Nachtgedanken

Nachtrag zum vorherigen Nachtgedanken

Liebe Andrea, du hast mir etwas geschrieben, was mich nachdenklich gemacht hat. Ich fühle deine Angst und deine Verzweiflung. Darum ist es mir ein Bedürfnis auf deine Nachricht zu antworten. Du hast bemerkt, dass ich in dieser Welt nicht zu Hause sein kann, weil ich schon lange festgestellt habe, dass ich da nicht hingehöre. Denn ich hasse dieses falsche, böse Denken, aus dem alle bösen Taten entspringen. Nun ist die innere Emigration, der gedankliche Rückzug, nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Tatsache, dass ich in dieser Welt irgendwie leben muss. Aber wie?  Du schreibst, dass du eigentlich aus dieser Welt fliehen möchtest. Das kann ich nachfühlen, aber Flucht ist nicht möglich. Wir müssen auf das Reich Gottes warten und für unseren Glauben kämpfen.

Unser gemeinsamer Gott und Vater im Himmel hat mir ein Schwert in die Hand gegeben und gesagt: “Kämpfe!”  “Aber ich habe doch gar keine Lust und auch keinen Mut dazu!” Doch es heißt: “Kämpfe!” Als Christ und Glaubender bin ich in einen Kampf gestellt worden. Und ich kann mich dem nicht entziehen! Ich muss einsehen, dass ich nicht mit eigener Kraft kämpfe, sondern mit der mächtigen Kraft Gottes, dem heiligen Geist. Also bin ich gut ausgerüstet!

Auch ich bin dazu aufgerufen, diese Welt zu besiegen. Ich muss sie mit meinem Glauben besiegen. Und da geht es mir ebenso wie allen anderen Kindern Gottes. Und ich weiß von manchen, dass es ihnen nicht leicht gemacht wurde zu kämpfen. Als Jeremia sich bei Gott beklagte, wurde ihm gesagt, dass es nicht gut sei, wenn er schon im Lauf gegen “Fußgänger” ermüden und aufgeben wollte, denn er sollte den Kampf gegen “wilde Tiere” des “Jordandickichts” bestehen (Jer. 12). Immer wieder wurden die Kinder Gottes durch ihren Vater im Himmel zum Kampf ermuntert und für diesen Kampf ausgerüstet. Und dieser Kampf geht zuerst gegen sich selbst, gegen eigene Zweifel, Schwächen, Irrtümer und Entmutigung. Und dann gegen eine Welt, die Gott nicht wahrnimmt, die ihn ablehnt und bekämpft, eine Welt, die mit tausend Armen nach uns greift und und umbiegen will. 

Es gibt keine Entlassung in diesem Krieg! Also müssen wir kämpfen! Ich wünsche dir, meine Mitkämpferin, die Kraft Gottes und seinen Frieden, der alles Denken übersteigt und unsere geistige Kraft, unser Bewusstsein, beschützt! 

Und nun geht der “alte Mann” wieder ins Bett und wünscht dir in deinem Kampf den Sieg durch Gottes Kraft!

Nachtgedanken

Meine Heimatlosigkeit war der Beginn einer Reise

Ich bin in dieser Welt nur (zufällig) anwesend, aber nicht zu Hause. Diese Heimatlosigkeit war mir schon früh bewusst. Zuerst war es die Ahnung, dass irgendetwas mit dem Leben nicht stimmen konnte. Später, als ich das Leben deutlicher wahrnahm und es lesend auch durch die Augen anderer Menschen sehen konnte, nahm die Ahnung Gestalt an und ich wusste: “Hier bin ich nicht zu Hause! Da will ich nicht hin! Ich will mit dem, was hier tagtäglich an Unrecht geschieht, nichts zu tun haben! Ich hasse diese Welt, die uns im Grunde nicht einen Tag wirklich leben lässt!” Und eine innere Stimme schien zu rufen, ein unbestimmtes Gefühl mich zu locken. So habe ich mich auf die Suche nach Gott gemacht

Heute weiß ich mit aller Deutlichkeit, wo ich zu Hause bin! Ich bin dort, wo meine Sehnsucht hin will: In die Nähe Gottes. Ich bin den Weg gegangen. Ich habe gefunden, wonach ich suchte. Und ich kann meinen Bewusstseinszustand gut mit dem Psalm 84 beschreiben. Ich finde und erkenne mich in dieser Dichtung  wieder – und bin glücklich darüber. 

Ein Psalm spiegelt meine Empfindungen wider

Es ist der 84. Psalm. Diese Dichtung der “Söhne Korachs” beginnt mit der Feststellung, dass die ‘Wohnungen Jehowahs lieblich sind’. Wer das so empfindet, hat nicht nur die tiefe Sehnsucht nach Gottes Nähe, sondern auch erfahren, dass es gut tut, in dieser Nähe zu sein. Es muss die Nähe sein, die ein Kind beim Vater sucht, eine enge Bindung, die  nur zu fühlen ist und die durch tiefe, treue wechselseitige Liebe zustande kommt. Darum versteht man sofort, warum die Sehnsucht so mächtig ist: Man will nicht ohne diese Liebesbeziehung sein, denn sie ist die wahre Geborgenheit, der man ‘mit Leib und Seele entgegen jubelt’. Dann macht man sich auf die Reise, weil man ein Ziel hat, für das man leben will. Und wird dieser Wunsch nach Nähe durch die Gnade Gottes gewährt, dann steht man voller Respekt vor dem Vater und drückt es so aus:

“… deine Altäre, Jehowah, Allmächtiger, mein König und mein Gott! … Denn ein Tag in den Höfen des Tempels ist besser als tausend andere sonst. Lieber will ich Torwächter im Hause meines Gottes sein, als in den Zelten des Unrechts zu wohnen.” 

Wer das mit dem Herzen sagen kann, hat keine anderen Wünsche mehr, denn er weiß, dass er sich auf der Reise nicht fürchten muss, weil der Allmächtige für ihn sorgt. Darum: 

“Wie glücklich sind die, die in deinem Haus wohnen. Immerzu loben sie dich!” 

Das Herz ist dann von heißer Dankbarkeit erfüllt, die sich in starken Gefühlen äußert. 

Mein Leben kann ich als eine Pilgerreise betrachten, denn ich habe ein Ziel. Es ist das Neue Jerusalem, die Stadt Gottes, die “von Gott aus dem Himmel herabkommt” und “bei den Menschen sein wird”. Es ist die Erfüllung meiner Hoffnungen. Das ist mein wahres Zuhause! Denn nur dort werden sich Treue und Wahrhaftigkeit begegnen, nur dort werden Frieden und Gerechtigkeit sich küssen. Die Söhne Korahs fühlten sich auch auf einer Pilgerreise und ihre Sehnsucht ist auch meine:

“Mein Inneres verzehrt sich in Sehnsucht nach den Höfen im Tempel Jehowahs. Mit Leib und Leben juble ich dem lebendigen Gott zu!

Wie glücklich sind die, die in deinem Haus wohnen. Immerzu loben sie dich!

Wie glücklich sind die, deren Stärke du bist, die sich zur Pilgerreise rüsten. Wenn sie durchs “Tal des Weinens” ziehen,   machen sie einen Quellplatz daraus, den auch der Herbstregen mit Segnung umhüllt. 

Mit jedem Schritt wächst ihre Kraft, bis sie vor Gott in Zion erscheinen.”

Diese Pilgerfahrt führt auch durch schwere Zeiten, durch das “Tal des Weinens”, aber unter dem Schutz Gottes verwandelt es sich in einen Ort den erfrischenden Quellen, in einen Ort, das der Herbstregen mit Segen füllt. Man erlebt an sich selbst, was auch Paulus erfahren hatte: “Deshalb verlieren wir nicht den Mut. Denn wenn wir auch äusserlich aufgerieben werden, so werden wir doch innerlich jeden Tag erneuert.” (2. Kor. 4:16) Und diese “Reiseerfahrungen” machen den Pilger stark und verfestigen sein Vertrauen: Mit jedem Schritt wächst seine Kraft im Glauben, bis er am Ziel ist. Am Ende weiß er, dass die Stärke, die Kraft Gottes, in ihm war. Er ist auf wunderbare Weise begleitet und geführt worden.

Der Psalm endet mit Worten, denen ich von Herzen zustimme: 

“Denn Jehowah, Gott, ist Sonne und Schild. Jehowah schenkt Gnade und Ehre. Denen, die aufrichtig leben, wird Gott nichts Gutes versagen.

Jehowah, Allmächtiger!

Glücklich der Mensch, der auf dich vertraut!” 

Heute geht es mir gut! Es geht mir gut, weil ich mich geborgen fühle und mit dem Herzen weiß, dass ich in Gottes Liebe zu Hause bin! Ich habe an mir selbst erfahren, erlebt und gespürt, wie Gottes Liebe “schmeckt”. Nun bin ich zufrieden und will immer nur dafür danken, danken für das Vertrauen, das ich haben darf und das Gott durch Christus mir eingeflößt hat. Dankend juble ich dem lebendigen Gott zu!

Als Kind Gottes endlich zu Hause

“Wer ist eigentlich der Größte im Reich, das der Himmel regiert?”


Der allgemeine Mensch hat es gerne “groß”. Er wünscht sich Ruhm, Ehre, Macht, Bewunderung und Verehrung. Er sieht sich gerne über  andere erhöht und möchte ein Star sein, der umjubelt wird und um den man sich reißt. Und was hat man nicht alles getan, um dieses Ziel zu erreichen! Ein flüchtiger Blick in die Geschichte zeigt uns unzählige “Große”, ein genaueres Hinsehen aber auch vieles, wofür sich ein Mensch schämen muss. Da fragt man sich, warum hinter den “Großen” so viele Tote aus Kriegen, Überfällen, Eroberungen, Versklavungen stehen, und warum sie  so viel Leid und Ungerechtigkeit über die Völker  gebracht haben. Ist das Größe? 

Die Jünger Jesu stritten sich zu oft um den ersten und besten Platz, bis es dem Christus einmal zu viel wurde. Da stellte er ein kleines Kind in ihre Mitte und sagte: 

“Ich versichere euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Reich kommen, das der Himmel regiert. Darum ist einer, der es auf sich nimmt, vor den Menschen so gering dazustehen wie dieses Kind, der Größte in diesem Reich.”         (Mat. 18:3, 4)

Was der Meister hier sagte, war für die Jünger nicht neu, denn die Glücklichpreisungen der Bergpredigt lehren auch nichts anderes. Denn um nach Gottes Willen glücklich zu sein, muss man einsehen, wie “arm” man vor Gott ist, dass man seine Sünden schmerzlich empfindet, sich nicht um fast jeden Preis selbst auf Kosten anderer durchsetzt, sanftmütig und zur Verständigung bereit und barmherzig ist und zuerst Gottes Gerechtigkeit und nicht seine eigene sucht. Alle diese Verhaltensweisen beweisen schließlich, dass man ein KIND GOTTES ist. Und nur solche Menschen erben das Reich! 

Warum ein Kind?

Wenn Jesus von seinen Nachfolgern verlangt, dass sie wie Kinder sein sollen, dann meint er nicht die natürliche Unreife eines Kindes, sondern seine anhängliche Fügsamkeit und sein unbedingtes Vertrauen zum Vater. Er wünscht kindliche Demut und Liebe. Ein Kind kennt noch nicht den Wunsch nach einer prominenten Stellung in der Welt der Erwachsenen. Und ebenso soll ein Anbeter Gottes sein. Unter seinen Geschwistern sollte er nur der Gleiche unter Gleichen sein, und vor Gott einfach nur wie ein kleines Kind, das von seinem Vater fürsorglich geliebt wird. Der König David mag so empfunden haben, als er das schrieb:

“Jehowah, ich will nicht hoch hinaus, ich schaue auch auf niemand herab. Ich gehe nicht mit Dingen um, die mir zu groß und wunderbar sind. Nein, ich habe mich beruhigt, habe meine Seele besänftigt. Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter bin ich geworden.” (Psalm 131)

Die Liebe macht den Menschen in Gottes Augen groß

Und wenn es schon um Größe geht, dann ist es nur eine Eigenschaft, die uns in Gottes Augen groß macht: Es ist die Liebe! Ohne sie, so erfahre ich aus dem 1. Brief an die Korinther im Kapitel 13, ist alles andere, auch der  Berge versetzende Glaube, sinnlos und leer! Die Liebe ist das Ziel, die Krönung unseres Daseins und sein Sinn, weil sie uns mit Gott  verbindet und zu seinen Kindern macht. 

Nicht der kühne, gefühllose Eroberer und nicht der gewissenlose Held sind in Gottes Augen groß, sondern jene Menschen, die sich als Segen für andere erweisen wollen, die aus der Finsternis des Egoismus aufgewacht sind und gelernt haben, was Liebe eigentlich ist. Die Liebe ist das königliche Gesetz, das alle in der Familie Gottes vereint und die Ursache dafür ist, dass sich alle Mitglieder dieser Familie als Segen für alle anderen erweisen. Liebende in diesem Sinn sind Diener der Liebe und nicht ihre Herren, die ihre Zuwendung nach Lust, Laune und Berechnung verteilen. Genau das will der Apostel sagen, wenn er das alltägliche Leben von Christen in Römer 12 beschreibt: 

“Und richtet euch nicht mehr nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob es Gott gefällt und ob es zum Ziel führt.” (Rö. 12:2)

Und dann führt der Apostel Beispiele für ein Leben an, dass den Mitmenschen immer im Blick hat, ein Leben, das ein heiliger Dienst für Gott sein soll und das sich in der warmen und barmherzigen Liebe erfüllt. Sie ist nicht das Streben nach Vorrang und Prominenz; sie ist kein Konkurrenzkampf und keine Heuchelei. “Liebe muss echt sein, ohne Heuchelei!” (Rö. 12:9) 

Wer so lebt wird glücklich, denn die Liebe, ist Ziel,  Erfüllung und der Sinn seines Lebens. Sie ist Aufgabe und Belohnung zusammen. Und in der Familie Gottes strömt die Liebe von einem zum anderen. Das ist ja das Geheimnis der Liebe, dass sie sich vermehrt und zurückkommt, dass sie Frucht trägt unter jenen, in denen die Liebe Gottes an ihr Ziel kommt. Diese Liebe macht reich! Sie bereichert den, der sie übt und den, der sie empfängt. Der Liebe spendende Mensch wird selbst reichlich gesättigt. (Spr. 11:25) Er hat es nicht nötig prominent, berühmt und materiell reich zu werden. Er verzichtet auf den billigen Glanz des vergänglichen Ruhms und der fragwürdigen Größe. Seine Demut und sein Mut zur uneigennützigen Liebe, macht ihn und andere groß! Sein Heldentum besteht einfach darin, dass er liebt, dass er liebt in Tat und Wahrheit, dass er etwas tut, was die nach Reichtum und Erfolg jagende Welt verachtet, was in ihr oft als schwach und armselig gilt.  

So ein Mensch macht nichts Besonderes, auch wenn es so aussehen mag. Er gehorcht einfach seiner inneren Bestimmung, weil er weiß, dass der Mensch dazu geschaffen worden ist: zum Heldentum der Liebe! Nur dadurch zeigt er, dass er ein Kind Gottes ist, denn Gott selbst ist Liebe! Und damit zeigt er, dass er ein wirklicher, edler Mensch ist! Solche Menschen sind die wahren Großen, aber in dieser Welt wird das zu selten geschätzt und beachtet. Dieses stille Heldentum besteht in der Bescheidenheit und der Anerkennung der eigenen Bedeutungslosigkeit vor Gott. Das sind dann die Kinder, von denen Jesus sprach und nur sie werden Erben des Reiches Gottes werden. 

Die Welt sieht es anders

Wie anders geht es im Allgemeinen zu: Die Welt erstarrt in Lieblosigkeit zu Eis. Und fast jeder leidet darunter, leidet bis zur Verzweiflung und Selbstvernichtung.  Und dabei tragen doch alle die Sehnsucht nach Liebe im Herzen. Warum aber haben sie nicht den Heldenmut der Liebe? Warum betreiben sie stattdessen eine Selbstzerstörung an sich und an der ganzen Welt? Weil sie keine Kinder Gottes sind, weil sie nicht wie Kinder sein wollen, denen das Glück im Reich Gottes gehört? Nun, dann müssen sie sich anderswo selbst bestätigen und Sinn suchen. Dann müssen sie die “Größe” auf die übliche Weise erreichen, aber in Kauf nehmen, dabei nicht glücklich zu werden, denn unser Leben folgt seinem unausweichlichen Gesetz und jede Verletzung dieses Gesetzes wird sich fürchterlich rächen – jetzt , heute und in der Zukunft.

Wie wird man wie ein Kind, das Gottes Reich erben wird? 

Von unserer sündhaften Neigung her gesehen scheint das schwierig zu sein. Eher sind wir stolz als demütig. Eher denken wir zu hoch von uns, als dass wir einsehen, wie verkommen wir eigentlich sind. Eher vertrauen wir doch auf uns selbst, als auf Gott und bilden uns zu viel ein. Dieses Denken passt einfach nicht zu wirklichen Kindern. 

Aber ich möchte die Kraft und die Liebe Gottes dabei nicht unterschätzen! Als Jesus einmal erwähnte, wie schwierig es sein kann, als Reicher in das Reich Gottes zu kommen, fragten die Apostel, für wen das überhaupt möglich wäre. “Bei Gott sind alle Dinge möglich”, war seine Antwort. Und tatsächlich, kurz darauf erlebten sie, wie “ein Kamel durch das Nadelöhr kommen” kann: Ein korrupter und betrügerischer Ober-Steuereinnehmer kehrte um und wurde ein Christ! Sein Name kam in die Bibel: Zachäus. Er war sehr reich und hatte einen ganz schlechten Ruf. Er war  durch Korruption, Erpressung und Betrug reich geworden. Und doch wurde hier ein böser Mensch zum Sieger über sich selbst, weil er Jesus anerkannte und sich Gott unterwarf. In fast einem Augenblick fühlte er sich als Mensch, als Jesus sich bei ihm, dem stadtbekannten Sünder, zum Abendessen einlud. Damit begann er über sich selbst nachzudenken, und er kam zur Einsicht, dass er die Barmherzigkeit Gottes brauchte. Und dann machte sich dieser Mann ganz klein vor Gott und wollte auf der Stelle den Schaden gut machen, den er angerichtet hatte. Mit seinem öffentlichen Eingeständnis seiner Betrügereien offenbarte er sich vor allen als Betrüger. Nun wollte er nur noch ein Kind Gottes sein. Er wurde ein anderer Mensch, der sich änderte. Das hätte vorher niemand für möglich gehalten. 

Bei Hiob handelte es sich um einen Menschen, der an Gott glaubte und ihn fürchtete. Aber auch er musste sich klein machen, musste wie ein Kind werden. Von Hiob wissen wir, dass er “gottesfürchtig und rechtschaffen” war wie kein zweiter in seiner Generation. Als er noch reich und angesehen war, galt er als respektable Autorität. Als das alles verschwand und er vom Satan auch noch mit einer schlimmen Krankheit geschlagen wurde, begann er an Gott irre zu werden. Er wusste ja nichts vom Gespräch im Himmel, das Gott mit Satan geführt hatte (Hi. 1:8-12; 2:3-6). Und darum war er der Meinung, dass Gott sein Feind geworden sei. Hiob verlangte Rechenschaft von Gott. Er wollte wissen, warum er so schrecklich leiden musste, denn er war der Meinung, dass Gott die Ursache dessen war, was ihn erschütterte. Am Schluss wird ihm von Elihu und von Gott vorgehalten, dass Gott nicht von üblen Dingen beherrscht sei und dass keines seiner Geschöpfe ihn vor ein Tribunal ziehen könne, denn er ist über jedes Unrecht erhaben. Man kann ihm niemals etwas Unrechtes zuschreiben. 

Als das klar wurde, besann sich Hiob, denn noch etwas hatte er durch Gottes Lektion gelernt: Ein Mensch ist sternenweit davon entfernt, Gott zu verstehen. Aber er darf, weil Gott völlig sich selbst und seiner Gerechtigkeit treu ist, immer und überall auf seinen Vater vertrauen! Darum sagte Hiob, dass er erst jetzt Gott erkannt habe. Und noch etwas: Er hat auch eingesehen, dass er mit der Haltung eines vertrauenden Kindes vor Gott stehen sollte und nicht wie ein ebenbürtiger Gegner in einem Rechtsstreit. Er bestätigt dies so: 

“Ich weiß, dass du alles vermagst, kein Plan ist unmöglich für dich. .. Ja, ich habe geredet, was ich nicht verstand. Es war zu hoch für mich, ich begriff das alles nicht. Höre doch, ich will nun reden, will dich befragen, dass du mich belehrst. Bloß mit dem Ohr hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum unterwerfe ich mich und bereue in Staub und Asche.” (Hi. 42:2-6)

Mit diesen Einsichten hat Hiob seine ihm gemäße Stellung eingenommen: Er wurde ein vertrauensvolles Kind Gottes. Vorher war er ein Mann mit Autorität, der gegenüber seinem Schöpfer auf sein angebliches Recht pochte und meinte, dass Gott ihm Rechenschaft schulde. 

Ich möchte noch eine Geschichte erwähnen, die Jesus erzählt hat und die jedem zu Herzen gehen muss, der ein Bewusstsein seiner eigenen Sünden hat. Es ist die Geschichte vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn (Luk.15:11-32). Man lernt zuerst, dass Gott auf eindrucksvolle Weise barmherzig ist. Jeder Vater kann sich vorstellen (und manche erleben es auch), wie es sich anfühlt, wenn ein geliebter Sohn den Vater verlässt und auf die schiefe Bahn gerät, auf der er schnell abwärts saust. Als der Sohn in Jesu Geschichte ganz unten angekommen ist, beginnt er nachzudenken. Und nachdem er “in sich selbst angekommen ist”, sieht er sein Unrecht ein und er geht zu seinem Vater zurück, der ihn im Stillen erwartet hat. Und dann nimmt er sich vor, etwas zu sagen, was so leicht kein Sohn sagt: “Vater, ich habe mich versündigt – gegen den Himmel und auch gegen dich. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Mache mich doch zu einem deiner Tagelöhner.” Der Sohn macht sich auf den Heimweg. Der Vater sieht ihn von fern und läuft ihm entgegen. Er umarmt seinen Sohn und küsst ihn. Der Sohn kommt nach den ersten beiden Sätzen gar nicht dazu, weiter zu sprechen und um die Stelle als Tagelöhner zu bitten – sein Vater gibt seiner übergroßen Freude über den wieder gewonnenen Sohn Ausdruck und lässt ein Fest anrichten. Nicht als Tagelöhner nimmt er ihn zurück, sondern als Sohn, als geliebtes Kind. Und das tut er ohne Vorwürfe!

Mit dieser Geschichte wollte Jesus verdeutlichen, wie Gott heimkehrende Kinder empfängt, wenn er bemerkt, dass sie in sich selbst angekommen sind und nun endlich nach der Irrfahrt des Lebens wissen, wo sie wahrhaft zu Hause sind. Hier hat sich ein Mensch vor Gott gedemütigt, klein gemacht und wollte nur noch mit seinem Vater in Frieden sein, bei ihm zu Hause sein und nichts weiter fordern. Und diese Geschichte zeigt, wie man ein Kind Gottes wird. Und ist man es geworden, dann hat man nichts anderes mehr nötig, denn beim Vater wird wirklich alles gut! Denn für ein Kind Gottes ist für alles gesorgt!

Ehe der Hahn kräht

Die Macht der Menschenfurcht über Petrus

Ich weiß, dass ich feige sein kann. Ich weiß, dass ich mutig sein muss, wenn es um Jesus Christus und mein Bekenntnis zu ihm geht. Ich weiß, dass ich um Mut ringen und beten muss. Ich weiß, dass ich viel Mut brauche, um dieser gottfeindlichen Welt die Stirn zu bieten. Ich weiß, dass sich mein eigener Glaube im Mutigsein und nicht durch Feigheit beweist. Ich weiß. dass ich dafür eine starke Hilfe brauche: Jesus Christus!

“Und  wenn alle anderen irre an dir werden, ich werde dich nie verlassen. Und wenn ich mit dir sterben müsste! … Ich werde dich niemals verleugnen!” Das sagte der Apostel Petrus, als Jesus seinen Tod und die Tatsache erwähnte, dass alle ihn verlassen würden. Die anderen Apostel sagten dasselbe. Und dann kam die Stunde, in der sich der Mut der Apostel beweisen sollte. Aber die Jünger verließen ihn. War es Feigheit oder Angst? An Petrus erfüllte sich, was Jesus prophezeit hatte: “Noch heute Nacht, bevor der Hahn kräht, wirst du dreimal geleugnet haben, mich zu kennen.” (Mat. 26:31-35; Luk. 22:31-34)

Und so kam es auch. Petrus leugnete dreimal Jesus zu kennen! Als der Hahn gekräht hatte, fing Petrus den tiefen Blick seines Meisters auf – und der traf wie ein Blitz in sein Innerstes, so dass Petrus dem Blick auswich und bitterlich zu weinen begann. Da stand auf einmal wieder alles vor seinen Augen: Die innige Freundschaft zum Sohn Gottes, die durch viele gemeinsame Erlebnisse gewachsen war, seine Begeisterung für die Lehren Jesu, seine vielen Wunder, deren Zeuge er sein durfte und die lebhafte Liebe Jesu zu den Menschen und zum Leben. Und in einer ganz kurzen Zeit stellte er das alles infrage, indem er Jesu verleugnete? Das hat er wohl selbst nicht richtig begriffen. Und in einem Augenblick war er sich seiner Selbstüberschätzung bewusst geworden und konnte dann nur noch weinen. Wie würde sein Bruder Jesus nun über ihn denken? Hatte er sich nicht unmöglich gemacht?

Aber Jesus blickte weiter, er blickte bis ins Herz und konnte deshalb schon vorher sagen: “Simon, Simon, der Satan hat euch haben wollen, um euch durchsieben zu können wie den Weizen. Doch ich habe für dich gebetet, dass du deinen Glauben nicht verlierst. Wenn du also später umgekehrt und zurechtgekommen bist, stärke den Glauben deiner Brüder!” (Luk. 22:31, 32)

Petrus ist umgekehrt und wieder zurechtgekommen! Und ich weiß, dass Jesu Gebet für ihn vom Himmel erhört worden ist. Jesus muss gewusst haben, dass Petrus, nachdem er zu Fall gekommen war, in sich gehen und umkehren würde. Er kannte das gute Potenzial seines Apostels und hatte ein tiefes Verständnis für ihn. Darum fiel die Kraft des heiligen Geistes nicht auf unfruchtbaren Boden. Und so konnte Petrus dann eine Stütze und Hilfe für den Glauben anderer werden.  

Mir sind an diesem Erlebnis des Petrus einige Dinge aufgefallen, die mir nicht fremd sind und die mich deshalb nicht dazu bringen, Petrus meinerseits zu verurteilen, denn auch ich hätte mich so wie Petrus verhalten können! Der Mensch neigt sehr leicht zur Selbstüberschätzung. Der gute Wille mag da sein, aber nicht immer die Besonnenheit und die Kraft, richtig zu handeln. Menschenfurcht oder Gruppenzwang kann eine Schlinge legen, in der man gefangen wird um dann gegen seine ursprüngliche Absicht handelt. Dann versteht man sich selbst nicht und schämt sich. Das alles ist dem Menschen eigen – und Jesus weiß es. Und doch erwartet er Bekennermut von seinen Jüngern.

Jesus hat oft über die Kosten der Nachfolge gesprochen und deutlich gemacht, was er von seinen Nachfolgern erwartet: “Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren. Wer sein Leben aber meinetwegen verliert, wird es finden.” (Mat. 10:39) Damit macht Jesus deutlich, dass man bereit sein muss, für ihn, wenn es sein muss, sein Leben zu geben! Dasselbe wiederholte er in seinen Ermahnungen an seine Versammlung in der Offenbarung: Siebenmal verhieß er den Lohn des ewigen Lebens nur denen, die den Kampf bestehen. Von den Feiglingen heißt es in Offenbarung 20:8, dass sie im zweiten Tod enden werden! (Mit dem Adjektiv “feige” (gr. deilos) ist hier ein Mensch beschrieben, der seine moralische Pflicht, die sich aus der Nachfolge Jesu aufgibt und durch Wort und Tat verleugnet.) Wer also Jesus nachfolgen will, muss mutig sein! Er darf nicht feige zurückweichen! Er muss durch sein Leben zeigen, dass er die Grundsätze seines Glaubens aus der Bergpredigt ausleben will! Das mag der Verstand einsehen, aber sieht es das Herz auch so? 

Wie verleugnet man Jesus?

Was heißt es zurückzuweichen und seine moralische Verantwortung als Christ aufzugeben? Man kann als Christ still und friedlich vor sich hin leben, niemanden etwas Böses antun und fleißig Predigten hören und sich “erbauen” lassen. Aber wie die Wirklichkeit aussieht, ist es zu oft ein Christentum ohne Gewicht. Leider muss ich das so sehen, denn obwohl ein Drittel der Weltbevölkerung sich zum Christentum bekennt, ist der Einfluss auf den unheilvollen Lauf der Dinge verschwindend gering. Das Salz hat seine Kraft verloren und das Licht wurde dunkel (Mat.5:13, 14). Auch auf diese Weise kann man Jesus verleugnen. Man muss kein lautes Lippenbekenntnis vor einer Kirchengemeinde ablegen, um zu sagen, dass man zu Jesus gehört. Über die Zugehörigkeit zu Jesus entscheidet allein das christliche Leben in Glauben, Anständigkeit, Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit. Der wahre Bekennermut besteht ganz einfach darin, einer korrupten Welt die Stirn zu bieten und sich niemals durch Gruppenzwang, Drohungen, Spott, Verfolgung und Todesfurcht erpressen zu lassen. 

Es gibt die unterschiedlichsten Erklärungen zu Bibeltexten, es gibt viel Streit um den “richtigen Glauben”; es gibt unter denen, die sich Christen nennen, Kriege, Hass und Ungerechtigkeit. Es wird offenes Unrecht geduldet, verheimlicht oder abgestritten. Alle Verbrechen, die nach Gottes Urteil den Tod zur Folge haben, werden innerhalb der Christenheit auch verübt! Ich schreibe hier nichts Neues, es ist altbekannt und zeigt mir nur, wie “ernst” das Christentum Jesu genommen wird. Das Christentum ist ein Teil dieser Welt geworden. Man hat sich im Verkehr mit den Mächtigen dieser Welt beschmutzt. Man hat den geraden Weg verlassen und verhöhnt dadurch Jesus Christus. Der Apostel Paulus bringt den Gedanken zum Ausdruck, dass die Christusleugner Jesus Christus erneut umbringen.

Man kann als Christ nur mit dem größten Respekt vor der Gerechtigkeit Gottes leben! Ich lasse noch einmal Jesus zu Wort kommen: “Wenn es um eure Gerechtigkeit nicht viel besser bestellt ist als bei den Gesetzeslehrern und Pharisäern, werdet ihr nie in das Reich kommen, das der Himmel regiert.” (Mat. 5:20) Die Pharisäer und Gesetzeslehrer lehrten angeblich das Wort Gottes, aber sie handelten nicht danach! Durch ihr Handeln haben sie wie viele andere “christliche” Religionsführer Jesus verleugnet. Wer zu feige ist, um solchen “blinden” Führern zu widerstehen und ihnen nicht den Gehorsam verweigert, ist dann auch nicht besser als sie! Und wer weiter denkt, wird feststellen, dass diese Feiglinge deshalb so hart von Gott bestraft werden, weil ihre feige Haltung mit dazu beiträgt, dass das Unrecht ständig blüht und gedeiht, und weil ihnen einfach der Mut fehlt, gegen sich selbst ehrlich zu sein. Eigentlich haben sie gar keinen tragfähigen Glauben, der in der Lage wäre im völligen Vertrauen zu Gott mutig zu sein. Aus Feigheit machen sie mit, denn sie fürchten den Verlust liebgewordener Gewohnheiten, fürchten Menschen mehr als Gott und neigen zu faulen, unehrlichen Kompromissen.

Jesus macht mich mutig, indem er mich Gott “sehen” lässt

Es ist unserem Herrn und König bewusst, wie unser Leben als Christen aussehen kann, wenn wir es in Ernsthaftigkeit leben wollen: “Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe.” Und das hat Folgen! Der Apostel Paulus zählt einiges auf, was das Leben eines Christen beschweren kann. Er selbst konnte auf einem großen Erfahrungsschatz zurückblicken und stellte fest, dass er immer wieder die nötige Kraft und den Mut bekommen hatte in Glaubensprüfungen treu zu bleiben: “Weil wir zu Jesus gehören, werden wir als Lebende ständig dem Tod ausgeliefert, damit sein [Jesu] Leben auch an unserem sterblichen Körper offenbar wird. … Deshalb verlieren wir nicht den Mut. Denn wenn wir auch äußerlich aufgerieben werden, so werden wir doch innerlich jeden Tag erneuert.” (2. Kor. 4:11, 16) Und damit erfüllt Jesus ein Versprechen, das er kurz vor seinem Tod gegeben hatte, als er seine Jünger dem göttlichen Schutz unterstellte und darum bat, dass sie durch Gottes Geist zu Menschen gemacht würden, die durch die Wahrheit ganz zu Gott gehören und so vor dem Bösen bewahrt werden. Er wollte, dass seine Jünger mutig sind und hat durch sein Vorbild gezeigt, wie es geht: “Aber ich bin nicht allein; der Vater ist ja bei mir. Ich habe euch das gesagt, damit ihr in meinem Frieden geborgen seid. In der Welt wird man Druck auf euch ausüben. Aber verliert nicht den Mut! Ich habe die Welt besiegt!” (Joh. 16:32, 33) 

“Aber ich bin nicht allein; der Vater ist ja bei mir.” Das ist es, was ihn mutig machte! Er hatte den Unsichtbaren vor Augen! Und nicht nur das! Aus dieser Wahrnehmung des Allmächtigen erwuchs ihm die Kraft, die Welt durch den Glauben zu besiegen. So ging es vor ihm schon anderen Menschen. Ich darf an Moses, Daniel und David erinnern. Alle  bekamen den Mut und die Kraft zum Glauben von Gott! Und weil sie glaubten, baten sie Gott im Gebet immer wieder um seine Hilfe. Durch ihre Gebete blieben sie mit Gott in Verbindung und bekamen durch die Kraft Gottes den Mut und die moralische Stärke, um standhaft zu bleiben. 

Warum sollte es mit mir anders sein? Denn dafür ist ja Jesus gestorben und auferstanden. Nun bin ich sein Untertan, sein Schaf, sein Bruder. Nun ist Jesus für mich verantwortlich und ich bin geborgen und in der Lage, die Welt durch meinen Glauben zu besiegen!  Aber dieser Schutz, diese Fürsorge sind nicht automatisch für mich da. Ich muss darum bitten, ständig darum kämpfen. Und das meinte Jesus mit seinen Ermahnungen zur geistigen Wachsamkeit: Nur wer bittet empfängt. Darum ist das Erlebnis der Apostel im Garten Gethsemane, als sie immer wieder eingeschlafen waren und nicht beteten, eine Warnung an mich.

Ich war nie ein mutiger Mensch, aber ich bin es in Dingen meines Glaubens geworden. Es war mir möglich, weil ich durch Jesu Wirken Gott “gesehen” habe! Er hat auch an mir wahr gemacht, was er versprochen hatte: “Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden. Niemand außer dem Vater kennt den Sohn wirklich, und niemand kennt den Vater, außer dem Sohn, und denen, welchen der Sohn es offenbaren will.” (Luk. 10:22) So habe ich im Laufe der Jahre mit Jesu Hilfe meinen Vater im Himmel “gesehen” und bin mit ihm vertraut geworden. 

Was mich zu Fall bringen kann

Ich will nicht die Ermahnung vergessen, dass der, der meint zu stehen, aufpassen soll, dass er nicht falle. Selbstüberschätzung kann leicht zu einer großen Schwäche werden und dazu führen, dass man sich eher auf sich selbst verlässt, als auf die Kraft Gottes. So will ich immer wissen, dass auch auf mich zutrifft, was im Psalm 127:1 steht: “Wenn Jehowah das Haus nicht baut, arbeiten die Bauleute vergeblich. Wenn Jehowah die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter umsonst.” Darum will ich verinnerlichen, was Jesus über das Treubleiben und Ausharren sagte: “Wer hören will, achte auf das, was der Geist … sagt. Wer den Kampf besteht, dem wird der zweite Tod nichts anhaben können.” (Off. 2:11)

Bin ich eigentlich davor gefeit, keiner Lüge mehr zum Opfer zu fallen? Bin ich sicher, dass ich nicht mehr durch Propaganda verführt werden kann? Bin ich mir meiner selbst sicher, wenn es um meinen inneren Menschen, um mein Herz geht? Wenn ich ganz ehrlich bin – und soweit kenne ich mich gut genug – dann bin ich gefährdet, dann kann man mich betrügen und verführen. Denn mein Verstand und meine Wahrnehmung sind nicht absolut und vollkommen. Ich kann mich auch selbst verführen, ich kann durch andere verführt werden. Wer bewahrt mich vor einem schlimmen Selbstbetrug? Wer warnt mich rechtzeitig? Wer gibt mir Einsichten in die vielen Gefahren, die auf mich lauern? Wer nimmt mir die Angst vor Menschen? Wer kann verhindern, dass ich mich durch Angst erpressen lasse? Wer sorgt dafür, dass ich in der Sache meines Glaubens und Lebens kein Feigling bin? Wer gibt mir den nötigen Mut, der meine Furcht besiegt?

Ich habe es schon angedeutet: Wenn Gott das Haus nicht baut, dann arbeiten die Bauleute umsonst. Also muss ich um meines Lebens willen den Schutz des Himmels erbitten und annehmen. Dazu würde zuerst einmal gehören, dass ich mich selbst durchschauen kann. Wer mit Gott lebt, erhält seinen Geist. Dieser göttliche Geist gibt mir alles an die Hand, was ich in dieser Hinsicht wissen muss. Und ich kann auch meinen Verstand einsetzen und mein Gewissen sprechen lassen – wenn ich es zulasse: “Der Geist des Menschen ist ein Licht Jehowahs, er durchforscht des Menschen Inneres.” (Spr. 20:27) Ja, ich werde dazu gebracht, mich selbst in bestimmten Situationen zu erkennen. Und dann kommt es darauf an, den Mut zum richtigen Handeln zu haben und diesen Einsichten zu gehorchen. Die in Offenbarung 20:8 erwähnten Feiglinge weichen in der Regel diesen Einsichten aus. 

Allein schon beim ehrlichen Bibellesen finde ich immer wieder Aussagen, die mein Inneres beleuchten und mich befähigen, mich zu beurteilen. Und da kann ich zB. feststellen, dass ich mich selbst zu wichtig nehme. Hiob ist das passiert, und nicht nur ihm. Am Ende sagte er, nachdem er in sich gegangen war: “Siehe! Ich bin von geringer Bedeutung geworden. Was soll ich dir noch sagen?” Dieses Wichtignehmen ist ein menschlicher, allzu menschlicher Zug, aber er kann missbraucht werden, wenn Betrüger merken (und das merken sie rasch), dass Ehre von Menschen mir wichtig sein könnte. Dann bin ich anfällig für Schmeicheleien und Komplimente. Dann fühle ich mich durch falsche Ehre geschmeichelt und erhöht. Und sollte man mir Macht über Menschen verleihen, dann könnte ich in der Lage sein, sie zu missbrauchen und immer wieder meine  eigene Ehre und meinen Vorteil zu suchen. 

So gibt es viele Gefahren, in denen der schwache, anfällige Mensch zu Fall kommen kann und dann Jesus verleugnet oder feige von ihm zurückweicht. Ich möchter noch einmal auf Petrus zurückkommen. Er hat den Herrn Jesus zwar verleugnet, aber er wird dafür nicht mit dem Tod im Feuersee bestraft! Warum nicht? Weil er seinen Glauben nicht verloren hat. Er ist als Mensch gestrauchelt.. Er war nicht berechnend und falsch. Er war kein Betrüger und feiger Lügner! Er war kein Heuchler, der seine moralische Haltung nur vordergründig zur Schau stellte, um die Umgebung zu täuschen. Nein, Petrus war von diesen Dingen frei. Seine Schwäche war die Menschenfurcht und die Angst davor, was andere über ihn denken könnten, Aber durch seine Erfahrungen mit sich selbst und unter dem Einfluss des heiligen Geistes hat er diese Furcht besiegt. So erkenne ich an Petrus, dass auch er nicht verlassen worden ist, sondern einen gütigen Helfer hatte, der ihn immer wieder auf den rechten Weg gebracht hat.

Oblomowa

Oder: Die Macht der Feigheit

Irgendwo am Ende der Welt, wo Gestern und Morgen  zusammenstoßen und die Zeit, die böse Zeit, die alles verändern will, stehen geblieben ist, liegt ein Ort, der für viele Menschen ein Sehnsuchtsort ist, eine geistige Heimat: Oblomowa. 

In Oblomowa stehen scheinbar alle Uhren still. Das Leben geht unmerklich seinen Gang, langsam, unaufgeregt, ohne böse Überraschungen und ohne krasse Übergänge. Dieses Leben wird weder von Zweifeln noch von inneren Unruhen gestört. Es ist ein berechenbares, klar zu überblickendes Leben. Alles hat hier seinen unveränderlichen Platz, alles hat seine Ordnung und für alles, was unvorhergesehen geschieht, gibt es zufriedenstellende Erklärungen. Man muss in Oblomowa nicht selbst nachdenken. Für alle Probleme gibt es eine vorfabrizierte Lösung, die nur die Führung weiß, auf die man sich blind verlässt. Die Führung garantiert Stabilität. Sie ist über jeden Zweifel erhaben. Sie strahlt Stärke und Entschlossenheit aus. Sie flößt Vertrauen ein. Die Leute von Oblomowa wünschen sich in der Tiefe ihres Herzens eine Führung, die ihnen in einer unsicheren Welt Sicherheit und  Halt garantiert. Wer sollte es sonst tun? 

Denn die Bürger von Oblomowa sind süchtig nach innerer Harmonie, nach Wohlbefinden, Ruhe und nochmals Ruhe, und sei es auch nur eine scheinbare. Darum haben sie sich angewöhnt, alle beunruhigenden Fragen nicht zu stellen. In ihre friedliche kleine Innenwelt  lassen sie keinen kalten Luftzug hinein. Sie haben eine panische Furcht sich zu erkälten. Alles, was ihren inneren Frieden stören könnte, wird ausgeblendet oder abgewehrt. Die außerhalb von Oblomowa liegende Welt ist für sie zu kompliziert und darum feindliches Ausland. Und sollte doch einmal ein kühler Luftzug ihre schwarz-weiße Weltsicht verändern und stören wollen, dann erklären sie ihn schnell zur Täuschung oder zum Irrtum. So haben sie sich eine Rüstung angezogen, die alles abwehrt, was ihr Weltbild beschädigen und  ihrer Sucht nach innerer Harmonie und Sicherheit im Wege stehen könnte.

Sie wollen die “Welt da draußen” nicht. Sie ist ihnen unheimlich und bedrohlich. Darum leiden sie an Heimweh und sind Nostalgiker. Sie suchen immer das idealisierte Reine, Edle und Gerechte, das ihren Vorstellungen entspricht. Ihr Weltbild ist so stark vereinfacht, dass es schon einen Märchenglanz hat. Und sind bereit, einen hohen Preis dafür zu bezahlen. Sie bezahlen mit Gedankenlosigkeit und Realitätsverlust, mit Leichtgläubigkeit und Denkschlamperei. Die “Welt da draußen” betrachten sie als feindlich und sie sind empfänglich für Feindbilder, die man ihnen einredet. Sie glauben das und geben die Schuld am eigenen Versagen gerne anderen. Wer nicht so denkt wie sie, ist ein Mensch, der unter allen Umständen zu meiden ist. 

Haben die Leute von Oblomowa eine Religion, etwas Spirituelles? Das muss man sich schon fragen, denn genau zu erkennen ist es nicht, wenn man das Formelle einer Glaubensgemeinschaft, der die meisten ja angehören, außer acht lässt und sich fragt, wie es mit den guten Früchten aussieht. Es scheint damit nicht weit her zu sein, wenn man sich die Welt ansieht, die ja auch von den Leuten aus Oblomowa mitgestaltet wird. So wie die Welt sich darstellt, kann man nicht davon ausgehen, dass sie von unveränderlichen moralischen Gesetzen geleitet wird. Aber daran sind ja – so sagt man in Oblomowa – die anderen schuld. 

Zum Traum von Oblomowa gehört auch die Sucht nach eigener Größe und Bedeutung. Und weil die meisten Träumer selbst nicht groß und bedeutend sind, soll es der Fußballklub, der Kegelverein, die eigene Familie, die eigene Stadt oder das eigene Land sein. Diese Sehnsucht wird gerne von Populisten bedient: Sie versprechen lautstark und großmäulig die eigene Gemeinschaft, die eigene Kirche und das eigene Land groß und größer zu machen, wenn man sie nur an die Macht ließe. Sie versprechen es mit einfachen, klaren und tausendfach wiederholten Sätzen, die so einfach sind, dass sie jedes schwache Gehirn verstehen und jedes verirrte Herz glauben kann. Und man vergisst gerne, dass man solche Parolen scho zu oft gehört hat und dass sie nicht in Erfüllung gingen. Und auch dies gehört zum Leben in Oblomowa dazu: Der unerschütterliche Glaube, dass es diesmal wirklich besser werde: “Einmal muss es doch sein!”

Wo ist Oblomowa? Dieser schöne, ruhige und friedliche Ort, dieses geistige Paradies, kann überall sein. Überall? Wie kann das sein? Doch, es kann überall sein, weil jeder Mensch sich dieses Paradies selbst schaffen kann, wenn ihm die Friedhofsruhe lieber ist, als der lärmende Marktplatz, wenn er dem Leben nicht gewachsen ist und er zu diesem Ort der seligen Ruhe flüchten will. Er muss dazu nur sein Gewissen abschalten, seine Augen schließen, seine Ohren verstopfen und nur das in seinen Kopf hineinlassen, was die Führung sagt. Er muss sich in einen Kokon einspinnen und nur fest daran glauben, dass die Führung eine höhere “Natur” hat als der Durchschnittsmensch, über besondere Fähigkeiten verfügt  und genau weiß, wo die Reise hingehen soll. Der Leitspruch der Leute von Oblomowa lautet: “Vertraue nur der Führung und nicht deinem eigenen Verstand!”

Oblomowa ist leider eine Realität. Die Leute von Oblomowa sind überall zu finden. In allen religiösen, esoterischen, wirtschaftlichen und politischen Gemeinschaften finden sie sich. Doch diese scheinbar so unerschütterbaren Menschen, die so versessen sind auf ein angenehmes Leben der  Ruhe und der Häkeldeckchen, sind für sich allein vielleicht harmlos. Aber! Sie machen Diktaturen, Terror, Kriege, Ausbeutung, Kriminalität und Völkermorden möglich, weil die Harmoniesucht sie erpressbar macht, weil ihre Feigheit sie lähmt, weil Angst  vor der Macht der Führung sie beherrscht. So sind sie relativ leicht und in großer Zahl als Mittäter an Verbrechen zu gewinnen. Gewaltherrscher, Diktatoren und Populisten sehen hier ihre Chance ganz nach oben zu schwimmen.  Und noch eine tief verwurzelte Angst beherrscht sie: Es ist die Angst, plötzlich das eigene Weltbild zu verlieren. Darum verteidigen sie es mit dem Wort: “Das ist die Wahrheit! Es gibt keine andere!”

Auch wenn sie zur Nacht beten “Ich bin klein, mein Herz ist rein,…” oder sich selbst sagen, dass sie nichts falsch gemacht haben und mit dieser “Schlafpille” zur Ruhe gehen, werden sie doch ganz böse erwachen.

Nachtgedanken

…. warum habe ich mein Menschentum bewahren können?

Seit ein paar Tagen hat das alte Grauen einen neuen, zusätzlichen Namen: Butscha in der Ukraine. Zu den vielen Namen aus der Vergangenheit, die alle für das entsetzliche und grauenvolle Verbrechen des Menschen am Mitmenschen stehen, kam ein neuer hinzu. Und es wird nicht der letzte sein. Über die ganze Welt ziehen sich die Namen der Entsetzensorte, und die Menschheit wird des sinnlosen Abschlachtens von Menschen nicht müde, bekommt nicht genug von Morden, Folter, Vergewaltigung Raub und Krieg. 

Ich sehe an diesen Orten junge Männer, kaum lebenserfahren und eigentlich noch halbe Kinder. Und doch sind sie schwerster Verbrechen fähig? Das ist beinahe unglaublich und lässt darauf schließen, dass alles Menschliche in ihnen verschüttet ist. Wie kommt es dazu? Und was mich noch mehr interessiert: Wie steht es mit mir? Warum bin ich nicht so verroht?

Ich meine ein Christ zu sein. Aber wie stark ist der Firnis auf der Oberfläche? Lauert nicht auch in mir ein Abgrund unter der Oberfläche? Wäre ich unter Druck und Menschenfurcht, unter böser Propaganda und gewissenlosen Leuten nicht in der gleichen Lage wie die jungen Mörder?  Das könnte sein. Aber was hat mich daran gehindert, so zu werden, dass ich für die bösen Pläne der Herrschenden brauchbar wäre? Was hat bisher verhindert, dass ich meine Menschlichkeit, meine Liebe und meine Ehrlichkeit nicht verloren hätte? Warum war ich bisher mutig genug, “Nein!” zu sagen? Was hat mich bisher davor bewahrt, durch mich selbst und andere verführt zu werden? 

Im Hinblick auf den Krieg wurde in meiner frühen Kindheit eine Weiche gestellt: Im dritten Lebensjahr hatte ich als Zuschauer ein Kriegserlebnis, dass sich meinem Bewusstsein eingebrannt hat. Dieses Bild, dessen Bedeutung ich etwas später verstand, beeindruckte mich so tief, dass ich schon als Kind beschloss, nie an einem Krieg teilzunehmen. Aber es war nicht nur das schreckliche Bild, das mich daran hinderte zu verrohen, aber damit scheint es begonnen zu haben. 

Wenn ich über mich nachdenke, dann muss es an meinem Glauben liegen. Aber was ist Glaube? Ich stellte mir diese Frage, um festzustellen, worauf es für mich  ankommt, wenn ich sage: “Ich glaube an Gott!” Bibelkundige Menschen zitieren dabei gerne aus dem Hebräerbrief, Kapitel 11:1, wo gesagt wird, dass Glaube ein Überzeugtsein von Wirklichkeiten ist, die man nicht sieht. 

Es geht also um Wirklichkeiten, die man nicht sieht. Aber was sind Wirklichkeiten für uns Menschen? Ist der Mensch nicht in der Lage, sich alles einzubilden und dies für Wirklichkeiten zu halten? Ist der Glaube allein über die “unsichtbaren Wirklichkeiten”  schon definiert? Es kommt ja wohl darauf an, was man als Wirklichkeit anerkennt.

Ich bin auf die seltsamsten und auch furchtbarsten Glaubensvorstellungen gestoßen die von denen, die sie praktizierten als Wirklichkeiten gesehen worden sind. Und aus der Geschichte ist mir bekannt, wie in südamerikanischen Hochkulturen mit ihrer Sonnenanbetung die “Wirklichkeit” ausgesehen hat. Man glaubte, dass die Götter nur dann eine gute Ernte gewähren würden, wenn man ihnen blutige Menschenopfer brachte. Opfer waren zumeist Kriegsgefangene. Man zog also gegen die Nachbarn in den Krieg, um seinen Göttern opfern zu können, damit sie im Tausch eine gute Ernte gaben. Hier ist durch die Religion das grausame, menschenverachtende Opfern “geheiligt” worden! Etwas ähnliches findet man bei den Juden des Alten Testaments. Der Prophet Hesekiel berichtet:

“Ja, dadurch, dass ihr ihnen eure Gaben bringt und eure Kinder als Opfer verbrennt, besudelt ihr euch an euren Scheusalen. Und da soll ich mich von euch befragen lassen, ihr Israeliten? So wahr ich lebe, spricht Jehowah, der Herr: ‘Von mir bekommt ihr keine Auskunft!’” (Hes. 20:37)

Sie hatten also eine Form der Gottergebenheit, aber sie war ohne gute Frucht. Bei Jesaja und Jeremia wird uns berichtet, wie sie im Tempel zu Jerusalem die täglichen Opfer brachten, die Reinheitsgebote einhielten, kurz, der Form genügten. Aber was hatte dies mit Glauben zu tun? Gewiss, von dem was sie sich einbildeten, waren sie überzeugt und meinten, es mit der Wirklichkeit zu tun zu haben. Ob das aber vor ihrem Gewissen und vor der Vernunft bestehen konnte, ist eine ganz andere Frage. Gott jedenfalls handelte und – lieferte sie ihren eigenen Gedanken aus: 

“Da lieferte ich sie Ordnungen aus, die es ihnen unmöglich machten, am Leben zu bleiben!” (Hes. 20:37)

“Und weil sie es nicht für gut hielten, Gott anzuerkennen, lieferte sie Gott einem verworfenen Denken aus, so dass sie tun, was man nicht tun darf.” (Rö.1:28)

Unsere Taten entsprechen unserem Denken; böse Gedanken  können böse Taten zur Folge haben. Im Zitat aus dem Brief an die Römer steckt der Gedanke, dass Gott die Menschen, die sich nicht an seine Gebote halten wollen, einem verworfenen Denken ausliefert, das dann zu schlechten Taten führt. Wenn es so ist, dass Gott sie “ausliefert”, dann kann das auch bedeuten, dass er jene, die seine Gebote halten wollen, dabei unterstützt! Denn um ein gutes und gerechtes Gebot halten zu können, bedarf es mehr als es nur zu wissen. 

Der Grund dafür, dass Gott sie ihrem verworfenen Denken auslieferte, wird auch genannt:

“Trotz allem, was sie von Gott wussten, ehrten sie ihn nicht als Gott und brachten ihm keinerlei Dank. Stattdessen verloren sich ihre Gedanken im Nichts und in ihren uneinsichtigen Herzen wurde es finster.” (Rö. 1:21)

Sie hatten also kein gutes Verhältnis zu Gott! Sie kannten ihren eigentlichen Vater im Himmel nicht. Sie kannten ihn nicht, weil sie ihn nicht kennen wollten, weil sie seine Stimme, die jeder Mensch in sich “hören” kann, ignorierten. Mindestens ihr Gewissen hätte sie warnen und leiten können, denn dazu hat der Mensch es von Gott bekommen. 

Beschützt Gott also mein Denken? Und bewahrt er dadurch mich? Ich sinne schon lange darüber nach und komme zu keinem anderen Schluss: Seit ich angefangen habe Gott zu vertrauen, weiß ich sicher, dass mein Denken und Fühlen von ihm überwacht wird. Zu oft habe ich bemerkt, dass ich im Wirrsal meiner Empfindungen, Irrtümer und Gedanken einen Wegweiser hatte. Und wie viele falsche und gefährliche Ideen sind auf mich eingedrungen? Ich will ja nicht vergessen, dass diese Welt Gott nicht kennt und sich mit wichtigtuerischer Propaganda rechtfertigen will. Alles schreit: “Es gibt keinen Gott! Du bist frei! Du musst dich nicht vor Gott verantworten!”  Warum bin ich nicht ein Opfer dieser teuflischen Propaganda geworden?

Und nicht nur die innere Stimme warnte mich! Ich habe auch die Kraft und den Mut bekommen, dieser inneren Stimme zu folgen und der gottfeindlichen Propaganda zu widerstehen, indem ich mich durch Gottes Geist leiten ließ.

Ich muss dieses liebevolle Handeln Gottes mit mir als Gnade ansehen. Es ist nicht mein Verdienst; es ist nicht, weil ich ein guter Mensch bin, sondern weil Gott Liebe und Barmherzigkeit ist! Und in  seiner Liebe ist er auf der Suche nach Menschen, die ihn suchen. Und hat er sie gefunden, dann schenkt er  ihnen seine Gnade, weil er das Gute in ihnen wachsen lassen will. Er hilft ihnen, sein heiliges Gesetz zu verstehen (Ps. 119:34: “Gib mir Verstand für dein Gesetz, ich will es entschieden befolgen.”) Und damit fördert er alles, was gut, gerecht und liebenswert ist, alles, was wahr ist und dem wahren Leben dient. Dazu gibt Gott seinen Kindern die Kraft zum Guten, seinen Schutz und eine ganz enge, persönliche Beziehung, sodass sie aufrichtig “Vater” zu ihm sagen können. Weil sie seine Kinder sind, gibt er ihnen Glauben, Hoffnung, Liebe und Barmherzigkeit. Er rüstet sie aus für ein Leben als Schafe unter Wölfen. 

Der ganze 119. Psalm handelt vom Ringen eines Menschen um ein gutes, friedliches Verhältnis zum Schöpfer. Der Betende betont immer wieder, dass er das göttliche Gesetz über alles liebt, dass er seinen Wert kennt und weiß, dass es ewiges Leben für den bedeutet, der sich ihm verpflichtet fühlt. Diese Gesetzestreue verlangt von ihm, Gott zu kennen, ihn zu lieben und zu respektieren. Sein Gottesdienst ist keine leere Zeremonie, kein Ritus, keine Pflichtübung. Es ist das verantwortungsvolle Leben in enger Verbindung mit Gott. Aus vielen Versen erfährt der Leser, mit welchen Problemen und Gefahren der Betende es zu tun hatte. Und immer wieder betont er, dass ohne die aktive Hilfe Gottes gar nichts möglich ist. Aufschlussreich sind die abschließenden Worte des Psalms, die diese Abhängigkeit von Gott deutlich machen:

“Meine Seele soll leben und dich loben! Deine Bestimmungen sollen mir helfen! Ich bin umhergeirrt wie ein verlorenes Schaf. Suche deinen Knecht! Denn deine Gebote habe ich nicht vergessen.”

In seiner Weisheit hat Gott seinen Sohn Jesus Christus ausdrücklich als Hirten seiner Schafe eingesetzt. Und Jesus betonte, dass niemand in der Lage sei, sie aus seiner Hand zu reißen! Keines seiner Schafe soll verloren gehen, denn sie sind in seinen Augen kostbar. Er tritt für sie ein, er beschützt ihr Leben und sorgt dafür, dass ihre Liebe nicht erkaltet und der Glaube nicht stirbt, obwohl all dies in dieser Welt eigentlich keine Heimat hat. Und damit habe ich für mich die Frage beantwortet, warum ich glauben darf und so kein Teil dieser verfluchten Welt bin.

Ich will mich gewiss nicht über andere Menschen stellen, wenn ich anerkenne, dass ich von Gott durch seinen Sohn auf einem sehr guten Weg geführt werde. Ich gehe ihn mit Freude! Ich bin dankbar und erhebe meinen himmlischen Vater im Herzen. Ich will ihn ehren, indem ich seine Hilfe immer wieder in Anspruch nehme, indem ich versuche, Recht zu üben, Güte zu lieben und bescheiden mit ihm zu leben (Micha 6:8)!

Befreiung!

Jesus: „Aber ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben, wenn das alles beginnt.

Denn eure Rettung kommt bald!“

Ich habe noch nie eine Zeit wie diese erlebt. Und es gehen einem die passenden Worte aus, wollte man sie beschreiben. Es ist über die Zeit des 20. Jahrhunderts alles gesagt und geschrieben worden. Welche Katastrophe ist nicht geahnt und hereingebrochen? Alles, was sich früher im 19. Jahrhundert am Horizont schemenhaft zeigte, ist brutale Wirklichkeit geworden. Was bleibt da noch zu schildern? Wir sind “am Ziel, wir sind am Ende”! Es sind vielleicht nur noch quantitative Steigerungen des Bösen vorstellbar, aber was hilft das? Es hilft mir wenig, wenn ich in der Bibel lese, dass die Zeiten vor dem Untergang schwierig sein werden. Für mich heißt die Frage: 

Wie kommen ich damit zurecht, ohne den Glauben an Gott zu verlieren?

Denn diese Zeit belastet auch Menschen, die Glauben haben, weil “ihre Seele wegen all der gesetzlosen Taten” täglich gequält wird. So wird es uns aus der Bibel von Lot berichtet, der in Sodom lebte. Er hatte die Hoffnung auf das Reich Gottes, aber er war eben auch nur ein Mensch mit Gefühlen und Gewissen, ein Mensch, der die Verhältnisse mit den Augen des Glaubenden sah – und von allem angewidert war. Aus eigener Erfahrung, die er mit seinem Gott gemacht hatte, war ihm deutlich geworden, dass die Menschen so roh und gesetzlos nicht von Natur aus waren, sondern durch einen bösen Einfluss so geworden sind. Sie hatten sich gegen Gott entschieden. Das war der Grund für ihr Verhalten. 

Soll man sich über die Bösen aufregen?

Und Lot musste unter ihnen leben. Wie hat er das ausgehalten? Ich weiß es nicht genau, aber ich kann sagen, wie ich es aushalten will. Und ich muss sagen, dass es für mich nur einen Weg gibt um nicht an Körper und Seele krank zu werden, um nicht den Verstand zu verlieren: Es ist der gute Einfluss meines Vaters im Himmel und die Hilfe durch Jesus Christus. 

Oder sollte man selbst tätig werden und dem Krieg den Krieg erklären? Von vielen Seiten wird man aufgefordert, gegen alles mögliche zu protestieren. Revolutionen, Demonstrationen und Proteste gegen den Krieg hat es schon zu viele gegeben, zu viele nach meiner Meinung, um noch an den Erfolg glauben zu können. Trotz aller Proteste ertrinkt die Welt im Blut. Nein, wir haben es nicht geschafft, uns eine friedliche Welt aufzubauen! Alle meine Hoffnungen auf die Bemühungen des Menschen sind gestorben. Und ich muss es akzeptieren, dass sich tatsächlich die Prophetie der Bibel erfüllt.

Wie gehe ich also damit um? Ich flüchte mich in das Wort Gottes, das besonders in dieser dunklen Zeit ein Licht für meinen Weg ist. Einen grundsätzlichen Rat finde ich im Psalm 37, aus dem ich auszugsweise zitiere:

“Rege dich nicht über die Bösen auf, beneide die Verbrecher nicht!

Sie verdorren schnell wie das Gras, welken wie das grüne Kraut.

Vertraue auf Jehowah und tue das Gute, wohne im Land, sei ehrlich und treu.

Erfreue dich an Jehowah!

Er gibt dir, was dein Herz begehrt.

Lass Jehowah dich führen! Vertraue ihm, dann handelt er.

Er wird dein Recht aufgehen lassen wie das Licht, 

deine Gerechtigkeit wie die Sonne am Mittag. 

Sei still vor Jehowah und warte auf ihn!

Reg dich nicht über den auf, dem alles gelingt, über den, der seine Pläne ausführt.

Steh ab vom Zorn und lass den Grimm! Reg dich nicht auf! Das führt nur zum Bösen.

Demütige Menschen erben das Land und werden sich am Frieden erfreuen. 

Jehowah kennt das Leben der Seinen, ihr Erbe hat ewig Bestand.

In böser Zeit enttäuscht er sie nicht, in Hungertagen werden sie satt.

Wer Gottes Willen tut, spricht Worte der Weisheit; er sagt, was recht ist vor Jehowah.

Die Weisung seines Gottes trägt er im Herzen , er bleibt fest auf dem richtigen Weg.

Achte auf geradlinige Menschen, sieh dir die Ehrlichen an, denn ein Mann des Friedens hat Zukunft. Doch die, die Gott verachten, werden ausgelöscht.” 

Man muss diese Worte laut und langsam lesen und über sie nachdenken. Dann wird einem klar, wie wichtig sie heute für den inneren Menschen sind. Natürlich lassen uns die herrschenden Verhältnisse nicht kalt, aber wer den Worten Gottes vertrauen kann und darf, der weiß, wer für ihn allein maßgeblich ist und bei wem er Hilfe und Rettung finden kann. Diese Zusicherungen Gottes sind kein leeres Gerede sogenannt frommer Menschen. Sie sind Gottes eigene Worte, die er durch Jesus übermittelt hat. Und sie sprechen unbedingt jeden an, der Gottvertrauen gelernt hat und weiß, wem er sein Herz und sein Vertrauen geschenkt hat. In diese Gedankengänge passen auch noch andere Texte der Bibel:

Schutz unter Gottes mächtiger Hand

“Demütigt euch deshalb unter Gottes mächtige Hand, dann wird er euch auch zur richtigen Zeit erhöhen. Und werft alle eure Sorgen auf ihn, denn er sorgt sich um alles, was euch betrifft.” (1. Pe. 5:6, 7)

“Macht euch keine Sorgen, sondern bringt eure Anliegen zusammen mit Bitte und Danksagung vor Gott. Und sein Frieden, der alles menschliche Denken weit übersteigt, euer Innerstes und eure Gedanken beschützen, denn ihr seid ja mit Jesus Christus verbunden.” (Phil. 4:6, 7)

In den letzten Monaten habe ich immer deutlicher erfahren, wie wichtig der Frieden Gottes für mich ist. Es ist der Frieden, der alles Denken übersteigt. Wer die täglichen Nachrichten und die entsprechenden Meinungen dazu wahrnimmt, könnte seinen Frieden verlieren, weil er in Angst und Sorgen stürzt. Die Informationen z. B. über den Krieg in der Ukraine sind so widersprüchlich, dass man annehmen muss, dass die Menschen durch sie in den Wahnsinn gehetzt werden sollen. Wem soll man glauben, wem nicht? Zweckpropaganda ist überall zu finden. Jeder belügt jeden. Jeder verfolgt irgendein dunkles Ziel und lügt dafür. 

Wer sich darauf einlässt, kann seinen inneren Frieden verlieren, der ja darauf beruht, dass er mit dem Herzen weiß, dass dieser Frieden ein Geschenk Gottes ist, das die Welt nicht hat. Dieser Frieden Gottes läßt den Menschen des Glaubens in Sicherheit sein, denn er weiß ja, dass er in oder unter Gottes Hand beschützt und geborgen ist. Er weiß, dass er eine Zukunft hat, eine ewige Zukunft im Reich Gottes. Das will unser Vater im Himmel uns deutlich machen. Wenn wir seinem Versprechen vertrauen, dann wird ein Frieden uns beherrschen, der uns einfach gewaltig und wunderbar vorkommt. Wir erleben an uns die Erfüllung seiner Worte! Wir spüren es mit allen Fasern unseres Seins!

Wer sich unter die Hand Gottes erniedrigt, weiß um seine eigene Machtlosigkeit. Er weiß, dass der Gerechte an den Verhältnissen dieser Welt mit allem guten Willen nichts ändern kann, weil die Grundordnung der Welt zerbrochen ist (Ps. 11:3). Denn die Grundordnung unseres Lebens ist die Gottverbundenheit. Ohne sie wird es weder Frieden, noch Gerechtigkeit noch ewiges Leben geben. 

Wie  muss ich mich verhalten?

Der eigenen Machtlosigkeit gegenüber den bösen Gewalten dieser Welt kann ich nur meine Gottverbundenheit entgegensetzen, die sich im ständigen Gebet um die Nähe zu Gott bemüht. Täglich muss ich um die lenkende, positive Kraft des heiligen Geistes bitten, weil ich weiß, dass ich Gott wirklich brauche, um nicht im Chaos zu versinken. Dann kann ich den ganzen Schmutz, der mich umgibt und meinen Glauben ersticken will, ‘draußen’ lassen. Dann kann ich meinen Blick auf die Zukunft der Kinder Gottes richten. Dann kann ich mich freuen!

Aber das wird mir nur möglich sein, wenn ich mich aus allen Streitereien und Meinungskämpfen heraus halte. “Alle Menschen sind Lügner” und “die ganze Welt liegt in der Macht des Bösen”. Wenn ich diese Tatsachen aus der Bibel akzeptiere, dann kann ich für niemanden Partei ergreifen. Ich bin in diesem Meinungskrieg gezwungen, mich an die einzige Wahrheit zu halten, die es für die Jünger Jesu gibt: Das Wort Gottes. Sollte ich mich doch einmischen wollen, dann würde ich meinen Frieden verlieren. Dann verlöre ich auch den Schutz, der meinen Geist und damit meinen Glauben behütet. Und das kann fatale Folgen haben, nämlich den Verlust des Glaubens.

Ich habe eingesehen, dass diese Welt nicht zum Guten veränderbar ist! Sie wird untergehen, wie es die Bibel deutlich sagt. Jede Anstrengung, die auf eine wesentliche Veränderung zum Guten zielt, muss unwirksam verpuffen. Das ist die Summe der Geschichte. Ändern kann man nur sich selbst unter dem Einfluss Gottes. Diesen Einfluss kann sich ein Mensch zunutze machen, aber Ich kann niemand dazu überreden, der göttliche Moral zu folgen. Ich kann nur Wegweiser sein. Denn um der Moral Gottes zu gehorchen, braucht man ein persönliches Verhältnis zu ihm, also Gottverbundenheit. Aber wie schon zitiert, ist diese Grundordnung zerbrochen. 

Meine Konsequenz

Für mich kommt es nur noch darauf an, mit Gott zu leben. Dazu gehört z. B. Dankbarkeit. Und so reduzieren sich meine Gebete zuerst auf Danksagung, denn ich habe viele Gründe dafür. Dankbarkeit bringt mich dazu, gut über meinen Vater im Himmel zu denken und zu reden. Sie bringt mich dazu, über meine Vergangenheit nachzudenken um festzustellen, dass ich an Gottes Hand gegangen bin. Das gibt mir heute Frieden, Freude und Zuversicht. Und es nimmt mir die Angst:

“Was ich euch hinterlasse, ist mein Frieden. Ich gebe euch einen Frieden, wie die Welt ihn nicht kennt. Lasst euch nicht in Verwirrung bringen, habt keine Angst.” (Joh. 14:27)

Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Jesu Worte zu beherzigen. Er machte auch deutlich, wie lebenswichtig die Verbundenheit mit ihm ist. In der Parabel vom Weinstock und seinen Zweigen macht er auf diese Notwendigkeit aufmerksam:

“Bleibt in mir und ich bleibe in euch! Eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Frucht bringen; sie muss am Weinstock bleiben. Auch ihr könnt keine Frucht bringen, wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt.”   (Joh. 15:4)

Diese enge Verbindung mit dem Sohn Gottes, der auch mein persönlicher Hirte ist, gibt mir die Kraft zur Liebe, zum Hoffen, zum Glauben und den nötigen Mut. Es ist mir bewusst, dass ich wegen meiner Treue zu Gott mein kleines Leben verlieren kann. Was ich aber nicht durch Menschen verlieren werde, ist das ewige Leben:

“Habt keine Angst vor denen, die nur den Leib töten, dem Leben (der Seele) aber nichts anhaben  können.” (Mat. 10:28)

So habe ich zu dem, was in der Welt geschieht, nichts mehr zu sagen. Ich kann schweigen und ruhig sein. Ich kann  auf Gott warten.

Nachtgedanken

Und wieder einmal bin ich wach geworden. Ein Traum wirkt nach: Ich ging mit meiner kleinen Frau Hand in Hand durch eine schöne Stadt.  Ein tiefes Glücksgefühl durchrieselte mich. Doch plötzlich war meine Frau verschwunden. Ich suche nach ihr und irre durch die Stadt. Ich kann sie nicht finden. Angst beherrscht mich. Ich gerate in Panik und erwache, stehe auf und denke weiter an den schlimmen Traum. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Szene träume.

Wo ist die Zeit nur geblieben? Seit ich vor fast 44 Jahren meine kleine Frau geheiratet habe, ist das Leben wie im Traum vergangen. Vor über vier Jahrzehnten dachte ich daran, dass ich nun die Zeit doppelt lebe. Und so ist es auch gekommen: Ich habe ein Leben in mir gelebt und eines in ihr. Wir sind zusammen alt geworden und gemeinsam gereift und gewachsen. 

Und nun stehen wir beinahe vor dem Abschied! Unerbittlich vergeht die Zeit und wir mit ihr. Wir haben – leider – begriffen, wie vergänglich wir sind. Daran mag ich nicht denken. Aber ich kann dieser Tatsache nicht ausweichen und muss mich damit abfinden. 

Das Leben mit ihr war tief und bereichernd, denn ich habe einen Menschen an meiner Seite, den ich über alles wertschätze. Und manchmal denke ich, dass ein Geschenk ist, so einen lieben, aufrechten Menschen um mich zu haben. Es ist einfach nur schön! Es war beglückend, mit ihr Kinder zu haben und sie aufwachsen zu sehen. Und sie hat ihre Kinder mit viel Herzblut groß gezogen. Sie hat viel geliebt und kann auch heute, wo die Kinder uns fast fremd geworden sind, nicht anders.

Wie oft habe ich dies beobachtet: Wenn meine Frau Liebe schenkte, dann begann es zu blühen. Es war wie die erste Frühlingssonne, die mit ihren segnenden Strahlen die Natur zum Blühen brachte! Sie ist voller Mitgefühl für andere. Ihre Anteilnahme überwindet Grenzen. Vor meinem inneren Auge ziehen viele schöne Bilder vorbei, und ich kann nur sagen, dass es berauschend schön war, viel zu schön, um sie vergessen zu können. Ich bin stolz auf sie!

Und so bete ich: “Mein Vater im Himmel! Du hast mich durch sie reich gemacht, reich gemacht mit Liebe, Aufopferung, Treue, Fröhlichkeit und nie nachlassender Sorge um mich! Ja, ich habe so eine Frau von dir erbeten, und du hast mir diesen Wunsch erfüllt. Und wenn ich mich dafür mit Worten bedanke, dann kommt mir der Dank etwas schäbig vor. Es ist zu großartig für mich, Allmächtiger! Und immer wieder denke ich, dass ich es nicht wert bin, dieses Geschenk erhalten zu haben. Und doch macht gerade dies deine Größe aus, dass du so deine LIebe schenkst und dadurch das Herz berührst und Menschen, die du liebst, segnest.” 

Ich schrieb einmal: “Wir gehen beide Hand in Hand durch dieses bisschen Leben …” Und nun ich sehe das Pendel schwingen und höre die Uhr ticken, aber ich weiß nicht, wo die Zeiger stehen. Und der Abschied kommt näher. Sollte sie vor mir sterben, wäre es ein wirklicher Verlust. Denn ich kann ohne sie nicht leben, ich kann ohne sie nicht sein! Unerbittlich werden wir in kurzer Zeit getrennt. Diesen Gedanken kann ich nur mit der Hoffnung ertragen, die Gott uns gegeben hat!

Um uns ist es sehr still geworden. In unserer Abgeschiedenheit genügen wir uns selbst. Unter dem Druck der Zeit genieße ich jeden Tag mit ihr und versuche freudig zu sein. Wenn ich sie anblicke denke ich immer daran, dass es morgen schon anders sein kann. Aber ich will nicht zulassen, dass diese Sorge zu mächtig wird und unser Leben stört. Ganz bewusst und bestimmt will ich daran denken und glauben, dass die schönste Zeit noch vor uns liegt. Ja, ich will mich auf das Morgenrot mit ihr freuen! Und so sehe ich uns auf dem gemeinsamen Weg in den Morgen des Reiches Gottes.

Nachtgedanken

Ich habe nur eine undeutliche Vorstellung von Naturgewalten. Ich meine, mir fehlt die ganz persönliche Erfahrung mit den gewaltigen Kräften, die in der Schöpfung wirksam sind. Sie müssen mir fremd sein, denn ich bin ein zerbrechlicher Mensch, der diesen gewaltigen Kräften machtlos gegenübersteht. Nur vom Rand her dringt es auf mich ein, wenn ich schreckliche Bilder von Naturkatastrophen sehe. Aber diese Bilder sind weit weg und außerdem durch meinen Sinn gefiltert, so dass das Gezeigte mir nicht wirklich nahe kommen kann. Aber ich kenne ein bestimmtes Gefühl, wenn ich z. B. am Ozean stehe, mit seiner gewaltigen Größe und Tiefe und seiner fast unendlichen Vielfalt des Lebens: Da kommt  ein Schauer über mich und das Gefühl der eigenen Kleinheit und Bedeutungslosigkeit. 

Ich begreife es nicht. Und das ist ja nur ein kleiner Teil der Schöpfung! Das Universum will ich gar nicht erst bemühen: Es ist alles so unfassbar und nicht zu beschreiben. So ist Gottes Macht! Im Buch “Hiob” lese ich:

“Von den Säumen seiner Wege hören wir nur ein Geflüster. Aber wer kann sagen, dass er den Donner seiner Macht versteht?”

Und Gott selbst? Und was bin ich? Bin ich überhaupt wahrnehmbar? Wie ein winziges, tanzendes Sonnenstäubchen schwirre ich für einen Augenblick durch die unendliche Zeit, um sofort wieder zu verschwinden. Wer nimmt mich wahr?

Diesen gewaltigen Gegensatz kann mein Verstand nicht fassen! Ich kann mir einen gewaltigeren Unterschied nicht denken, als den zwischen mir und Gott.

Ein Stäubchen und der Allmächtige: Wozu? Und doch: Ich weiß, dass er existiert!

Ich kenne die einfachsten Dinge in Gottes Schöpfung nicht wirklich. Aber mein Bewusstsein weiß, dass Gott ist! Auch das ist unbegreiflich, und doch keine Einbildung. Ich spüre Gott mit allem, was ich bin! Aber begreifen kann ich das nicht! Nur mein Bewusstsein ist durch seinen Geist mit ihm verbunden. Das ist das eigentliche Wunder meines Lebens! Es scheint, dass ich dafür gelebt habe. Sollte ich dafür gelebt haben, um Gott zu erfahren, ich, das Sonnenstäubchen? Welchen Grund sollte es dafür geben? Warum nimmt mein Bewusstsein Gott wahr, so wie es viele andere Dinge wahrnimmt? Weil ER es so will?

Ganz bestimmt, weil ER es so will! Das bedeutet für mich, dass der allmächtige Gott  auf der Suche nach mir war. Ja, so muss es sein, wenn man Gott und dem Leben einen Sinn zuschreiben will. Der Allmächtige und Unfassbare ist also in mein Leben gekommen! Es kam so, wie ER es gesagt hat:

“Ich wohne in der Höhe, in unnahbarer Heiligkeit, doch ich bin auch den Zerschlagenen nah, deren Geist niedergedrückt ist, und belebe den Geist dieser Gedemütigten neu, richte das Herz der Zerschlagenen auf.” (Jes. 57:15)

Nun kann ich  nicht mehr von ihm los! 

ER ist für mich das Ein und das Alles geworden. Es ist mir unmöglich Gott zu vergessen. Man kann auch die Sonne nicht vergessen. Man kann ihn nur verlassen, aber das will ich nicht. Zu stark ist die Kraft, die mich hält: Die Liebe.

Was ist Gottes Liebe für mich? Sie bedeutet, im äußeren und inneren Kosmos nicht allein zu sein! Das ist Heimat, zu-Hause-sein; es ist Schutz und Trost und Hilfe. Es ist auch Geborgenheit und Verständnis! Sie ist alles! 

Dafür habe ich – ein Sonnenstäubchen – gelebt. Und so wie ich Gott gesehen habe, sehe ich auch das Leben in der ewigen Zeit. Die Knechtschaft der Zeit wird aufgehoben sein. Dafür habe ich gelebt! Dafür bin ich zutiefst dankbar!

Nachtgedanken

(Wie kommt es zu den Nachtgedanken? Bei einem alten Mann wird der Schlaf leicht und flüchtig wie ein ängstlicher Vogel. So wacht er oft nach ein paar Stunden Schlaf wieder auf und setzt die Gedanken fort, mit denen er sich schlafen gelegt hatte. Und manchmal setzt er sich an den Tisch und schreibt sie auf. Meist hilft ihm ein Glas Wein dabei wieder müde zu werden während er schreibt.  Und er hofft, dass irgendwo weit draußen in der Welt auch ein Mensch nicht schlafen kann und ähnliche Gedanken hat.)

“Es ist leider Krieg – und ich begehre nicht schuld daran zu sein!”

(Matthias Claudius)

24. Februar 2022

Seit heute Nacht ist Krieg in Europa. Befürchtet war er schon länger, und man beschwichtigte sich selbst mit dem Vertrauen auf Vernunft, Menschlichkeit und Anständigkeit. Man hielt die Kriegsvorbereitungen für ein diplomatisches Spiel, in dem sich alle Beteiligten doch am Schluss einigen könnten. So hoffte man. Aber dazu kam es  nicht. Jetzt wird geschossen und gebombt. Jetzt sterben auch hier Menschen, wie an vielen Orten dieser Welt.

Was aus den Versen von Matthias Claudius spricht, ist schon lange vorbei. Claudius war noch ein Mensch, der den Jammer des Krieges mitfühlte und sich selbst in gewisser Weise schuldig wähnte. Er kannte noch die Verantwortung des Menschen vor Gott, hatte aber auch das Gefühl einer Mitschuld, obwohl er den Krieg nicht wollte und ihn verabscheute. 

MIr geht es auch so, denn ich bin z. B. als Steuerzahler mit eingebunden in das schreckliche Geschehen. Auch mit meinem Geld wird Kriegsgerät gekauft und ein Krieg finanziert. Auch durch meine Teilnahme am weltweiten Warenaustausch bin ich Teil des globalen Geschehens. Aber ich kann nicht heraus. Ich kann mich ebenso wenig heraushalten, wie Matthias Claudius. 

Ich kann nur seufzen und sagen: “Es ist leider Krieg – und ich begehre nicht Schuld daran zu sein!” Und mit Blick auf jene, die tatsächlich Schuld daran sind, die diesen “Krieg als Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mittel” betrachten, kann ich nur wünschen, dass Gott dieses Verbrechen nie vergessen wird! 

Nun ist es ja Tatsache, dass die ganze Welt von Kriegen und Konflikten überzogen ist. Seit Jahrzehnten steigen die Rüstungsausgaben, werden die Waffen immer teuflischer und die Flüchtlingsströme gewaltiger. Es scheint alles auf ein gewaltiges Finale zuzusteuern, auf etwas, was Bibelleser erwarten. Ob dieser Krieg in der Ukraine nur einer von vielen sein wird oder der Zündfunke für einen wirklich großen Krieg, einen Weltkrieg, kann bis jetzt niemand sagen. 

Kann man positiv in die Zukunft dieser Welt blicken? Ich habe einmal geschrieben, dass böse Taten immer im gottentfremdeten Denken begründet sind. Und wenn ich mir die aktuellen Tendenzen auf moralischem Gebiet anschaue, dann kann nicht positiv über die Zukunft dieser Welt denken.  In allen Teilen der westlichen Welt leben junge Menschen, die Bürger von morgen, die tatsächlich das Mantra herbeten, dass Gesetze nur dazu da sind um gebrochen zu werden. Sie wollen sich von nichts und niemanden aufhalten oder bevormunden lassen. Sie kennen keine Anständigkeit, sind habgierig bis zum Exzess und haben alle moralischen Bedenken fortgeworfen. Sie leben ohne Mitgefühl und ohne Glauben an Gott. Und sie wollen Macht – und gewinnen Macht! Es ist die Macht des Kapitals, des Geldes, mit dem sie Regierungen in die Knie zwingen können und wollen. Sie wissen, dass Demokratien käuflich sind. Demokratische Wahlen gewinnt man mit Geld und Propaganda. Seit ein paar Jahren gibt es ein Wort dafür: Thielismus (geht auf Peter Thiel zurück). 

Die Bertelsmann-Stiftung hat kürzlich 137 Staaten untersucht und festgestellt, dass 67 von ihnen sich in Autokratien verwandelt haben. Demokratie scheint ein Auslaufmodell zu werden. Und sieht man sich diese Autokraten an, dann gewinnt man den Eindruck, dass sie alle aus einem Panoptikum des Schreckens stammen. Entsprechend hat sich dann  auch die Zahl der Kriege und Flüchtlinge vermehrt.

Und es gibt – so ist meine traurige Einsicht – kein Umdenken, an den Stellen, wo es nötig ist. Ich sehe alle Voraussetzungen  für einen Zusammenbruch dieses Weltsystems erfüllt. Und ich sehe mich als völlig hilflosen Menschen, der dieser Flut des Bösen nur seinen eigenen Glauben entgegensetzen kann. Mir bleibt nur das Vertrauen auf Gott und auf Jesus Christus. Im Fernsehen sah ich eine alte ukrainische Frau, die weinend herumlief und nicht wusste wohin: “Wo soll ich hin? Wohin soll ich gehen?” Ich wüsste es auch nicht, zumal ich jede Flucht heute als sinnlos ansehen müsste. Ich will nicht in einem Flüchtlingstreck verkommen, also lehne ich mich zurück und sage:  “Macht doch, was ihr wollt, ihr seid nicht aufzuhalten. Ich verachte euch und was ihr tut, und ich will nur meinen Glauben behalten. Den könnt ihr mir nicht nehmen.” 

So warte ich, was geschehen wird. Aber ich warte ohne Angst! Ich bin gelassen und will es bleiben, denn das Vertrauen zu Gott und meine Verbundenheit mit ihm lassen mich in Ruhe sein. Ich will es wie Habakuk halten, der auch einen grausamen Tag erwarten musste. Er floh zu Gott indem er sagte: “Dennoch will ich jubeln über Jehowah, den Gott meines Heils. Denn Jehowah, der Herr, ist meine Kraft.” Und als ich dies für mich entschieden habe, kommt mir der Gedanke, dass es sich wie eine Attitüde anhören könnte, wie etwas, was ich vor mir hertrage und im Ernstfall gar nicht sein könnte. Nein! Ich meine es ernst und ich bete darum, dass Gottes Kraft mir den Mut gibt, so zu leben. Ich will voller Zuversicht nach vorne blicken und wissen, dass Gottes Reich auf mich wartet. 

Und nun lege ich mich wieder ins Bett und werde in Frieden schlafen.