohin er geht. Glaubt an das Licht solange ihr es noch habt, damit ihr Menschen des Lichts werdet!” (Joh. 12:35, 36)

Ein Bettler

Kürzlich erzählte mir ein Bekannter eine Geschichte, die mich noch lange beschäftigt hat. Es ist die Geschichte eines erfolgreichen Schriftstellers, der nach Jahren seines Schaffens nachdenklich wurde. Er überdachte noch einmal sein Leben und Schaffen und kam zu einer ernüchternden Feststellung: „Meine Texte haben die Menschen zwar unterhalten, aber ich habe nichts Wesentliches gesagt! Und dabei hätte ich doch etwas zu sagen gehabt, was  wichtig gewesen wäre. Warum habe ich das nicht gesagt? Warum fällt mir das erst jetzt ein?“

Dann setzte er sich hin und überlegte. Und was er dann aufschrieb, veröffentlichte er nicht. Er ging in den Wald und las seinen letzten Text den Bäumen vor. Die alten Bäume des Waldes umstanden ihn still. Nur der leise Wind strich durch die Äste. Kein Mensch hörte seine letzten Worte! Danach blieb der Schriftsteller verschwunden und war nicht mehr auffindbar.

Ich habe nicht erfahren, was er im Wald den Bäumen vorgelesen hat. Aber ich fragte mich, was ich an seiner Stelle gesagt haben könnte, nachdem ich mein “Lied” vor der Welt gesungen habe? Ich habe nachgedacht und es fielen mir gewichtige Worte ein, in denen es im Grunde genommen wieder um mich ging. Vielleicht empfand der Schriftsteller ähnlich und drängte danach, etwas über sich zu sagen, was er bisher sorgsam verschwiegen hatte, weil seine Karriere im Vordergrund stand und er die Bewunderung der Leser haben wollte. Vielleicht wollte er einmal – und wenn es das Ende seines Lebens war – seine eigene, nackte und schonungslose Wahrheit über sich selbst sagen? 

Und was könnte ich den Bäumen über mich selbst sagen? So als letztes Wort, das Bestand haben und mich in einem kurzen Satz beschreiben könnte, das meine Selbsteinsicht wiedergäbe? Nun bin ich ein Mensch, der es als großes Glück empfindet, dass er glauben darf. Und darum versuche ich, mich  immer unter dem wissenden Blick Gottes zu sehen (Ps. 139). Ich stelle mir also lebhaft vor, vor dem Richter aller Menschen zu stehen und unter seinem Blick alles Überflüssige, Falsche, Stolze, Selbstgerechte und Beschönigende zu verlieren, es abzustreifen und den Mut zur letzten Wahrheit meines Lebens zu haben. Und was eignet sich da besser, als das, was Jesus in einem Gleichnis einem bereuenden Sünder in den Mund legte? 

“Gott, sei mir gnädig. Ich bin ein Sünder.” (Luk. 18:13)

Mit diesem einen Satz hat – so sagt es Jesus – der Mann seine Meinung über sich vor Gott offenbart, mit der er sich tatsächlich Gott unterwarf und um Gnade bat! Wer um Gnade bittet, hat begriffen, dass er Barmherzigkeit bitter nötig hat! Wer um Gnade bittet, sieht sich im richtigen Licht vor Gott! Er bittet damit auch um Hilfe, um ein besserer Mensch zu werden, zu einem Menschen, der mit seinem Schöpfer in vollkommener Harmonie lebt.  Und das soll auch mein Wunsch sein.

Nun besteht bei solchen Geständnissen immer der Verdacht, dass der Sprecher eine Haltung kultiviert, die als gut anerkannt und gewürdigt wird. Aber damit will ich nichts zu tun haben. Mir geht es um die innere Wahrhaftigkeit, um mein privates Eingeständnis vor Gott. Ja, ich kann über meine Gedanken schreiben, ich kann sie beleuchten und ausbreiten, aber wenn ich sie hier nicht für mich behalte, sondern aufschreibe, dann doch in der Hoffnung, dass andere auch angeregt werden, über sich selbst nachzudenken. Im Buch der Sprüche fand ich diesen schönen Gedanken: “Im Spiegel des Wassers erkennst du dein Gesicht, im Spiegel deiner Gedanken aber dich selbst”. Und das ist es, was dann zu Einsichten führt, die uns unseren Platz in der Gegenwart Gottes zuweisen.

Nun habe ich mit dem Eingeständnis, ein Sünder zu sein, nichts Besonderes gesagt. Das sind schließlich alle Menschen. Aber nicht alle sehen es ein, weil ihnen Gott unbekannt ist und sie deshalb keine Verantwortung fühlen. Doch für mich ist diese Einsicht auch schmerzlich und ich bedaure, was ich falsch gemacht habe. Dabei denke ich auch an Jesu Glücklichpreisung aus der Bergpredigt: 

“Wie glücklich sind die, die begreifen, wie arm sie vor Gott sind, denn sie gehören dem Reich an, das der Himmel regiert.” (Mat. 5:3)

Wie viele Menschen werden das begriffen haben? Einen kenne ich: Hiob, der Mann aus dem Land Uz. Als er seine Belehrung von Gott erhalten hatte, sagte er nur noch: 

“Ich weiß, dass du alles vermagst, kein Plan ist unmöglich für dich. ‘Wer verhüllt da den Rat  mit Reden ohne Einsicht?’ Ja, ich habe geredet, was ich nicht verstand. Es war zu wunderbar für mich, ich begriff das alles nicht. Höre doch, ich will nun reden, will dich fragen, dass du mich belehrst. Bloß mit dem Ohr habe ich von dir gehört, aber jetzt hat mein Auge dich geschaut. Darum unterwerfe ich mich und bereue in Staub und Asche.” (Hiob 41:2-6)

Und so sieht ein Armer vor Gott aus! In diesem “darum unterwerfe ich mich und bereue in Staub und Asche” liegt alles, was man vor Gott außer “Danke” noch sagen kann. Ja, ich will ein Armer vor Gott sein! Dabei muss ich einsehen, dass es ein Weg dahin ist, der über Erfahrungen und Einsichten zum Ziel führt. Aber ich darf zuversichtlich sein, denn was Gott von mir erwartet, will ich gern erfüllen. 

Dazu gehört nach meiner Ansicht, dass man wie ein Kind wird, das von seinem Vater alles erwartet, was gerecht und wahr ist, ein Kind, das sich seiner Abhängigkeit bewusst ist und mit vollem Vertrauen zum Vater aufblickt, weil es sich in seiner Gegenwart gut aufgehoben fühlt. So ein Kind diente Jesus als Beispiel, als er sagte, dass man so werden müsse wie ein Kind: “Gottes Reich ist ja gerade für solche wie sie bestimmt. Ich versichere euch: Wer Gottes Reich nicht wie ein Kind annimmt, wird nie hineinkommen.” (Luk.18:16, 17) Und das hat Jesus gesagt, nachdem er wieder einmal einen Rangstreit unter seinen Aposteln miterleben musste. 

So ein Kind Gottes stellt sich selbst nicht in den Mittelpunkt. Es kennt seine Begrenztheit. Und es hat keinen Sinn für Konkurrenz und Wetteifern, kein Gefallen an Geltungsbedürfnis und Stolz. Darum vertraut ein Kind Gottes nicht auf die eigenen Fähigkeiten und ist nicht der Meinung, jedes Problem selbst lösen zu können. Es kann in Ruhe und Vertrauen auf Gott warten! Ja mehr noch! Es kann das ausleben, was es im Brief des Petrus liest:

“Demütigt euch unter Gottes mächtige Hand, dann wird er euch zur richtigen Zeit erhöhen. Und werft so alle eure Sorgen auf ihn, denn er sorgt sich um alles, was euch betrifft.” (1. Pe. 5:6, 7)

Diesen Text möchte ich gern verinnerlichen, will erreichen, dass er ein Teil von mir wird. Ich kenne ihn schon lange Zeit, aber erst jetzt, wo ich alt geworden bin, ist sein tiefer Sinn in mir aufgegangen. Es war so, wie beim roten Fingerhut: Der Same dieser Wildpflanze kann viele Jahre in der Erde liegen – und warten. Er wartet, bis Licht auf ihn fällt, dann keimt er und wächst. So habe ich den Eindruck, dass erst Gottes Geist das passende Licht auf den Text werfen musste, damit der Sinn in meinem Herzen aufgehen konnte. Und welch ein Reichtum ist da entstanden! Ich muss nicht mehr ‘ängstlich umherblicken’ und mich fürchten. Ich darf der Zusicherung Gottes vertrauen: 

“Schau nicht ängstlich nach Hilfe aus, denn ich, dein Gott, ich stehe dir bei! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark und helfe dir! Ich halte dich mit meiner rechten und gerechten Hand. … Denn ich bin Jehowah, dein Gott. Ich fasse dich bei der Hand und sage zu dir: ‘Fürchte dich nicht! Ich selbst, ich helfe dir!’” (Jes. 41:10, 13)

So schaue ich wie ein kleiner Junge mit warmen Herzen auf meinen Vater im Himmel. Denn ich weiß, dass er für mich sorgen wird. Ich muss keine Furcht haben! Statt dessen habe ich einen nie gekannten Frieden geschenkt bekommen, ein Friede, so mächtig wie ein breiter Strom und so tief wie das Meer. Es ist der Friede unter der mächtigen Hand Gottes!

Unter diesem Frieden wächst das unbedingte Vertrauen zum Vater im Himmel. Und dann weiß ich, dass viele Probleme meines Lebens nicht von mir gelöst werden können, denn ich bin nur ein armer Mensch, ein Sünder. Da kommt es für mich darauf an, auf Gott zu warten, auf seine Lösung zu warten. Der “Arme vor Gott” kennt aus Erfahrung seine Begrenztheit, seine Machtlosigkeit und seine Grenzen. Das ist letztlich Bescheidenheit, wie sie in Micha 6:8 gefordert wird: 

“Er hat dir gesagt, was gut ist. Und was fordert dein Gott von dir zurück, als Güte zu lieben, Recht zu üben und bescheiden  mir deinem Gott zu wandeln?” 

“Lass mich wie einen deiner Lohnarbeiter sein”

Wenn ich an Jesu großartiges Gleichnis vom verlorenen Sohn denke, dann wird mein Herz weit und warm. Denn auch ich fühle  mich wie der verlorene Sohn, der nach einer Irrfahrt durchs Leben endlich wieder zu Hause bei seinem Vater sein darf. Es ist doch eine Tatsache, dass meine Sünden meinem Vater nicht gefallen, dass sie ihm weh tun und er Besseres von mir erwarten darf. Das Beharren in der Sünde würde mich von ihm trennen, doch ich darf ihn mit “Vater” anreden! Ich darf darauf vertrauen, dass meine Sündenschuld getilgt ist, weil Jesus für mich gelitten hat! Darum darf ich “Vater” sagen. 

Das ist für mich eigentlich unfassbar! Es ist so unfassbar, wie Gottes Größe! Gott kann viele Namen haben, aber kein Name wird seiner Person gerecht. Die Namen sind schwache Versuche des Menschen, den Unbegreiflichen, Allmächtigen und Unsichtbaren greifbar zu machen. Unser Verstand braucht Namen, braucht Begriffe. Aber Gott ist darin nicht fassbar. Das hat auch schon Hiob gewusst, als er sagte, dass wir von den Säumen der Wege Gottes nur ein Geflüster hören und den Donner seiner Macht nicht verstehen (Hi. 26:5-14). 

Das kann dazu führen, dass man sich völlig unbedeutend und sehr klein vorkommt und Gott in weite Ferne rückt. So haben es auch Psalmenschreiber empfunden, wenn ich Äußerungen wie diese lese: “Du bist so weit weg!” (Ps. 71:12) “Denke ich an Gott, so stöhne ich.” (Ps. 76:4) “Ich bin doch nur ein Gast bei dir, ein Fremder wie alle meine Väter.” (Ps. 119:19; 39:13) “Schau weg von mir, damit ich aufatmen kann, bevor ich gehen muss und nicht mehr bin.” (Ps. 39:14)

Aber dann dies: “In nächtlichen Stunden auf meinem Bett, gehen meine Gedanken zu dir. Flüsternd sinne ich über dich nach, denn du bist mir Hilfe gewesen. Ich juble im Schutz deiner Flügel. Ich klammere mich an dich, und deine rechte Hand hält mich fest.” (Ps. 63:7-9) Darin leuchtet die Barmherzigkeit Gottes auf! Das gibt mir Mut! Das lässt mich hoffen und vertrauen! Das macht mich groß, auch als Bettler vor Gott. Gottes Barmherzigkeit gilt auch mir, einem Sünder. Und dadurch wertet Gott mich auf! Es ist dann so, wie es im 18. Psalm steht: “Du gabst mir den Schild deines Heils, und deine Hand hat mich gestützt. Deine Demut machte mich groß!” 

Wo wohnt Gott?

Ich habe Gottsucher gefragt, wie man zu Gott kommt. Seine Antwort:  “Er wohnt nicht in der Zeit. Er ist Herr der Zeit. Er war, er ist und er wird sein! Es gibt keinen Ort, an dem du dir Gott denken kannst, denn er wohnt außerhalb von Zeit und Raum. Und doch wohnt er bei dem, der niedrigen Geistes ist. Er wohnt bei denen, die wissen, wie arm sie vor ihm sind. Gott wohnt dort, wo deine Dankbarkeit ihren Widerhall findet. Je mehr Gründe du zum Danken hast, umso näher kommst du Gott!.”  Und ich glaube er hat Recht. 

So bin ich am Ende nur noch dankbar, dass ich als Bettler vor Gott stehen darf, dass ich die starke Hoffnung habe, durch Jesus Christus ganz und gar mit Gott versöhnt zu sein. Und dann habe ich keine anderen Wünsche. Das Wesentliche ist für mich da: Ich darf “Vater” sagen. Der verlorene Sohn ist zu Hause – als Bettler, als Armer vor Gott.

Und draußen tobt der Wahnsinn

Dem stillen Betrachter dieser Zeit drängt sich die Frage auf, ob den Menschen allgemein der Wahnsinn droht. Ich habe noch keine Epoche erlebt, in der die Gesellschaft so polarisiert, so stark gespalten und zerstritten ist wie jetzt. Auf allen Kanälen finde ich Geschrei, Verleumdung, Wut, Hass, Lügen und Verführung zu schlimmen Verhaltensweisen. Jeder behauptet Recht zu haben. Jeder kann für seine Behauptungen irgendeinen “Experten” zitieren oder eine “wissenschaftliche” Publikation anführen, um den Eindruck von Wahrheit und Seriosität zu erwecken. Einprägsame Schlagworte wie “Fake News”, “Verschwörungstheorien”, “Bewusstseinskontrolle”, “Totale Beherrschung”, “Manipulation der Massen”, “Mainstream Medien”, “Desinformation” und “Regierungszensur” beschreiben den Boden, auf dem das allgemeine Misstrauen gegen die Regierung und gegen den Mitmenschen wächst. Ich beobachte eine zunehmende Radikalisierung, die mir Angst macht. Wehe, wenn sich nur ein Teil davon austobt!  “Jeder gegen jeden”, scheint die Devise zu heißen. 

Wo ist oben, wo ist unten? 

Die meisten wissen es nicht mehr. Wem soll man glauben und vertrauen? Man ist zu oft enttäuscht worden und hat das Vertrauen verloren. Und wie sieht es mit dem Denken aus? Es scheint, dass das klare, zielstrebige Denken kaum noch gepflegt wird, weil man durch die vielen widersprüchlichen Informationen verwirrt und verunsichert ist.  Worauf kann man sich stützen? 

Das ist die Lage, der ich mich gegenüber sehe. Soll ich mich da einmischen und für die Vernünftigkeit eintreten? Soll ich aufklären und mich auf eine der vielen Seiten stellen, die ich nicht durchschaue? Wenn ich es genau betrachte, dann geht es doch um Moralität! Die Verwirrung der Meinungen muss ich als Ergebnis einer Tendenz sehen, die vor Jahrzehnten in die öffentliche Diskussion getragen wurde, als man forderte: “Weg mit der Moral!” Und da kann ich für niemanden Partei ergreifen. Ich kann es nicht, weil keine verbindliche Grundlage da ist, die von allen – oder den meisten – anerkannt wird. Soll ich für Menschen Partei ergreifen, die sich der Lüge und der Täuschung bedienen, um ein gewisses Ziel zu erreichen? Ich kann es nicht! 

“Seid also wachsam”

Was muss ich tun, um den Kopf oben zu behalten? Die Antwort kann ich leicht geben, aber nur unter Anstrengung auch leben. Ich habe eingesehen, dass Glaube oder das Vertrauen zu Gott jeden Tag neu formuliert werden muss. Jeden Tag bin ich gezwungen, mich zu orientieren. Jeden Tag muss ich mir klar machen, an wen ich glaube. Dabei ist mir auch bewusst geworden, dass ich kämpfen muss, auch wenn ich mitunter müde bin und einzuschlafen drohe. Da gilt für mich und alle anderen Christen die Warnung Jesu im Hinblick auf schwierige Zeiten: “Seid also wachsam!” (Mat. 25:13).

Geistige Wachsamkeit! Das nimmt in den Endzeitreden Jesu einen zentralen Platz ein. Wachen und ständig darum beten, d. h. um den eigenen Standpunkt ringen. 

Wer beschützt mich?

Ich kann mich nicht in die vielen Debatten stürzen, weil mein Glaube auf der Überzeugung ruht, dass Christus Herr der Lage ist. Was auch um mich herum geschieht, er sieht es und hilft mir dort, wo meine Kraft endet. Er kann mich gegen die “Weltbeherrscher dieser Finsternis” in Schutz nehmen:

“Wir wissen, dass jemand, der ein Kind Gottes geworden ist, nicht bedenkenlos weiter sündigt, denn der aus Gott Geborene [Jesus] wacht über ihn und der Böse tastet ihn nicht an.” (1. Joh. 5:18) 

“Weil du meine Aufforderung zur Standhaftigkeit beherzigt hast, werde auch ich dich bewahren/beachten in der Zeit der Versuchung, in der die ganze Menschheit den Mächten der Verführung ausgesetzt sein wird.” (Off. 3:10)

Die Welt in der Macht des Bösen

Die Bibel sagt mir ganz deutlich, dass die Welt in der Macht des Bösen ist. Dieser Böse ist nach den Worten Jesu der Vater der Lüge (Joh. 8:44), er ist ein Mörder, ein Totschläger. Und durch ihn ist die “Grundordnung zerbrochen” worden (Ps. 11:3). Er ist der “Weltbeherrscher dieser Finsternis”. Und da richtet der Gerechte nichts aus! Und denke ich an die vielen Weltverbesserer, von denen die Geschichte erzählt, dann habe ich nicht die geringste Lust, mich dort einzureihen, denn ihre Wege waren in der Regel mit Millionen Toten gepflastert. Geblieben sind die falschen Ideale – und die Sehnsucht der Menschen nach Gerechtigkeit. Und immer wieder sind neue Verführer da, die diese unerfüllte Sehnsucht zu stillen versprechen.

Wogegen kämpft ein Christ? 

Das wird klar ausgedrückt: 

“Und schließlich: Lasst euch stark machen durch den Herrn, durch seine gewaltige Kraft. Zieht die volle Rüstung Gottes an, damit ihr den heimtückischen Anschlägen der Teufels standhalten könnt. Wir kämpfen ja nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern gegen die dämonischen Mächte und Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis, gegen die bösartigen Geistwesen in der unsichtbaren Welt.” (Eph. 6:10-12)

Das muss ich mir immer wieder deutlich vor Augen führen! Meine Feinde sind unsichtbar und gerissen, heimtückisch und grausam. Was kann  ein Sterblicher dagegen ausrichten? Auf sich allein gestellt nur wenig, aber mit der Kraft Gottes, der Hilfe Jesu und seinem Glauben kann er sie besiegen, indem er nicht zulässt, dass sie ihn betrügen und verführen. Und nur auf dem Gebiet des Glaubens habe ich dier Unterstützung Gottes. Nur hier kann ich siegen! Und durch meinen Kampf beweise ich auch, dass ich Gott in allem vertraue. Durch meinen Sieg verurteile ich auch die Welt des Bösen. 

Das Denken wird von Gott beschützt

Und ich habe es erlebt, dass mein Denken beschützt wird, wenn alle Arten von Verschwörungstheorien auf mich niederregnen. Das ist eindeutig die Folge, wenn Frieden und Freude von Gott kommen:

“Freut euch jeden Tag, dass ihr mit dem Herrn verbunden seid! Ich sage euch noch einmal: Freut euch! … Macht euch keine Sorgen, sondern bringt eure Anliegen im Gebet mit Bitte und Danksagung vor Gott! Und sein Friede, der alles menschliche Denken übersteigt, wird euer Innerstes und eure Gedanken beschützen, denn ihr seid ja mit dem Christus verbunden.” (Phil. 4:4-7)

“Und Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass die Prüfung über eure Kraft geht. Er wird euch bei allen Versuchungen den Weg zeigen, auf dem ihr sie bestehen könnt.” (1. Kor. 10:13)

In diesen Zusagen Gottes ist alles enthalten, was ich benötige, um nicht Opfer von Verschwörungstheorien zu werden. 

Lohnt die Aufregung?

Trotzdem kommt es vor, dass ich mich über Ungerechtigkeit und über ihre Verursacher aufrege. Das kann meinen Frieden empfindlich stören. Und an dieser Stelle muss ich dann an den 37. Psalm denken, wo mir dieser Rat gegeben wird (Verse 1-8):

“Reg dich nicht über die Bösen auf, beneide die Verbrecher nicht! Sie verdorren schnell wie das Gras, welken wie das grüne Kraut. Vertraue auf Jehowah und tue das Gute, wohne im Land und sei ehrlich und treu. Erfreue dich an Jehowah! Er gibt dir, was dein Herz begehrt. Lass Jehowah dich führen! Vertraue  ihm, dann handelt er. Er wird dein Recht aufgehen lassen wie das Licht, deine Gerechtigkeit wie die Sonne am Mittag. Sei still vor Jehowah und warte auf ihn! Reg dich nicht über den auf, dem alles gelingt, über den, der böse Pläne ausführt. Steh ab vom Zorn und lass den Grimm! Reg dich nicht auf! Das führt nur zum Bösen.”

Das kann ich gut einsehen, denn meine geschichtliche Erfahrung bestätigt, dass Gewalt zum Bösen verführt. Gegen die bösen Geistermächte richtet aber meine Gewalt nichts aus.  Aufregung und Gewaltanwendung würden nur beweisen, dass ich nicht auf Gott warten will, bis er die Dinge in Ordnung bringt. 

Ich kann natürlich versuchen, meine Mitmenschen aufzuklären und den Weg zur Rettung zeigen. Aber auch hier bin ich nicht mächtig genug, um Menschen zu ändern. In den Sprüchen Salomos steht, dass die eigene Weisheit nur einem selbst nutzt. Ändern muss sich jeder selbst und darum kann ich nur Wegweiser sein. Aber eine Einmischung in eine öffentliche Debatte halte ich fast für sinnlos, denn neben dem “donnernden Wasserfall” wird die Stimme des Einzelnen nicht gehört, weil das donnernde Geschrei alles übertönt. Auch dafür sorgt der Teufel.

So will ich versuchen und darum kämpfen, in Frieden mit Gott zu leben, dann wird mein Denken beschützt. 

„Frei ist, wer seine Freiheit nutzt!“

”Sie versprechen Freiheit und machen die Menschen doch nur zu ihren Sklaven.” (2. Pe. 2:19)

Als Martin Luther 1520 seine dreißig Thesen “Von der Freiheit eines Christenmenschen” veröffentlicht hatte, entzog er der römisch-katholischen Kirche die Macht, die sie über ihn ausüben wollte. Fortan anerkannte er nur noch einen Herrn über sich an: Jesus Christus. Was Luther damals formulierte war revolutionär und entzog im Prinzip jeder organisierten Religion ihre Existenzberechtigung. Denn er hatte dies festgestellt:

“Also sagt St. Paulus: ‘Wir wollen für nichts mehr von den Leuten gehalten sein denn Christi Diener und Schaffner [Verwalter] des Evangeliums.’ 

Aber nun ist aus der Schaffnerei [Verwaltung] geworden eine solch weltliche, äußerliche, prächtige, furchtbare Herrschaft und Gewalt, dass ihr die rechte weltliche Macht in keinem Wege kann gleichen, gerade als wären die Laien etwas anderes denn Christenleute, womit hingenommen [weggenommen] ist der ganze Verstand [Verständnis] christlicher Gnade, Freiheit, Glaubens und alles, was wir von Christo haben, und Christus selbst; wir haben dafür überkommen [bekommen] viel Menschengesetz und -werk, sind ganz Knechte geworden der allerunwürdigsten Leute auf Erden.” 

Was Jesus wollte 

Jesus Christus hat seine Apostel und Jünger mehrmals ermahnt, keine Unterschiede und Rangordnungen zu schaffen, was ja im Denken gewöhnlicher Menschen einen großen Platz einnimmt: Fast jeder will der Größte sein. Unter seinen Nachfolgern aber sollte Besseres gelten:

“Ihr jedoch sollt euch niemals Rabbi nennen lassen, denn nur einer ist euer Rabbi, und ihr alle seid Brüder. … Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird von Gott erniedrigt werden, wer sich aber selbst erniedrigt, wird von Gott erhöht werden.” (Mat. 23:8, 11)

Damit hat Jesus jeder Art von religiöser Hierarchie eine klare Absage erteilt und die Unterscheidung zwischen Geistlichen und Laien verboten. Seine Apostel haben das gut verstanden, als er ihnen beim letzten Passah die Füße gewaschen hatte. Denn damit hat Jesus selbst Sklavenarbeit verrichtet und den Aposteln ein Vorbild gegeben. 

Und so bemerken ich auch beim Lesen der christlichen Schriften der Bibel, dass die Gemeinden im frühen Christentum niemanden duldeten, der den ersten Platz beanspruchte um über die Gemeinde zu herrschen. Paulus formulierte das so: “Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Helfer zu eurer Freude, denn im Glauben steht ihr ja fest.” (2. Kor. 1:22) 

Es wird im Neuen Testament erstaunlich oft über die christliche Freiheit gesprochen. Sie steht im Mittelpunkt eines neuen Lebens, das einer geistigen Wieder- oder Neugeburt  entstammt. Der durch Jesus befreite Mensch ist mündig im Glauben und benötigt keine Bevormundung und keine Mittlerdienste von Menschen. Er trägt das Moralgesetz seines Gottes im Herzen und steht in eigener und freiwilliger Verantwortung vor Gott, dem er in seinem Gewissen begegnet. 

Der befreite Mensch hat den Mut einer gottfeindlichen Welt zu widerstehen; er ist nicht mehr durch Todesfurcht erpressbar und fürchtet die Meinung der Masse nicht. Das Grundgesetz seines Lebens ist die Liebe und seine bewusst gewollte Abhängigkeit von Gott, denn er hat eine deutliche Vorstellung vom Willen Gottes und will danach leben. Er will nicht mehr der Sklave seiner niederen Instinkte sein. Darum lebt er nicht “aus dem Bauch heraus”, sondern nach seinem Gewissen.

Im Brief an die Galater beschreibt Paulus die Freiheit eines Christen, der durch die Verbundenheit mit Jesus ein neues, selbstbestimmtes Leben führt. Nachdrücklich betont er die Bedeutung der Gnade Gottes, die jeden Versuch zunichte macht, sich selbst durch gute Werke rechtfertigen zu wollen oder dies von anderen zu verlangen. Er stellt ganz klar heraus, dass die Gerechtigkeit, die allein vor Gott zählt, ein Geschenk Gottes ist, das gegeben wird, wenn man sich an Christus hält. Er schreibt:

 “Jesus hat uns befreit, damit wir als Befreiten leben. Bleibt also standhaft und lasst euch nicht wieder in ein Sklavenjoch spannen.” (Gal. 5:1) 

Alle im Galater-Brief erwähnten Prinzipien sind im Grunde genommen auf die Herrschaft von Kirchen anzuwenden und widersprechen ihrem Verhalten ganz und gar.  Der ganze Plunder der institutionalisierten Religion, wie Mitgliedschaft, Geistliche, Sakramente, Beichten, Wallfahrten, Ablässe, Kirchengerichte u. v. m  ist für Christen nur überflüssiger Ballast und nur dazu geeignet, um über Menschen und ihren Glauben zu herrschen.  

Man muss sich einmal vorstellen, was es eigentlich bedeutet, wenn Paulus im Galater-Brief dies schreibt: 

“Er [Christus] sollte die loskaufen, die unter der Herrschaft des Gesetzes standen, damit wir das Sohnesrecht bekämen. Weil ihr nun Söhne seid, gab Gott euch den Geist seines Sohnes in euer Herz, der “Abba! Vater!” in uns ruft. Du bist also nicht länger Sklave, sondern Sohn! Und wenn du Sohn bist, dann hat Gott dich zum Erben gemacht.” (Gal. 4:5-7)

Damit unterstützt Paulus genau das, was über Jesus im Johannesevangelium gesagt wird:

“Doch allen, die ihn aufnahmen, die an seinen Namen glaubten, gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden.” (Joh. 1:12)

MIt diesem Recht auf Sohnes- oder Kindschaft werden die Nachfolger Jesu wirklich freie Menschen, die in ihrem Glauben keinen Menschen als obersten Hirten und Lehrer anerkennen, als nur Jesus Christus. Für sie gibt es nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, und das ist Jesus (1. Tim. 2:5). 

In seiner Abschiedsrede  beim letzten Passahmahl  mit seinen Aposteln findet sich an keiner Stelle ein Hinweis auf eine religiöse Organisation, die sich als unentbehrlich zwischen Gott und Mensch hinstellen könnte (Joh. 13 bis 17). Jesus will selbst der Führer seiner Jünger sein, ihr Hirte und ihr Lehrer. Darüber hinaus sagte er ganz klar, dass der heilige Geist sie alle Dinge lehren würde, die sie wissen müssen. Die Rolle von Menschen reduzierte Jesus damit auf Hilfe und Beistand. Wer anderen im Glaubenskampf beisteht, macht es mit der Hilfe Jesu und darf keine Vormachtstellung oder Amt daraus ableiten.  Er muss ein Diener aller sein und selbst ein Vorbild in der Treue zu Jesus Christus. Er hat nur eine Aufgabe als Verwalter seiner Gaben zu erfüllen; er bekleidet kein Amt, keine erhöhte Stellung und hat keinen Anspruch auf besondere Ehre. 

Und solche Personen gab es im frühen Christentum. Sie wurden von der Gruppe der Gläubigen ausgewählt und mit einer bestimmten Aufgabe betraut.  Die Auswahl erfolgte gewöhnlich durch Handerheben und war die Verantwortung der ganzen Gemeinde. Und erst nach genauer Prüfung des Kandidaten wurde er dazu bestimmt, gewisse Aufgabe zum Wohl aller zu erfüllen. Wir haben ein gutes Beispiel in der Apostelgeschichte. An die Gruppe der Gläubigen gerichtet, sagten die Apostel:

“Seht euch nach sieben Männern unter euch um, liebe Brüder, denen wir diese Aufgabe übertragen können. Sie müssen einen guten Ruf haben und mit dem heiligen Geist und mit Weisheit erfüllt sein.” (Apg. 6:3)

Und wenn ich an Stephanus denke, der einer von den sieben war, dann habe ich eine gute Vorstellung von der geistig-christlichen Qualität dieser Männer. 

Die christliche Freiheit wurde aufgegeben!

Unter solchen Menschen konnte es kaum zu dem kommen, was kurze Zeit später allgemein wurde: Die Errichtung einer Menschenherrschaft. Der Apostel Johannes nennt einen Namen: Diotrephes. Über ihn schrieb Johannes: 

“Ich habe der Gemeinde einen Brief geschrieben. Aber Diotrephes, der sich für den ersten Mann in der Gemeinde hält, will nicht auf uns hören. … Vor allem aber verweigert er den durchreisenden Brüdern die Gastfreundschaft. Und wenn andere sie aufnehmen wollen, hindert er sie nicht nur daran, sondern stößt sie sogar aus der Gemeinde aus.” (3. Joh. 9, 10) 

An dieser Stelle muss ich mich fragen, warum das möglich war und warum die Gemeinde das zugelassen hatte. Hier zeichnet sich schon ein bestimmtes Verhaltensmuster ab: Wer nach Macht in der Gemeinde strebt, stößt Widersprechende aus der Gemeinde aus.  Die Ächtung wird als Machtinstrument eingesetzt. Ursprünglich trennte sich eine Gemeinde von Menschen, die den Weg Christi reuelos verlassen hatten. Sie wurde aber nicht als Feinde gesehen und behandelt. Das kam später hinzu, und wurde verschärft bis zur völligen Rechtlosigkeit des Betroffenen (Es gab eine Zeit, da waren exkommunizierte “Ketzer” in der RKK vogelfrei!). Durch Diotrephes und andere wurde die Exkommunikation zur Waffe gegen jeden Widerspruch. 

Und die Gläubigen haben das zugelassen! 

Wie dies geschehen ist, kann man aus der Bibel erkennen. In den sieben Briefen Jesu an seine Gemeinde (Off. 2 und 3) werden seine Jünger mehrmals dafür kritisiert, dass sie unchristliche Verhaltensweisen und die Herrschaft von Menschen in ihrer Gemeinde zugelassen hatten! Es mag mit den “superfeinen Aposteln”, die Paulus im Brief an die Korinther erwähnte, begonnen haben:

“Denn diese Leute sind falsche Apostel, unehrliche Arbeiter, die sich freilich als Apostel von Christus ausgeben. Aber das ist kein Wunder. Auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts. Es ist also nichts Besonderes, wenn auch seine Diener mit der Maske von Dienern der Gerechtigkeit auftreten.” (2. Kor. 11:13-15)

Und dann musste ihnen der Apostel vorwerfen, dass sie es so gewollt haben, dass sie diese Leute unter sich geduldet haben:

“Ihr klugen Leute lasst euch ja die Narren gern gefallen, denn ihr ertragt es, wenn jemand euch versklavt, ausnützt und einfängt, wenn jemand euch verachtet und ins Gesicht schlägt.”

Mit diesen falschen Aposteln hatten sich die Korinther Lehrer angeschafft, dier ihnen die Ohren mit Sonderlehren kitzelten, die damals durch die Gnosis verbreitet wurden. Diese Lehrer sagten ihnen das, was sie gerne hören wollten und was ihren Wünschen  entsprach. Vermutlich haben sie aufgehört, die Worte Jesus ernst zu nehmen, sich genau daran zu halten und lieber griechische Philosophie betrieben und jüdischen Fabeln  geglaubt, als ein ehrliches Glaubensleben zu führen. Wenn ich noch einmal auf Jesu Ermahnungen in der Offenbarung denke, dann kann es auch sein, dass sich die Korinther mit dem politischen Denken ihrer Zeit infiziert hatten. Und Jesus hat seine Jünger streng zurechtgewiesen, weil sie diese Zustände zugelassen und nicht geändert haben! Sie hatten und haben die Pflicht, ihre christliche Freiheit zu verteidigen! Die christliche Freiheit aber verteidigt man nur, wenn man sich ihres eigentlichen Wertes bewusst ist und wenn man den Mut hat, der aus dem Glauben stammt. 

Vielleicht habe viele schwach gewordene Christen auch gesagt, dass Gott oder Jesus die Verhältnisse ändern würden, wenn sie es für nötig hielten. Aber das ist ein trügerische Einbildung! Jeder Christ hat die eindeutige Verantwortung, seine Freiheit zu verteidigen und zu bewahren. Denn das bedeutet es eigentlich, seinen Glauben zu verteidigen. Aber verteidigen wird man nur etwas, was man hat. Wenn der Glaube schwach und schwächer wird, wenn alles mehr Formsache und Tradition wird, wenn das Glaubensleben von anderen verwaltet und beherrscht wird, dann bleibt man nicht lange ein treuer, vertrauender Jünger Jesu, dann wird man zum Mitglied einer institutionalisierten Religion.

Wenn man den Weg des Christentums gehen will, dann hat man nur noch die Möglichkeit, sich von der religiösen Herrschaft der Menschen zu befreien. Dann geht man selbst und bewahrt so sein gutes Gewissen. Denn es hat sich leider gezeigt, dass eine Umkehr zu den Grundprinzipien des Christentums für die institutionalisierten Religion nicht möglich ist. Dazu sind die Machtstrukturen zu stark geworden und eigentlich vom Bösen beherrscht. Natürlich kann man in seiner angestammten Religionsorganisation bleiben und versuchen, den “Apparat” von innen her zu verändern, indem man ein wahrhaft christliches Leben führt und Kritik übt. Aber wie lange wird das gut gehen? Und ist der Umgang mit Menschen, die Gott kaum kennen, dem eigenen geistigen Wohl förderlich? Und wie wird es mit der Mitschuld aussehen, die man auf sich laden kann, wenn man durch sein Bleiben den ganzen Betrieb gut heißt und unterstützt? “Glücklich der Mensch, der sich nicht ins Gericht bringt, durch das, was er billigt!”, so steht es im Brief an die Römer (14:22). Und was sagt am Ende mein Gewissen dazu? Bin ich nicht aufgefordert worden, das Unreine, Falsche, Finstere und Verlogene zu meiden (2. Kor. 6:14-18)? Ich habe diese Fragen im Brief an die Korinther für mich beantwortet: Ich habe den “Betrieb” verlassen und bin glücklich dabei!


Seelische Magersucht

“Ihr dürft nicht mehr so leben wie die Menschen, die Gott nicht kennen. Ihr Leben und Denken ist von NIchtigkeiten bestimmt, und in ihrem Verstand ist es finster, weil sie vom Leben mit Gott ausgeschlossen sind. Das kommt von der Unwissenheit, in der sie befangen sind, und von ihrem verstockten Herzen. So sind sie in ihrem Gewissen abgestumpft und haben sich ungezügelten Lüsten hingegeben und  sind unersättlich in sexueller Unmoral  und Habgier.” (Bibel, Eph. 4:17-19)

Nichts Neues!

Es ist allgemein bekannt, dass an vielen Orten der Welt gehungert wird. Über die Bildschirme wehen die Bilder von hungernden Kindern täglich an uns vorbei. In den Nachrichten wird über die Brennpunkte des Hungers berichtet und wir erfahren dort, dass gegenwärtig über 800 Millionen Mitmenschen hungern! Und es wird auch fleißig über die vielen Gegenmaßnahmen reportiert: Man spendet und sammelt ungeheure Geldsummen für die Sättigung der Hungernden und hat großartige Programme für die Ursachenbekämpfung beschlossen. Und doch: von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Hungeropfer! Alle Hilfen scheinen nicht zu wirken, wie es die Welthungerhilfe der UN kürzlich berichtete. Der Kampf gegen den Hunger scheint ebenso erfolglos zu sein, wie der Kampf gegen Terrorismus und Erderwärmung und Krieg. 

Warum ist das so?

Steht vielleicht im Hintergrund ein ganz anderes Problem, eines, das von vornherein jede Lösung verhindert? Die Ursache des weltweiten Hungers ist nicht der Mangel an Nahrung! Noch würde die Nahrungserzeugung alle Menschen satt machen können, auch wenn die Klimaveränderung zu immer heftigeren Ernteausfällen führt und ganze Länder vertrocknen. Zu dieser  Ursache des Hungers kommen noch Kriege, Terrorismus, Bürgerkriege, soziale Ungerechtigkeit, verzerrter Welthandel, Landflucht, Korruption und landgrabbing hinzu. Verschärft wird das Problem noch durch Verschwendungssucht, Gedankenlosigkeit und durch die Corona-Pandemie. Man gewinnt den Eindruck, dass diese Ursachen die direkte Folge einer weit verbreiteten “seelischen Magersucht” sind, denn auch das Hungerproblem hat mit dem Verlust der Werte zu tun. Das ist eine Beobachtung, die man schon lange macht. Auf den weltweiten Hunger bezogen bedeutet dies, dass die Herzen der meisten so blind sind, dass sie die eigentliche Ursache nicht ernst nehmen wollen. Denn wenn Menschen hungern und verhungern, dann hat die Gemeinschaft einen moralischen Defekt. Alle die aufgezählten Ursachen des Hungers fallen nicht wie der Regen vom Himmel, sondern sind gemacht, gewollt, verursacht und hingenommen!

Seelische Magersucht ist die eigentliche Hungersnot dieser Welt!

Tatsächlich kann man alle gegenwärtigen Bedrohungen und nicht nur den Hunger auf das menschliche Fehlverhalten zurückführen. Aber wie kommt es zur  “seelischen Magersucht”?

Im Licht der Aussagen der Bibel ist die Sache gut durchschaubar: Die weitverbreitete Habgier ist die Triebkraft, die unsere Welt durchzieht wie ein giftiger Pilz, der im Dunkeln wuchert und wächst. Die Gier nach Geld, Macht und Sex beherrscht fast alles und jeden!

Alles steht unter dem Zwang der Gewinnmaximierung. Es muss – so wird beschwörend propagiert – Wachstum geben. Wachstum ist das Zauberwort, die Beschwörungsformel, das Maß aller Dinge geworden. In den Kursen an den Börsen wird das Wachstum wie eine Monstranz verehrt; man “betet” es an und ist tief unglücklich, wenn es nicht groß genug ausfällt. Aber wie weit kann Wachstum wachsen? Gibt es Bäume, die in den Himmel wachsen? Hat nicht alles seine Grenze? Und das wirtschaftliche Wachstum sollte eine Ausnahme bilden, weil die Habgier nie zufrieden ist, weil sie unersättlich gierig ist? Es gibt Krankheiten, die ihren Patienten zerstören. Und die Habgier ist so eine Krankheit des inneren Menschen.

Gigantomanie

Rund um den Erdball wachsen gigantische Städte wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. Hochhäuser wetteifern, Bankentürme sollen Macht symbolisieren und die im Umlauf befindlichen Geldsummen finden keine Entsprechung mehr in der realen Welt. Alles ist bis zum Platzen aufgebläht und die Staaten verschulden sich in unverantwortlicher Weise. Ein Tanz um das Geld findet statt, und immer mehr Menschen tanzen mit. Sie tanzen und sind berauscht von den Börsengewinnen. Der Weg in die rosige Zukunft ist eine neue Seidenstraße!  Berauschend schöne Bilder werden in den Sinn gemalt, machen süchtig und wecken die Gier nach mehr, mit der Folge, dass die Armen immer ärmer werden und die wenigen Reichen sinnlos Geld anhäufen und ruhig zusehen, wie ihre Gier Menschen tötet. Ja, um die Habgier zu befriedigen, nimmt man sinnlose Menschenopfer ruhig in Kauf. Dieser allgemeine Rausch raubt den Verstand und rechtfertigt jedes Mittel zur Geldvermehrung. Es scheint, dass unsere Welt gerade das radikal wahr machen will, was prophezeit worden war: 

Es war in der Ebene Schinar, als die Leute zueinander sagten: “Los! Bauen wir eine Stadt und einen Turm, der bis in den Himmel reicht!” Als Gott das sah, zog er folgende Schlussfolgerung: “Es ist offensichtlich: Sie sind ein Volk und haben eine Sprache. Und was sie jetzt begonnen haben, zeigt, dass ihnen zukünftig nichts unmöglich sein wird. Sie werden alles tun, was sie sich ausdenken.”  (1. Mo. 11:4, 6)

Damals war ein Damm gebrochen und das selbstsüchtige, rücksichtslose Denken überschwemmte die Welt! Und das Unheil nahm seinen Lauf zum heutigen, vorläufigen Höhepunkt. Was war im Bewusstsein der Menschen passiert? Was hat dazu geführt, dass sie irrsinnig wurden und sich dem Rausch der Habgier auslieferten? Um das zu verstehen, war ich gezwungen nach Spuren in der jüdischen Geschichte zu suchen. Im 106. Psalm wird Gottes Güte mit seinem Volk Israel besungen. Aber statt dankbar zu sein für die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, wurden das Volk unverschämt und beklagte sich. Dann heißt es im Vers 14, 15:

“In der Wüste entflammte ihre Gier, sie versuchten Gott in der Öde. Da gab er ihnen, was sie verlangten – und schickte Magersucht in ihre Seele.”

Sie forderten Fleisch zu Essen. Da gab Gott ihnen Wachteln bis zum Überdruss. Und in solchen Begebenheiten spiegeln sich Menschen, die keinen Glauben haben, für die Gott nur ein Wort ist. Es half ihnen nichts, dass sie Gottes Wunder miterlebt hatten und dass sie Zeugen seiner Macht wurden. Ihre Herzen blieben unberührt. Sie wurden von ihrer Gier getrieben und wollten nicht wahrnehmen, dass der Mensch nicht nur von Brot allein lebt, sondern vor allem vom Wort Gottes, das sich an ihnen zu ihrem Besten erfüllen sollte. 

“Da schickte er Magersucht in ihre Seele!” 

Diese seelische Magersucht besteht zuerst im Verlust Gottes und dann im Verlust vieler menschlicher Qualitäten wie Liebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein und noch einmal Nächstenliebe. Im Psalm 78:33 heißt es in dieser Verbindung: “Da nahm er ihrem Leben den Sinn.” Im Brief an die Römer wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Gottesglauben und Moralität:

“Und weil sie es nicht für gut hielten, Gott anzuerkennen, lieferte sie Gott einem verworfenen Denken aus, so dass sie das tun, was man nicht tun darf.” (Rö. 1:28)

Das Denken dieser Menschen wurde nicht mehr von Gottes Geist der Liebe beeinflusst; es hatte sich ganz und gar von Gott entfernt. Nicht einmal die Stimme ihres Gewissens konnte sie zurückhalten: Der Damm war gebrochen! Nichts konnte sie hindern, den Mitmenschen auszurauben, zu betrügen, zu belügen und zu morden. Und so wurde nach dem Turmbau zu Babel gelebt! Es gab nur noch pro forma Verantwortung für den Mitmenschen. “Wir machen, was wir wollen!”, das wurde zum Lebensgrundsatz. Die Habgier wurde zum Antrieb für diese Welt; ihr wurde alles unterworfen. Für sie führte man Kriege und unterjochte ganze Völker, wenn man sie vorher nicht schon ausgelöscht hatte. “Genozid” wurde ein sehr bekanntes Wort, weil es auch die Auslöschung indigener Völker beinhaltet. Für die Habsucht plünderte man Kolonialvölker aus und machte sie zu Sklaven. Auf ihr Konto geht auch das Proletariat der Industrien, für sie gingen die Feuer in den Hochöfen nicht mehr aus, für sie machte man Bauern zu Lohnarbeitern und raubte ihnen ihr Land durch Hedgefonds. Für die Habgier geht man daran, Völker zu versklaven und in Diktaturen zu beherrschen, für sie baut man die Metropolen mit den mächtigen Bankhäusern und für sie hinterziehen die Größen der Politik und der Wirtschaft Milliarden an Steuern, wie es jetzt auch wieder in großem Maß bekannt wurde (Pandora-Papers). Diese gewissenlosen und habgierigen leeren Menschen sind die Großen der Zeit!  Sie benehmen sich wie Raubtiere, wie “die wilden Tiere der Erde”, von denen die Offenbarung spricht (Kap- 6:8). Und so taumelt diese Menschheit in geistiger und moralischer Auflösung dahin. Wo will man hin, wo wird man enden?

Gegenwärtig ist in Deutschland alles auf die Rettung des Weltklimas eingestellt. Man kocht “klimaneutral”, man isst “klimaneutral” und zeugt “klimaneutral” Kinder. Mit diesen Kindereien will man die Katastrophe abwenden? Man sorgt sich um sauberes Wasser und saubere Luft, man versucht  biologischen Landbau und eine tiergerechte Tierhaltung. Dagegen ist auch nichts zu sagen, aber ist das nicht nur ein kleines Heftpflaster auf ein riesiges  Krebsgeschwür? Es wird von Monat zu Monat deutlicher, dass uns die Zeit davon läuft! Und das gilt nicht nur für das Klima, sondern für alle anderen Probleme auch. Die Katastrophen warten nicht, bis einmal eine allgemein akzeptierte Haltung auch durchgesetzt wird. Da sind die kleinen Bemühungen gut gemeint, aber kaum wirksam, denn das Problem liegt im Bewusstsein der Allgemeinheit: Es ist die seelische Magersucht! Es ist die Verarmung des inneren Menschen, der Verlust seiner selbst! Wie wahr, wenn Jesus fragte: “Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und doch seine Seele verliert?”

Muss man so leben?

Natürlich muss man so nicht leben, dass eine seelische Magersucht uns zu hartherzigen, egoistischen Monstern macht, die nur nur von Trieben regiert werden. Wir sind von unserer Anlage her dazu gerüstet, nicht so  leben zu müssen, wie es gegenwärtig getan wird. Wir haben die Möglichkeiten besser zu leben! Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass die seelische Magersucht die Folge der Trennung von Gott ist. Das ist das grundlegende Problem dieser Menschheit! 

Es macht wenig Sinn, von einer Umverteilung der Güter zu träumen, denn die seelische Magersucht betrifft Arme und Reiche. In der Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich sind Opfer und Täter austauschbar, wie es die Geschichte zeigt. Solange im Bewusstsein der Menschen keine Änderung erfolgt, sind alle Bemühungen um soziale Gerechtigkeit dazu verurteilt, im Sande zu verlaufen. Eine Änderung aber verlangt eine Umkehr zu Gott, denn nur er kann die Krankheit “Habgier” heilen, nur er kann den Menschen von der seelischen Magersucht befreien. Nun rechne ich schon lange nicht mehr damit, dass ein allgemeines Umdenken den Lauf in den Untergang abwenden wird. Nein, bis zum bitteren Ende wird man weiter dem Geld hinterherjagen. Es wird so kommen, wie es die Bibel sagt: 

“Die Welt vergeht und ebenso ihre Begierde/Gier, doch wer tut, was Gott will, bleibt und lebt in Ewigkeit!” (1. Joh. 2:17).

Was Vertrauen auf Gott bedeutet

Wer Gott erkannt hat, wird nicht mehr von der Gier nach Geld und Macht angetrieben! So ein Mensch hat den Weg zu Gott und zu sich selbst gefunden und die Macht der Liebe erfahren. Sein Inneres ist durch Gottes Einfluss neu gestaltet worden und er fühlt sich heute schon als Bürger des Reiches Gottes, und so versucht er zu leben. Für ihn ist es schwärzester Götzendienst, wenn er der Habgier seine Ergebenheit und Treue, seine ganze Kraft schenken wollte. Im Mittelpunkt seines Lebens steht sein Vater im Himmel und nicht das Geld und was es repräsentiert. Und er weiß sich und sein Leben bei Gott in guten Händen.

Die einfachen Worte Jesu aus der Bergpredigt

Der Mensch im Sinne Gottes lebt zuerst nicht von Brot allein, Er lebt durch Gott und mit Gott. Das zeigt sich in seinem Respekt vor dem Moralgesetz Gottes und dadurch, dass er in seinem Leben immer wieder zeigt, dass es ihm zuerst auf den Willen Gottes ankommt. Die Worte Jesu diesbezüglich hat er verinnerlicht und weiß, dass er nicht Gott und dem Reichtum gleichzeitig dienen kann (Mat. 6:24):

“Macht euch also keine Sorgen! Fragt nicht: ‘Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn damit plagen sich die Menschen dieser Welt herum. Euer Vater weiß doch, dass ihr das alles braucht! Euch soll es zuerst um Gottes Reich  und um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird er euch alles Übrige dazugeben.” (Mat. 6:31-33)

“Dann wird er euch alles Übrige dazugeben”, das glaubt ein Christ, darauf vertraut er! Und darum wird sein Ziel im Leben nicht das Reichwerden sein, sondern sein wirkliches, inneres Leben, das von Gottes Gerechtigkeit und Liebe bestimmt wird. Denn er hat eingesehen, dass man nur mit Gott und niemals gegen ihn leben kann. Er hat erkannt, wie bereichernd und schön es ist, den Nächsten zu lieben und für ihn da zu sein. Er hat dabei sich selbst gefunden. Er wird immer auf Gott vertrauen und von ihm Hilfe erwarten und nicht vom Reichtum. Und dann ist es leicht einzusehen, dass damit die Habgier stirbt und es keinen Antrieb  mehr für das gibt, was die Menschheit zerstört. Denn die Habgier trennt von Gott und zerstört den Menschen!

Das wahre Leben

Man darf nicht erwarten, dass so ein Leben allgemein in dieser Welt von allen geführt werden wird, solange die Grundordnung zerbrochen ist. Das wird nur im Reich Gottes wahr werden, wenn die Menschen Gott gesehen und ihn erkannt haben, wenn es ihr Herzenstrieb ist, ihrer eigenen Bestimmung gemäß zu leben. Und das ist die Liebe, die uneigennützige und auf den Mitmenschen gerichtete Liebe. Diese Menschen haben sich einer himmlischen Kraft unterstellt, die sie besser und menschlicher macht:

“Wenn ihr nun mit Christus, dem Messias, zu einem neuen Leben auferstanden seid, dann richtet euch ganz nach oben aus, wo Christus ist: auf dem Ehrenplatz neben Gott. … Darum tötet alles, was zu eurer früheren Natur gehört: sexuelle Unmoral, Schamlosigkeit, Leidenschaft, böse Lüste und Habgier, die Götzendienst ist. Diese Dinge ziehen Gottes Zorn nach sich. Er wird die treffen, die ihm nicht gehorchen.”

“… [ihr] seid neue Menschen geworden, die ständig erneuert werden und so immer mehr dem Bild entsprechen, das der Schöpfer schon in euch sieht.”  (aus Epheser 3)

Das neue Leben wird nicht von Habgier bestimmt, sondern von der Liebe! Sie ist die mächtige Triebkraft, die ein Leben erst sinnvoll und erfüllend macht. 

Der Meinungskrieg

Ist die Welt wahnsinnig geworden?

Da sitze ich nun mit verschränkten Armen, gesenktem Kopf und geschlossenen Augen und  denke nach. Ist die Welt wahnsinnig geworden? Wie soll ich die Zeichen der Zeit deuten? Überall schlägt der Wahnsinn hohe Wellen. Die Menschen werden von niederen Leidenschaften aufgepeitscht, und an vielen Orten auf der Welt ist es nicht mehr möglich als Mensch zu leben. Überall sind Brandstifter am Werk und es brennt! Meine Gedanken kreisen und kreisen. Es belastet mich. Es raubt mir den Frieden. 

Eine Pandemie zeigt die Zukunft

In Deutschland lebt man noch in relativem Frieden; Aufruhr und Krieg sind bisher nur anderswo. Aber ein ganz anderer Krieg brennt. Es ist die Corona Pandemie mit  ihren gesellschaftlichen Folgen. Die Corona Pandemie hat es offen gelegt: Die Menschen verlieren fast den Verstand und den moralischen Halt sowieso. Die Pandemie zeigt mir, was die Zukunft bringt: Sie spiegelt die Zerrissenheit der menschlichen Gesellschaften wider. Sie legt die Tatsache bloß, dass fast jeder gegen jeden ist und dass ein allen gemeinsamer Konsens fehlt. Wenn in Babel die Sprachen verwirrt worden sind, dann ist in der Neuzeit die Verwirrung der Herzen zum Höhepunkt gekommen.

Das besetzte Denken

Es war ein langer Weg bis zu diesem Punkt. Der eigentliche Erdrutsch begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als abenteuerliche Ideen von den meisten Menschen Besitz ergriffen. Plötzlich war der Mensch der Herr der Geschichte und ihr Mittelpunkt. Die Darwinsche Theorie löste die Schöpfung ab, die Psychoanalyse befreite den Menschen von seiner göttlichen Verantwortung und von seiner Schuld, der Marxismus stellte den Menschen in die “gesetzmäßig” sich abwickelnde Geschichte.  Pseudowissenschaft und Spiritismus erlebten eine Blütezeit und viele neue, absonderliche Weltanschauungen und Religionen entstanden (Mormonen, Russelliten, neue Freimaurersekten, Evangelikale, Heilsarmee, Theosophen, Anthroposophen, Adventisten, Spiritisten, Nihilisten, Nationalisten, Satanisten usw.). Plötzlich herrschte ein sehr großes Angebot an „neuen“ Lehren und Kulten. Für jeden schien etwas dabei zu sein. Sehr viele orientierungslose Menschen schlossen sich den neuen Ideen an, weil sie auf der Suche nach einem Halt waren. Man lockte sie mit „geheimen Lehren“ aus Indien, Tibet und der ägyptischen Mythologie (“Pyramidologie”) an, kurz mit allem, was irgendwie geheimnisvoll daherkam. Man betrieb eine Verschmelzung christlicher und heidnischer Lehren mit dem Okkultismus  vergangener Zeiten und sah im Heidentum auf einmal „christliche Züge“.

 Es gab die alten Verbindlichkeiten nicht mehr und ein Historiker (Max Weber) sprach von der “Entzauberung der Welt”: Gott verschwand aus dem Denken und Fühlen der meisten Menschen und fortan war der Mensch ohne göttlichen Halt und Mittelpunkt ein Spielball der Meinungen und damit das Objekt für Manipulationen geworden.  Indem das Denken von pseudowissenschaftlichen, heidnischen und okkulten Gedanken besetzt wurde, gewann man die Herrschaft über viele+ Menschen. Heute taumelt die Welt in geistig-moralischer Auflösung dahin in den Abgrund; sie ertrinkt im Blut. Vorbereitet wurde es durch dämonische Mächte, die den Glauben an Gott durch gottesfeindliche Propaganda und Verführung bei den meisten zerstörten.

Der Meinungskrieg ist ein Propagandakrieg

Wir erleben eine Zeit, wie sie vorher noch nie da war: In allen Medien tobt und wütet ein Meinungskrieg, in dem alles erlaubt ist. Von der offenen Lüge über die Halbwahrheit zur Täuschung mit gefälschten Statistiken ist alles da. Es herrscht ein erbitterter Kampf um die öffentliche Aufmerksamkeit, der weder vor Skandalen noch vor Schamlosigkeiten zurückschreckt. Es geht schon lange nicht mehr um Wahrheit, sondern um Rechthaberei und Manipulation. Es werden Gefahren beschworen, die in der Wirklichkeit nicht existieren, die aber ungeheure Ängste erzeugen. Viele Menschen geraten in Panik, werden davon beherrscht und werden unsinnig reagieren. Und in der Weltpolitik herrschen die Ungeheuer mit freundlich lächelnden Gesichtern! Aus dem Krieg der Worte werden leicht wirkliche, blutige Kriege.

Die Gefahr für das eigene Denken

Ich habe mich, weil ich genau wissen wollte, was ich glaube und denke, immer wieder damit beschäftigt. Wozu führte das? Bei mir führte es dazu, dass mein Denken erst unmerklich dann aber immer stärker besetzt wurde. Und das hatte Folgen! Plötzlich bemerkt man, wie man in einen Krieg hineingezogen wird, den man eigentlich nicht will. Man empört sich über die offenen Unverschämtheiten und Skrupellosigkeiten und das alles nimmt einen immer größeren Raum im Denken ein. Und dann ist da noch die Gefahr, dass man in diesem unehrlichen Meinungsstreit auch noch für irgendeine Seite Partei ergreift. 

Schluss!

Es konnte so nicht weitergehen! Ich musste mich aus diesem lebensgefährlichen Kampf heraus halten, sonst drohte die Gefahr, dass ich das Wesentliche  meines Lebens aus den Augen verlieren könnte. Ich musste mir klar machen, in welcher Zeit und unter welchen Menschen ich lebte. Ich musste es mir bewusst machen, dass ich in der Zeit des Generalangriffs auf das Bewusstsein des Menschen lebe! Abaddon hat seine Dämonen hochgelassen! Das wird anschaulich in Offenbarung, Kapitel 9 beschrieben. Alles rüstet zum Zusammenstoß mit Gott! Und ich kann und will diese Warnung der Bibel nicht vergessen. 

Die Zeit ist da!

Jesus Christus richtete an seine Nachfolger eine ernste Mahnung: Sie sollten wachsam bleiben und sich nicht verführen lassen: 

“Gebt acht, dass euch niemand irreführt!, … Viele werden unter meinem Namen auftreten und von sich sagen: ‘Ich bin es!’ und ‘Die Zeit ist da!’ Lauft ihnen nicht nach!” (Luk. 21:8)

“Seid wachsam und hört nicht auf zu beten, damit ihr die Kraft habt, all dem, was geschehen wird, zu entkommen, und damit ihr zuversichtlich vor den Menschensohn treten könnt.” (Luk 21:36)

“Weil du meine Aufforderung zur Standhaftigkeit beherzigt hast, werde auch ich dich beachten/bewahren in/vor der Zeit der Versuchung, in der die ganze Menschheit den Mächten der Verführung ausgesetzt sein wird.” (Off. 3:10)

Die Mächte der Verführung sind da – und sind aktiv! Es wäre naiv und geradezu leichtsinnig, sie zu ignorieren. Schon immer hat Satan die “Luft” beherrscht, das heißt, das geistige Klima dieser Welt. Und es wurde immer schwieriger für die Menschen, sich diesem Klima zu entziehen. Die Neuzeit liefert viele Beispiele für die Verführung ganz großer Massen. Zu Millionen sind sie irgendeinem “Heilsbringer” nachgelaufen und nahmen Schaden an ihrem Menschentum, wurden mitschuldig an großen Verbrechen und am Untergang. Und jetzt ist die letzte große Mobilmachung – so empfinde ich es. Der letzte Kampf wird vorbereitet und ich wünsche nicht dabei zu sein!  

Die Gewissheit

Es steht mir glasklar vor Augen, dass sich das Wort und der Wille meines Vaters im Himmel erfüllen muss und dass ich auf sein Reich warten und hoffen darf. Ich weiß doch, an wen ich glaube und wem ich vertraue. Und ich weiß ja noch mehr! Mir ist doch bewusst geworden, dass ich nicht mir selbst überlassen worden bin. Ich habe einen Vater und einen Bruder im Himmel die auf mich achten! Und das habe ich auf meinem Lebensweg immer wieder erlebt. Denke ich zurück, dann erinnere ich mich an viele Gelegenheiten, in denen ich beschützt, belehrt, erzogen und geschult worden bin.  Ja, ich habe bisher ein Leben an Gottes Hand geführt! Was sollte mich da noch beunruhigen? Ich beschrieb einmal, dass ich mit Jesus im Boot sitze. Der große Sturm tobt und droht. Der Himmel sieht bedrohlich aus und verheißt nichts Gutes. Aber Jesus ist mit im Boot! Und wie seine Jünger, die damals mit ihm über den unruhigen See Genezareth fuhren, muss auch ich keine Angst haben! Jesus Christus hat alle Macht im Himmel und auf Erden bekommen und hat ALLES im Griff! Ich kann ohne Sorge sein, denn immer ‚gehöre ich dem Herrn‘! (Rö. 14:8)

Dieses Leben unter Gottes Augen ist aber kein Automatismus, keine Selbstverständlichkeit. Ein Mensch, der glaubt und vertraut, muss seine Nähe zu Gott verteidigen und ständig erneuern. Jesus hat oft darauf hingewiesen und betont, wie wichtig, ja lebenswichtig, das Gebet ist, denn es stellt unsere Verbindung zum Vater im Himmel her. Und nur in der engen göttlichen Verbundenheit sind wir beschützt. Der Apostel Petrus hat es so formuliert:

“Demütigt euch daher unter Gottes mächtige Hand, dann wird er euch zur richtigen Zeit erhöhen. Und werft alle eure Sorgen auf ihn, denn er sorgt sich um alles, was euch betrifft.” (1. Pe. 5:6, 7)

Davon  bin ich überzeugt! Das will ich immer tun! 

Das alles haben die Begleitumstände der Corona Pandemie in mein Bewusstsein transportiert. Sie war für mich der aktuelle Anlass über all das nachzudenken. Nun bin ich zufrieden und kann ruhig sein. 

Warten

Von Lot, dem Neffen Abrahams, heißt es, dass “er Tag für Tag seine gerechte Seele quälte”, weil er unter den bösen Taten seiner Umgebung litt. Wer sich damit quält, muss ein empfindliches Gewissen haben und schlechte Taten hassen, denn er weiß, dass Gott so etwas auch nicht gutheißt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass so ein Mensch eine tiefe Sehnsucht nach der göttlichen Gerechtigkeit hat und darauf wartet, dass Gott dem Verbrechen ein Ende setzt. Dieses Warten finde ich bei allen Glaubenden in der Bibel. Und immer ist es schwer, zu warten, wie wir es an Habakuk bemerken:

“Wie lange schreie ich schon zu dir, Jehowah, doch du hörst mich nicht! Ich rufe ‘Hilfe!’ und ‘Gewalt!’, doch du rettest nicht. Warum lässt du mich das Unrecht sehen? Warum schaust du dem Verderben zu? Warum sehe ich nur Frevel und Gewalt, erlebe Zwietracht und Streit?” (Hab. 1:2, 3)

Gott antwortet auf diese vorwurfsvollen Fragen mit der Ankündigung seiner Strafe durch die Babylonier, aber Habakuk will mehr wissen, will wissen, wie lange er noch warten muss. Der Prophet kann sich nicht vorstellen, dass sein Gott unbeteiligt dem Treiben der Bösen zusieht: 

“‘Du hast zu reine Augen, um Böses mit anzusehen, du schaust nicht bei Misshandlungen zu!’, stellt er fest und – wundert sich: ‘Warum lässt du dann diese Räuber gewähren? Warum schweigst du, wenn der Gottlose den Gerechten verschlingt?’” (Hab. 1:13)

Der Prophet bekommt eine Vision und den Auftrag, sie deutlich niederzuschreiben:

“Denn was du schaust, gilt zur bestimmten Zeit, es weist auf das Ende hin, es täuscht dich nicht. Und wenn es sich verzögert, warte darauf, denn es kommt bestimmt, es bleibt nicht aus!

Sieh, die Strafe trifft den, der nicht aufrichtig ist! Doch der Gerechte lebt durch seinen Glauben.” (Hab. 2:3,4)

Gott nennt kein Datum, an dem er das Urteil über die Bösen vollstrecken will; er fordert nur dazu auf zu warten und zu vertrauen, denn der Gerechte wird durch sein Vertrauen davonkommen und leben. Gott erwartet also von seinem Diener Geduld und Vertrauen, denn er betont, “denn es kommt bestimmt, es bleibt nicht aus”. Darum schrieb Jakobus, dass Verheißungen Gottes durch Geduld geerbt werden, und führt weiter aus:

“Nehmt euch die Propheten, die im Namen des Herrn gesprochen haben, als Beispiel. Wie standhaft haben sie ihre Leiden getragen. Ihr wisst ja, dass wir die glücklich preisen, die durchhalten. Von der Standhaftigkeit Hiobs habt ihr gehört und gesehen, wie der Herr ihn am Ende belohnt hat. Der Herr ist voller Mitgefühl und Erbarmen.” (Jak. 5:10, 11)

Die Geduld kann auf eine harte Probe gestellt werden, denn ich weiß von mir, wie quälend es sein kann, auf Gott zu warten. Und ich habe auch erlebt, dass manch ein Gefährte nicht mehr warten wollte und sogar seinen Glauben an Gott aufgab. Da begann ich mich mit der Frage zu beschäftigen, warum  sie die Geduld verloren haben. Ich habe versucht, ihre Motive zu erfahren, aber es war schwer oder manchmal unmöglich. Eine Antwort lautete sinngemäß: “Ich fühle nichts, es sagt mir nichts mehr.” Daraus konnte ich schließen, dass es nicht immer so war. Warum ist es aber anders gekommen? 

Ich habe einmal geschrieben, dass ich Gott nicht verstehe, dass ich nicht begreife, dass er so lange dem Unheil zusehen kann. Ich wusste damals keine Antwort darauf, aber ich habe mich gehütet, aus dem Nichtwissen eine Schlussfolgerung zu ziehen, die dazu geführt hätte, den Glauben aufzugeben. Denn ich kann Schlussfolgerungen nur aus dem ziehen, was ich verstehe. Darum schrieb ich auch, dass ich nicht alles, was Gott betrifft, verstehen kann, ja nicht einmal verstehen muss, aber dass ich immer vertrauen darf! Denn Gott ist als moralische Instanz das Höchste, was ich kenne. Ich kann ihm beim besten Willen nichts Unrechtes zutrauen. Und darum kann ich auch meinen Glauben nicht deswegen aufgeben, weil ich Gott in einer Sache nicht verstehe. Auf der anderen Seite habe ich auch an mir beobachtet, wie leicht die Gedanken in eine falsche Richtung laufen und mich schwach machen können. Darum war ich gezwungen, darüber nachzudenken und Antworten Gottes zu finden, die mich beschützen und bewahren.

Hoffen heißt warten!

Abraham ist für mich ein Vorbild im Glauben, in der Hoffnung und im Warten. Die Erfüllung des göttlichen Versprechens hat er nur in Ansätzen erlebt; das Kommen des Messias und seine Herrschaft im Reich Gottes lagen für ihn in der Zukunft, und doch wurde er im Glauben nicht schwach, denn er wusste, dass Gott nicht lügt. Und ich habe immer die menschliche Größe und das Vertrauen Abrahams bewundert, der darum von Gott als sein persönlicher Freund bezeichnet wurde! Er hat die Stadt Gottes, das Neue Jerusalem, in der Ferne gesehen – und es wurde für ihn zur unumstößlichen Tatsache, zur Wirklichkeit, die er zwar noch nicht erlebte, aber erwarten konnte! So  hat er ein ganzes Leben lang gewartet! Er hat gewartet, ohne die Geduld zu verlieren. 

Sein Glaube machte die Hoffnung zur Gewissheit. Und das ist der Unterschied zwischen Glauben und Unglauben. Der Ungläubige vertraut Gott gar nicht, weil er ihn nicht kennt und ihn nicht als sittliche Person wahrnimmt. Und der im Glauben Schwache zweifelt und wird von seinen Zweifeln daran gehindert, fest zu stehen. 

Wie wartet ein Christ?

Das Motiv des Wartens finden wir auch in den Reden Jesu. In Verbindung mit der Prophezeiung über das Ende dieses Weltsystems erzählte Jesus Gleichnisse, die das Warten und das Wachbleiben im Glauben bekräftigen. Und dabei fällt ein besonderer Aspekt auf: Die Jünger sollten tätig sein, während sie auf ihn warten; sie sollten ihren Glauben lebendig erhalten und dafür ständig beten, damit sie mit der Hilfe Gottes das auch tun könnten.  Das Warten bedeutet also für die Jünger Jesu nicht, dass sie schicksalsergeben dasitzen und einfach nur warten. Im Gegenteil: Immer sollten sie Gottes Reich und seine Gerechtigkeit suchen!

In seinen letzten Ermahnungen an seine Nachfolger betont er den notwendigen Kampf für den eigenen Glauben, die Notwendigkeit, die “Kleider” sauber zu halten, nicht zu lügen, nicht Betrügern zu folgen, die Liebe nicht sterben zu lassen, den Götzendienst zu meiden, falsche Lehren abzulehnen und immer wach und empfänglich für die Äußerungen des Geistes Gottes zu bleiben, indem man in seinem Wort liest. (Offenbarung 2 und 3). Damit hat er jedem viel Arbeit gegeben! Das ist ein Auftrag von dessen Erfüllung das ewige Leben abhängt. Ein Christ wird die Erfüllung der Verheißungen Gottes nur erleben, wenn er im Glauben treu bleibt. Das macht Jesus in jedem seiner sieben Briefe deutlich (Off. 2:7, 11, 17, 26; 3:5, 12, 21). Denn Jesus will, dass in jedem seine Liebe an ihr Ziel kommt. Dafür bietet er seine Hilfe an und steht jedem in seinem Kampf für den persönlichen Glauben bei:

“Weil du meine Aufforderung zur Standhaftigkeit beherzigt hast, werde auch ich dich bewahren in der Zeit der Versuchung, in der die ganze Menschheit den Mächten der Verführung ausgesetzt sein wird.” (Off.3:10)

Denke ich darüber nach, dann wird mein Herz heiß, denn ich weiß, dass ich geliebt werde und nicht mir selbst in meinem Glaubenskampf überlassen bin. Ich habe einen liebevollen Hirten, der mich führt, erzieht und schützt. Ich kann also, während ich auf das zweite Kommen Christi warte, in der Hausgemeinschaft Gottes sein und alle Vorzüge dieser Gemeinschaft genießen. Das ist so stärkend und tröstend, dass ich es kaum fassen kann. Denn ich bin ja nur ein Sonnenstäubchen, ein sündiger Mensch! Aber ich kann diese Erfahrung der Hilfe und der Nähe Jesu und des Vaters nicht aus meinem Bewusstsein verbannen. Es ist Realität! 

Beharrlich beten 

Ich möchte einen Satz aus den Ermahnungen Jesu an seine Jünger noch hervorheben:

“Seid wachsam und hört nicht auf zu beten, damit ihr die Kraft habt, allem, was geschehen wird, zu entkommen, und damit ihr zuversichtlich vor den Menschensohn treten könnt.” (Luk. 21:36)

Wie leicht neigt man dazu, das Beten – und Nachsinnen – zu vernachlässigen! Das erkenne ich an den Aposteln, die mit Jesus zusammen im Garten Gethsemane wachen und beten sollten! Sie sind immer wieder eingeschlafen. Von meiner heutigen Warte aus ist das für mich unfassbar. Aber das sage ich so leicht. Kenne ich mich so genau, dass ich sagen kann: das passiert mir nicht? So will ich diese Episode als Mahnung auffassen und sorgfältig auf mich achten. Denn ich bin mir der Tatsache bewusst, dass niemand aus eigener Kraft standhaft bleiben kann. Ich brauche Gott, ich brauche Jesus –  wirklich! 

Ein wesentlicher Anteil des Gebets muss meiner Überzeugung nach die Dankbarkeit sein. Nur dankbare Menschen möchte Gott in seiner Nähe haben. Das sind dann Menschen, die über sein Handeln in ihrem Leben nachdenken und auf dieser Weise viele Gründe finden, um von Herzen dankbar zu sein. „Wer Dank opfert, verherrlicht mich“, so heißt es in einem Psalm. Dankbarkeit wirkt auf mich zurück; sie macht mich glücklich, sie induziert Freude, Freude an Gott! Und aus der Freude entspringt Kraft für den Glaubenskampf.

Auch mich können Alltagssorgen soweit belasten, dass sie den Glauben ersticken. Der “Rausch eines ausschweifenden Lebens” ist für mich weniger eine Gefahr, aber Ängste und Sorgen könnten mich vom Wesentlichen ablenken. Aber warum sorge ich mich? Warum fürchte ich mich? Wenn ich alles getan habe, was in meiner Macht ist, dann kann ich darüber hinaus nichts weiter tun, als warten. Dann heißt es wirklich auf Gott zu warten! Wenn meine Weisheit am Ende ist, dann kann ich als Christ nur warten. Was nützen dann noch meine Sorgen? Sie ändern nichts! Aber sie lenken mich ab und schwächen mich. Sie rauben mir die Kraft und können mich mutlos machen. Wenn die Sorgen ständig durch das Bewusstsein kreisen, werde ich depressiv und die Freude stirbt. Und dann bleibt für mich noch die Frage offen, ob ich tatsächlich Gottvertrauen beweise, wenn ich mich um Dinge sorge, die weit außerhalb meiner Macht liegen? Stattdessen sollte ich dies bedenken:

Ich habe mich ganz in Gottes Hand gegeben. Ich tat es mit uneingeschränktem Vertrauen, denn ich habe es im Laufe der Jahre durch Erfahrung gelernt. Aus dem Psalm 138 sind mir die Worte lebendig geblieben: 

“Selbst wenn man mich schwer bedrängt, belebst du mich. Du nimmst mich in Schutz vor der Wut meiner Feinde, deine mächtige Hand wird mich retten. Jehowah vollbringt es für mich. Deine Liebe hat niemals ein Ende. Gib die Werke deiner Hände nicht auf!” 

Diese Worte sind bedeutungsvoll! Sie machen mir deutlich, dass ich im Leben bedrängt werden kann, dass schwere Zeiten für mich kommen können und ich um Hilfe schreien muss. Und ich bin sicher, dass mein Rufen gehört und beantwortet wird. Es wird beantwortet, auch wenn es scheint, dass Gott sich Zeit, viel Zeit lässt. Er hat Jesus Christus alle Macht gegeben, und der Sohn Gottes wird sie einsetzen, um auch mein Leben für die Ewigkeit zu bewahren! 

Ich möchte es mir auch abgewöhnen mich zu beklagen, weil ich es als eine Art von Ungerechtigkeit gegenüber Gott empfinde. Ich weiß, dass in der Bibel viele Klagen aufgeschrieben sind, aber für mich sehe ich keinen berechtigten Grund zur Klage. Sollte es sie geben, dann will ich auch daran denken, dass ich in Gottes Obhut bin und dass ich bereit und willens sein will, Schwierigkeiten als Prüfung meines Vertrauens zu Gott aufzufassen. Ich will also in Geduld auf Gott warten.

Aber dies alles unter der Gewissheit, dass Gott mein Vater ist und dass er sich um sein irdisches Kind kümmert. Und wo meine Macht, mein Wirken und meine Weisheit am Ende ist, das setzt Gott an! Ich muss auch daran denken, dass Gott das Recht hat, mich auf die Probe zu stellen. Und ich wünsche ja, dass es geschieht, weil es mich in meinem Glauben bestätigen, erziehen und festigen kann. Nur in belastenden Situationen zeigt sich für einen Menschen, wie fest sein Glaube ist. Auf diese Erfahrung möchte ich nicht ganz und gar verzichten, wenn ich mir auch nicht unbedingt Schwierigkeiten wünsche. Ich möchte es wie Paulus sehen, als ihm von Jesus gesagt wurde: “Meine Gnade muss dir genügen, denn meine Kraft wird in Schwachheit mächtig.” (2. Kor. 12:9) Und dann fährt der Apostel mit diesen tröstenden Worten fort:

“Jetzt bin ich sogar stolz auf meine Schwachheit, weil so die Kraft des Christus auf mir ruht. Deshalb freue ich mich über meine körperlichen Schwächen, ja selbst über Misshandlungen, Notlagen, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, bin ich stark.” (2. Kor. 12:9, 10)

Nur unter dieser Voraussetzung kann man als schwacher Mensch mit Geduld auf die Erfüllung der Versprechen Gottes warten! Wenn man so wartet, dann ist das kein Unglück, wenn man in einer Zeit lebt, in der es eigentlich keinen Wert hat. Denn Gottes Hand hält uns fest und bewahrt uns vor dem Sturz ins Nichts! So hat er auch mich davor bewahrt, der Magie des Bösen zum Opfer zu fallen. Statt dessen hat er mich auf den Weg der ewigen Zeit gestellt.

Jeremias Leiden

“Du ließest uns viel Angst und Not erfahren. Du wirst uns wieder beleben, uns wieder hinaufbringen aus den Tiefen der Erde.” (Ps. 71:20)

Wer mit Gott leben will, muss bereit sein dafür zu leiden, weil er in einer gottfeindlichen Welt lebt. Seine Liebe zu Gott wird, solange  er lebt, auf die Probe gestellt. Da sind ständige Versuchungen und Verlockungen, die immer wieder eine Entscheidung für Gott, für ein gutes Gewissen und für die Wahrheit erfordern. Und da sind Menschen und Mächte, die ihrerseits Ergebenheit fordern, die nur Gott gehören darf. Es ist ein Kampf gegen sich selbst und gegen eine ganze gottlose Welt, ein Kampf an verschiedenen Fronten. 

Kann ein Mensch das? Ist er dazu fähig? Und hat er überhaupt die Kraft und den Mut dazu? Er muss jedenfalls dazu bereit sein! Das hat Jesus Christus von seinen Nachfolgern gefordert: Wer einen Turm baut, soll vorher die Kosten berechnen und sehen, ob er den Bau auch vollenden kann. 

Gott liebt den nicht, der ängstlich und feige zurückweicht. Darum muss er lernen, Gott zu ‘sehen’ und ihn dann um Mut und Kraft zu bitten. Dann  ist man im Kampf nicht allein und nicht ohne Hilfe! Diese Tatsache kann an vielen Leben abgelesen werden, die in Harmonie mit Gott geführt worden sind. Paulus erwähnt im Brief an die Hebräer (Kapitel 11) solche Leben. Und von allen kann er sagen, dass sie Gott an ihrer Seite hatten und daher siegen konnten! Auch diese Menschen waren oft mutlos, hatten Angst und keine Kraft. Aber sie konnten mit Gottes mächtiger Hilfe siegen!

Jeremia war einer von ihnen. Er war kein strahlender Held, sondern sah sich als ängstlichen Knaben, der sich gar nicht in der Lage fühlte, als Prophet zu dienen. Es kostete Gott ein wenig Überredung, ihn doch dazu zu bewegen, seine Botschaft zum Volk zu bringen. Von Anfang an war Gott bereit, ihm beizustehen, zu helfen und zu befreien. Das war auch bitter nötig, denn Jeremia hatte es mit einem Volk zu tun, das berechnend, falsch, hinterhältig, verlogen und gewalttätig war. Das alles hat Jeremia an sich erfahren müssen. Denn er hatte eine unangenehme Botschaft an das Volk der Juden. Kein Wunder also, dass er angefeindet wurde, weil er ihnen den Spiegel vorhielt und den lügnerischen falschen Schein vom “frommen Volk Gottes” zerstörte. Und darüber hinaus drohte er ihnen auch noch Gottes Gericht an. 

Jeremias Leiden waren zahlreich: Er litt unter der weit verbreiteten Gesetzlosigkeit und darunter, dass er unter bundbrüchigen, mitleidlosen und gewalttätigen Menschen leben musste. Es ging ihm so, wie es allen Glaubenden geht: Sie haben ein empfindliches Gewissen, das unter der frechen Unmoral der Umgebung leidet. Gott öffnete ihm dazu auch noch die Augen, und so sah er, dass sogar seine Freunde und Verwandten ihn hassten. Er musste böse Misshandlungen ertragen, Spott und Verachtung. Er kam in akute Lebensgefahr, als die Fürsten Israels, die Priester und die Bürger von Anatot sein Leben bedrohten. Und immer wieder musste er die Schamlosigkeit und die Falschheit des Volkes ertragen. Dann waren da noch die falschen Propheten, die offen und  schamlos den Worten Gottes widersprachen und Jeremia als Lügner hinstellen wollten. 

Ich kann das alles nur andeuten und kann das Ausmaß der Verfolgung und des Kampfes nur ungefähr erahnen, denn ich habe das so nicht erlebt. Aber ich kann nachempfinden, warum Jeremia immer wieder verzweifelt war und sich hilfesuchend an seinen Gott wandte und klagte:

“Wehe mir, Mutter, dass du mich geboren hast! Jeder streitet und zankt mit mir, das ganze Land feindet mich an! Ich habe weder Geld verliehen, noch habe ich welches geborgt. Trotzdem verfluchen  mich alle.” (Jer. 15:10)

“Warum musste ich den Mutterschoß verlassen? Um nichts als Elend und Kummer zu sehen? Um mein Leben in Schande zu beenden?” (Jer. 20:18)

Stellenweise steigert sich die Klage des Propheten zu scharfen Vorwürfen gegen Gott:

“Jehowah, du weißt alles, denk an mich und setze dich für mich ein! Nimm Rache an meinen Verfolgern! Nicht dass deine Langmut mich zugrunde gehen lässt! Du weißt doch, dass sie mich deinetwegen beschimpfen. … Deine Worte haben mich mit Glück und Freude erfüllt. Denn ich gehöre ja dir, Jehowah, allmächtiger Gott. Nie saß ich in fröhlicher Runde, nie scherzte ich mit. Von deiner Hand gepackt, saß ich allein, denn deine Erbitterung erfüllte auch mich. Warum hört mein Schmerz nicht auf? Warum schließt sich meine Wunde nicht? Warum will sie nicht heilen? Du hast mich enttäuscht, du bist für mich wie ein Bach, der im Sommer versiegt.” (Jer. 15:15-18)

“Jehowah, du hast mich  betört und ich ließ mich betören. Du hast mich gepackt und überwältigt. Nun verspotten sie mich den ganzen Tag, alle lachen mich aus. Denn sooft ich den Mund auftue, muss ich schreien: “Verbrechen! Unterdrückung!” Nichts als täglich Spott und Hohn bringt mir das Wort Jehowahs.” (Jer. 20:7, 8)

Der Prophet möchte nicht mit Gott streiten, aber er hat so seine Zweifel, wenn er fragt, warum die Bösen so erfolgreich sind:

“Du bist gerecht, Jehowah, wie könnte ich nur mit dir streiten? Dennoch muss ich über das Recht mit dir reden. Warum haben die Bösen Erfolg? Weshalb können Abtrünnige sorglos sein? Du hast sie gepflanzt, und sie haben Wurzeln geschlagen; sie wachsen heran und bringen auch Frucht. … Wie lange soll das Land vertrocknen, das Grün auf den Feldern verdorren? …  Denn sie sagen von mir: ‘Er wird unser Ende nicht sehen’”. (Jer. 12:1-4)

Die Antwort Gottes fällt für meine Begriffe überraschend aus. wenn er zu Jeremia sagte: 

“Wenn du mit Fußgängern läufst und sie dich schon ermüden, wie willst du den Lauf gegen Pferde bestehen? Wenn du dich nur im Land des Friedens sicher fühlst, wie willst du dich dann im Jordandickicht verhalten?” (Jer. 12:5)

“Habe ich dich nicht zum Guten stark gemacht? Ich werde dafür sorgen, dass dein Feind dich anfleht, wenn er in Not und Bedrängnis gerät”. (Jer. 15:11)

“Wenn du umkehrst, nehme ich dich wieder an, dann darfst du mir wieder dienen. Wenn du deine Worte überlegst, und nicht mehr solchen Unsinn von dir gibst, dann darfst du wieder mein Mund sein. Sie müssen auf dich hören, aber du nicht auf sie.” (Jer. 15:19)

Ich empfinde die Reaktion Gottes als großartig und verständnisvoll! Er nimmt die Klagen zur Kenntnis, macht aber seinen Propheten auf die Notwendigkeit des Kampfes aufmerksam; ja er macht deutlich, dass der Kampf den Glauben stärkt und die Kraft wachsen lässt:  “Wenn du mit Fußgängern läufst und sie dich schon ermüden, wie willst du den Lauf gegen Pferde bestehen?” So dient der Kampf schließlich dazu, den ‘Lauf gegen Pferde zu bestehen’. Und noch mehr: Er verzeiht das vorwurfsvolle Reden Jeremias und ist bereit, ihn weiter als Prophet dienen zu lassen, wenn er umkehrt und nicht mehr “solchen Unsinn” reden würde.

Und Gott erinnert Jeremia daran, dass er ihn ‘zum Guten stark gemacht’ habe. Gott hat seine Zusage eingehalten, als er seinem Propheten von Anfang an dies deutlich machte: “Habe keine Angst vor den Menschen, denn ich bin mit dir und beschütze dich.” (Jer. 1:8) Jeremia hat auch Trost dadurch erfahren, dass Gott die Rückkehr der Juden aus der Gefangenschaft in ihr Heimatland ankündigte. Und mehr noch: Der Prophet durfte weit in die Zukunft schauen und sehen, wie durch den Messias (“König David”) der neue Bund wirksam werden würde; er durfte einen Blick ins Reich Gottes werfen und den Untergang “Babylons” sehen. 

“Ich bin mit dir”: Das kann die Angst nehmen; diese Zusage hat sich in Jeremias Leben erfüllt! Er wurde viele Male befreit und überlebte alle Misshandlungen, Demütigungen und Bedrohungen. Und er sah, wie Gottes Worte an die Nation in Erfüllung gingen, wie sich alles bewahrheitete, was er unter Gefahren für Leib und Leben dem Volk Israel prophezeit hatte. Jeremia erfuhr an sich selbst, wie Gott für treue Menschen eintreten kann. Das erfüllt auch mich mit Mut! 

Hat Jeremia die Erfüllung der göttlichen Prophezeiungen mit innerer Genugtuung gesehen? Nein, glücklich gemacht hat es ihn nicht; er litt mit dem Volk, und er litt stark. Wenn man seine “Klagelieder” liest bekommt man einen guten Eindruck von seiner Trauer. Nun berichtet die jüdische Überlieferung, dass Jeremia in Ägypten von seinen Volksgenossen gesteinigt worden ist.  Ob das stimmt, kann ich offenlassen. Tatsache ist, dass die Juden so manchen Propheten umgebracht haben. Jesus hat es bestätigt und ich erinnere mich an seine Worte: “Jerusalem, Jerusalem, die da steinigt die Propheten, und tötet, die zu ihr gesandt sind. “ (Luk. 13:34)

Bin ich betroffen, wenn so etwas geschieht? Bin ich im Glauben an Gottes Zusage erschüttert? Ich könnte es sein, wenn ich mir einbilde, als Glaubender immer unbeschadet aus dem Glaubenskampf hervorzugehen zu müssen. Darauf habe ich aber keinen Anspruch, ich habe nur die Zusage auf eine Auferstehung von den Toten! Ich kenne die Worte Jesu Christi, die er auch an mich richtet:

“Es werden noch manche Leiden auf dich zukommen. Der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis bringen, um euch auf die Probe zu stellen, … Hab keine Angst davor und bleibe mir treu, selbst wenn es dich das Leben kostet. Dann werde ich dir als Ehrenkranz das ewige Leben geben.”(Off. 2:10)

Damit will ich zufrieden sein! Ich gestehe meinem Vater im Himmel das Recht zu, mich auf die Probe zu stellen, denn ich denke, dass er nicht weniger als die volle Treue verdient. Und ich weiß, dass mein Vater im Himmel und sein Sohn die wahren Herren der Lage sind. Sie ‘werden alles neu machen’! Sie werden das Unrecht beseitigen und alle, die um ihres Glaubens willen verfolgt worden sind, mit dem ewigen Leben in Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe segnen!

Der König mit der Dornenkrone

oder:

Der Sieg der Sanftmut

Er sah unter sich die vielen Gesichter der Menge, die dem schrecklichen Schauspiel seiner Hinrichtung beiwohnte. Er blickte in Menschen, die von unterschiedlichsten Gefühlen beherrscht waren: Mitfühlende, Verachtende, Spötter, Enttäuschte, Hassende und Gleichgültige. Vor wenigen Stunden noch hatte die Masse lautstark seinen Tod gefordert, weil sie von den religiösen Führern aufgehetzt worden war. Er hatte noch die “Barrabas”-Schreie im Ohr und musste neuen Spott und Hohn ertragen. Er litt unsäglich. Er litt für diese  Menschen? Ja, für sie!

Fühlte er Rachegedanken, als er den Spott des dummen Pöbels hörte? Plante er Vergeltung für das Unrecht, das man ihm antat? Was beherrschte ihn jetzt? Eines wusste er: Es war der Wille seines Vaters den er hier geschehen lassen wollte, denn er hatte eine glasklare Vorstellung von dem, was ihm widerfuhr und von dem Ziel, das erreicht werden sollte. So ging er diesen Weg aus tiefster Überzeugung. Er war bereit für die Sündenlast einer ganzen Welt die Strafe auf sich zu nehmen. Er hätte es ablehnen können, aber die Liebe zu seinem Vater und den Menschen war stark! Und das tiefe Mitgefühl für ihre ausweglose Lage trieben ihn an, sich dem Tod auszuliefern. Sein Verhalten war Sanftmut, die Stärke und die Macht des wahrhaft Glaubenden. Der König mit der Dornenkrone verhielt sich tatsächlich wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wurde (Jes. 53:7).

Tage zuvor hatte er über Jerusalem geweint und ihren Bewohnern den Untergang ihrer Stadt und ihrer Nation angekündigt, weil sie ihn, Gottes Sohn und Retter, abgelehnt hatten. Und gerade für solche Menschen hatte er den grausamen Tod auf sich genommen? Waren sie es denn überhaupt wert?

“Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” MIt dieser Bitte legte er noch ein gutes Wort für sie ein. Er wusste, dass sie wankelmütig waren, irregeführt und eingeschüchtert, wenn auch nicht ohne Schuld und Verantwortung. 

Er war sich über die menschliche Natur durchaus im Klaren, und wenn er den Tod anstelle der Sünder auf sich genommen hat, dann in der Überzeugung, dass es viele Menschen geben würde, die durch seine Sanftmut und Liebe überzeugt werden und zu ihm kommen würden, um in seinem Reich als Sanftmütige zu leben.

Während seines Wirkens in Israel hat er immer wieder jene Menschen im Blick gehabt, die sanftmütig seine Einladung annehmen würden:

“Kommt alle zu mir, die ihr geplagt und mit Lasten beschwert seid! Bei mir erholt ihr euch. Unterstellt euch mir und lernt von mir! Denn ich bin von Herzen zum Dienen bereit. Dann kommt Ruhe in euer Leben. Denn mein Joch trägt sich gut und meine Last ist leicht.” (Mat. 11:28-30)

“Glückselig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen.”

Diese Segensverheißung aus der Bergpredigt Jesu gilt allen seinen Jüngern. Denn der König hat ein Reich gegründet, das nur für Sanftmütige da sein wird. Das sind seine wahren Geschwister; mit ihnen kann er umgehen, denn sie lassen sich von ihm leiten und ins ewige Leben führen.

Aus dem 45. Psalm möchte ich eine Passage zitieren, die als prophetische Vorschau keinen Zweifel an den Absichten des Königs lässt:

“Deiner Herrlichkeit wird es gelingen. Zieh aus für die Sache der Wahrheit, für Sanftmut und Gerechtigkeit! 

Furchterregende Taten vollbringe dein mächtiger Arm! Deine Pfeile sind scharf. Unterwirf dir die Völker, triff deine Feinde mitten ins Herz! 

Gott, dein Thron, hat für immer Bestand! Dein Zepter ist Gerechtigkeit. Du liebst das Recht und hasst Gottlosigkeit.” 

Was zeichnet Sanftmütige aus? Was macht sie für Jesus so anziehend? Es ist ihre charakterliche Grundhaltung, die keine Gewalt gegen andere zuläßt, die aktiv das Gute fördert und den ganzen Menschen in Zaum hält. Es ist ein moralischer Grundbestand des Menschen, das Menschliche schlechthin, das bei ihnen absolutes Gewicht besitzt. So bildet die Sanftmut den Gegensatz  zu Gewalttätigkeit, Rücksichtslosigkeit, Habgier, Zorn und Egoismus. 

Es sind Menschen, die Jesus gern als Schafe seiner Herde beschrieben hat. Der sanftmütige König will auch sanftmütige Untertanen haben. Damit stellt er eine Charaktereigenschaft ins Zentrum, die in dieser Welt  nur eine Nebenrolle spielt. Denn unsere Geschichte ist ein einziges Blutbad, das durch Gewalt, Raubgier und Hass angerichtet worden ist. Die Helden dieser Welt waren und sind fast allesamt Haudraufs, Räuber und Mörder. Aber Jesus erklärt die Sanftmütigen zu den wahren Siegern: Ihnen allein wird die Zukunft gehören!  

Der Glaube siegt durch Sanftmut!  Durch die Sanftmut des Königs wird das Böse in seinen Untertanen schließlich bezwungen, denn sie spricht das Herz an, erobert es und beherrscht es. Der König der Sanftmut überzeugt seine Untertanen nicht durch Gewalt, wie es manche Religionen getan haben und noch tun wollen. Er erobert Herzen und “besiegt” sie auf sanfte Art und Weise mit LIEBE und EINSICHT. Er will Untertanen, die aus der Finsternis und aus der Sinnlosigkeit des “normalen” Lebens aufgeschreckt sind und zu sich selbst und zu Gott gefunden haben. Er will über Menschen regieren, die durch ihre Sanftmut willig lenkbar sind, denn nur dann kann er “sie zu Wasserquellen des Lebens führen” (Off. 7:17). 

Die Sanftmütigen passen nicht in diese Welt! Sie sind  Fremde in dieser Weltzeit; sie haben sich innerlich zurückgezogen und wollen das falsche Denken und Handeln nicht pflegen, das so viele Menschen leitet. Allein schon das Befolgen einer einfachen Regel, die Jesus aufstellte, macht sie zu Außenseitern: 

“Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie!” (Mat. 7:12)

Gerade wer das ausleben will, darf sich nicht zu wichtig nehmen, er muss den Nächsten sogar höher achten, als sich selbst. Auch wenn die Allgemeinheit diesem Gesetz nicht folgt, bleibt es doch das Grundgesetz im Reich des Königs der Sanftmütigen. 

Wir sprechen so oft von der “Ellenbogengesellschaft”, beklagen den rüden Egoismus und fühlen uns bedroht durch diese Mentalität. Und wie wohltuend ist es, auf einen Menschen zu stoßen, der anders ist, der uns freundlich und respektvoll behandelt und uns als Mitmensch wahrnimmt. Und wie selten fällt uns das auf! Sehnsüchtig verlangend wünschen wir: ”Ach, wenn doch alle so wären! Wie schön könnte das Leben sein.”

Kann man sich vorstellen, dass die Untertanen dieses Königs in den Krieg gegen andere Völker ziehen? Ist es denkbar, dass sie andere gewissenlos ausbeuten, sich an ihnen bereichern, ausrauben und betrügen? Ist es vorstellbar, dass sie Macht über andere ausüben wollen, um sie für eigene Zwecke zu missbrauchen? Würde man sie unter all den Treulosen, den Ehebrechern, den Habgierigen, den Lügnern und Dieben finden, von denen jeden Tag berichtet wird und die nicht auf den Gedanken kommen sich zu fragen: Was habe ich da getan?

Die Sanftmütigen sind kein Teil dieser vom Bösen beherrschten Welt. Sie haben Besseres erfahren und wissen um die Macht der Liebe. Sie verachten alles, was dieser Liebe Gewalt antut, denn sie kennen Gott, ihren Vater im Himmel. Sie lassen zu, dass das typisch Menschliche in ihnen wachsen kann und wirksam wird. Deswegen können sie in dieser Welt nicht wirklich zu Hause sein. Sie haben ihre Verantwortung vor Gott erkannt und gehen darum nicht mit der Masse.

Warum sind die Menschen so roh? Könnte es ein, dass die meisten vergessen haben, dass sie Menschen sind, weil ihnen das wirkliche Leben fremd ist? Haben sie vergessen, dass sie Brüder und Schwestern sind, die füreinander verantwortlich sein müssen, damit das Fest des Lebens überhaupt gefeiert werden kann? Könnte es sein, dass sie ebenso unempfänglich für die Worte Jesu sind, wie seine Zeitgenossen, die seinem Sterben ungerührt zusahen?  Wenn das zutrifft, dann hat er auch über sie geweint! 

Aber er hat auch viele Menschen zu sich gezogen, die ganz anders empfinden und denken: Sie sind seine Untertanen, seine sanftmütigen Schafe, seine Brüder und Schwestern. Sie sehnen sich nach seiner Friedensherrschaft und versuchen so zu leben, als seien sie schon in seinem Reich. 

Sanftmut ist die Stärke der Klugen Sanftmütige müssen mutig sein; sie sind aufgefordert, dem König mit der Dornenkrone ähnlich zu werden, denn er hat für seine Feinde gebetet, ist auch für sie gestorben, um ihnen zu helfen, selbst seine Untertanen zu werden. Seine Sanftmut hat viele dazu gebracht, ihr Herz für andere Menschen zu öffnen, mitzufühlen und entsprechend zu handeln. Nur dadurch haben sie sich als Brüder und Schwestern Jesu zu erkennen gegeben, indem sie ihren Egoismus durch die Klugheit des Glaubens besiegt und das Wohl des Mitmenschen im Blick haben. Es geht nicht um ein Lippenbekenntnis für Jesus, sondern um eine Lebensweise, die dem Verhalten des Königs entspricht. Der Geist Gottes hat ihre Augen des Herzens geöffnet und sie einsehen lassen, dass ein Mensch nur mit Gott, aber nicht gegen ihn leben kann! 

Aus Wölfen müssen Lämmer werden – Die Siegesmacht des Glaubens Die Propheten haben es schon gesagt: Im Reich des Friedens werden nur Menschen sein, die “ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Rebmessern geschmiedet haben”. Von ihnen heißt es, dass “sie den Krieg nicht mehr lernen”. Hier im Reich des Königs mit der Dornenkrone werden raubgierige Wölfe zu sanften Lämmern. Das erleben Menschen, die sich auf den sanftmütigen König eingelassen, heute schon, wenn sie ihre alten Verhaltensweisen abgelegt haben und neue Menschen geworden sind. Sie erleben an sich selbst die Wirkung einer starken Macht, die imstande ist, das Böse zu besiegen: Das ist die Siegesmacht des Glaubens!

Diese Siegesmacht hat bisher alles überstanden, was ihr eine böse Welt an Widerstand entgegenzusetzen versuchte. Sanft und stark hat sie gesiegt. Viele Ordnungen und Reiche sind vergangen; Völker sind verschwunden und großartige Kulturen untergegangen, aber der Glaube an den Vater aller im Himmel hat in einzelnen Menschen überlebt. Zu Hause ist dieser Glaube in schwachen Menschen, denen Gott seine LIebe geschenkt und die er der Herrschaft seines Sohnes anvertraut hat. Ihnen gelten alle Glücklichpreisungen der Bergpredigt; an ihnen und durch sie erfüllen sie sich. 

Die Glücklichpreisungen erfüllen sich für  Sanftmütige Diese Glücklichpreisungen können sich nur an Sanftmütigen erfüllen, denn um “arm vor Gott” zu sein, friedfertig, barmherzig und reinen Herzens zu sein, muss man zuerst sanft sein. Man muss sanftmütig sein, um den Hunger nach Gerechtigkeit zu fühlen und die Trauer über die schlechte menschliche Wirklichkeit zu spüren. Man muss die Einpflanzung des Wortes Gottes, das zu retten vermag, mit Sanftmut annehmen (Jak. 1:21), denn nur Sanftmütige lassen sich von Gott etwas sagen und ändern ihr Leben. Darauf läuft am Ende alles hinaus, denn der König der Sanftmütigen will nur solche Untertanen haben:

“Denn dann entferne ich aus dir deine hochmütigen Prahler. Dann wird es auf meinem heiligen Berg keine Überheblichen mehr geben. Übrig lasse in dir ein demütiges und armes Volk, das seine Zuflucht sucht beim Namen Jehowahs; den Rest von Israel, Menschen, die kein Unrecht tun und nicht mehr lügen werden. Sie wollen nichts mehr wissen von Betrug, sondern wie eine Herde weiden und lagern, und niemand scheucht sie auf.” (Zeph. 3:11-13)

Was der Prophet hier beschrieben hat, war auch auf die Rückkehr der Juden aus der Gefangenschaft gemünzt, aber es wäre zu einfach, es nur darauf zu beziehen. Denn der Kontext spricht von Völkern, aus denen Gottes Anbeter gesammelt werden und er öffnet den Blick auf etwas Großes, das dann eintreten wird, wenn Gottes Zorn an den Völkern der Welt  das Urteil vollstreckt hat (Zeph. 3:8-10). 

Für den König mit der Dornenkrone muss es ein Fest sein, seine sanftmütigen Untertanen dahin zu lenken, dass eines Tages der allmächtige Schöpfer für sie das Ein und Alles wird. Erst dann ist die Geschichte am Ziel.

Nachtrag zu „Wachsen und Werden“

In “Wachsen und Werden” habe ich beschrieben, wie ein Mensch unter der Wirkung des Geistes Gottes ein neuer Mensch werden kann und dadurch aus dem allgemeinen Taumel der moralischen Verwahrlosung ausscheidet. Ich wollte damit auch zum Ausdruck bringen, dass ein Mensch nicht bleiben muss, was er schlechterdings ist: böse und uneinsichtig, erbarmungslos und hartherzig. 

Beim Lesen der Geschichte des Warschauer Ghettos stieß ich auf Bilder, die ich schon als 12-jähriger gezeigt bekommen habe. (Jeder kann sie sich im Internet ansehen z. B. “Bilder aus dem Warschauer Ghetto”.) Diese Bilder! Sie beeindruckten mich damals. Ich verurteilte das Gezeigte, aber ich konnte damals noch nicht darüber weinen. Ich verstand das Geschehene nicht.

Heute kann ich mich in einzelne Menschen auf den Bildern hineinversetzen. Da sehe ich  ein Kind in Lumpen auf dem winterkalten Straßenpflaster liegen, zusammen gekrümmt und die Augen halb geöffnet. Und ich denke: “Hier liege ich und kann nicht mehr schreien, ich kann nicht mehr weinen, denn ich habe keine Tränen mehr!”

Und ich sehe einen Mann mit abgemagerten Gesicht, der mit seinen großen Augen in die Kamera schaut und eine ergreifende Traurigkeit ausstrahlt. Wieviel menschliche Würde spricht er selbst im Angesicht des Todes aus! Und ich denke: “Ach, mein Menschenbruder! Wie gern würde ich dich in den Arm nehmen und dich trösten wollen!  Und ich wäre zu mehr bereit.”

Und dann ist unter den vielen Bildern ein alter Mann zu sehen, der auf dem Straßenpflaster liegt und vergeblich versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Völlig entkräftet wird er kurze Zeit später wohl aufgegeben haben. Und sollte ihm jemand geholfen haben, dann wird er in Treblinka sein Leben im Gas ausgehaucht haben. Ein mir völlig unbekannter alter Mann – und ich erahne nur, was er durchmachen musste, denn  ich kann seine Hoffnungslosigkeit fühlen, sein Verlassensein und sein Verzweifeln. Aber welche Würde, welche Menschenwürde, strahlt er noch für mich aus! Gerade durch seine Hilflosigkeit kommt mir sein Menschentum zum Bewusstsein. Solchen gequälten Menschen gehört mein Mitgefühl, denn ich weiß, dass auch ich an ihrer Stelle hätte sein können. Aber ich hätte nicht  als gewissenloser Täter auftreten können.

Ich frage mich: “Was waren das für Menschen, die euch alle kalt ermordeten, die so taten, als ginge es um Rübenziehen oder Kartenspielen?” Ich habe auch eine Fotografie des Generals, der das Ghetto räumen und niederlegen ließ und stolz verkündete: “Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk mehr in Warschau!” Jürgen Stroop. Sollte man diesen Namen überhaupt nennen? Die Namen seiner Opfer sind meist unbekannt. Aber ich finde, dass es gut ist, wenn das Böse einen Namen hat, wenn man weiß, wer das Morden befahl, auch wenn man nicht die Namen seiner vielen Helfer kennt, die danach unbehelligt weiter lebten, als wäre nichts geschehen. Diese vielen Täter sind ein Beispiel für die Zermenschlichung, die ihnen selbst widerfahren ist, weil sie sich gedanken- und gewissenlos einem satanischen Einfluss ausgeliefert hatten. Gehorsam, feige und kalt versuchten sie auch noch durch ihren täglichen Terror den Opfern jede Menschlichkeit zu rauben. Aber es gelang ihnen nicht. Die auf uns gekommenen Bilder beweisen es und stehen als ewige Anklage da.

Unter den vielen Bildern sind auch Menschen zu sehen, die den Mut und die menschliche Größe besaßen sich für viele Opfer einzusetzen um sie zu retten. Oft genug wurden sie selbst zu Opfern der Ungeheuer. Aber das schien für sie keine besondere Rolle gespielt zu haben. Ich verneige mich in Gedanken vor diesen großartigen Menschen, die der Barbarei die Stirn boten und bewiesen, dass ein Mensch anders und besser sein kann als die vielen Bestien!

Nun  denke ich, dass das Verbrechen an den Menschen im  Warschauer Ghetto sich vorher und auch nachher immer wieder in irgendeiner Form abgespielt hat. Man könnte sich daran gewöhnen, wie es ja schon viele tun. Für mich aber haben die neuen Bilder aus beinahe allen Teilen der Welt die gleiche gewaltige Sprachkraft wie die alten Fotos aus Warschau. Ich möchte mir dazu jeden Kommentar ersparen und stelle nur fest, “es gibt nichts Neues unter der Sonne.” Ich habe schon einmal beschrieben, dass ich Gottes Geduld mit dem Bösen  nicht verstehe. Und was sich dazu  sonst noch zwischen mir und meinem Vater im Himmel in Gedanken abspielt, will ich auch hier nicht ausbreiten. Nur soviel noch: Ich will niemals, niemals, in die Barbarei abgleiten! Ich will mein Menschliches, meinen elementaren Bestand, bewahren. Ich will Mensch und Mitmensch bleiben und mich nicht der schleichenden Zermenschlichung aussetzen, die in dieser Zeit der Verführung über die ganze Menschheit gekommen ist. Ich will immer danach streben, die göttliche Supervision zu behalten! Das bin ich nicht nur mir und meinem Vater im Himmel schuldig, sondern auch den misshandelten und zu Tode gequälten Mitmenschen!