Gedanken zur Bergpredigt

Vor fast 60 Jahren las ich ein Traktat von Antonius de Guevara (1490-1545), in dem es um die “Verdammung des Hof- und Landlebens” geht. Diese Worte haben mich auf eigenartige Weise berührt und nicht mehr losgelassen. In der damaligen Übersetzung ins Deutsche macht der Text nachdenklich, sofern man nicht rettungslos in diese Welt verliebt ist. Mein damaliger Eindruck hat sich mir bis heute bestätigt: Die Welt ist es nicht wert, geliebt zu werden! Warum auch? Warum sollte man die Welt lieben, wenn ein Mensch dies schreiben muss:

“Adieu Welt! Denn auf dich ist nicht zu trauen, noch von dir nichts zu hoffen: in deinem Haus ist das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, das Allermächtigste fällt, das Allerstärkste zerbricht und das Allerewigste ein nimmt ein End, also dass du ein Toter bist unter den Toten, und in hundert Jahren lässt du uns nicht eine Stunde leben.”?

Das ganze Traktat ist eine einzige leidenschaftliche Anklage gegen eine Welt, die Gott nicht kennt, die ihn vergessen hat. Autor und betroffener Leser haben dann nur noch einen Wunsch:

“O Welt! Du unreine Welt! Deshalb beschwöre ich dich, ich bitte dich, ich ersuche dich, ich ermahne dich und protestiere gegen dich, du wollest kein Teil mehr an mir haben. Und hingegen begehre ich auch nicht mehr, in dich zu hoffen, dann du weißt, dass ich mir hab vorgenommen, nämlich dies: Ich habe meinen Sorgen ein Ende gemacht, Hoffnung und Glück, lebet wohl!”

Die Bergpredigt und mein Leben
Aber so einfach ist die Sache für mich nicht! Ich lebe in der Welt und kann nicht als Einsiedler leben. Als Christ soll ich mein “Licht vor den Menschen leuchten lassen”. So sagte es Jesus in der Bergpredigt. Und das ist nicht weniger, als nach der Bergpredigt zu leben und trotzdem vom Schmutz der Welt unberührt und rein zu bleiben. Ich erinnere mich noch lebhaft an meine Gefühle, die ich hatte, als ich in jungen Jahren die Bergpredigt Jesu las. Mein Vorwissen war gering, aber eins war mir sicher: Hier schlägt das Herz der Bibel! Bei jedem Satz wusste ich: Das ist wahr! Das ist gerecht! Das stimmt mit mir selbst überein. Da regte sich in mir kein Widerstand; ich nahm die Rede einfach an und sah sie als die größte sittliche Wahrheit an, die es für den Menschen geben kann.

„Glücklich sind die Menschen, die wissen, wie arm sie vor Gott sind, denn ihnen gehört das Reich, das der Himmel regiert!“ (Mat. 5:3)

Über diese Worte habe ich erst spät nachgedacht. Und mit der Zeit erfuhr ich, was sie bedeuten können: Vor Gott arm zu sein bedeutet die Einsicht zu haben, dass nichts ohne Gott geht, denn nicht einmal der Glaube ist mir möglich, ohne dass Gott es will, ohne dass er seinen Geist, seine Kraft, dazu gibt. Ich kann nur mein Wollen geben, aber das Vollenden kommt von Gott. „Wenn Jehowah das Haus nicht baut, haben die Bauleute vergeblich daran gearbeitet.“, so nüchtern drückt es der Psalm 127 aus! Um das zu sehen, musste ich alt werden. In der Jugend war ich von meiner Kraft und meinen Fähigkeiten tief überzeugt. Doch das Leben lehrte mich anderes! Und heute weiß ich, dass man seine eigene Armut vor Gott einsehen muss, damit Gott uns überhaupt einen Platz in seinem Reich gewährt. Man muss sich als Mensch ganz klein machen und den dummen Stolz aufgeben, der uns einbläst, das eigene Glück immer selbst schaffen zu können und sich einzubilden, ohne Gott auskommen zu können. Das ist dann auch die Bescheidenheit, wie sie in Micha 6:8 erwähnt wird: bescheiden mit Gott zu wandeln, Freude an seiner Gerechtigkeit zu haben und Güte zu üben. Mit der Zeit der Reife kam auch die Einsicht, dass ich nicht alles wissen und verstehen kann; ich kann nicht in die Zukunft schauen; ich kann keinen Menschen wirklich verstehen und ich kann ohne Gottes Hilfe kaum das Gute vollbringen. Ich bin ein Mensch! Und ich bin ein sündiger Mensch! Ich bin arm! Wenn ich als Mensch wahrhaftig leben will, dann bin ich auf Gott angewiesen. Ich kann nicht ohne Gott leben! Darin also bestand meine Armut vor Gott!

Und die Bergpredigt Jesu hat mein Herz berührt und mich davon überzeugt, dass von dieser Welt wirklich nichts zu hoffen ist! Sie hat mich überzeugt, weil ich in meinem eigenen Leben und im Leben anderer Menschen die ganze Fragwürdigkeit und Hohlheit der Welt erfahren habe. Denn diese Welt betrügt jeden, der sich auf sie einlässt. Sie enttäuscht unsere Hoffnungen und betrügt uns um unser eigentliches Leben! Darum: „Adieu Welt!“

Die leise Stimme


Seit ich aufgehört habe, mir auch nur irgendetwas als Verdienst anzurechnen, bin ich beim Wesentlichen angekommen. Die Einsicht, dass Gott lebt, da ist, immer war und immer sein wird, war für mich so radikal, dass es kein Zurück mehr gibt.

Und ich wäre vielleicht früher ans Ziel gekommen, wenn man mir nicht dauernd in meine Gedanken hinein geredet hätte, wenn man mir Zeit gelassen hätte. Aber jetzt habe ich genug von Schlagworten, die inhaltslos oder halbwahr sind. Ich mache nicht mehr mit bei stupiden Aktivitäten, die andere Leute anzetteln, weil sie sich zu wichtig nehmen. Mit anderen Worten: Ich habe den Religionsbetrieb meiner ehemaligen Gemeinschaft satt, der zu oft an der Liebe und an der Gerechtigkeit und am Menschen vorbei geht.

Die „leise, sanfte Stimme“ Gottes kann man nur in der Stille hören! Man hört sie nicht neben dem donnernden Wasserfall religiöser Propaganda, man hört sie nicht, wenn einem kein Raum zum Nachdenken gelassen wird und der religiöse Dialog sich auf ein „Frage und Antwort Spiel“ beschränkt, wenn sich vieles um religiöse Sonderlehren dreht. Man kann die leise Stimme nicht hören, wenn sie bewusst mit religiöser Aktivität überbrüllt wird.

Ich habe mich vom „Betrieb“ getrennt. Dadurch habe ich gewisse Menschen und ihre Anerkennung verloren – aber was soll es? Ich kann die Meinung anderer über mich nicht ändern. Gewiss, ich könnte heucheln und etwas vorspielen, was ich nicht bin. Aber das ist mir zu billig und auch zu unaufrichtig. Außerdem ist es nutzlos in Gottes Augen.

Seit ich den Allmächtigen „gesehen“ habe, kann ich nicht anders. Und ich will auch nicht anders, weil es meinem Gewissen widerspricht. Ich will auf meinen Gott warten und wissen, dass er an seiner Gerechtigkeit keine Abstriche machen wird. Der göttlichen Gerechtigkeit unterwerfe ich mich gern! Auf Barmherzigkeit und Gnade will ich hoffen und mich mit all meinem Sein auf das Opfer Jesu stützen, das allein mich vom Zorn Gottes bewahren kann. Nie mehr will ich zulassen, dass Vertrauen auf die eigene Leistung mich dazu verleitet mir einzubilden, dass ich „gut“ sei. Ich bin solange ein sündiger Mensch, bis Jehowah mir ein „neues Herz aus Fleisch und einen neuen Geist“ schenkt. (Hes. 36:26, 27)

Und weil ich die Menschen und ihre Welt immer weniger verstehe, will ich mich im Rest meines Lebens nur noch vom Geist Gottes leiten lassen. Seiner Liebe und seiner Fürsorge vertraue ich mich an. Ich habe keinen anderen Führer im Leben nötig, als Jesus Christus! So will ich versuchen, mit einem guten Gewissen, ungeheucheltem Glauben und aufrichtiger Liebe zu leben. (1.Tim. 1:5)

Ich habe auch keine „Freunde“ nötig, die mir angeblich gutwollen, weil sie ein bestimmtes Ziel erreichen wollen, das meinen Absichten und Einsichten widerspricht. Ich will nicht einem geschäftlich-religiösem Zweck dienen, sondern der wahrhaftigen Liebe. Ich will nicht gebraucht, sondern geliebt werden. Deswegen werde ich nie mehr zu dem zurückkehren, was man „Organisation“ nennt.

Nur die Bibel ist das Wort Gottes, und sonst nichts! Zusätze und Verfälschungen, die letztlich darauf hinaus laufen, die volle Bedeutung des Opfers Jesu zu verwässern, verabscheue ich. Ebenso verabscheue ich die Kombination aus „überhimmlischen Gedanken“ und „unterweltlichen Sitten“. Das alles will ich gerne hinter mich lassen. Dahin zurück sind alle Brücken zerstört.

Seit ich mir ansatzweise zu verdeutlichen suche, mit wem ich es zu tun habe, wenn ich „Jehowah!“ sage, kann ich nicht anders. Und darüber bin ich froh!

Als junger Mensch stieß ich auf die Forderung von Andreas Gryphius: „Mensch! Werde wesentlich!“. Nun schließt sich endlich der Kreis.

Ich habe diese Gedanken absichtlich wie ein Manifest formuliert. Ich würde sie gern an meine Haustür schreiben, damit alle meine Absicht und meinen Wunsch wahrnehmen können. Ich will deutlich machen: Es ist mir ernst damit!

Ein Kind Gottes

Ein Kind Gottes zu sein! Was kann es Besseres geben? Wer darunter gelitten hat, keinen richtigen Vater im Leben gehabt zu haben, ahnt, was es bedeuten kann. Alle Menschen sehnen sich nach einem Vater, der immer und überall für sie da ist, der immer ein offenes Herz für ihre Sorgen hat und dem es nie zuviel wird, helfend einzugreifen, wenn das Leben es erfordert. Um wie viel großartiger ist ein Vater im Himmel, der allmächtig und voller Liebe ist! Er will seine Kinder glücklich sehen! Er ist Herr über die Zeit! Und er will seine irdischen Kinder an der Ewigkeit teilhaben lassen! Wenn ich mir das vorstelle, dann kommen mir Tränen, denn ich weiß dann, dass die Zeit eines Tages keine Gewalt mehr über mich hat. Dann weiß ich auch, dass mein Glück, meine Erfüllung als Mensch, in enger Verbindung mit meinem Vater vollkommen sein wird. Es ist Gottes Geist, der mir eine ungeahnte Gewissheit gibt:

Denn diejenigen, die von Gottes Geist gelenkt werden, sind Kinder Gottes. Der Geist, den ihr empfangen habt, macht euch ja nicht wieder zu Sklaven, dass ihr wie früher in Furcht leben müsstet. Nein, ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht, den Geist, in dem wir „Abba!“, Vater, zu Gott sagen. So macht sein Geist uns im Innern gewiss, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Rö. 8:14-16)
(Abba ist ein aramäischer Ausdruck, der als liebe- und respektvolle Anrede nur im Familienkreis gebraucht wurde!)

Wer das Verhältnis eines Menschen zu Gott nur als Freundschaft versteht, hat vom Eigentlichen nichts begriffen! Das ganze Neue Trestament betont auffälig die Vater-Kind-Beziehung. Sie ist das Wesentliche, das die Stellung des Menschen zu Gott am besten beschreibt.

Mein Vater im Himmel will mich glücklich sehen, und er hat dafür jemanden bestimmt, mich und all die anderen Kinder Gottes auf dieses Ziel zuzuführen. Und ich habe diesen wunderbaren Menschensohn aus der Zeit seines irdischen Daseins kennengelernt. Ich weiß also, wer heute für mich verantwortlich ist, wer meinen Glauben vollständig macht und jederzeit für mich eintritt. Wenn ich an Jesus Christus denke, dann habe ich gewisse Bilder von Ereignissen vor Augen, die mein Herz heftig berühren: Da ist ein Offizier, der einen todkranken Diener hat. Er lässt Jesus eine Nachricht zukommen und bittet ihn, nur ein Wort zu sprechen, damit sein Diener nicht sterben muss. Und Jesus tut es! Der Diener stirbt nicht! Der Offizier hatte nichts anderes erwartet, und Jesus lobt sein Vertrauen zu Gott! Oder ich denke an einen Blinden, der zu schüchtern war, um zu Jesus zu kommen. Jesus bemerkt es, geht zu ihm hin, legt seinen Arm um ihn und heilt ihn. Und das ist mein Bruder im Himmel! So schieben sich viele Bilder vor mein inneres Auge, die allesamt das Mitgefühl, die Barmherzigkeit und die starke Liebe Jesu zu den Menschen ausdrücken. Und dann denke ich: Das also ist mein Bruder im Himmel!

Die größten Wunder vollbrachte Jesus, wenn er zur richtigen Zeit das passende und erlösende Wort für einen Menschen fand, der sich auf seinem Lebensweg verirrt hatte. Und nun denke ich an Zachäus, den Obersteuereinnehmer. Hier hat es nur eines bedurft, um dieses verirrte Schaf auf den rechten Weg zu führen: Eine Selbsteinladung zum Essen! Als Jesus das Haus von Zachäus betritt, ist der Hausherr schon ein anderer Mensch. Er bekennt seine Betrügereien und ist bereit, den Schaden gutzumachen. Endlich hat der Obersteuereinnehmer wieder ein gutes Gewissen und er weiß auch, dass er auf Gottes Barmherzigkeit hoffen darf. Was hat sein Herz umgestimmt? Ich weiß es nicht genau, aber ich darf annehmen, dass es Jesu Verhalten war, der sich ihm direkt zuwandte und öffentlich sagte, dass er bei ihm (einem stadtbekannten Sünder!) einkehren wollte. Was in solchen Momenten in einem Menschen vor sich gehen kann, kann ich ahnen, und ich fühle mich angesprochen und überwältig von soviel Menschentum Jesu, das er hier zum Ausdruck brachte. Und ich verstehe, warum Jesus sich selbst den Titel „Menschensohn“ gegeben hatte. Jesus hat mir immer wieder gezeigt, dass der Mensch (auch ich) mit einer ganz großen Macht ausgestattet ist: mit Liebe.

Und diese wunderbare Macht möchte ich gebrauchen, um den Zweck meines Lebens zu erfüllen. Der Apostel Paulus hatte bestimmt viel Wissen über die Dinge Gottes, aber er sah das nicht als das Wichtigste an. Das Wichtigste war auch für ihn die Liebe, der er ein Denkmal setzte, als er schrieb: „Die Liebe versagt nie!“ Alle anderen Qualitäten werden leblos, unnütz und bedeutungslos, wenn sie nicht mit Liebe gekrönt werden. Die Liebe ist das wahre Leben! (1. Kor. 13:1-8)

Ja, ich will mich als Kind Gottes fühlen, das an der Hand seines „großen“ Bruders ins ewige Leben geführt wird. Ich will vertrauensvoll wie ein Kind zu meinem Vater aufschauen und alles, was wirklich gut für mich ist, von ihm erwarten. Ich will ohne Misstrauen oder Angst vor Gott sein, ohne Egoismus, Stolz und Habgier, weil ich mit dem Herzen weiß, dass er durch Jesus für mich sorgt, und tut, was zu meinem Besten ist. Und ich finde mich durch das, was Gott mir durch den Psalm 131 sagen lässt, bestätigt:

„Jehowah, ich will nicht hoch hinaus, ich schaue auf niemanden herab. Ich gehe nicht mit Dingen um, die mir zu groß und wunderbar sind.
Nein, ich habe mich beruhigt, habe meine Seele besänftigt. Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie ein zufriedenes Kind bin ich geworden.“

Wie viel Last fällt von einem ab, wenn man sich nicht zu wichtig nimmt! Wie einfach wird das Leben, wenn man bescheiden mit Gott geht (Micha 6:8)! Wie schön ist es, sich als Kind Gottes zu fühlen und aufzuhören, sich das Reich Gottes „verdienen„ zu wollen! Hat Jesus nicht gerade deshalb Kinder als Vorbild gebraucht, um den verbildeten Erwachsenen zu zeigen, worauf es im Glauben an Gott ankommt?

„Ich versichere euch, wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nie hineinkommen.“ (Mar. 10:15) Oder: „Ich versichere euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Reich kommen, das der Himmel regiert.“(Mat. 18:3)

Gott hat mir auf meinem Lebensweg Vertrauen eingeflößt! Nur in diesem tiefen Vertrauen fühle ich mich sicher und geborgen. Dadurch wird mir auch die Furcht vor der Zukunft genommen.

Gedanken zur Bergpredigt: Wie kann ein Christ danach leben?

Wie kann ich als Christ in einer Welt leben, die sich gegen alles stellt, was anständig, wahr und liebenswert ist? Wie gehe ich mit einer Welt um, die meine christliche Lebensweise u. U. gar nicht mag? Wie kann ich als “Schaf unter Wölfen” leben? Diese Fragen wollte ich für mich beantworten.

Es beginnt schon mit den ersten Worten Jesu aus der Bergpredigt: Hier nennt Jesus alles das, was ein Mensch zu seinem Glück braucht. Er spricht über Bescheidenheit, Schamgefühl, Milde, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, ein reines Herz oder Gewissen, Glaube und Vertrauen zu Gott und Friedensbereitschaft. Er verweist damit auf den inneren Standard des Menschen, auf einen Schatz, den wir alle – bewusst oder nicht – in uns tragen. Alle diese Dinge machen glücklich, wenn man sie tut! So sagt es jedenfalls Jesus, und so habe ich es erfahren. Er verzichtet in seinen Glücklichpreisungen auf alles, was man bis heute für das menschliche Glück als unbedingt notwendig ansieht: Besitz, Ansehen, Ruhm, Macht, Geld, Geld und Geld. Das ist in seinen Augen Plunder, Ballast, Verführung zum Bösen, allenfalls Dekoration, aber nie das Wesentliche.

Jesus spricht vom wahren Leben und stellt es dem vermeintlichen Leben der Allgemeinheit gegenüber. Das wahre Leben ist nach seinen Worten ein Leben mit Gott im Mittelpunkt. Damit meint er nicht das scheinfromme Leben, wie es religiöse Heuchler zu führen gewohnt sind, sondern das Leben in einer Wahrhaftigkeit, die so radikal ist, dass sie das veräußerlichte Leben der Welt entlarvt und in Frage stellt. Es ist ein Leben in höchster Verantwortung für den Mitmenschen, für die Schöpfung und für die Erde. Es führt allein zur vollen Entfaltung des Menschen, zu seiner Erfüllung und zu ihm selbst! Und das liegt einfach daran, dass der Mitmensch für einen Christen nicht das Mittel zum Zweck ist, sondern das Ziel seiner uneigennützigen Liebe. Wer seinen Mitmenschen liebt, sucht das Wohl des anderen und will ihn nicht aus egoistischen Gründen benutzen und ausbeuten.

Das macht Jesus immer wieder deutlich, wenn er von Vergebung, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit, Geben und vom Denken über andere Menschen spricht. Alles das gipfelt dann in einem Satz: “Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie!” Immer wieder betont er die aktive Liebe, die das Wohlergehen des Nächsten sucht und die Gerechtigkeit Gottes zum Mittelpunkt hat.

Es ist das feste Vertrauen zum Schöpfer und zum Vater, der unbedingte Glaube an Gott, der es erst möglich macht, nach der Bergpredigt zu leben. Wer das will, hat Gott gesehen! Man muss ihm Gott nicht beweisen wollen; er weiß, dass Gott lebt! Ein Christ kann nur in der unmittelbaren Gottverbundenheit die Bergpredigt als seinen Lebensentwurf betrachten. Nur mit Gottes direkter Hilfe und nur mit seinem Beistand kann er so leben. Wäre er nur auf sich selbst angewiesen, müsste er scheitern. Und indem ein Mensch aber nach dieser Predigt lebt, besiegt er die Welt durch seinen Glauben, weil er beweist, dass es außer ‘dem Pfund Rindfleisch, das eine gute Suppe’ geben soll, doch noch mehr gibt, nämlich Wahrheit und Liebe und Gerechtigkeit.

Das neue Leben

Oder: Wie will Gott verehrt werden?

Es gibt zwei Gespräche, die Jesus mit zwei sehr unterschiedlichen Menschen führte: Der eine war ein Pharisäer, der aus Furcht vor seinen Mitgenossen heimlich in der Nacht zu Jesus kam. Und dann eine Frau, die nicht zum Volk der Juden gehörte, sondern eine Samariterin war. Die Samariter wurden von den Juden verachtet und gemieden, weil man sie nicht für ‚rechtgläubig‘ hielt. In beiden Gesprächen ging es auch um die Frage, wie und wodurch Gott verehrt werden will.

Nikodemus, so hieß der nächtliche Besucher Jesu. Er war ein Pharisäer. Und als solcher sollte er davon überzeugt gewesen sein, in religiöser Hinsicht alles richtig zu machen. Aber er schien zu zweifeln, denn er suchte Jesus auf. Wie überrascht muss er gewesen sein, von Jesus zu hören, dass man neu geboren werden müsse, um das Reich Gottes sehen zu können! Das verstand Nikodemus nicht und er fragte deshalb: „Wie kann ein Mensch denn geboren werden, wenn er schon alt ist? Er kann doch nicht in den Bauch seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden!“ Jesus klärt ihn auf:

„Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Menschliches Leben wird von Menschen geboren, doch geistliches Leben von Gottes Geist. Wundere dich also nicht, wenn ich dir sagte: Ihr müsst wiedergeboren werden. Der Wind weht, wo er will. Du hörst ihn zwar, aber du kannst nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh. 3:3-8)

„Wie ist so etwas möglich?“, fragte Nikodemus. Und dann machte Jesus deutlich, wozu das neue Leben und wozu sein Kommen in die Welt dienen sollen: Durch die Wiedergeburt ist ein Mensch in der Lage, zu erkennen, wozu und warum Jesus gekommen war:

„Und wie Moses damals in der Wüste die Schlange für alle sichtbar aufgerichtet hat, so muss auch der Sohn sichtbar aufgerichtet werden, damit jeder, der ihm vertraut, ewiges Leben hat. Denn so hat Gott der Welt seine Liebe gezeigt: Er gab seinen einzigen Sohn dafür, dass jeder, der an ihn glaubt, nicht ins Verderben geht, sondern ewiges Leben hat. … Wer ihm vertraut, wird nicht verurteilt, wer aber nicht glaubt, ist schon verurteilt. Denn der, an dessen Namen er nicht geglaubt hat, ist der einzigartige Sohn Gottes.“ (Joh. 3:9-18)

Damit ist Jesus die Zentralgestalt des christlichen Glaubens! Das macht Jesus selbst immer wieder deutlich, wenn er z. B. aus dem Psalm 118:22, 23 zitiert und das Bild des Steines, den die Bauleute verworfen haben, auf sich anwendet und dann sagt:

„Deshalb sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen werden und einem Volk gegeben, das die rechten Früchte hervorbringt. Jeder, der auf diesen fällt, wird zerschmettert, und jeder, auf den er fällt, wird zermalt werden.“ (Mat. 21:43, 44) Jesus sagte auch, was Gott von uns will: „Gottes Wille wird dadurch erfüllt, dass ihr dem vertraut, den er gesandt hat.“ (Joh.6:29)

Das zweite Gespräch führte Jesus am Jakobsbrunnen mit einer Frau, die auch den Messias erwartete. Nachdem er der Frau auseinandergesetzt hatte, dass es für den Menschen ein besseres Wasser als das aus dem Brunnen gibt, nämlich ein Wasser, das ewiges Leben vermittelt, will sie wissen, wo Gott angebetet werden will. Die Antwort Jesu muss sie überrascht haben: „Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, wo ihr den Vater weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten werdet.“ Und damit leitete Jesus auf den Kern der Anbetung Gottes über:

„Doch es wird die Zeit kommen – sie hat sogar schon angefangen -, wo die wahren Anbeter den Vater anbeten, weil sie von seinem Geist erfüllt sind und die Wahrheit erkannt haben. Von solchen Menschen will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und die, die ihn anbeten wollen, müssen dabei von seinem Geist bestimmt und von der Wahrheit erfüllt sein.“ (Joh. 4:21, 23, 24)

Am Anfang von Jesaja, Kapitel 66 steht: „Auf diesen werde ich schauen, auf den Niedergedrückten und den, der zerschlagenen Geistes ist und der vor meinem Wort zittert.“ Ich denke immer wieder, dass es darauf ankommt:

„Darum tötet alles ab, was an Irdischem noch in den Gliedern steckt: Unzucht, Unsittlichkeit, unreine Leidenschaft, Lust auf Böses und Habgier, die nichts anderes ist als Götzendienst.“ (Kol. 3:5)

Das Leben im Geiste der Bergpredigt ist genau das, was Gott von uns möchte! Nur dieses Leben ist im Sinne des Wortes Gottes „von Geist und Wahrheit erfüllt“. Um dieses Leben zu führen braucht man keine menschlichen „Heilsvermittler“, keine Kirche, keine Zeremonien, sondern nur die Gottverbundenheit, die durch Jesus Christus Realität wird. Nicht durch Kirchen, Geistliche und Priester wird Gott vermittelt, sondern durch das eigene Erleben!

Der Schöpfer ist nicht auf einen Tempel, eine Religionsgemeinschaft oder eine Kirche angewiesen, und der persönliche Glaube eines Menschen auch nicht. Man kann Gott näher kommen ohne alles das, was angeblich so wichtig sein soll. Den Schöpfer zu respektieren (ihn zu fürchten), ihn zu lieben und in Gerechtigkeit und Bescheidenheit mit ihm zu leben, ist alles, was nötig ist. Und so wird es immer bleiben.

Ich hoffe, mit diesen beiden Gesprächen auszudrücken, worauf es mir bei meinem Glauben ankommt: Er soll durch Gottes Geist, durch seine Kraft zum Guten, geformt werden und von seiner Wahrheit durchdrungen sein. An Gott zu glauben bedeutet für mich durch eine geistige Neugeburt sein irdisches Kind zu werden und durch Jesus Christus mit ihm versöhnt zu sein. Beides gehört zusammen. Und was folgt daraus?

„[Ihr] seid neue Menschen geworden, die ständig erneuert werden und so immer mehr dem Bild entsprechen, das der Schöpfer schon in euch sieht. Dann kommt es nicht mehr darauf an, ob ihr Juden oder Griechen seid, beschnitten oder unbeschnitten, ob euer Volk zivilisiert oder primitiv ist, ob ihr Sklaven oder freie Bürger seid; entscheidend ist allein, ob Christus in uns lebt und alles wirkt“. (Kol. 310, 11)

Es ist ein neues Leben!

Der Weg zu mir selbst

Der Zug fährt langsamer. Ich schaue aus dem Abteilfenster auf die vorbeiziehende Vorstadt. Bald werde ich angekommen sein. Ich betrachte die Gebäude, an denen ich schon unzählige Male vorbeigefahren bin. Warum ist mir diese Armseligkeit, dieser marode Zustand der Häuser und die Tristesse der Vorstadtstraßen nicht  schon früher aufgefallen? Ich vergesse, dass inzwischen viel Zeit vergangen ist. Früher war vieles neu, heute ist es gealtert, wurde “verschlimmbessert”, wurde verändert und der Gegenwart angepasst. Die Zeiten haben sich geändert!

Das muss ich einfach in Rechnung stellen. Ich muss einsehen, dass nichts so bleibt, wie es einmal war. Ich muss einsehen, dass diese Welt vom Bösen beherrscht wird. Was einmal gut und liebenswert war, wird mit der Zeit hässlich und böse. Das ist ein allgemeiner Prozess, der sich auf alles erstreckt. Er macht auch  vor Religionsgemeinschaften nicht Halt. Wie viele Gemeinschaften kenne ich aus der Geschichte, die einen guten Start hatten, weil man mit ehrlichem Herzen nach den Vorgaben der Bibel leben wollte? Und was wurde daraus? Immer wieder war es die Korruption des Glaubens, welche die edlen Ziele und Absichten umbog und zur Lüge verfälschte. Und immer wollte man über Menschen herrschen.

Unerfahrenheit

In der Jugend war ich arglos und glaubte noch an die Ehrlichkeit der Menschen. Ich hatte Vorbilder, die ich mir selbst geschaffen hatte. Ja, ich habe mich in der Jugend selbst getäuscht, weil ich anderen Menschen zu sehr vertraute, ohne Näheres über sie zu wissen. Das Wissen ersetzte ich mit Fantasie. So kam es, dass ich in mancher Hinsicht getäuscht worden bin.

Damals lernte ich die Bibel kennen; ein gleichaltriger Freund sprach mit mir und führte mich in die Grundlagen der Bibel ein. Dafür bin ich ihm heute noch in gewisser Weise dankbar. Die Bibel wurde für mich tatsächlich eine Offenbarung. So kam ich meinem Gott näher. Diese Nähe wurde immer enger, worüber ich ehrlich froh bin. Die Nähe meines Vaters im Himmel gibt mir Kraft für dieses Leben, sie gibt mir Hoffnung und Zuversicht, Glauben und Liebe. Was brauche ich mehr?

Der Einfluss von Menschen auf meinen Glauben

Irgendwelche Menschen meinten aber, dass ich mehr brauchen sollte. Bald merkte ich, dass sich zwischen mir und meinem Vater im Himmel noch andere drängen wollten. Dagegen wehrte ich mich; ich ließ nur einen Mittler zu, meinen Herrn Jesus Christus.  Und so war ich auf einmal auf einem Weg, der von den offiziellen Zeugen Jehovas weg führte. Ich merkte sehr bald, dass die Wachtturm-Gesellschaft höchstens ein Hilfsmittel sein konnte, um mein christliches Leben zu führen.  Unter diesem Aspekt ließ ich eine friedliche Koexistenz zu. Manche bemerkten   mein Abweichen von der offiziellen Doktrin, doch ließ man mich in Ruhe, denn die Organisation (so nennt man die Wachtturm-Gesellschaft oft unter Zeugen Jehovas) war noch nicht auf die Idee gekommen, für den Glauben an Gott „unentbehrlich“ zu sein. 

Aber die Zeit änderte sich und sie veränderte  mich.  Die Veränderungen begannen vor etwa  20 Jahren und machten mich nachdenklich. Plötzlich waren feste Grundsätze  Makulatur geworden: Man suchte die Nähe zum Staat und seine Anerkennung. Früher war es undenkbar, dass man “mit dem wilden Tier tanzte”. Man kritisierte jene Gemeinschaften, die das taten. Und nun machte man es auch? Ich veränderte mich also, weil ich diesen Grundsatzwechsel von der Bibel her nicht nachvollziehen konnte. Meine Veränderung musste nach außen sichtbar werden und wurde wahrgenommen. Ich konnte nicht anders, als nach meinem Gewissen und der biblischen Erkenntnis zu handeln. Plötzlich taten sich Abgründe auf und ich hatte zeitweise das Gefühl, auf schwankendem Boden zu stehen. Es kamen Selbstzweifel auf und die Fragen: Denkst und handelst du in diesem Fall richtig? Täuschst du dich nicht und hast du alles richtig durchdacht? Könnte es sein, dass die “Organisation” im Recht ist?

Zweifel und konsequentes Bibellesen

Diese Selbstzweifel konnte ich nur durch konsequentes Nachdenken und genaues Lesen der Bibel aus dem Weg räumen. Ich konnte sie auch aus dem Weg räumen, weil es um Moral ging. In Fragen der Moral lässt die Bibel gar keine Wahl! Ein Baum wird immer an den Früchten erkannt. Und da macht eben die “Wachtturm-Gesellschaft” keine Ausnahme!

Es war im wahrsten Sinn des Wortes Ent-Täuschungsarbeit. Diese Arbeit war nicht zu umgehen; sie hatte mit der Verantwortung gegenüber dem Schöpfer zu tun und mit meinem Wunsch, mit mir selbst ehrlich umzugehen.

“Die Wahrheit spricht mit leiser Stimme!” Das hatte ich irgendwo einmal gelesen. Und tatsächlich! Gott spricht in der Stille zum Menschen, wenn niemand dazwischen reden kann, wenn der Mensch empfänglich und offen ist für sein Wort. Für mich bekam das Wort “Einsicht” eine viel höhere Bedeutung als “Erkenntnis” und “Wissen”. Ich wollte nicht mehr nur meinen Kopf füllen, sondern mein Herz. Mir ging es so, wie dem Schreiber des 119. Psalms: Obwohl er das Gesetz Gottes gut kannte, betete er um mehr. “Den Weg deiner Befehle lass mich verstehen, …” (V. 27). Ich bin mir ganz sicher, dass er die erbetene Einsicht auch bekommen hat, denn genau das hat Gott versprochen: “Ich werde dir Einsicht verleihen und dich unterweisen in dem Weg, den du gehen solltest. Mein Auge auf dich richtend, will ich dir raten.” (Ps. 32:8) In diesen einfachen Worten liegt so viel Trost, Hoffnung und Zuversicht! Hier verspricht der Schöpfer ganz deutlich, dass er einen Menschen ganz individuell zu Einsichten führen will.

Sperrfeuer der Propaganda widerspricht der Bibel

Ich konnte mir unter dem Sperrfeuer der Propaganda früher nicht vorstellen, dass Gott mit einzelnen Menschen handelt. Das ist heute eine selbstverständliche Sache für mich geworden, aber früher dachte ich, dass alles nur durch die “Organisation” geschieht, durch das Kollektiv, die Versammlung. Heute weiß ich: Gott sieht auch mich und tritt für mich ein! So etwa muss es ein Abraham empfunden haben, der ja  keine “Organisation” kannte, der in freier und selbst gewählter Verantwortung vor seinem Gott stand und von ihm geführt wurde. Was wusste Abraham?  Die Bibel war noch nicht geschrieben. Und was dieser treue Mann “wusste“, war die Erfahrung Gottes im eigenen Leben. Diese Erfahrung war so radikal, dass er Gott sah und fühlte!

In diesem Kontext lese ich auch Johannes 14: 23: “Jesus antwortete und sprach: Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.” Kann man besser Gäste im Haus haben? Kann es etwas größeres geben?

Ein weiterer Text, der mir zu denken gegeben hat: “Glücklich ist der, den DU erwählst, damit er in deinen Vorhöfen wohnt!” (Psalm 65:4) Es hängt von Gott ab, wem er gestattet, in seinen Vorhöfen zu wohnen! ER gestattet erst die Nähe, er gestattet sie, ohne eine “Organisation” dazwischen zu schalten. Gott sucht sich seinen Umgang selber aus! Nicht die Mitgliedschaft in einer “Organisation” entscheidet über die Nähe zu Gott, sondern ein ganz intimes und persönliches Verhältnis zum Schöpfer. Und welche Bedingungen muss ein Menschen erfüllen, damit Gott ihm Nähe erlaubt? Der Psalm 15 gibt eine treffende Antwort! Es kommt also auf die Rechtschaffenheit an, nicht auf eine eingebildete Rechtgläubigkeit! Und das hat auch viel mit dem Gewissen zu tun, das im Umfeld der “Organisation” vielfach ausgespart wird. Es darf aber in unserem Leben keinen gewissensfreien Raum geben. Niemand darf fordern, dass man in der “Organisation” einfach zu gehorchen hat und dass es in ihr keine Gewissensfragen gibt, weil sie angeblich vom Geist Gottes geleitet ist. Nein, wer so etwas fordert, macht sich eines Verbrechens schuldig!

Gewissen und Glaube

Es ist ja auffällig, wie oft z. B. bei Paulus das Wort Gewissen vorkommt. Ich habe es 21 mal in seinen Briefen gefunden. Das Gewissen eines Menschen wird also im NT sehr hoch bewertet, so hoch, dass ein Mensch im Glauben scheitert, wenn er das gute Gewissen verliert! (1. Tim. 1:19) Und das muss auch so sein, denn ein gutes Gewissen ist ja die Grundlage, auf der meine Taufe steht (1. Petr. 3:21). Nach den Worten Petri ist die Taufe die an Gott gestellte Bitte um ein gutes Gewissen durch das Opfer Jesu Christi. Und wie konnte man aus dem Akt der Taufe einen Aufnahmeritus für eine “Organisation” machen?  Aber gerade das lag ja gewissermaßen auf der Linie, die von herrschsüchtigen Menschen verfolgt wurde. So konnte man die “Organisation” als rettendes Schiff darstellen. Dieses falsche Bild hat sich vielen Menschen so stark eingeprägt, dass sie sich nichts anderes vorstellen können. Wenn ganz leise Zweifel bei manchen laut werden, dann sagen sie meist: “Wohin sollen wir gehen?” Damit wollen sie andeuten, dass sie nur zur “Organisation” halten können, denn in ihr werden sie ja gerettet und nur bei ihr erfahren sie die Wahrheit. Und in dieser Haltung erblickte ich den eigentlichen Skandal, die Korruption des Glaubens, denn das widerspricht der Bibel, es widerspricht Jesus Christus, der deutlich genug sagte, dass er “der Weg, die Wahrheit und das Leben” ist. Und hat er nicht alle Müden und Beladenen eingeladen, zu ihm zu kommen? (Mat. 11:28-30)

So verstehe ich heute, wo ich reifer geworden bin, vieles besser. Ich bin, wie es Jesus Christus einmal formulierte „in mir selbst angekommen“ (Luk. 17:15). Das hatte zur Folge, dass ich ruhiger und gelassener geworden bin. Darin sehe ich die helfende Hand Gottes! Und darin gipfelt noch eine ganz besondere Erfahrung, über die ich jetzt reden will.

Verantwortung vor Gott

Ich möchte etwas über Verantwortung sagen. Es ist ja kein Geheimnis, dass die meisten religiösen Menschen kein persönliches Verhältnis zu Gott kennen. Sie fühlen sich deshalb auch nicht vor ihm verantwortlich. Ohne diese Verantwortung vor Gott läuft der Glaube einfach ins Leere, er verkommt zu einer unverbindlichen Sache ohne Tiefe und letztlich ohne Sinn. Erst ein Mensch, der in der göttlichen Verbundenheit auch seine Verantwortung sieht, kann Gott gefallen. So ein Mensch weiß, dass er Rechenschaft schuldig ist. In diesem Moment ist er der ganzen Moral Gottes verpflichtet. Solange das aber nicht ist, kann ein Mensch seine Entscheidungen den Umständen anpassen; er kann seine eigenen Maßstäbe nach Belieben ändern, er wird sich eher von Nützlichkeitserwägungen leiten lassen, als vom Gesetz Gottes. Ihm fehlt die Gottesfurcht und der tiefe Respekt vor Gott.

Betrüger greifen den Glauben an

Ich kam durch die sich verändernden Verhältnisse zur Einsicht, dass es keine Religionsgemeinschaft geben kann und geben wird, die unter den Verhältnissen in dieser Welt frei von Betrügern bleibt. Es ist über 20 mal im NT enthalten, dass Betrüger in die Versammlungen der Christen eindringen! Zu jeder Zeit sind diese Leute am Werk, um “die Jünger hinter sich her wegzuziehen” (Apg. 20:30). Niemals ist ein Jünger Jesu in dieser Hinsicht in Sicherheit, immer wieder wird er von falschen Brüdern bedroht und zu jeder Zeit muss er wissen, was und an wen er glaubt. Immer wieder muss er sich seines eigenen Glaubens vergewissern. Und immer ist ihm der Kampf gegen die Verführung aufgetragen. Wenn die “Organisation” behauptet, von Betrügern frei zu sein, dann lügt sie. Ihr ganzes Machtstreben der letzten 20 Jahre beweist deutlich, was die Glocke geschlagen hat. Die “Organisation” hat das “wilde Tier” (den Staat) umarmt und hat sich an den Versammlungen bereichert. Sie hat durch verdrehte Lehren vom Hauptvermittler des Lebens abgelenkt, sie hat sich auf einen Thron gesetzt und will herrschen. In 2. Petr.2:1-3 steht dazu:

“Im Volk sind allerdings immer schon falsche  Propheten aufgetreten.

Und ebenso werden bei euch falsche Lehrer auftreten.

Sie werden unter der Hand Lehren einführen, die den Untergang bringen.

Und sie begehen Verrat an ihrem eigentlichen Herrscher, der sie freigekauft hat. Damit bereiten sie sich sehr schnell selbst den Untergang.

Viele werden dem Beispiel ihres zügellosen Lebens folgen.

Und dadurch werden sie den Weg der Wahrheit in Verruf bringen.

Aus reiner Habgier werden sie versuchen, euch mit Lügengeschichten zu ködern.

Das Urteil über sie steht schon längst fest, und ihr Untergang schlummert nicht.”

Glaube ist mehr als Formalismus

Ich bin mir also schon vor Jahren darüber klar geworden, dass Glaube mehr ist, als nur irgendwelchen Geboten blind zu gehorchen, mehr ist als gewisse Zeremonien durchzuführen, sich bestimmte Verhaltensweisen anzutrainieren und ständig den Namen Gottes im Munde zu führen. Das alles kann reine Äußerlichkeit sein; das  muss mit der inneren Wahrhaftigkeit nicht viel zu tun haben, denn das haben die Juden im Gesetzesbund mehrheitlich auch gemacht. Jeremia schrieb dazu:

“Nahe bist DU ihrem Mund, doch weit entfernt von ihren Herzen.” (Jer. 12:3) Der Betrieb im Tempel in Jerusalem lief jeden Tag ordnungsgemäß ab – zuverlässig wie ein gutes Uhrwerk. Aber wie sah dahinter die Szene aus? Schändliche Unmoral und Götzendienst beherrschten die Wirklichkeit. Und doch redete man sich ein, auf der sicheren Seite zu stehen: “Setzt euer Vertrauen nicht in täuschende Worte indem ihr sprecht: ‘Der Tempel Jehovas, der Tempel Jehovas sind sie!’” (Jer. 7:4)

Warum erwähne ich das? Ich erwähne es, weil man uns über die Jahre beibringen wollte, dass es ausreicht, den Vorgaben der “Organisation” zu entsprechen. Man ist immer dann ein “guter” oder “vorbildlicher” Zeuge Jehovas, wenn man predigt, studiert, betet und die Zusammenkünfte besucht. Das mag ja alles gut und schön sein, aber der einzelne Mensch muss doch diese Forderungen mit wirklichen Inhalten füllen! Wer spricht von innerer Wahrhaftigkeit, von Verantwortung vor dem Schöpfer? Davon hört und liest man viel zu wenig. Und doch muss ich davon überzeugt sein, dass es unter den Zeugen Jehovas auch solche Menschen gibt, die genug innere Wahrhaftigkeit aufbringen und wesentlich leben. Wie sie das geschafft haben, wissen nur Gott und Jesus Christus. Auch dies ist die Wahrheit:

“Die feste Grundlage Gottes bleibt bestehen und hat dieses Siegel: Der Herr  kennt die, die ihm gehören. Und: Wer den Namen des Herrn nennt, lasse ab von Ungerechtigkeit!” (2. Tim. 2:19)

Pflichtmoral vs. Gesinnungsmoral

Wir haben uns in der “Organisation” an eine puritanische Pflichtmoral gewöhnt. Diese Pflichtmoral lebt nur von Ermahnungen, Forderungen, Befehlen, Vorschriften, Anweisungen, Verboten, Verdächtigungen, Unzufriedenheit, Drohungen, Misstrauen und Wetteifern. Diese Pflichtmoral erzeugt ständig Angst. Sie fordert immer mehr und ist nie zufrieden. Sie erzeugt ein permanentes schlechtes Gewissen. Ihre „Apostel“ schauen auf Zahlen und beten sie an. Sie sind kleinlich und genau. Sie lieben den schönen Schein und hassen die Wahrheit. Sie sind die Aufpasser und reglementieren das Gewissen durch versteckte Drohungen. (Das mag sich überspitzt anhören, aber so habe ich es oft beobachtet. Natürlich sind nicht alle Ältesten so, aber die Wirklichkeit wird von sehr vielen so empfunden.) Diese Pflichtmoral hat viel mit dem Abarbeiten von Listen zu tun. Sie ist in erster Linie nicht auf den Mitmenschen gerichtet, um ihm etwas Gutes zu tun, weil man ihn liebt und schätz. Nein, sie dient viel zu häufig der eigenen Person, die sich bei Gott ein paar  “Pluspunkte” verdienen will und die Anerkennung von Menschen sucht. Nicht der Mitmensch steht im Mittelpunkt der vielen Aktivitäten, sondern die „Organisation“, die Vorschrift, die Aktion und die eigene Person. Und wenn sie auf den Mitmenschen gerichtet scheint, dann will sie gewöhnlich einen Zweck erreichen, der Betreffende soll zu einer bestimmten Handlungsweise genötigt werden oder so beeinflusst werden, dass er “funktioniert”. Kennt aber die Liebe einen Zweck?  Die Liebe ist sich selbst Zweck genug und verbietet jeden Missbrauch im Sinne eines anderen Zweckes. Wie macht es denn Jehowah? Lässt er sich auf einen “vorteilhaften Handel” ein? Macht er “Tauschgeschäfte”?   “Gott ist Liebe!” so liest man es in der Bibel (1. Joh. 4:8). Und was Liebe im Christentum sein soll und sein kann, das liest man im 1. Korintherbrief, im Kapitel 13.

Das Christentum aber fordert eine Gesinnungsmoral. Es ist die Moralität des aufrichtigen Herzens. Ein Christ kennt seine Verantwortung vor Gott und ist durch Liebe mit dem Schöpfer verbunden. Was er tut, tut er aus Liebe, die aus einer tiefen Überzeugung kommt. Er tut das Gute, weil er es so will, weil er es für richtig und natürlich hält, sich so und nicht anders zu verhalten. Er fühlt sich immer unter dem Blick Gottes und wünscht dem gemäß zu handeln. Die Gesinnungsmoral braucht keine Aufpasser, sie braucht nur das eigene Herz und den Geist Gottes.

Will man aber Gesinnungsmoral, dann muss man den Menschen ihre freie Entscheidung lassen, dann verbietet sich das Gängeln und Nörgeln, dann verbietet  sich die ständige Unzufriedenheit und der dazu passende “Ansporn”, dann verbietet sich die ungeziemende  Beeinflussung durch Propaganda und das Einreden eines schlechten Gewissens. Gesinnungsmoral setzt auf den guten Einfluss des Wortes und des Geistes Gottes; sie vertraut auf die Kraft zum Guten und darauf, dass “Gott es wachsen lässt”. Jeder Christ ist Gottes Bau! (1. Kor. 3:9) Gesinnungsmoral baut auf völlige Freiwilligkeit und nicht auf Druck und Zwang. Gesinnungsmoral setzt den freien Christenmenschen voraus, der gelernt hat, sich verantwortlich zu fühlen und der nicht mehr auf den Mitmenschen schielt, um sich mit ihm zu vergleichen. Gesinnungsmoral ist die Moral der Bergpredigt – nicht weniger! Sie ist Wahrheit und Wesen des Christentums.

Das soll aber niemals bedeuten, dass es nicht auch auf Menschen ankommt. Aber ihre Rolle erschöpft sich darin, Freunde zu sein, Mitarbeiter an der Glaubensfreude  und echte Weggefährten.  Dazu können Versammlungen gut sein, das sollte ihre Hauptaufgabe sein: Der Anreiz zur Liebe und  guten Werken, eine Oase des Friedens und des Glaubens, ein Ort, wo man gern ist. Aber wie weit sind die Zeugen Jehovas von diesem Ziel entfernt? Manchmal erinnert der Betrieb an eine Firma, die immer daran denken muss, Gewinn zu machen. Darum gibt es unter ihnen so viele Unerquickte.

Erkenntisfähigkeit und Glaube

Auf eine Sache muss ich noch zu sprechen kommen: Es ist die Erkenntnisfähigkeit des Menschen, die ja bekanntlich sehr begrenzt ist. Wir können uns der Wahrheit immer nur annähern. “Wir erkennen teilweise und sehen in verschwommenen Umrissen”. Das ist eine Tatsache, die auf jeden zutrifft. Ich bin also vor Irrtümern nicht gefeit. Doch wie gehe ich mit meinen Irrtümern um? Wenn ich die Wahrheit liebe, dann sehe ich  meine Irrtümer als Irrtümer. Wenn ich den Irrtum erkannt habe, dann nenne ich ihn auch so! Das soll bedeuten, dass ich nicht so tun werde, als ob nichts gewesen wäre. Noch schlimmer wäre es, wenn ich eine Lüge nicht mehr als Lüge bezeichnen würde, sondern als “Licht” (Ausdruck der Wachtturm-Gesellschaft für Änderungen ihrer Theologie). Gerade dafür hat die “Organisation” ja oft genug Beweise geliefert. Was ich ihr vorwerfen muss, ist der leichtfertige Umgang mit der Wahrheit. Das ist ein moralischer Makel, der sich einfach nicht gehört.  Ich bringe jedes Verständnis für einen Irrtum auf, der auf menschliches Unvermögen beruht. Ich erwarte aber von dem Betreffenden, dass er sich korrigiert und entschuldigt, wenn er ihn bemerkt oder darauf hingewiesen wird. Aber vom „Sklaven“ (so nennt sich die Führung der Zeugen Jehovas) hörte ich einmal: “Nein, der Sklave muss sich nicht entschuldigen!” Ja, so muss man es machen, dann wird das „Licht“ bestimmt immer heller!

Nun habe ich das alles hinter mich gelassen. Ich habe mich innerlich abgewandt. Wie geht es mir nun? Es geht mir sehr gut, ich bin voller Freude und Frieden. Ich fühle mich von Jehowah und Jesus Christus geliebt, ich fühle mich bei ihnen geborgen. Manchmal kann ich dieses Glück nicht fassen. Ich bin ein armer, sündiger Mensch. Und doch darf ich zum Höchsten kommen? Das ist schon zu hoch für mich! Am liebsten würde ich sagen: “Blicke hinweg von mir!” Aber das geht ja auch nicht! Ich bin doch willkommen geheißen worden! Ich weiß doch, wem ich vertraue, an wen ich glaube. Ich habe doch den Allmächtigen gesehen!  Ich habe seine „Herrlichkeit auf dem Angesicht von Jesus Christus gesehen“ (2. Kor. 46).

Ich empfinde keinen Groll. Ich bin frei geworden und habe die Furcht vor Menschen verloren. Diese Freiheit macht mich im Glauben stärker und lässt die Hoffnung heller werden. Nun weiß ich, dass mein Leben im Glück des Glaubens nicht von einer “Organisation” abhängt, dass sie nicht mein “Rettungsdampfer” ist und nicht zwischen mir und Gott steht. Nun weiß ich mit aller Deutlichkeit, dass Jesus Christus mein Erlöser ist. Und ich weiß, dass Jehowah mich in seinen Vorhöfen wohnen lässt. Damit bin ich zufrieden!

Ich blicke gerne auf die Zeit zurück, als ich meine Glaubensgeschwister kennen lernte. Es war eine schöne Zeit voller neuer Einsichten, die mein Leben geprägt haben. Ich möchte diese Zeit nicht missen! Und ich bete für jene, die Gott gefunden haben, dass sie sich selbst und ihrem Gott treu bleiben. Werden sie es schaffen? Das ist eine bange Frage, und ich muss daran denken, dass jeder seine eigene Verantwortung hat. Jeder Glaube wird geprüft!

Eine andere Frage beschäftigt mich noch: Wie werden meine Glaubensbrüder mich in Zukunft betrachten? Es ist zu erwarten, dass man mich als Abtrünnigen verleumden wird. Schwache Menschen werden sich dem offiziellen Verdikt anschließen, weil sie Angst haben. Das sei ihnen schon jetzt verziehen. Und was jene betrifft, die es besser wissen sollten, aber nicht entsprechend handeln: Das überlasse ich Jesus Christus.

Reicht der Verstand?

Wie fühlt sich Glaube an? Was ist Glaube? Das ist für diese Zeit eigentlich kein Thema, weil der menschliche Verstand überbewertet wird. Denn zur Beantwortung dieser Frage muss man sich auf das Gebiet des rein subjektiven Empfindens begeben. Hier geht es um Gefühle. Und Gefühle werden allgemein mit Misstrauen bedacht. Das mag zum Teil berechtigt sein, aber im Glauben, der ja eine ganz persönliche Erfahrung mit Gott ist, versagt der reine Verstand. Warum? Weil Gott und Glaube nicht mit dem Verstand zu fassen sind. Hier spielen Einsichten, Erfahrungen, Gefühle und Verstand zusammen.

Der menschliche Verstand kann analytisch-logisch denken bis zum letzten Atom. Aber er ist eben nicht in der Lage, hinter die Erscheinungen zu blicken. Das kann nur der Glaube! Der Verstand allein kann Gott nicht wahrnehmen!

Der menschliche Verstand ist eigentlich immer überbewertet worden. In Frankreich wurde der Vernunft in Paris ein Altar geweiht. So hoch achtet man die Vernunft! Sie wurde unter Robbespierre als Gottheit verehrt. Man stellte sie mit der Zeit über das Gewissen und seine moralischen Werte. Anstatt dem Gewissen zu dienen, schwang sich der Verstand zum Herrscher auf. So wurde der reine Verstand seines einzigen Korrektivs beraubt. Nichts kontrollierte ihn noch. Und was danach geschah, wissen wir auch: Das Ganze endete in einer blutigen Orgie, und der Priester der Vernunft verlor seinen Kopf.

Und da man sich auch von Gott abgewandt hatte, gab es niemanden, der dem Unglück Einhalt gebieten konnte. Man hat vergessen, dass der menschliche Verstand Leitsterne braucht; er braucht Orientierung, um nicht in die Sinnlosigkeit abzuirren. Orientierung aber bietet das Gewissen, das der Mensch von Gott bekommen hat. Im Gewissen begegnet man Gott. Hier spricht seine leise Stimme.

Jeder Mensch scheint, wenn er glaubt, seine individuelle Glaubenswahrnehmung zu haben. Paulus schrieb, dass „jedem ein bestimmtes Maß des Glaubens zugeteilt wird“. In diese individuelle Glaubenswahrnehmung kann niemand hineinsehen. Hier wirkt der Geist Gottes, wie er will! Deshalb hat hier der reine Verstand seine Berechtigung als alleiniger Maßstab verloren.

Die ganze Philosophie der Menschheit ist ungeheuer umfangreich! Aber versucht man, eine Summe zu ziehen, dann bleibt nur übrig, was wir schon immer wussten. Und was dann noch übrig ist, geht mit Null auf.

Der Mensch hat sich viel mit sich selbst beschäftigt und alles zu Staub zerdacht. Er hat gewaltige Bibliotheken voll geschrieben und ist doch nicht über sich selbst hinausgekommen. Er hat kein wesentliches Problem gelöst, sondern immer neue geschaffen. Er hat sich unermüdlich im engen Kreis seines Ichs gedreht und kam doch nicht weiter, als seine Vorväter. Die Frage nach dem menschlichen Glück hat er dabei nicht beantwortet. Was hat die Philosophie gebracht? Ich könnte hier mit einem Zitat von Bert Brecht antworten: „Von den Köpfen der Philosophen ernähren sich allenfalls die Läuse.“ Warum? Weil alle Philosophie in Sophistik endet. In der Sophistik wird so lange argumentiert (es ist eigentlich Spiegelfechterei), bis jeder auf seine Weise Recht hat. So jedenfalls stellte sich mir in meinen jungen Jahren die ganze Sache dar. Und noch etwas fiel mir immer wieder auf: Ich habe keinen glücklichen Philosophen kennen gelernt. Aber vielleicht gab es ja einige. Aber in der Summe ist die Menschheit durch ihre Philosophie nicht besser oder glücklicher geworden. Liegt das an der Philosophie oder an denen, die sie betreiben?

Die einzige Erweiterung des menschlichen Horizonts bringt am ehesten die ehrliche, aufrichtige Gottverbundenheit! Ohne Gottverbundenheit wird sich alles weiter sinnlos im Kreis drehen.

Die Bibel sagt mir, dass meine Erkenntnisfähigkeit begrenzt ist: „Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrise, …“. Oder im Buch Hiob, wo es heißt: „Nur ein Flüstern hören wir von den Säumen seiner [Gottes] Wege. Und wer kann den Donner seiner Macht verstehen?“ Und so geht es weiter: Immer wieder weist die Bibel auf die Tatsache hin, dass unser Verstand Grenzen hat.

Der Verstand will alles verstehen und begreift sich selber nicht. Er will alles erklären – und ist doch begrenzt. Er versucht das Meer des Wissens in Gefäße zu füllen, die viel zu klein sind. Er will alles handlich machen und zerstört es dabei. Er arbeitet mit Begriffen, die er selbst bildet. Und was dabei herauskommt ist oft nur ein Stammeln. Es ist oft nur ein Schattenfangen, ein Spiel am Rande der Wirklichkeit. Vieles entzieht sich enfach dem Verständnis, weil der Verstand seine Grenzen hat. Es ist eine uralte Weisheit, wenn es im Buch Prediger heißt: „Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit. Auch die Ewigkeit hat er den Menschen ins Herz gelegt. Aber das Werk Gottes vom Anfang bis zum Ende kann ein Mensch nicht begreifen.“. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wenn mir der Verstand klar sagen könnte, was Liebe ist, würde ich ihm schon mehr zutrauen. Aber alle Erklärungen des Verstandes kommen mir armselig vor. Und trotzdem habe ich eine gute Vorstellung von LIEBE: Ein großes Gefühl, eine gewaltige Macht, der Weg zum Glück, der Lebenssinn des Menschen, seine Erfüllung! Und gerade hier hat der reine Verstand versagt, weil er nicht in der Lage ist, wozu die einfachsten Menschen in der Lage sind: Gott zu sehen und seine Liebe zu spüren.

Glaube erfährt man
Glaube fühlt und erfährt man; man „versteht“ ihn nicht. „Der Wind weht, wo er will. Du hörst ihn zwar, aber du kannst nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren wird.“ (Joh. 3:8) So soll alles, was ich jetzt schreibe, die eigene Wahrnehmung dessen sein, was man Glaube nennt.

Ich möchte betonen, dass ich auch den Gegensatz zum Glauben kannte: Das Verlassensein. Ich weiß heute also genau, worüber ich schreibe.

Ich wünschte mir dieses Christsein:
Als Jesus seinen Nachfolgern befahl, einander zu lieben, dachte er an die Siegesmacht, die diese Welt besiegt: Nach seinem Vorbild zu lieben heißt, nach dem Willen Gottes zu leben. Die Liebe ist der wahre Kern des Menschen, und nach ihr zu leben ist seine Bestimmung. Zu diesem Leben ist der Mensch geschaffen und dafür ausgerüstet worden! Wer nach dieser Liebe lebt, ist der wahre Mensch!

Ich wünsche mir ein Christsein, das weder Tränen noch Schmerz verursacht, das in heiliger Verantwortung das Wohl und das Glück des Mitmenschen zum Ziel hat. Die Frucht dieses Lebens soll Gerechtigkeit, Frieden und Wahrhaftigkeit sein. Es soll ein Leben sein, das den Schöpfer ehrt und nicht von Habgier und Stolz geprägt ist, sondern von Barmherzigkeit und Mitgefühl für den anderen.

Dieses Christsein ist in dieser Welt nicht wirklich heimisch. Es ist immer nur von einigen, wenigen Menschen gelebt worden, denn diese Welt wird nicht vom Licht, sondern von der Finsternis beherrscht. Diese Finsternis sah für mich in der Jugend so aus: Ich hatte das Gefühl, in schwarzer Nacht unter einem leeren Himmel im offenen Meer auf einer Eisscholle zu treiben. So haben mich meine eigenen Erfahrungen und die vielen anderer Menschen geprägt. Ich habe, obwohl ich in einer großen Familie wie in einer Burg beschützt war, in den Abgrund des Lebens geschaut. Die furchtbaren Leiden anderer Menschen an der Zeit und am Leben waren mir vertraut. Ich weiß also, was es bedeutet, ohne Gott in dieser Welt zu leben.

Benötigt der Glaube eine ausgefeilte Theologie?
„In derselben Stunde wurde Jesus von der Freude des heiligen Geistes erfüllt und rief: ’Vater, du Herr über Himmel und Erde, ich preise dich, dass du alles den Klugen und Gelehrten verborgen hast, aber den Unmündigen offenbar gemacht hast. Ja, Vater, so hast du es gewollt.“ (Joh. 10:21)

Jesus sprach es aus: Gottes Weisheit ist den sogenannt Klugen und Intellektuellen verborgen! Aber warum? Die Antwort ist einfach: Weil Gott selbst seine Kinder sucht; er gestattet ihnen die Nähe zu sich. Er gibt den Glauben den „Unmündigen“. Das sind jene Menschen, die von den „Klugen“ als unmündig angesehen werden. Das sind die, die in den Augen der Einflussreichen nichts gelten.

Ich möchte zu den Unmündigen gehören und mit Herz und Sinn verstehen, was Glaube eigentlich ist! Ich will die vielwissende Dummheit nicht, die nur für Diskussionen taugt, aber nicht für das wirkliche Leben. Ich will die endlosen theologischen Diskussionen nicht, die viel zu oft nur dazu geführt haben, Menschen voneinander zu trennen. Es ist doch eine nicht zu leugnende Tatsache, dass die religiöse Welt der Christenheit völlig zerstritten ist, obwohl alle behaupten, demselben Gott zu dienen. Und die anderen Religionen bieten auch kein besseres Bild. (In der Vergangenheit habe ich Diskussionen bis zum Überdruss kennengelernt. Wenn es um biblische Themen ging, wurde immer das „Schatzkästlein der biblischen Erkenntnis“ ausgeleert und Eindruck erzeugt. „Welch eine Erkenntnis! Welch ein Glaube!“, so sagte man. Aber es waren ja nur Worte! Es war ja nur Diskussion und Streit um „den rechten Glauben“.)

Wie viele Theologien gibt es? Und es gibt nur einen Gott? Ja, aber tausende Theologien, d. h. Theorien über Gott und seinen Willen. Wer bei diesen Tatbeständen keine Zweifel bekommt, hat nicht verstanden, was Glaube an Gott bedeutet; er verwechselt Glauben mit Glaubensbekenntnis. Ein Bekenntnis ist zuerst ein Bekenntnis zur Kirche und nicht unbedingt zu Gott. Glaube an Gott ist das tiefe Vertrauen zu ihm. Vertrauen kann man nur jemanden, den man kennt. Und Gott kann erkannt werden durch Jesus Christus (Joh. 14:6, 7). Es gibt also nur eine Quelle, die zuverlässig über Gott Auskunft geben kann: Jesus Christus, der als „das Wort Gottes“ auch die Bibel inspiriert hat. Und dann gibt es angeblich so viele sich widersprechende Ansichten über Gott? Das kann nur dann möglich sein, wenn man Religion mit Bindung an Gott verwechselt. Religion meint zuerst immer die Bindung an eine Kirche, nicht die Bindung an Gott.

Kritiker werfen den Kirchen immer wieder vor, die Gläubigen zu bevormunden, zu beherrschen und auszubeuten. So wurde ein Kirchenvolk herangebildet, das nicht in der Lage ist, Glauben an Gott auszuleben. Denn wir vergessen nicht die unheilvolle Rolle der Kirchen in Kriegen und Ketzerverfolgungen. Aber das alles wird durch „Theologie“ sanktioniert! Für jedes Verbrechen gab es eine „Erklärung“, eine Theologie der Rechtfertigung!

Wie wohltuend anders sind im Gegensatz dazu solche Menschen, die durch Liebe das Herz des Glaubens stärken, die das Herz füllen und nicht nur den Kopf. Dazu hat es nie der Büchergelehrsamkeit bedurft, sondern einfach nur der Liebe und des Geistes Gottes. Denn erst jenseits der hoch gelobten Gelehrsamkeit beginnt das klare, schlichte Wort Gottes zu wirken, um zu zeigen, dass die „Weisheit der Weisen“ eigentlich Dummheit ist, weil sie unfruchtbar bleibt. Denn alles, was ein Mensch aus der Bibel wissen kann, bekommt nur dann Leben eingehaucht und wird nur dann zur Liebestat, wenn es vom Geist Gottes befruchtet wird! Und nur darauf kommt es an. Oder habe ich Micha 6:8 falsch verstanden?

„Er hat dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Jehowah von dir erwartet: Du musst nur das Rechte tun, anderen mit Güte begegnen und einsichtig gehen mit deinem Gott.“

„Glauben kann man nur allein!“

Das war die knappe Einsicht von Leo Tolstoi, nachdem er mit fünfzig Jahren begonnen hatte, Gott zu suchen. Bis zu seinem fünfzigsten Jahr war er Atheist, dann kam ihm der Verdacht, dass es damit nicht getan sein konnte. Depressionen bedrohten sein Leben, als ihm die Sinnlosigkeit desselben ins Bewusstsein gedrungen war. Gewohnt, als Graf zu befehlen, sagte er im Gebet zu Gott: “Gib mir Glauben!” Aber danach geschah nichts auffälliges. Er fing an, Gott zu suchen, und Gott ließ sich Zeit! Wo er Gott suchte, fand er ihn nicht. Weder in seiner Kirche noch in der Welt. Er fand ihn überall dort nicht, wo andere behaupteten, dass er hier oder dort zu finden sei. Als er fast achtzig Jahre alt wurde, fand er Gott: Er fand ihn in sich selbst, weil Gott sich erst nach einer langen Lehrzeit des Lebens von Tolstoi finden ließ.

“Glauben kann man nur allein!” Damit wollte der Dichter sagen, dass der Glaube eine Angelegenheit des inneren Menschen ist, die sich nur im Menschen selbst abspielt. Es ist bemerkenswert, dass er diese Erfahrung machen durfte, nachdem er die Bibel aufmerksam gelesen hatte und begonnen hatte, die Ideale des Christentums in die Praxis umzusetzen. Seine Versuche einer christlichen Gesellschaftsreform waren naiv und mussten scheitern. Aber sie lehrten ihn, dass Glauben eine reine Privatsache ist. Er musste einsehen, dass Glaube sich zwischen dem Menschen und seinem Gott entfaltet, dass Glaube auf der eigenen Wahrnehmung Gottes beruht. Erst diese persönliche Wahrnehmung der  Nähe zu Gott macht einen gläubigen Menschen aus, der danach ein tiefes Vertrauen und eine große Liebe zu seinem Vater im Himmel entwickeln kann. Diese Wahrnehmung lässt sich nicht vermitteln. Man kann nicht sagen:“Glaube!“ und damit reicht es. Man kann auch nicht sagen, dass viel eigene Arbeit zum Glauben und zur Liebe führt. Und nur wenn Gott will, und Glauben und Liebe durch seinen Geist wachsen lässt, kann  ein Mensch glauben.

Es ist in der Bibel enthalten: Der 65. Psalm lautet im Vers 5:

“Glücklich ist der Mensch, den DU erwählst und zu dir kommen lässt, damit er bei dir wohne.”

 Also muss Gott wollen! Er muss uns zu sich lassen! Er muss in uns etwas sehen, was ihm gefällt. Dann wird er seinen Finger auf uns richten und leise sagen: „Komm!“ Oder nehmen wir Jesus Christus, der mehrmals darauf aufmerksam machte, dass Gott Menschen zu sich zieht: “Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, Gott ziehe ihn.” Und so hat Gott immer Menschen zu sich gezogen und ihnen erlaubt, ihm nahe zu sein. Darin manifestiert sich der Glaube an Gott. Glaube an Gott ist keine Zeremonie, keine Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft, sondern die Gewissheit, dass Gott IST und wir durch das Band der Liebe mit ihm verbunden sind. Und diese Erfahrung, dieses metaphysische Erkennen Gottes vollzieht sich im inneren Menschen. Dadurch finden Jesu Worte aus Johannes 14:23 ihre Erfüllung:

„Wenn jemand mich liebt, wird er sich nach meinem Wort richten. Mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“

Diese Menschen wissen danach, dass ER lebt, dass ER im Bewusstsein wahrgenommen wird! Sie sagen nicht mehr: “Ich glaube an Gott!”. Denn was man sehen kann, muss nicht mehr geglaubt werden.

Für sie ist Gott eine Person und nicht etwas Ungewisses, an das man glauben kann oder auch nicht. Für sie ist Gott die Autorität, der sie sich gern unterwerfen und vor der sie sich verantwortlich fühlen. Und was fordert Gott von Menschen, die ihn kennen?

“Er hat dir mitgeteilt, Erdenmensch, was gut ist. Und was fordert dein Gott von dir zurück, als Güte zu lieben, Recht zu üben und bescheiden mit IHM zu leben?” (Micha 6:8)

Mit diesem Satz lässt sich Glaube und damit alle Religiosität zusammenfassen! Der christliche Glaube hat dazu noch das Bekenntnis zum Sohn Gottes, zu Jesus Christus. Dieses Bekenntnis zu Jesus erschöpft sich niemals darin, eine Kirche zu besuchen, Gebete nachzusagen, bestimmte Zeremonien mitzumachen und sich einzubilden, dass damit alles getan sei. Ein Christ ist man zuerst durch die Liebe zu Gott und seinen Mitmenschen, man ist es durch die tätige gelebte Liebe! Diese Liebe übt man nicht aus Pflichtgefühl, weil man muss, sondern weil man es so will, weil man in der tätigen Liebe seine ureigene Verantwortung vor Gott sieht. Es ist eine Herzenssache, die das ganze Leben durchzieht. Und auch hier ist man in gewissem Sinne allein, denn die Liebe braucht keine Aufpasser und Antreiber. Die Liebe ist das göttliche Licht in einer sonst finsteren Welt.

So einfach präsentiert sich Glaube aus Sicht der Bibel! Im Brief an die Hebräer schrieb Paulus: „Wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass es ihn gibt und dass er die belohnt, die ihn aufrichtig suchen.“ (Hebr. 11:6) Aber das alles ist eben keine Fleißaufgabe, es ist ein Geschenk, eine Frucht des Geistes Gottes. Daran lässt die Bibel keinen Zweifel aufkommen:

„Denn durch die Gnade seid ihr gerettet worden aufgrund des Glaubens. Ihr selbst habt nichts dazu getan, es ist Gottes Geschenk und nicht euer eigenes Werk, denn niemand soll sich etwas auf seine guten Taten einbilden können. Denn wir sind Gottes Werk. Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus hat er uns so erschaffen, dass wir das Gute tun. Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt, damit wir unser Leben entsprechend führen können.“ (Eph.2:8-10)

Wenn Glaube das tiefe Vertrauen in Gott bedeutet, dann ist es deutlich, dass es nicht auf auswendig gelernte Glaubenssätze und Bekenntnisse ankommt, nicht auf „Erkenntnis aufnehmen über Gott“ und nicht auf das Ausüben bestimmter Handlungen, weil man meint, Glaube sei schon das Ausüben solcher Handlungen. Es stimmt schon, dass sich Glaube in christlichen Werken ausdrückt, aber diese Werke können auch ohne Glauben, ohne das Vertrauen in Gott ausgeführt werden. Für den Glaubensmenschen sind die dazu passenden Werke einfach natürlicher Ausdruck seiner Liebe zu Gott. Er will sich damit keine „Pluspunkte“ verdienen und keinen Anspruch auf die Gnade Gottes erheben. Er will einfach nur Gott verherrlichen und seinen Vater erfreuen, weil er in der Liebe die Erfüllung seines Lebens sieht.

Mitunter wird davon geredet, dass man ‚Glauben erarbeiten’ muss. Was versteht man darunter? Eine mögliche Antwort wäre, dass Glaube auf das Gehörte folgt, dass Glaube durch Erfahrungen mit Gott gestärkt werden kann und dass der Glaubende auch Trost und Stärkung braucht. Das bringen auch die Apostel zum Ausdruck. 

Reden aber Funktionäre gewissser Religionsgemeinschaften über Glauben, dann hört es sich wie eine Bastelanleitung an: Lese täglich im Katechismus!  Gehe fleißig in die Kirche! Beichte regelmäßig! Bete! Bete! Bete! Man muss also viel tun, um zum Glauben zu kommen. Dabei wird nicht klar, dass der Glaube ein Geschenk ist, das durch den heiligen Geist vermittelt wird. Es bleibt dunkel, wenn es dabei um die Hilfe Jesu geht und es in der Hauptsache um Gott geht, der erkannt werden muss, bevor man überhaupt glauben kann.

Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass man den ganzen Katalog der religiösen Pflichten abarbeiten kann, ohne einen Funken Glauben zu haben! So ähnlich erging es Mutter Theresa, die in den Slums von Kalkutta Sterbende auflas, ihnen die katholische Taufe gab, sie bis zum Tode pflegte und viel Geld für ihr Projekt sammelte. Sie hat wiederholt in den Briefen an ihre Beichtväter geschrieben, dass dort, wo Gott sein sollte, nur Stille, Finsternis und Kälte sei! Im Sinne ihrer Kirche hat sie alles getan, was man angeblich braucht, um glauben zu können. Aber es kam nie dazu. (Eugen Drewermann berichtete auch über Kleriker, die hervorragende Kirchenmänner waren, aber keinen Glauben hatten!)

Wie anders waren die Menschen, die von Paulus in Hebräer 11 erwähnt werden! Zuerst hatten sie Glauben, d. h. zuerst vertrauten sie Gott und dann erst handelten sie aus Glauben! Ihre Handlungsweise hatte dann natürlich Rückwirkungen auf ihren persönlichen Glauben. Er wurde durch Erfahrungen mit Gott stärker und tiefer, sie lernten dadurch Gott besser kennen. Aber dieses Kennenlernen folgte auf den Glauben, während sich alle Werksgerechten einbilden, dass der Glaube auf die Werke folge.

Wenn das so wäre, dann hätte es in Israel viele Menschen geben müssen, die glauben konnten. Aber was Jesus sah, war eine „ungläubige Generation“. Die meisten gingen wohl in die Synagoge oder in den Tempel, verrichteten die vom Gestz vorgeschriebenen Handlungen, gaben Opfer und waren mildtätig. Aber den Christus lehnten sie ab, weil sie keinen Glauben hatten. Der Glaube folgte eben nicht automatisch auf ihr religiöses Leben.

Wir haben im NT gute Beispiele dafür, dass Glaube ein Geschenk Gottes ist und nicht die Frucht eigener Arbeit: Da wäre z. B. der Offizier von Kapernaum, ein gottesfürchtiger Mann, der Jesus glaubte. Wie kam das zum Ausdruck? Nun, er meinte, dass Jesus nicht erst zu seinem Diener kommen müsse, um ihn gesund zu machen. Nach seinem Glauben sollte ein Wort Jesu aus der Ferne genügen – und es genügte! Oder denken wir an die Frau, die zwölf Jahre lang an Blutfluss litt. „Wenn ich nur sein Gewand berühre …“ Und als sie geheilt war, sagte Jesus: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht!“ Ich muss jetzt noch auf ein Beispiel aus der Zeit des alten Bundes hinweisen: In Lukas 4 finden wir das Erlebnis Jesu in der Synagoge von Nazareth. Jesus hatte aus dem Propheten Jesaja vorgelesen. Die Zuhörer waren beeindruckt und bewunderten ihn, und doch musste ihnen Jesus eine bittere Wahrheit klarmachen. Jesus erwähnte die Witwe von Zarephat und den syrischen General Naaman. Beides waren Ausländer, aber beide hatten Glauben! Die Witwe gab dem Propheten das allerletzte Essen, denn es herrschte Hungersnot. Sie hatte ein Kind, das hungerte und doch gab sie das letzte Essen dem Propheten! Warum? Weil sie Glauben hatte. Gott hatte diese Frau nicht übersehen. Als Jesus darauf hingewiesen hatte, dass es auch in Israel viele hungernde Witwen gab und Elia nicht zu keiner von ihnen geschickt worden war, erkannten sie die Wahrheit, die Jesus ausdrücken wollte: Sie hatten, obwohl sie zum Staatswesen Israels gehörten und sich „richtigen Religion“ wähnten, keinen Glauben! Und dann wollten diese frommen Leute Jesus umbringen! (Lukas 4:24-30)

Die Menschen aus Hebräer 11 hatten Glauben als einen persönlichen Besitz. Sie mussten ihren Glauben nicht ständig „erarbeiten“, weil sie Gott gesehen hatten, weil er ihnen vor Augen stand (Hebr. 11:27) Wer meint, Glauben erarbeiten zu müssen, glaubt an die eigene Leistung und nicht so sehr, dass Glaube eine Frucht oder das Erzeugnis des heiligen Geistes und somit ein Geschenk Gottes ist. Wer immer wieder das Erarbeiten des Glaubens wie einen Leistungssport darstellt, will Menschen zu Tätigkeiten veranlassen, die seinen Zwecken dient. Er redet ihnen ein, dass Glaube erarbeitet werden muss, sonst ginge er verloren. Das ist halb wahr, aber eben nur halb. 

Denn wenn Glaube ein Geschenk, eine Gnade ist, dann kann man dieses Geschenk nur pflegen. Man kann den Glauben stärken, man kann ihn vertiefen. Hiob z. B. hatte Glauben. Er glaubte an den Schöpfer, von dem er wusste, dass er lebt (Hiob 19:25). Wir lesen im Buch Hiob die fürchterlichen Anklagen Hiobs, denn er verstand seinen Gott nicht. Dadurch hat er aber nicht seinen Glauben aufgekündigt. Das wusste Gott, und deshalb sprach er zu Hiob aus dem Sturm. Nach dieser Demonstration gab Hiob zu, nichts gewusst zu haben. Er sagte: „Ja, ich habe geredet, was ich nicht verstand. Es war zu wunderbar für mich, ich begriff das alles nicht. Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, doch jetzt hat mein Auge dich gesehen. Darum verwerfe ich mich und bereue in Staub und Asche.“ (Hiob 42:3-6)

Was hatte Hiob gesehen? Sein Glaube ist um eine wesentliche Dimension vertieft worden! Jetzt wusste er, dass er nicht alles verstehen musste und konnte. Aber nun wusste er auch, dass er Gott unbedingt vertrauen durfte; jetzt wusste er, dass er seinem Gott nichts Ungereimtes zutrauen konnte und ER ihn als Menschen immer im Blick hatte. Jetzt, so scheint es uns, war sein Glaube wirklich tief geworden. Und wieder bemerken wir, dass es nicht Hiobs Leistung war! Und so wird es jedem gehen, der glaubt und weiß, dass sein Erlöser lebt. Und wir bemerken auch, dass nicht einmal Hiobs Rechtschaffenheit (also das Ausüben von Werken wie in Hiob 31:1-34 von ihm geschildert) ihn zu dieser Glaubensdimension gebracht hatte.

Was ist nun von der puritanischen Pflichtmoral mancher Kirchen zu halten? Was bewirkt sie denn wirklich an Besonderem? Sie kann vielleicht das eigene Gewissen beruhigen, weil man ja „tätig“ war und man sich einbilden kann, Glauben zu haben, weil man Werke vorweisen kann. Wenn aber diese Werke gar nichts mit Glauben zu tun haben, dann nützen sie nichts. Man kann noch einen Schritt weitergehen: Ohne Liebe ist sogar der Glaube nutzlos (1. Kor. 13:2). Und ganz nebenbei: Auch der Teufel glaubt an Gott, aber er liebt ihn nicht. Liebe und Vertrauen gehören zusammen. Und alles andere folgt daraus.