Nachtrag zu „Wachsen und Werden“

In “Wachsen und Werden” habe ich beschrieben, wie ein Mensch unter der Wirkung des Geistes Gottes ein neuer Mensch werden kann und dadurch aus dem allgemeinen Taumel der moralischen Verwahrlosung ausscheidet. Ich wollte damit auch zum Ausdruck bringen, dass ein Mensch nicht bleiben muss, was er schlechterdings ist: böse und uneinsichtig, erbarmungslos und hartherzig. 

Beim Lesen der Geschichte des Warschauer Ghettos stieß ich auf Bilder, die ich schon als 12-jähriger gezeigt bekommen habe. (Jeder kann sie sich im Internet ansehen z. B. “Bilder aus dem Warschauer Ghetto”.) Diese Bilder! Sie beeindruckten mich damals. Ich verurteilte das Gezeigte, aber ich konnte damals noch nicht darüber weinen. Ich verstand das Geschehene nicht.

Heute kann ich mich in einzelne Menschen auf den Bildern hineinversetzen. Da sehe ich  ein Kind in Lumpen auf dem winterkalten Straßenpflaster liegen, zusammen gekrümmt und die Augen halb geöffnet. Und ich denke: “Hier liege ich und kann nicht mehr schreien, ich kann nicht mehr weinen, denn ich habe keine Tränen mehr!”

Und ich sehe einen Mann mit abgemagerten Gesicht, der mit seinen großen Augen in die Kamera schaut und eine ergreifende Traurigkeit ausstrahlt. Wieviel menschliche Würde spricht er selbst im Angesicht des Todes aus! Und ich denke: “Ach, mein Menschenbruder! Wie gern würde ich dich in den Arm nehmen und dich trösten wollen!  Und ich wäre zu mehr bereit.”

Und dann ist unter den vielen Bildern ein alter Mann zu sehen, der auf dem Straßenpflaster liegt und vergeblich versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Völlig entkräftet wird er kurze Zeit später wohl aufgegeben haben. Und sollte ihm jemand geholfen haben, dann wird er in Treblinka sein Leben im Gas ausgehaucht haben. Ein mir völlig unbekannter alter Mann – und ich erahne nur, was er durchmachen musste, denn  ich kann seine Hoffnungslosigkeit fühlen, sein Verlassensein und sein Verzweifeln. Aber welche Würde, welche Menschenwürde, strahlt er noch für mich aus! Gerade durch seine Hilflosigkeit kommt mir sein Menschentum zum Bewusstsein. Solchen gequälten Menschen gehört mein Mitgefühl, denn ich weiß, dass auch ich an ihrer Stelle hätte sein können. Aber ich hätte nicht  als gewissenloser Täter auftreten können.

Ich frage mich: “Was waren das für Menschen, die euch alle kalt ermordeten, die so taten, als ginge es um Rübenziehen oder Kartenspielen?” Ich habe auch eine Fotografie des Generals, der das Ghetto räumen und niederlegen ließ und stolz verkündete: “Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk mehr in Warschau!” Jürgen Stroop. Sollte man diesen Namen überhaupt nennen? Die Namen seiner Opfer sind meist unbekannt. Aber ich finde, dass es gut ist, wenn das Böse einen Namen hat, wenn man weiß, wer das Morden befahl, auch wenn man nicht die Namen seiner vielen Helfer kennt, die danach unbehelligt weiter lebten, als wäre nichts geschehen. Diese vielen Täter sind ein Beispiel für die Zermenschlichung, die ihnen selbst widerfahren ist, weil sie sich gedanken- und gewissenlos einem satanischen Einfluss ausgeliefert hatten. Gehorsam, feige und kalt versuchten sie auch noch durch ihren täglichen Terror den Opfern jede Menschlichkeit zu rauben. Aber es gelang ihnen nicht. Die auf uns gekommenen Bilder beweisen es und stehen als ewige Anklage da.

Unter den vielen Bildern sind auch Menschen zu sehen, die den Mut und die menschliche Größe besaßen sich für viele Opfer einzusetzen um sie zu retten. Oft genug wurden sie selbst zu Opfern der Ungeheuer. Aber das schien für sie keine besondere Rolle gespielt zu haben. Ich verneige mich in Gedanken vor diesen großartigen Menschen, die der Barbarei die Stirn boten und bewiesen, dass ein Mensch anders und besser sein kann als die vielen Bestien!

Nun  denke ich, dass das Verbrechen an den Menschen im  Warschauer Ghetto sich vorher und auch nachher immer wieder in irgendeiner Form abgespielt hat. Man könnte sich daran gewöhnen, wie es ja schon viele tun. Für mich aber haben die neuen Bilder aus beinahe allen Teilen der Welt die gleiche gewaltige Sprachkraft wie die alten Fotos aus Warschau. Ich möchte mir dazu jeden Kommentar ersparen und stelle nur fest, “es gibt nichts Neues unter der Sonne.” Ich habe schon einmal beschrieben, dass ich Gottes Geduld mit dem Bösen  nicht verstehe. Und was sich dazu  sonst noch zwischen mir und meinem Vater im Himmel in Gedanken abspielt, will ich auch hier nicht ausbreiten. Nur soviel noch: Ich will niemals, niemals, in die Barbarei abgleiten! Ich will mein Menschliches, meinen elementaren Bestand, bewahren. Ich will Mensch und Mitmensch bleiben und mich nicht der schleichenden Zermenschlichung aussetzen, die in dieser Zeit der Verführung über die ganze Menschheit gekommen ist. Ich will immer danach streben, die göttliche Supervision zu behalten! Das bin ich nicht nur mir und meinem Vater im Himmel schuldig, sondern auch den misshandelten und zu Tode gequälten Mitmenschen!

Veröffentlicht von Tilo

Ein alter Mann, der lange Zeit ein Zeuge Jehovas war und dieser Kirche aus Gewissensgründen den Rücken kehrte. Heute stehe ich allen Kirchen misstrauisch gegenüber, denn glauben kann man nur allein. (amenuensor@aol.com)

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